Johann Friedrich Rudolf Steiner


Johann Friedrich Rudolf Steiner
Rudolf Steiner um 1905

Rudolf Joseph Lorenz Steiner (* 27. Februar[1] 1861 in Donji Kraljevec, nahe Čakovec, Kaisertum Österreich, heute Kroatien; † 30. März 1925 in Dornach, Schweiz) war ein österreichischer Esoteriker und Philosoph. Er begründete die Anthroposophie, eine gnostische Weltanschauung[2], die an die christliche Theosophie, das Rosenkreuzertum und die idealistische Philosophie anschließt[3] und zu den neumystischen Einheitskonzeptionen der Zeit um 1900[4] gezählt wird. Auf Grundlage dieser Lehre gab Steiner einflussreiche Anregungen für verschiedene Lebensbereiche, etwa Pädagogik (Waldorfpädagogik), Kunst (Eurythmie, Anthroposophische Architektur), Medizin (Anthroposophische Medizin) und Landwirtschaft (Biologisch-dynamische Landwirtschaft).

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Der 21-jährige Student Rudolf Steiner, um 1882

Kindheit und Jugend

Rudolf Steiner entstammte einfachen Verhältnissen. Seine Eltern, der Bahnbeamte Johann Steiner (1829–1910) und Franziska Steiner, geborene Blie (1834–1918), kamen aus dem niederösterreichischen Waldviertel. Er hatte zwei jüngere Geschwister: Leopoldine (1864–1927), die als Näherin bis zu deren Tod bei den Eltern wohnte, und Gustav (1866–1941), der gehörlos geboren wurde und zeitlebens auf fremde Hilfe angewiesen war. Der Vater war zunächst als Förster und Jäger in Diensten des Horner Reichsgrafen Hoyos (eines Sohns von Graf Johann Ernst Hoyos-Sprinzenstein) tätig; als dieser ihm 1860 seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte, quittierte er den Dienst und fand eine Anstellung als Bahntelegrafist bei der Südbahn. Kurz hintereinander war er an drei Orten tätig: am zweiten wurde Rudolf geboren, am dritten, in Mödling, lebte die Familie nur gerade ein halbes Jahr. Anfangs 1863 wurde er Stationsvorsteher in Pottschach, 1869 kam er nach Neudörfl, 1879 nach Inzersdorf.

Bereits im Grundschulalter begann der junge Steiner, sich neben dem wenig fordernden Unterricht an einer Dorfschule mit Hilfe von Lehrbüchern selbst Wissen anzueignen. Besonders interessierte ihn die Geometrie. Mit 16 Jahren las er nach eigenen Angaben bereits Kants Kritik der reinen Vernunft.

Nach dem Besuch der Realschule konnte Steiner dank eines Stipendiums von 1879 bis 1883 an der Technischen Hochschule in Wien studieren. Seine Studienfächer waren Mathematik und Naturwissenschaften mit dem Ziel des Lehramts an Realschulen. Daneben besuchte er aber auch Lehrveranstaltungen in Philosophie, Literatur und Geschichte, teils auch an der Wiener Universität, wo er ohne Matura (Abitur) allerdings nur einen Gaststatus hatte. Dieses Studium musste Steiner 1883 aus finanziellen Gründen ohne Abschlussexamen abbrechen. Erst 1891 wurde er an der Universität Rostock mit einer Arbeit über Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (später erweitert als Buch unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft erschienen) bei Heinrich von Stein zum Dr. phil. promoviert.

Der frühe Rudolf Steiner

Von 1884 bis 1897 war Steiner, anfangs noch parallel zu seinem Studium, als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes tätig. Er besorgte in dieser Zeit zwei Ausgaben, erst im Rahmen der Deutschen Nationallitteratur Joseph Kürschners, dann (ab 1890) als Mitarbeiter des gerade gegründeten Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar im Rahmen der sogenannten Sophienausgabe – nach der Begründerin des Archivs, Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach –, heute bekannt als die Weimarer Ausgabe. In Kürschners Nationalliteratur, wo Steiner dank der Empfehlung durch seinen Wiener Germanistik-Professor Karl Julius Schröer als Mitarbeiter verpflichtet wurde, bestand seine Aufgabe vor allem darin, erläuternde Kommentare und philosophische Einleitungen beizusteuern, während es sich bei der Weimarer Ausgabe fast nur um philologische Kleinarbeit handelte. Die ersten von Steiner herausgegebenen Goethe-Bände wurden allgemein mit Wohlwollen aufgenommen und in manchen Rezensionen sogar außerordentlich gelobt. Sie trugen erheblich dazu bei, das naturwissenschaftliche Werk Goethes, der bislang fast ausschließlich als Dichter wahrgenommen worden war, bekannt zu machen. Schon früh und bald mit zunehmender Schärfe wurde allerdings bemängelt, dass Steiner in seinen Einleitungen nicht Goethes Weltanschauung darstelle, sondern seine eigene. Auf besonders scharfe und teils vernichtende Kritik stieß Steiners philologische Arbeit im Rahmen der Weimarer Ausgabe, wo ihm zahlreiche handwerkliche Fehler und Nachlässigkeiten angelastet wurden. Steiner selbst, der anfangs mit großem Engagement an die Herausgebertätigkeit herangegangen war, betrachtete die Arbeit im Weimarer Archiv zunehmend als drückende Last und schrieb später, dass er auf das dort Geleistete „nie besonders stolz gewesen“ sei.[5]

Daneben gab Steiner auch die Werke des Philosophen Arthur Schopenhauer und des Dichters Jean Paul heraus. Für mehrere Lexika verfasste er Beiträge zu naturwissenschaftlichen Themen. Zeitweilig war er auch Redakteur der in Wien erscheinenden Deutschen Wochenschrift. Seinen Lebensunterhalt bestritt er jedoch bis 1890 überwiegend als Erzieher und Hauslehrer der vier Söhne eines jüdischen Kaufmanns. Erst mit der Berufung an das Weimarer Archiv fand er als „Goethe-Forscher“ ein Auskommen, wenn auch ein bescheidenes.

Zu den zahlreichen Kontakten, die Steiner in seiner Wiener Zeit (1879–1890) pflegte, gehören der Esoteriker Friedrich Eckstein, der ihn mit der Theosophie Helena Petrovna Blavatskys bekannt machte, und die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, seine wichtigste Gesprächspartnerin bei der Ausgestaltung seiner Freiheitsphilosophie. In der Weimarer Zeit knüpfte er Kontakte u. a. zu Herman Grimm, Otto Erich Hartleben, Ernst Haeckel und Elisabeth Förster-Nietzsche. Ab 1892 wohnte er bei der frisch verwitweten Anna Eunike (1853–1911) mit ihren fünf Kindern, die 1899 seine erste Ehefrau wurde.

Rudolf Steiner um 1891/92, Radierung von Otto Fröhlich

In dieser Zeit entstanden einige philosophische Werke: zunächst die erkenntnistheoretischen Schriften Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) und Wahrheit und Wissenschaft (1892), schließlich die daran anknüpfende Philosophie der Freiheit (1894), die Steiner 1918 in überarbeiteter Fassung erneut publizierte[6] und auch im Alter noch als sein Hauptwerk bezeichnete. Seine Erkenntnistheorie, die er in der Auseinandersetzung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften entwickelt hatte, nahm in Anlehnung an den Deutschen Idealismus und namentlich an Johann Gottlieb Fichte ihren Ausgangspunkt im erkennenden Subjekt. Entscheidend war dabei für Steiner die Erfahrung des eigenen Denkens: Die „Beobachtung“ des Denkens sei die „allerwichtigste“ Wahrnehmungsleistung des Menschen. Denn nur das, was er selbst denke, könne er vollkommen durchschauen. Damit sei „ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann[7].

Jede Art des Seins, die weder durch Wahrnehmung noch durch Denken erfahrbar sei, wies Steiner als „unberechtigte Hypothesen“ zurück. Mit dieser positivistischen Abweisung jeglicher transzendenten „Realität“, deren Existenz und zugleich prinzipielle Nicht-Erkennbarkeit andere Philosophen voraussetzten, stellte sich Steiner in Gegensatz zu der von Kant geprägten Universitäts-Philosophie seiner Zeit. Für den jungen Goethe-Forscher gab es nur eine Welt und somit keine prinzipiellen Grenzen des Erkennens. In diesem Sinn bezeichnete Steiner seine Weltanschauung auch als „Monismus“. In einem Brief bekannte er: „Ich kämpfe, seitdem ich schriftstellerisch tätig bin, gegen allen Dualismus und sehe es als Aufgabe der Philosophie an, durch eine streng positivistische Analyse unseres Erkenntnisvermögens den Monismus wissenschaftlich zu rechtfertigen, also den Nachweis zu führen, daß die in der Naturwissenschaft gewonnenen Ergebnisse wirkliche Wahrheiten sind. Deshalb mußte ich mich ebenso gegen den Kantianismus mit seinen zweierlei Wahrheiten wie gegen das moderne ‚Ignorabimus‘ wenden.[8] Steiners Monismus war jedoch nicht mit dem materialistischen Monismus identisch, den fünf Jahre später (1899) Ernst Haeckel in seinem Buch Die Welträtsel popularisierte. Allerdings bekannte sich Steiner auch nach dem Erscheinen der Welträtsel zu Haeckel, obwohl dieser radikal – und sehr modern – die Konsequenzen aus seiner monistischen Weltsicht zog. So heißt es in den Welträtseln: „Der Monismus … lehrt uns die ausnahmslose Geltung der ‚ewigen, ehernen, großen Gesetze‘ im ganzen Universum. Damit zertrümmert derselbe aber zugleich die drei großen Zentral-Dogmen der bisherigen dualistischen Philosophie, den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit des Willens.[9]

Seine monistische Erkenntnistheorie betrachtete Steiner aber nur als „Vorspiel“, als „philosophischen Unterbau“ einer radikal individualistischen Freiheitsphilosophie, mit welcher er eng an Friedrich Nietzsche und Max Stirner anschloss. In der Philosophie der Freiheit werden diese Denker zwar nicht erwähnt[10], doch schon im folgenden Jahr erschien Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit (1895), worin Steiner den „Einklang“ mit den Anschauungen Nietzsches betonte und bedauerte, dass dieser seine Lehren auf Schopenhauer statt auf Stirner gegründet hatte.[11] Den Ausspruch Nietzsches: „‚Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Wohlan, das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube gekündigt“ kommentierte Steiner mit den Worten: „Daß diese Sätze die Empfindungen einer vornehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen, die sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, durch keine Rücksicht auf ewige Wahrheiten und Vorschriften der Moral verkümmern lassen will, fühlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer Art nach, zur Unterwürfigkeit geeignet sind. Eine Persönlichkeit, wie die Nietzsches ist, verträgt auch jene Tyrannen nicht, die in der Form abstrakter Sittengebote auftreten.[12] Diejenigen Zeitgenossen, die Nietzsche wegen seiner Aufkündigung moralischer Bindungen einen „gefährlichen Geist“ genannt hatten, bezeichnete Steiner abfällig als „kleinlich denkende Menschen“ (ebd.). Dagegen hob er Nietzsches „Übermenschen“ hervor, der in Steiners Deutung mit dem „Eigner“ Max Stirners identisch ist: „Dieser auf sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende Eigner ist Nietzsches Übermensch.[13] Der Übermensch ist für Steiner also der „von allen Normen befreite Mensch, der nicht mehr Ebenbild Gottes, Gott wohlgefälliges Wesen, guter Bürger u.s.w., sondern er selber und nichts weiter sein will – der reine und absolute Egoist.[14] Der Menschentyp, der heute „gewollt, gezüchtet, erreicht“ werde, sei „das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ ...“. Der „höherwertige Typus“ dagegen sei frei und nichts als er selbst.

Steiner bewunderte den autoritäts- und wahrheitskritischen Gestus radikaler Denker wie Nietzsche und Stirner. Bei Stirner gefiel ihm die Überhöhung des Individuums. Stirners Satz: „Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müßte, kenne ich nicht“, kommentierte er mit den Worten: „Ein Eroberer ohne gleichen ist Max Stirner, denn er steht nicht mehr im Solde der Wahrheit; sie steht in dem seinen.[15] Bei Nietzsche konnte Steiner an die Idee des „freien Geistes“ anknüpfen, der sich über Gott und Wahrheitsglauben emporschwingt: „Der ‚freie Geist‘ kommt zum Bewußtsein seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschöpf.“[16]

Titelbild der zweiten Auflage 1895 von Friedrich Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit, die aufgrund des großen Erfolges noch im Erscheinungsjahr herauskam

Diese Kampfansage an jede vorgegebene Wahrheit und Autorität verband Steiner mit Stirner und Nietzsche. Im Sinne der „Egoität“ (Steiner) begrüßte er Nietzsches Wort vom „Tod Gottes“ und der Stellung des Menschen „jenseits von Gut und Böse“. Er proklamierte: „An Gottes Stelle den freien Menschen!!!“[17] An anderer Stelle zitierte Steiner zustimmend ein Zitat des Stirner-Biographen John Henry Mackay, in dem es hieß: „Ich glaubte nie an einen Gott da droben, / Den Lügner oder Toren nur uns geben. / Ich sterbe – und ich wüßte nichts zu loben / Vielleicht nur Eins – daß wir nur einmal leben!“[18]

Solche Wendungen zeigen Steiners Ablehnung eines Glaubens an das Jenseits, an die Wiedergeburt und die Idee eines allmächtigen Gottes. Die Vorstellung eines Ausgeliefertseins des Menschen an eine ihm fremde Schicksalsmacht wies er zurück. „Es ist allein des Menschen würdig, daß er selbst die Wahrheit suche, daß ihn weder Erfahrung noch Offenbarung leite. Wenn das einmal durchgreifend erkannt sein wird, dann haben die Offenbarungsreligionen abgewirtschaftet. Der Mensch wird dann gar nicht mehr wollen, daß sich Gott ihm offenbare oder Segen spende. Er wird durch eigenes Denken erkennen, durch eigene Kraft sein Glück begründen wollen. Ob irgendeine höhere Macht unsere Geschicke zum Guten oder Bösen lenkt, das geht uns nichts an; wir haben uns selbst die Bahn vorzuzeichnen, die wir zu wandeln haben. Die erhabenste Gottesidee bleibt doch immer die, welche annimmt, daß Gott sich nach Schöpfung des Menschen ganz von der Welt zurückgezogen und den letzteren ganz sich selbst überlassen habe.“[19] Der von Steiner verehrte Stirner hatte in seinem Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum geschrieben: „Das Jenseits ausser Uns ist [...] weggefegt, und das grosse Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu neuen Himmelstürmen auf.“[20] Auch für den damals Stirners Grundposition [21] nahestehenden Steiner hatte das Menschenleben nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm selbst verleihe: „Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.“[22] Damit ist die Philosophie der Freiheit ein Bekenntnis zum Individualismus und Monismus. Der Monismus leugnet eine geistige Welt jenseits der dem menschlichen Erkennen zugänglichen Wirklichkeit. Reale und geistige Welt fallen nicht dualistisch auseinander, sondern sie sind eins. Eduard von Hartmann urteilte, diese Position führe mit unausweislicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus.[23]

Im Sinne Stirners und Nietzsches proklamiert Steiner: „Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.“ Hinter handelnden Menschen sieht dieser Monismus dabei nicht Zwecke einer ihm fremden Weltlenkung, sondern nur eigene, menschliche Zwecke. Gegenüber der Autoritäts- und Jenseitsgläubigkeit positioniert Steiner im Sinne des Idealismus das „lebendige Denken“ des „Ichs“ und den „freien Geist“.

Steiners philosophisches Magnum opus Die Philosophie der Freiheit wurde in einigen Kulturzeitschriften, u.a. von Arthur Drews und Bruno Wille, positiv besprochen.[24] Doch gelang es Steiner nicht, in der akademischen Philosophie Fuß zu fassen. Ein Habilitationsversuch im Jahre 1894 scheiterte. Auch seine Dissertation, auf der die „Philosophie der Freiheit“ basierte, hatte er nur knapp mit der Bewertung „rite“ (ausreichend) bestanden.[25] Eduard von Hartmann, dem Steiner seine Dissertation „in warmer Verehrung zugeeignet“ hatte, kam zu einem vernichtenden Urteil über dieses Werk.[26] Ernst Haeckel, der aus dem Umfeld Steiners um Vermittlung einer Stelle an der Universität Jena gebeten worden war, versagte jegliche Unterstützung. Kurze Zeit arbeitete Steiner unter Elisabeth Förster-Nietzsche am Nachlass Nietzsches und war als Herausgeber der Werke im Gespräch. Im Rahmen dieser Tätigkeit erstellte er die erste Nietzsche-Bibliographie und das erste Verzeichnis von Nietzsches Bibliothek überhaupt. Letzteres wurde zur Grundlage aller später publizierten Kataloge. Dabei konnte Steiner auch die noch unveröffentlichte Autobiographie Nietzsches, Ecce Homo, einsehen und durfte dem geistig umnachteten Nietzsche bei einem Besuch am 22. Januar 1896 persönlich gegenübertreten. Nach einem Eklat um die Frage der Herausgeberschaft brach Steiner mit Förster-Nietzsche und machte 1900 als erster auf die zweifelhaften Machenschaften des Nietzsche-Archivs im Rahmen von dessen Nietzsche-Ausgabe aufmerksam.[27] Steiner hatte sich nicht nur in einem Nietzsche-Buch, sondern auch in zahlreichen Zeitschriftenaufsätzen und Rezensionen als einer der ersten Vorkämpfer des damals noch nicht akzeptierten Nietzsche positioniert.

Titelbild des Magazins „für Litteratur“ aus dem Jahre 1898

Einen Teil seines Lebensunterhalts bestritt Steiner weiterhin mit Herausgebertätigkeiten, etwa indem er von 1897 bis 1900 zusammen mit Otto Erich Hartleben das Magazin für Litteratur in Berlin herausgab. In dieser Zeit erschienen zahlreiche Aufsätze von Steiner zu künstlerischen, philosophischen und politischen Themen. Seine seit etwa 1894 bestehende Bekanntschaft mit dem deutschen Dichter John Henry Mackay wurde zu einer engen Freundschaft. Steiner identifizierte sich zeitweilig so sehr mit dem von Mackay vertretenen individualistischen Anarchismus, dass er in der von ihm redigierten Zeitschrift ein durchaus riskantes öffentliches Bekenntnis zu ihm abgab: „Ich habe es bisher immer vermieden, selbst das Wort ‚individualistischer‘ oder ‚theoretischer Anarchismus‘ auf meine Weltanschauung anzuwenden. Denn ich halte sehr wenig von solchen Bezeichnungen. [...] Wenn ich aber in dem Sinne, in dem solche Dinge entschieden werden können, sagen sollte, ob das Wort ‚individualistischer Anarchist‘ auf mich anwendbar ist, so müßte ich mit einem bedingungslosen ‚Ja‘ antworten.“[28] Dies und eine Kampagne für Alfred Dreyfus[29] führte zu Leserprotesten und erwies sich als der Auflagenhöhe des „Magazins“ abträglich.[30] Hartleben legte im März 1900 seine Mitherausgabe des Magazins wegen „inferioren Klatsches“ – gemeint war die Auseinandersetzung mit dem Nietzsche-Archiv, die Steiner in der Publikation führte – nieder.[31] Im September 1900 trat auch Steiner von seiner Redaktionsaufgabe zurück.

Steiner befand sich zu dieser Zeit in ernsthaften finanziellen Nöten. Aus seinem Umfeld wurde bereits für die Wiener Zeit berichtet, er habe in einer „elenden Wohnung“ gelebt und sei „oft geradezu am Verhungern“ gewesen. So schlecht sei es ihm auch bis in die Weimarer, ja auch Berliner Zeit gegangen. Zudem ist eine Zerrüttung des Lebenswandels überliefert. Steiner zechte nächtelang mit seinen Dichter-Freunden, teilweise sei er erst am nächsten Nachmittag nach Hause gekommen. Rosa Mayreder, die Vertraute aus der Wiener Zeit, meinte sogar, Steiner sei „Alkoholiker gewesen, wenn auch nicht in jenem Übermaß, wie man es bei Mystikern oft findet“. Erst ab der Jahrhundertwende habe Steiner sich „ganz fest in die Hand genommen und sei der geworden, als den ihn die Welt heute kennt“.[32] Auch 1903 hieß es noch aus seinem direkten Umfeld, man vermöge „gar nicht zu beurteilen, wie es in der Seele eines Menschen wie Steiner aussieht, wenn die täglich fressende Sorge ihm naht, wenn er Stunde um Stunde denken muss, wo soll ich mich jetzt demütigen, nur um mir ein paar Mark zu pumpen, zu verdienen“.[33] Während sich Steiner in den Weimarer Jahren in gutbürgerlichen Kreisen bewegt hatte, wandte er sich in den ersten Berliner Jahren proletarisch geprägten Außenseiter-Kreisen zu. Seine Kontakte reflektierten das Motto, welches er 1899 für sein „Magazin“ gewählt hatte: „Vielseitigkeit und Vorurteilslosigkeit“. Der Schriftsteller Max Halbe beschreibt den damaligen Steiner als „zigeunernden Intellektuellen“[34]. Wolfgang G. Vögele charakterisiert Steiners damaligen Umgang wie folgt: „Zu seinem Bekanntenkreis zählten die führenden Monisten des Giordano Bruno-Bundes (Wilhelm Bölsche, Bruno Wille), Vorkämpferinnen für freie Erotik und offene Ehe (Ellen Key, Margarete Beutler), bekennende Homosexuelle (Magnus Hirschfeld), Anarchisten (neben Mackay etwa Benjamin Tucker) oder als Terroristen steckbrieflich Verfolgte (Siegfried Nacht[35]). Biblisch gesprochen, saß er mit ‚Sündern und Zöllnern‘ zu Tische“.[36] Dazu gehörte auch der Kreis um Otto Erich Hartleben, der sich mit antibürgerlicher Provokationsgeste „Der Verbrechertisch“ nannte.

Der sozialistische Kunstkritiker John Schikowski schrieb am 31. März 1925 in einem Nachruf für den sozialdemokratischen Vorwärts, auf eine gemeinsame Zeit mit Steiner in Berlin zurückblickend: „Der Weltanschauung nach war er Haeckelianer, Materialist und Atheist, politisch nannte er sich Anarchist und wir Sozialdemokraten galten ihm als Bourgeois. Was ihn übrigens nicht hinderte, im Rahmen sozialdemokratischer Bildungsorganisationen Vorträge über literarische Themen zu halten. In seiner Lebensführung war er durchaus Libertin, voller Lust am irdischen Dasein und recht hemmungslos im ausgiebigen Genuss dieses Daseins. Es liegt mir fern, mit den oft etwas bedenklichen Abenteuern, deren Held ‚Rudi Steiner‘ war, sein Moralkonto zu belasten. So mancher Heilige hat durch die schmutzigsten Stationen des Erdenwegs hindurchpilgern müssen, ehe er zur Reinheit gelangte.“[37]

Auf die Zeit als Bohémien blickte Steiner selbst nur ungern zurück. 1904 rechtfertigte er sich in einem Brief an seine Frau mit den Worten: „Ich erkenne über mich keinen Richter, denn ich weiss, was ich tue. Ich habe mich nie für etwas anderes interessiert, als was geistiger Art ist. Und wenn es in der Zeit, da ich zuerst in Berlin war, anders schien, so ist das doch auch ein Irrtum. Ich wollte damals die Literatur der jungen Leute ehrlich kennenlernen. Ich hätte deshalb mich allerdings nicht auf den Dreck dieser jungen Leute einlassen sollen. Aber das war ein ehrlicher Irrtum. Und ich habe es mit recht dreckigem Klatsch büßen müssen.“ [38]

In der Theosophischen Gesellschaft

Nach der Beendigung seiner Redakteurstätigkeit im Jahr 1900 trat Steiner, der schon seit seiner Weimarer Zeit vielfach Vorträge zu diversen Themen gehalten hatte, verstärkt als Vortragsredner in Erscheinung. In den zweieinhalb Jahrzehnten bis zu seinem Tod hielt er rund 6.000 Vorträge; davon wurden etwa 4.500 anfangs von Anhängern mitgeschrieben, später regelmäßig professionell mitstenographiert und in Buchform herausgegeben. Diese (von Steiner bis auf wenige Ausnahmen ungeprüften) Mitschriften machen einen Großteil von Steiners heute schriftlich vorhandenem Werk aus.

Rudolf Steiner mit Annie Besant, Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft

Von 1899 bis 1904 hielt Steiner Kurse an der Berliner Arbeiter-Bildungsschule, einer sozialistisch geprägten Einrichtung. Als bekannter Nietzsche-Kenner war er nach Nietzsches Tod im Jahre 1900 als Vortragsredner über den radikalen Denker gefragt. Im September 1900 hielt er auch in der Theosophischen Bibliothek des Grafen Cay von Brockdorff in Berlin je einen Vortrag über Nietzsche und über „Goethes geheime Offenbarung“. Diese Vorträge wurden gut aufgenommen, und Steiner konnte gleich anschließend mit einer Vortragsreihe über Die Mystik beginnen (26 Vorträge bis April 1901). Es schlossen sich im nächsten Jahr Vorträge über Das Christentum als mystische Tatsache an, und bald waren die Theosophen, denen Steiner bis dahin ablehnend gegenüber gestanden hatte, sein wichtigstes Publikum. Als 1902 eine Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet wurde, konnten sich die deutschen Theosophen nicht auf einen Vorsitzenden einigen. Steiner war der Kompromisskandidat, den man wählte, weil man sich auf kein „älteres Mitglied als Kandidaten für dieses Amt einigen konnte“.[39]

Die Theosophische Gesellschaft war eine esoterische, teils als obskur geltende Vereinigung, in der sich global Menschen zusammenschlossen, die auf der Suche nach einem neuen spirituellen Weltbild waren. Die Lehren der 1891 verstorbenen Mitbegründerin Helena Petrovna Blavatsky spielten dabei eine tragende Rolle. Die Deutsch-Ukrainerin hatte einen stark durch östliche Philosophien beeinflussten Okkultismus vertreten und gilt heute als die bedeutendste Wegbereiterin der „modernen“ Esoterik gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Schon zu Lebzeiten waren ihr aber auch – vor allem im Zusammenhang mit Briefen fraglicher Herkunft, die von indischen Meistern stammen sollten – betrügerische Machenschaften vorgeworfen worden.[40] Ihre Nachfolgerin in der Leitung der Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, war vor allem dem Hinduismus zugewandt.

Steiner hatte in seinen Berliner Vorträgen, bevor er auch nur Mitglied der Theosophischen Gesellschaft geworden war, in zwei Punkten dargelegt, worin er seiner Meinung nach von Blavatskys theosophischer Lehre abwich. Er sprach dem menschlichen „Wesenskern“, dem Ich, eine zentrale Bedeutung auf dem spirituellen Entwicklungsweg zu. Zum andern betonte Steiner die Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Person des Jesus Christus, der von den älteren Theosophen nur als ein hochentwickelter Mensch (ein sogenannter „Meister“) neben anderen angesehen wurde. Diese Ansichten publizierte Steiner – als schriftliche Fassungen seiner Vorträge in der Theosophischen Bibliothek – in den Büchern Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens (1901) und Das Christentum als mystische Tatsache (1902). Diese Eigenständigkeit stand im Einklang mit dem ursprünglichen Grundprinzip der 1875 gegründeten Gesellschaft: „Keine Religion höher als die Wahrheit!“

Steiner erhob gegenüber dem tonangebenden Orientalismus den Anspruch, „Theosophie“ eigenständig aus dem abendländischen Geistesleben heraus zu entwickeln. Schon 1903 bekannte sich Steiner aber auch zur Lehre von Reinkarnation und Karma, die er seinerseits als „vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen“ bezeichnete und entsprechend abzuleiten suchte.[41] Das brachte ihm schon früh den Vorwurf ein, Eklektiker zu sein.[42] Entsprechend seinem inneren Schritt vom Denk-Erleben zum Geist-Erleben und seiner neuen Zuhörerschaft hatte sich auch Steiners Terminologie gegenüber seinen früheren Schriften stark verändert, etwa wenn er nun von höheren Welten und Mysterien sprach. Das Eintreten für die theosophische Bewegung führte zum Bruch mit zahlreichen früheren Freunden. Bruno Wille etwa warnte Steiner, der Begriff Theosophie sei „arg diskreditiert durch buddhistische Scholastik, occultistischen Aberglauben und spiritistischen Schwindel.“[43]

1904 erschien Steiners Buch Theosophie (mit dem Untertitel Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung), in dem er die jetzt von ihm vertretene Lehre erstmals ausführlich darlegte. Anknüpfend an Johann Gottlieb Fichte sprach er darin von einem „geistigen Auge“, das es ermögliche, neben der gewohnten physischen Welt noch eine seelische und eine geistige Welt wahrzunehmen und zu erforschen. Während traditionelle Esoteriker die okkulten Erkenntnisse als über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis vermittelte „Einweihung“ ansahen, wollte Steiner zu einer selbstbestimmten Erkenntnisleistung anleiten. Diese Anleitungen vertiefte er in der Aufsatzserie Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904/05).

Aus der Akasha-Chronik, erst posthum 1939 in Buchform erschienen

In der parallel begonnenen Aufsatzserie Aus der Akasha-Chronik (1904–1908) griff Steiner nun vermehrt Themen aus der Lehre Blavatskys und anderer ihr nahestehender Okkultisten auf, darunter die Lehre von den „Wurzelrassen“. Steiner beschrieb diese „Akasha-Chronik“ als eine der „geistigen“ Wahrnehmung zugängliche „Schrift“. Trotz einzelner Abweichungen und eigenständigen Schwerpunktsetzungen hatte sich Steiner aber anscheinend den Grundrahmen der theosophischen Weltsicht zu eigen gemacht.[44] Eine ausführliche Zusammenfassung seiner esoterischen Lehre gab er 1910 unter dem Titel Die Geheimwissenschaft im Umriss heraus – ein Titel, der sich einerseits an Blavatskys Hauptwerk Die Geheimlehre (The Secret Doctrine, 1888) anlehnt. In dieser Publikation tritt (wie schon in Theosophie) die von Blavatsky entlehnte Terminologie wieder weitgehend zurück, und stattdessen werden abendländische Themen wie die christliche Hierarchienlehre aufgegriffen. Dieses Buch wurde noch zu Lebzeiten Steiners vierzehn mal neu aufgelegt; wenige Wochen vor seinem Tod (1925) schrieb er noch das Vorwort zur 16. Auflage[45]. Auch von der Theosophie gab es in dieser Zeit neun Neuauflagen, während die Aufsätze Aus der Akasha-Chronik erst postum 1939 erstmals als Buch nachgedruckt wurden.

Als Grundlage seiner „geisteswissenschaftlichen“ Darstellungen unterschied Steiner mehrere Erkenntnisstufen. Neben der gewöhnlichen Erkenntnis gebe es demnach die „imaginative“, die „inspirative“ und die „intuitive“ Erkenntnis. Durch strenge Schulung lassen sich dieser Lehre zufolge immer höhere Erkenntnisstufen erreichen, die einen erkenntnismäßigen Zugang zur übersinnlichen Welt ermöglichen. Diese „Geisteswissenschaft“ soll laut Steiner Menschen dazu befähigen, die physische Welt in ihrem Zusammenhang mit der „geistigen“ Welt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus die Welt zu gestalten. Von diesem Standpunkt aus verknüpfte Steiner seine frühen Ansätze zu einer „Philosophie der Denk-Erfahrung“ mit so unterschiedlichen religiösen Vorstellungen wie Karma, Reinkarnation, Okkultismus und Rosenkreuzertum.

Über die Jahre kam es zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen der Weltorganisation der Theosophischen Gesellschaft und den deutschen Sektionen und Logen. Steiner war ein wesentlicher Protagonist in dieser Auseinandersetzung. Eine ernste Krise entstand, als einige Vertreter der Theosophischen Gesellschaft – allen voran Charles Webster Leadbeater – den sechzehnjährigen Jiddu Krishnamurti im Jahre 1911 als kommenden Weltlehrer, „Maitreya“, propagierten und das in manchen Kreisen als eine „Reinkarnation Christi“ aufgefasst wurde. Steiner lehnte den zunehmenden Kult um Krishnamurti und den in diesem Zusammenhang gegründeten Order of the Star in the East ab. Der Vorstand der deutschen Sektion bat die Mitglieder des „Ordens“, entweder aus dem Orden oder aus der deutschen Sektion auszutreten und forderte in einem Telegramm den Rücktritt Annie Besants als internationale Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft Adyar. Diese löste am 7. März 1913 die von Steiner geleitete deutsche Sektion formell auf. An ihre Stelle trat eine erneuerte deutsche Sektion unter Leitung von Wilhelm Hübbe Schleiden.[46] Der bereits am 28. Dezember 1912 in Köln gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft traten die meisten der 2.500 ehemaligen Mitglieder bei; innerhalb Jahresfrist kamen über 1.000 weitere Mitglieder dazu. In der neuen Organisation hatte Steiner nicht mehr selbst die Leitung inne – den Vorstand bildeten Marie von Sivers, Michael Bauer und Carl Unger –, er war aber der wichtigste Vortragsredner und Ehrenpräsident.

Der späte Steiner

Das erste Goetheanum

Nach dem Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft veränderte Steiner auch den terminologischen Rahmen seiner Lehre. Dabei war „Anthroposophie“ jedoch im Wesentlichen nur eine andere Bezeichnung für das, was er bis zum Ausschluss aus der Theosophischen Gesellschaft als „Theosophie“ vertreten hatte. Seine Bücher Theosophie (1904) und Geheimwissenschaft im Umriß (1910) blieben insofern auch die Standardwerke der Anthroposophie. In Neuauflagen von Steiners bisherigen Werken wurde die Bezeichnung „Theosophie“ weitgehend durch „Anthroposophie“ oder „Geisteswissenschaft“ ersetzt. Die Wahl dieser Bezeichnungen erläuterte Steiner folgendermaßen:

„Während nun dasjenige, was der Mensch durch seine Sinne und durch den an die Sinnesbeobachtung sich haltenden Verstand über die Welt wissen kann, ‚Anthropologie‘ genannt werden kann, so soll dasjenige, was der innere Mensch, der Geistesmensch wissen kann, ‚Anthroposophie‘ genannt werden. Anthroposophie ist also Wissen des Geistesmenschen; und es erstreckt sich dieses Wissen nicht bloß über den Menschen, sondern es ist ein Wissen von allem, was in der geistigen Welt der Geistesmensch so wahrnehmen kann, wie der Sinnesmensch in der Welt das Sinnliche wahrnimmt. Weil dieser andere Mensch, dieser innere Mensch, der Geistesmensch ist, so kann man dasjenige, was er als Wissen erlangt, auch ‚Geisteswissenschaft‘ nennen. Und der Name ‚Geisteswissenschaft‘ ist noch weniger neu als der Name Anthroposophie.“[47]
Das zweite Goetheanum in Dornach (1928 bis heute)

Der späte Steiner wandte sich verstärkt Kunst und Architektur zu. In den Jahren 1910 bis 1913 wurden in München seine vier „Mysteriendramen“ uraufgeführt. Von 1913 bis 1922 entstand unter seiner künstlerischen Leitung in Dornach bei Basel das Goetheanum als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der geplanten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Nachdem der Holzbau in der Silvesternacht 1922/23 abgebrannt war (die zeitgenössische Presse vermutete Brandstiftung seitens militanter Steiner-Gegner), entwarf Steiner ein zweites, größeres Goetheanum aus Beton, das 1928, also erst nach seinem Tod, fertiggestellt wurde. Der expressive Baustil des aus Stahlbeton gefertigten neuen Goetheanums im Gegensatz zu seinem impressionistisch geprägten Vorgänger zeigt, dass Steiners Architekturstil binnen weniger Jahre einen radikalen Wandel erfuhr. Dieser Stil sollte unter dem Stichwort Organische Architektur eine enorme Wirkung auf die moderne Architektur entfalten (eine Beschäftigung mit Steiner lässt sich etwa zeigen für Le Corbusier, Henry van de Velde, Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn, Hans Scharoun, Frank O. Gehry).[48]

Steiner, der bereits vor und während des Ersten Weltkriegs gelegentlich im Austausch mit führenden Politikern gestanden hatte, wirkte besonders nach Kriegsende auch auf politischer Ebene. So publizierte er 1919 einen „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“, den u. a. Hermann Bahr, Hermann Hesse und Bruno Walter unterzeichnet hatten. Trotz politischer Differenzen engagierte sich Steiner von 1899 bis 1905 in der marxistischen Arbeiterbildungsschule von Rosa Luxemburg.[49] Andererseits trat er seit Kriegsbeginn für klassische Anliegen eher konservativer und nationaler Kreise ein. Vor allem die Kriegsschuldfrage war ihm ein politisches Anliegen. So wirkte er 1919 an der Herausgabe einer politischen Broschüre unter dem Titel Die ‚Schuld‘ am Kriege mit, um die öffentliche Meinung im Vorfeld der Friedensverhandlungen in Versailles zu beeinflussen. Bei dem Dokument handelte es sich um die bereits 1914 niedergelegten Erinnerungen von Generalstabschef Helmuth von Moltke, in denen dieser das Versagen des Kaisers vor Kriegsausbruch beschrieben hatte.[50] In seinem Einleitungstext bezeichnete Steiner den Ersten Weltkrieg als eine „europäische Notwendigkeit“.[51]

Im Kampf gegen den Kriegsschuldvorwurf an Deutschland finanzierte Steiner sogar eine verschwörungstheoretische Schrift, in der Freimaurern, Juden und Theosophen die Schuld am Ersten Weltkrieg angelastet wurde. Diese Schrift des Schweizer Okkultisten Karl Heise, die mit einer Einleitung Steiners versehen war, wurde später von den Nationalsozialisten rezipiert.[52] Heise, Schüler des völkischen Runen-Mystikers und Ariosophen Guido von List, hatte aktiv die Nähe des Nationalsozialismus gesucht und vor allem in dem okkultismus-affinen Heinrich Himmler einen interessierten Leser gefunden.[53]

Steiners Grabmal im Park des Goetheanums in Dornach

Die Zeit in der Anthroposophischen Gesellschaft erwies sich für Steiner als ausgesprochen produktiv. Er trat in den unterschiedlichsten Lebensbereichen mit eigenen Ideen hervor und wirkte in einer enormen thematischen Breite als Impulsgeber und Erneuerer. So betätigte er sich unter anderem als Reformpädagoge (Waldorf-Pädagogik), Sozialreformer (Soziale Dreigliederung) und auf dem Gebiet der Kunst (Architektur, Bewegungskunst, Sprachgestaltung). Er begründete mit der Ärztin Ita Wegman die Anthroposophische Medizin und lieferte die weltanschauliche Grundlage für eine Religionsgemeinschaft (Die Christengemeinschaft). Zu den letzten Impulsen vor seinem Tod gehört die Anregung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Viele von Steiners Ideen sind bis heute wirkungsmächtig. So erleben etwa Waldorfschulen und -kindergärten, biologisch-dynamischer Landbau (Demeter) und Anthroposophische Medizin (Weleda) stetig wachsenden Zuspruch.

Rudolf Steiner und seine zweite Frau Marie von Sivers (Heirat 1914, dann Marie Steiner-von Sivers, keine Kinder) wohnten von 1903 bis 1923 in Berlin-Schöneberg, Motzstraße 30, wo eine Gedenktafel an sie erinnert. Allerdings war Steiner als Vortragsredner und als Vorsitzender der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft viel auf Reisen. Nach dem Ende des Krieges 1918 hielt er sich nur noch selten in Berlin auf.

Am 30. März 1925 starb Steiner nach mehrmonatiger schwerer Krankheit in Dornach. Über die Todesursache und über die Art der vorangegangenen Erkrankung gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Einige Anthroposophen behaupteten einen Vergiftungsanschlag.[54]

Das Problem der Zäsur in Steiners Werk

Steiner selbst wollte das theosophisch und anthroposophisch geprägte Spätwerk als konsequente Weiterentwicklung seiner frühen philosophischen Ansätze verstanden wissen.[55] Alle Widersprüche bezeichnete er an verschiedenen Stellen als „scheinbar“ oder „vordergründig“. In seinen unter dem Titel Mein Lebensgang veröffentlichten autobiographischen Notizen, die allerdings nicht immer zuverlässig sind[56], zeichnete Steiner das Bild einer folgerichtigen geistigen Entwicklung. Dennoch liegt eine tiefe geistige Zäsur vor, die sich unter anderem in seiner veränderten Haltung gegenüber dem Christentum zeigt. Ein Zeitgenosse sprach rückblickend von einer „halsbrecherischen Kurve seines Geisteslebens“.[57] Der Biograph Gerhard Wehr spricht von „Krise und Wandlung“ im Leben Steiners[58]. Steiner habe um die Jahrhundertwende eine „innere Wendung“ vollzogen, „deren Interpretation dem Biographen manche Schwierigkeiten bereite“[59].

Ankündigung von vier Vorträgen über Anthroposophie, Zürich 1917

Der frühe Steiner war als Individualist, Positivist und Freidenker hervorgetreten, der sich auf Skandalphilosophen wie Stirner, Nietzsche und Haeckel berief.[60] Sein Freidenkertum gipfelte in einer Verächtlichmachung von Religion und Glauben. Dem Christentum maß er geradezu pathologische Züge bei.[61] Der Glaube an Gott und Christus erschien Steiner als Zeichen krankhafter Schwäche, der er ein „gesundes menschliches Denken“ gegenüberstellte: „Krank ist an der Scholastik die Vermischung dieser Empfindung mit den Vorstellungen, die in die mittelalterliche Entwicklung des Christentums eingezogen sind. Diese Entwicklung findet den Quell alles Geistigen, also auch der Begriffe und Ideen in dem unerkennbaren, weil außerweltlichen Gott. Es hat den Glauben an etwas nötig, das nicht von dieser Welt ist. Ein gesundes menschliches Denken hält sich aber an diese Welt. Es kümmert sich um keine andere.[62] An anderer Stelle hatte er geschrieben, der Mensch der Zukunft werde „nicht mehr glauben, daß Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, ihn von sündiger Schmach zu befreien, er wird aber einsehen, daß unzählige Himmel da sind, um ihn zuletzt hervorzubringen und sein Dasein genießen zu lassen“.[63] Solche Sätze erscheinen wie ein Nachhall von Nietzsches Kritik am christlichen Glauben, wie er sie unter anderem in Der Antichrist – Fluch auf das Christenthum niedergeschrieben hatte. Dort hieß es etwa: „Das Christentum war bisher das größte Unglück der Menschheit“ oder: „Das Christentum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Mißratenen genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht.“ Dieser Angriff Nietzsches auf das Fundament christlicher Glaubensinhalte hatte den jungen Steiner tief beeindruckt. Einer Briefpartnerin schrieb er: „Ist Ihnen Nietzsches Antichrist vor Augen gekommen? Eines der bedeutsamsten Bücher, die seit Jahrhunderten geschrieben worden sind? Ich habe meine eigenen Empfindungen in jedem Satze wiedergefunden. Ich kann vorläufig kein Wort für den Grad der Befriedigung finden, die dieses Werk in mir hervorgerufen hat [...]“.[64] Im Magazin für Litteratur veröffentlichte Steiner noch 1898 den bekenntnishaften Satz: „Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf daß im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht entstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf das Jenseits.[65] Nur zwei Jahre später trat ein gewandelter Steiner vor Theosophen auf und sprach über die „mystische Tatsache des Christentums“.

Die tiefe geistige Zäsur in seinem Leben, die um die Jahrhundertwende stattgefunden hatte, brachte Steiner rückblickend besonders mit Stirner und Mackay in Verbindung: „Das Schicksal hatte nun mein Erlebnis mit J. H. Mackay und mit Stirner so gewendet, daß ich auch da untertauchen mußte in eine Gedankenwelt, die mir zur geistigen Prüfung wurde. Mein ethischer Individualismus war als reines Innen-Erlebnis des Menschen empfunden. Mir lag ganz fern, als ich ihn ausbildete, ihn zur Grundlage einer politischen Anschauung zu machen. Damals nun, um 1898 herum, sollte meine Seele mit dem rein ethischen Individualismus in eine Art Abgrund gerissen werden.[66]

Steiners geistige Wende war radikal. Hatte er Stirner anfangs als „den freiesten Denker“ bezeichnet, „den die neuzeitliche Menschheit hervorgebracht hat“, wurde er für ihn zu einem „furchtbar deutlich sprechenden Symbolum der untergehenden [bürgerlichen] Weltanschauung“.[67] Auch Nietzsches Antichrist wurde nun als Inbegriff des Satanischen betrachtet. Seine Kapitel hätten einen „oftmals so teuflischen Inhalt“, meinte Steiner und schrieb sie Ahriman zu[68], dem bösen Gott des Parsismus, der in seiner Interpretation der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt versperren möchte, um ihr Bewusstsein mit materialistischen Versuchungen an die physische Leiblichkeit zu ketten.

Rudolf Steiner um 1900

Der Biograph Gerhard Wehr kommentiert: „Es gibt mancherlei Hinweise auf ein Wandlungsgeschehen, das Steiner in den ersten Berliner Jahren zu bestehen hatte. Er selbst hat diesen als eine ‚intensivste geistige Prüfung‘ empfundenen Lebensabschnitt mit einer ‚Höllenfahrt‘ verglichen, der er nicht ausweichen durfte. Und so sehr Steiner großen Wert auf die Feststellung einer inneren Kontinuität legte, diese tiefgreifende Wandlung hat er nie geleugnet.“[69] In dieser Zeit hatte Steiner, der frühere Kritiker von Offenbarungsreligionen, nach eigenen Angaben eine Art christliches Erweckungserlebnis, das er mit dem „geistigen Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in innerster, ernstester Erkenntnis-Feier“ umschrieb.[70] In seinen Erinnerungen schrieb Steiner: „Ich fand das Christentum, das ich suchen musste, nirgends in den Bekenntnissen vorhanden. Ich musste mich, nachdem die Prüfungszeit mich harten Seelenkämpfen ausgesetzt hatte, selber in das Christentum versenken, und zwar in der Welt, in der das Geistige darüber spricht.[71] Wehr urteilt, an diese Aussage anknüpfend: „So untraditionell, um nicht zu sagen, individualistisch diese Kennzeichnung des Steinerschen Wegs zu Christus auf den ersten Blick erscheinen mag, das Motiv als solches ist im Grunde doch urchristlicher Herkunft. Es verweist auf den Apostel Paulus, der eigenem Zeugnis zufolge sein Christsein nicht der apostolischen Überlieferung verdankt, sondern einer unmittelbaren Christus-Offenbarung. Und nimmt man andere Zeugnisse Steiners hinzu, zum Beispiel auch seine Deutung eigener philosophischer Arbeiten, dann liegt es nahe, bei ihm von einem neuzeitlichen Damaskus-Erlebnis[72] zu sprechen.“[73]

Von Zeitgenossen wurde die Wandlung, auf Steiners persönliche Lebensumstände anspielend, vielfach unter Verweis auf rein weltliche Motive gedeutet. Das zeigt eine ganze Serie von Nachrufen, in denen – in ähnlichem Tenor – auf die materielle Verbesserung von Steiners Lage nach seiner Hinwendung zur Theosophie Bezug genommen wurde. So schrieb John Schikowski in seinem Nachruf im Vorwärts: „Steiners Wandlung erfolgte um die Wende des Jahrhunderts. Mit dem Studium des Paracelsus und der Schriften der ‚Christlichen Wissenschaft‘ begann sie. Der frühere Haeckelianer wurde eine Art Gesundbeter und als solcher fand der Anarchist Eingang in höchste und allerhöchste Kreise.“[74] Auch andere Kommentatoren verwiesen auf Steiners Aufstieg in eine neue Geltung, mit der die Hinwendung zur Theosophie einhergegangen war. Der Musik-Kritiker Richard Specht, in dessen Elternhaus Steiner als Hauslehrer gewirkt hatte, schrieb im Neuen Wiener Journal: „Eine Zeit der Not begann: Das ‚Magazin für Litteratur‘, das er – nicht lange – mit Otto Erich Hartleben herausgab, konnte nicht einträglich gestaltet werden und er hat allzu lang arg gehungert. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass diese Hungerzeit, verbunden mit seiner ohnehin eigenwilligen Art, zu Halluzinationen geführt hat, die ihm als ‚geistige Erfahrungen‘ galten und die ihn zur Theosophie gebracht haben. [...] Als Steiner wieder nach Wien kam, waren wir freudig erstaunt: er fuhr im Auto in kostbarem Pelz vor [...] und war sorgenlos: die theosophische, später die anthroposophische Gesellschaft hatte ihn zu gewinnen gewusst und hatten wohl daran getan – in kürzester Zeit war er der Meister und Kopf der Bewegung geworden und seine Anhänger zählten und zählen in die Hunderttausende.“[75] Der Schriftsteller Max Osborn schrieb in seinem Nachruf in der Vossischen Zeitung: „Der Anthroposophenmeister, der uns soeben verlassen hat, war nicht immer ein schwärmerischer Mystiker, der mit Behagen die Verehrung einer gläubigen Gemeinde entgegennahm. Als ich ihn in den neunziger Jahren in Weimar kennen lernte [...], war er uns Jüngeren besonders teuer durch die schöne Respektlosigkeit, mit der er sich über alles äußerte, was an der Ilm heilig war [...]. Als ich ihm nach längerer Zeit wieder auf der Straße begegnete, in schwarzem Paletot, mit schwarzem Schlapphut, in schwarzem Anzug, mit schwarzen Handschuhen [...] sah er aus wie ein verzückter Dorfschullehrer. Ich wunderte mich nicht, als ich hörte, dass er adligen Damen in Vortragskursen von übersinnlichen Dingen erzähle. Das war der Beginn seines Aufstiegs in die neue Geltung.“[76] Eine mehrheitlich akzeptierte Deutung für die „Zäsur“ in Steiners Werk gibt es in der Literatur nicht. Anthroposophen nehmen, in Anlehnung an Steiners retrospektive Selbstauslegung, eine innere Kohärenz der persönlichen Entwicklung an.

Steiner im Urteil seiner Zeitgenossen

Aus den frühen 1890er Jahren in Weimar liegen einige Erinnerungen der bald darauf sehr erfolgreichen emanzipatorischen Schriftstellerin Gabriele Reuter vor, zu deren Freundeskreis Steiner gehörte. Sie schrieb: „Individualisten von reinstem Wasser waren wir sämtlich. [...] Friedrich Nietzsche [war] unser Gott geworden. [...] Jeder von uns war Herr der Welt und der Mittelpunkt ihres Seins, und die Souveränität des Einzigen [im Sinne Stirners] wurde mit den groteskesten Gründen und den gewagtesten Schlussfolgerungen bestätigt. Vorzüglich Rudolf Steiner [...] war groß darin, barocke, unerhörte Prämissen aufzustellen und sie dann mit einem erstaunlichen Aufwand von Logik, Wissen, kühnen Einfällen und Paradoxen zu verteidigen. Was konnte er amüsant sein, wenn er so in Eifer geriet, der damalige Freidenker mit dem geistdurchgrabenen, schmalen Mönchskopf, der hohen, strahlenden Stirn [...].“ Unter vier Augen dagegen „wurde er ernsthaft, und ich verdanke diesem hervorragenden Geiste und seinem unglaublich ausgebreiteten Wissen eine Fülle von Gedanken und Anregungen auf philosophischem Gebiet. Besonders lehrte er mich Goethe in einer ganz neuen Weise kennen. Von dem naturwissenschaftlichen Propheten im Dichter hatte ich bisher noch nichts gewusst. Ein Gedanke Steiners ist mir viel nachgegangen: die Forderung von moralischer und religiöser Phantasie [...].[77]

Der Schriftsteller Stefan Zweig lernte den 40jährigen Steiner kurz vor dessen Hinwendung zur Theosophie in dem Berliner Literatenkreis „Die Kommenden“ kennen und berichtete später darüber: „Hier, in Rudolf Steiner, [...] begegnete ich nach Theodor Herzl zum ersten mal wieder einem Mann, dem vom Schicksal die Mission zugeteilt werden sollte, Millionen Menschen Wegweiser zu werden. Persönlich wirkte er nicht so führerhaft wie Herzl, aber mehr verführerisch. In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft, und ich hörte ihm besser und kritischer zu, wenn ich nicht auf ihn blickte, denn sein asketisch-hageres, von geistiger Leidenschaft gezeichnetes Antlitz war wohl angetan, nicht nur auf Frauen überzeugend zu wirken. Rudolf Steiner war in jener Zeit noch nicht seiner eigenen Lehre nahegekommen, sondern selber noch ein Suchender und Lernender; gelegentlich trug er uns Kommentare zur Farbenlehre Goethes vor, dessen Bild in seiner Darstellung faustischer, paracelsischer wurde. Es war aufregend ihm zuzuhören, denn seine Bildung war stupend und vor allem gegenüber der unseren, die sich allein auf Literatur beschränkte, großartig vielseitig; von seinen Vorträgen und manchem guten privaten Gespräch kehrte ich immer zugleich begeistert und etwas niedergedrückt nach Hause zurück. [...] einem Mann solcher magnetischer Kraft gerade auf jener frühen Stufe zu begegnen, wo er noch freundschaftlich undogmatisch sich Jüngeren mitteilte, war für mich ein unschätzbarer Gewinn.[78]

Nach seiner Hinwendung zur Theosophie wuchs Steiners Bekanntheit kontinuierlich. Bei seinen Vorträgen füllte er zuletzt ganze Konzertsäle. Seine Vortragsreisen wurden zum Teil von einer Berliner Konzertagentur organisiert (z. B. die sogenannten „Wolf-Sachs“-Tourneen in den Jahren 1921 und 1922, auf dem Höhepunkt seiner Popularität)[79]. Die Besucherströme zu den Vortragssälen mussten teils polizeilich geregelt werden. Die Neue Freie Presse berichtete von „minutenlangen Beifallsklatschen und Trampeln“ in restlos ausverkauften Sälen. Es sei dies Ausdruck einer Massensuggestion, die Steiner ausgeübt habe.[80] Der Vortragsredner Steiner traf auf vorbehaltlose Begeisterung und entschiedene, teilweise sogar militante Ablehnung. Die Journalisten traten Steiner überwiegend reserviert, meist distanziert, ironisch bis spöttisch oder gar hämisch gegenüber. Besonders seit 1919 erschien Steiner in zeitgenössischen Zeitungsberichten oft als eine Art Scharlatan oder Blender.

Aufruf zur Volksversammlung mit Vortrag von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1919

Einen besonders hämischen Kommentar über einen Vortrag Steiners veröffentlichte die Weltbühne am 3. Juli 1924. Er stammte aus der Feder keines geringeren als Kurt Tucholsky: „Rudolf Steiner, der Jesus Christus des kleinen Mannes, ist in Paris gewesen und hat einen Vortrag gehalten. [...] Ich habe so etwas von einem unüberzeugten Menschen überhaupt noch nicht gesehen. Die ganze Dauer des Vortrages hindurch ging mir das nicht aus dem Kopf: Aber der glaubt sich ja kein Wort von dem, was er da spricht! (Und da tut er auch recht daran.) [...] Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das ‚Seelisch-Geistige‘, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen. Man sagt, Herr Steiner sei Autodidakt. Als man dem sehr witzigen Professor Bonhoeffer in Berlin das einmal von einem Kollegen berichtete, sagte er: ‚Dann hat er einen sehr schlechten Lehrer gehabt -!‘ Und der Dreigegliederte redete und redete. Und [der bekannte Journalist Jules] Sauerwein übersetzte und übersetzte. Aber es half ihnen nichts. Dieses wolkige Zeug ist nun gar nichts für die raisonablen Franzosen. [...] Die Zuhörer schliefen reihenweise ein; dass sie nicht an Langeweile zugrunde gingen, lag wohl an den wohltätigen Folgen weißer Magie. Immer wenn übersetzt wurde, dachte ich über diesen Menschen nach. Was für eine Zeit -! Ein Kerl etwa wie ein armer Schauspieler [...], Alles aus zweiter Hand, ärmlich, schlecht stilisiert ... Und das hat Anhänger -! [...] Der Redner eilte zum Schluss und schwoll mächtig an. Wenns auf der Operettenbühne laut wird, weiß man: Das Finale naht. Auch hier nahte es mit gar mächtigem Getön und einer falsch psalmodierenden Predigerstimme, die keinen Komödianten lehren konnte. Man war versucht zu rufen: Danke – ich kaufe nichts.[81]

Viele Kommentatoren erklärten sich Steiners Wirkung auf sein Publikum mit dessen rhetorischem Talent, das ihm kaum ein Zuhörer absprach. Der norwegische Sozialökonom und Historiker Wilhelm Keilhau urteilte: „Ich denke, wer sich eine unmittelbare Meinung über die Ursachen des Einflusses bilden will, den Rudolf Steiner ausübte, muss mit ihm in persönlichem Kontakt gewesen sein. Er wirkte nämlich am stärksten in seinen Vorträgen und Gesprächen, und sowohl am Rednerpult als auch im rein persönlichen Umgang konnte von ihm eine geistige Energie ausstrahlen, die einen ergriff und fesselte. Doch dies war nicht immer der Fall. Wenn er indisponiert und müde war, machte er keinen besonderen Eindruck. Er verfiel dann in Binsenweisheiten und Wiederholungen. Er verstand es auch nicht immer, seine Zuhörer einzuschätzen. Wenn er fühlte, dass er sie nicht sogleich in den Griff bekam, wurde er in seiner Ausdrucksform offenkundig nervös und gezwungen. Ich habe Vorträge von ihm gehört, die ihr Ziel gänzlich verfehlten, weil er keinen Zugang fand zu der Stimmung und Denkweise der Zuhörer und selber darunter litt. Anders, wenn er in Hochform war. Da war er ein großer Redner. Ich bezweifle, dass es in diesem Jahrhundert einen größeren gibt. Ich kenne keinen Redner, der es in Atemtechnik und Stimmführung mit ihm aufnehmen könnte.[82]

Zwar fiel das zeitgenössische Urteil vielfach negativ und hämisch aus, wer sich aber für das zeitgenössische Kulturleben interessierte, kam an Steiner nicht vorbei. Das zeigen zahlreiche Urteile bedeutender Zeitgenossen, die Steiner zwar als rätselhaft oder halbseiden apostrophierten, aber auch seine Wirkung zur Kenntnis nahmen. Selbst von Albert Einstein wird berichtet, dass er Vorträge Steiners besuchte, deren Inhalte er jedoch rundheraus ablehnte: „Der Mann [=Steiner] hat offenbar keine Ahnung von der Existenz einer nichteuklidischen Geometrie“ soll Einstein gesagt haben sowie: „Bedenken Sie doch diesen Unsinn: Übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muss ich doch gebrauchen, um irgend etwas zu erfahren“.[83]

Auch Franz Kafka bemühte sich darum, das Phänomen Steiner zu verstehen, konnte sich aber kein abschließendes Urteil über ihn bilden.[84] Kafka suchte Steiner sogar einmal persönlich auf, um ihn um Lebenshilfe zu bitten, doch erfüllte das Gespräch seine Erwartungen nicht.[85]

Einladung zu einem Sondervortrag Rudolf Steiners aufgrund der großen Nachfrage, Stuttgart 1919

Verschiedene Dichter bemühten sich um einen Zugang oder jedenfalls um eine Einschätzung von Steiner oder wurden von Dritten um eine solche ersucht. So besuchte etwa Hugo Ball einen Vortrag Steiners, um seine Wirkung zu ergründen. Er schrieb in einem Brief: „Vorgestern sprach Rudolf Steiner in den ‚Vier Jahreszeiten‘ über das Wesen der Anthroposophie, unter unglaublichem Andrang. Aber es war eine Enttäuschung. Ich glaubte an eine gewisse persönliche Magie und horchte sehr angestrengt seiner Seele nach. Seine sprachliche Energie ist aber gar nicht ‚leibfrei‘ (um seinen eigenen Terminus zu gebrauchen). Es blieb mir rätselhaft, worin seine Erfolge bestehen mögen.[86] Hermann Hesse fühlte sich gemüßigt, die Verwendung anthroposophischer Quellen für seine Werke zurückzuweisen, da diese verschiedentlich bei ihm vermutet worden waren: „Anthroposophische, Steinersche Quellen habe ich nie benützt, sie sind für mich ungenießbar, die Welt und Literatur ist reich an echten, sauberen, guten und authentischen Quellen, es bedarf für den, der Mut und Geduld hat, selber zu suchen, der ‚okkulten‘ und dabei meist elend getrübten Quellen nicht. Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment etwas vom Begnadeten gehabt, im Gegenteil.[87]

Bei aller Ablehnung, die Steiner erfuhr, hatte er auch unter bedeutenden Zeitgenossen Sympathisanten und Bewunderer. Albert Schweitzer etwa berichtete von einem besonderen Gefühl geistiger Zusammengehörigkeit, das ihn seit einer ersten persönlichen Begegnung mit Steiner verband.[88] Christian Morgenstern wurde ein begeisterter Anhänger Steiners, als er 1909 einige seiner Vorträge hörte.[89] Er widmete ihm seinen letzten, posthum erschienen Gedichtsband „Wir fanden einen Pfad“ (1914) und erwog sogar, Steiner für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.[90] In einem Brief an Friedrich Kayssler schrieb er: „Es gibt in der ganzen heutigen Kulturwelt keinen größeren geistigen Genuss, als diesem Manne zuzuhören, als sich von diesem unvergleichlichen Lehrer Vortrag halten zu lassen“. Selma Lagerlöf urteilte: „Der Mann ist ein ganz merkwürdiges Phänomen, das man versuchen sollte, ernst zu nehmen. Er verkündigt einige Lehren, an die ich lange geglaubt habe, unter anderem, dass es in unserer Zeit nicht angeht, eine Religion voll unbewiesener Wunder anzubieten: sondern die Religion muss eine Wissenschaft sein, die bewiesen werden kann, es gilt nicht mehr zu glauben, sondern zu wissen. Weiter, dass man sich selber durch ein festes, bewusstes, systematisches Denken Kenntnis von der Geisteswelt erwerben kann. Man soll nicht dasitzen wie ein träumender Mystiker, sondern durch Anstrengungen seines ganzen Denkvermögens dahin gelangen, die Welt, die uns sonst verborgen ist, zu sehen. Das ist wahr und richtig, und dazu ist alles bei ihm vertrauenswürdig und klug ohne Charlatanerie. In einigen Jahren wird seine Lehre von den Kanzeln verkündet werden.[91]

Alles in allem gab es wenig Zeitgenossen, die Steiner indifferent gegenüberstanden. Er hatte eine starke und ungemein polarisierende Wirkung. Seine Zuhörerschaft teilte sich zumeist in Anhänger und Gegner. Die vielfältigen Impulse für verschiedenste Lebensbereiche, die Steiner ausübte, wurden daher in der Regel außerhalb des anthroposophischen Kontextes wenig rezipiert.

Kritik

Das Werk Rudolf Steiners wurde schon zu seinen Lebzeiten sehr kontrovers diskutiert. Streitfragen dabei waren vor allem die proklamierte Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, die von Vertretern der universitären Wissenschaft nicht akzeptiert wurde, die gnostischen Ansätze seiner Christologie, die von den Amtskirchen scharf verurteilt wurden. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Äußerungen Steiners zur Rassenfrage, und zum Judentum beanstandet. Dieser Kritik ist Steiners Werk auch heute noch ausgesetzt.[92]

Wo sie die esoterischen und okkulten Aspekte des Steinerschen Werkes betrifft, wird Steiner als „modernem Esoteriker“ vorgeworfen, Glaubensfragen mit Wissenschaftlichkeit zu verbinden. Um dies zu erreichen, würden die Kriterien dessen, was als wissenschaftlich angesehen wird, eigenmächtig verschoben. Dies zeige sich etwa, wenn von „Geistes- oder Geheimwissenschaft“ und „hellseherischer Forschung“ die Rede sei. Alles, was mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaften nicht zu vereinbaren sei, werde deshalb als „höheres Wissen“ ausgegeben. Hartmut Zinser, Professor für Religionswissenschaft in Berlin, meint: „Damit werden die von R. Steiner angenommenen ‚überweltlichen Welten‘ zu Glaubensaussagen, wie sie aus manchen (nicht allen) Religionen bekannt sind. Allerdings leugnet er den Glaubenscharakter dieser Aussagen und gibt sie als objektive, dem ‚okkulten Sehvermögen‘, dem ‚hellseherischen Bewußtsein‘, der ‚Geistesschau‘ (Geh S. 25) in ‚Meditation‘ und ‚Kontemplation‘ (Geh S. 18) und durch ‚Imagination, Inspiration und Intuition‘ (Geh S. 24) zugängliche Tatsachen aus.“ Steiner unterliege hier einem der erkenntnistheoretischen Grundfehler des modernen Okkultismus, da nicht zwischen Wahrnehmung und Deutung unterschieden werde. Zwar räume Steiner ein, dass seine Ausführungen als „Ergüsse einer wild gewordenen Phantastik oder eines träumerischen Gedankenspiels“ (Geh S. 12) oder als Resultat einer Selbstsuggestion (Geh S. 24) angesehen werden könnten, anstatt dieser Kritik jedoch mit Argumenten zu begegnen, reagiere Steiner mit einer Immunisierungsstrategie, die auf „höheres Wissen“ verweise: „Wer diese Welten (die übersinnlichen) leugnet, der sagt nichts anders, als daß er seine höheren Organe noch nicht entwickelt hat.“ (Theo S. 94) [93]

Im Zusammenhang mit Steiners „Hellsichtigkeit“ wird auch seine Christosophie kritisiert. Steiner behauptete, in der sogenannten „Akasha-Chronik“ ein „Fünftes Evangelium“ gelesen zu haben. Erst mit Hilfe dieser „Geistesforschung“ sei die Menschheit in der Lage zu begreifen, was das Kommen des Christus für sie bedeute. Erst durch diese Phase der „geistigen Erfassung des Christentums durch anthroposophische Vertiefung“ sei die Voraussetzung für eine neue Zeitepoche gegeben: „Indem wir Anthroposophie auf das Christentum anwenden, folgen wir der welthistorischen Notwendigkeit, die dritte christliche Zeitepoche vorzubereiten.“ Steiner fügte hinzu: „So nimmt sich die anthroposophische Weltanschauung aus wie eine Testamentsvollstreckung des Christentums. Um zum wahren Christentum geführt zu werden, wird der Mensch in Zukunft jene spirituellen Lehren aufnehmen müssen, welche die anthroposophische Weltanschauung zu geben vermag“ (Das Johannes-Evangelium, GA 103, S. 213). Jan Badewien, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden, kommentiert diesen Anspruch Steiners mit den Worten: „Aus der Sicht aller christlicher Kirchen, die in der Ökumene miteinander verbunden sind, verlassen Steiner und seine Anthroposophie den gemeinsamen Boden der Christenheit, wenn sie eine weitere Offenbarungsschrift der Bibel an die Seite stellen bzw. ihr sogar vorordnen. Die Christosophie, aber auch das Menschenbild zeigen, wie weit Spekulationen schweifen können, wenn sie sich nicht mehr auf einen verbindlichen und allgemein zugänglichen Grund stützen, sondern auf eine von aussen nicht überprüfbare behauptete ‚Quelle in der geistigen Welt‘. Mit seiner – aus christlicher Perspektive – zusätzlichen Offenbarung muss sich Steiner auf eine Stufe mit Mormonen, dem Universellen Leben der Gabriele Witteck [sic!] oder dem Orden „Fiat lux“ von Uriella und vielen anderen stellen lassen, die jeweils eigene Bibeln verfasst bzw. Christus-Offenbarungen niedergeschrieben haben.“ [94]

Eine andere Kritik an Steiner bezieht sich auf die Verwendung von rassen- und geschlechtsspezifischen Stereotypen, wie sie allerdings zu seiner Zeit durchaus üblich waren. Steiner benutze eine Rassensystematik, die sich auf die Hautfarben beziehe und diesen bestimmte Eigenschaften zuschreibe. So werde etwa die „weiße Rasse“ explizit mit dem „Denkleben“, die „schwarze Rasse“ mit dem „Triebleben“ und die „gelbe Rasse“ mit dem „Gefühlsleben“ assoziiert. Weiterhin würden geschlechtsspezifische Muster bedient, etwa wenn Steiner den Außereuropäern eine „weibliche Passivität“ zuschreibt. Die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein, die ihrerseits von der Vorstellung ausgeht, „dass es sich bei der Kategorie ‚Rasse‘ nicht um eine biologische Wahrheit handelt, sondern um eine historisch entwickelte soziale Konstruktion“, kommt zu dem Urteil: „Steiner entwickelt zwar keine geschlossene Rassentheorie für die gegenwärtige Menschheit, aber mehrere rassentheoretische Modelle. Die Differenzierungssystematiken an sich beinhalten Essentialisierungen und Diskriminierungen und verbinden sich mit einem ‚kosmologischen Determinismus‘. Dabei schreiben sich farb- und geschlechtssymbolische Codierungen des Abendlandes deutlich ein.“ [95]

Quellen


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