Johann Georg Gichtel


Johann Georg Gichtel

Johann Georg Gichtel (* 4. oder 14. März 1638 in Regensburg; † 21. Januar 1710 in Amsterdam) war ein Mystiker und Spiritualist.

Johann Georg Gichtel, Sohn eines Steuerbeamten in Regensburg, studierte zunächst in Straßburg Theologie, wechselte aber später zur Rechtswissenschaft. Nach kurzer Tätigkeit als Advokat in Speyer kehrte er 1664 nach Regensburg zurück.

Für seinen weiteren Lebensweg wurde die Begegnung mit dem Juristen Justinian von Welz wichtig. Dieser hatte sich in seiner Schrift De vita solitaria gegen das übliche Maulchristentum gewandt und das Ideal eines weltabgewandten Christentums vertreten. Kurz darauf forderte von Welz zur Bildung einer neuen Gesellschaft auf, die das Luthertum einigen und den Missionsbefehl Jesu (Matth. 28,18-20) umsetzen sollte. Gichtel ließ sich für dieses Vorhaben gewinnen und war zunächst im Auftrag von Welz´ in Deutschland unterwegs. Er legte sich mit Schmähschriften mit der Geistlichkeit Regensburgs und Nürnbergs an. Er wurde daraufhin in Haft genommen und aus Regensburg ausgewiesen.

Er beschäftigte sich fortwährend mit religiösen, später besonders mit Jakob Böhmes Schriften, die er zuerst vollständig herausgab (1682). Aufnahme fand er bei dem Pfarrer und Spiritualisten Friedrich Breckling in Zwolle , der schon vielen Gesinnungsgenossen Unterschlupf gewährt hatte. Als Gichtel sich dort für Friedrich Breckling in dessen Auseinandersetzung mit dem Amsterdamer Konsistorium einsetzt, kommt er wegen seiner heftigen Kirchenkritik ins Gefängnis und an den Pranger und wird aus Zwolle ausgewiesen. Ebenso verliert Breckling seine Pfarrstelle.

Gichtels Vorstellung, dass Gott in der Seele des Gläubigen wohnt, lässt ihn jedes äußere Kirchentum ablehnen und führte zu einem Bewusstsein einer exklusiven Gottesbeziehung. Ebenso verwarf er den Ehestand und forderte sexuelle Askese, da der wahre Christ allein mit der himmlischen Sophia vermählt sei.

Er fand nach seiner Ausweisung aus Zwolle eine Zufluchtsstätte in Amsterdam. Hier lebte er - nicht immer spannungsfrei - mit mehreren Hausbrüdern und -schwestern zusammen.

Neben der Böhme-Ausgabe beschäftigte sich Gichtel mit seiner Theosophie. Asketische Übungen gehörten hierzu. Es wird von visionären und wunderbaren Erlebnissen berichtet, die seine Verbindung mit der göttlichen Sophia belegen sollen. Er hatte ein intensives mystisches Erleben.

Gichtel lebte bewusst nur von Spenden, denn seine Theosophia practica beinhaltete neben dem Verzicht auf irdische Liebe auch den Verzicht auf die Sorge. Die Forderung nach Heiligung des Lebens schloss die konsequente Ablehnung der lutherischen Rechtfertigungslehre ein. Die letzte Stufe dieser Heiligung ist die ständige Selbstverleugnung und der Verzicht auf alle irdische Lust. Hierdurch gelangt man zum Melchisedekschen Priestertum, das sich wie Christus selbst zum Opfer bringt, um andere, auch Verstorbene, von ihren Leiden zu befreien.

Seine Ansichten hat er in zahlreichen Sendschreiben propagiert. Diese wurden als Theosophische Sendschreiben von Gottfried Arnold (1700) und später nochmals unter dem Titel Theosophia practica von Johann Wilhelm Überfeld (Leiden 1722, 6 Bde.) mit seiner Biographie herausgegeben.

Mit dem radikalen Pietisten Gottfried Arnold stand Gichtel spätestens seit dem Jahr 1699 in schriftlicher Verbindung. Zahlreiche andere radikale Pietisten, wie Hochmann von Hochenau und das Ehepaar Petersen hat er beeinflusst oder stand mit ihnen in regem Kontakt.

Wegen seiner Rechthaberei und der Forderung nach Ehelosigkeit wandten sich andere Vertreter des Spiritualismus und einige seiner engsten Mitarbeiter von ihm ab.

Die Glieder der von ihm gestifteten kleinen Gemeinde in Holland wurden nach ihm Gichtelianer genannt; sie selbst nannten sich Engelsbrüder, weil sie bis zur Reinheit der Engel sich zu erheben hofften. An ihre Spitze stellte sich nach dem Tode Gichtels der Kaufmann Johann Wilhelm Überfeld in Leiden, während die Kreise in Altona und Hamburg Johann Otto Glüsing folgten. Weitere Kreise von Gichtelinanern gab es in Berlin, Magdeburg, Dresden und Nordhausen.

Starken Einfluss hatte Gichtel auch auf den frühen Hallischen Pietismus. Jedoch waren die Frankeschen Anstalten in Halle für Gichtel ein Abfall ins Äußerliche. Für Institutionen hatten Gichtel und seiner Anhänger nichts übrig - dies gilt natürlich zuallererst für jede Form institutionellen Kirchentums.

Literatur

  • Johann Gustav Reinbeck: Joh. Gustav Reinbecks Nachricht von Gichtels Lebens-Lauf und Lehren, da jener aus seinen eigenen Brieffen zusammen gezogen ist, diese aber nach der Heiligen Schrifft geprüfet worden, vormahls in denen so genanndten Berlinischen Heb-Opfern heraus gegeben, nun aber aus bewegenden Ursachen besonders wieder abgedrucket. Berlin: Rüdiger, 1732 (Digitalisat in der Google Buchsuche).
  • Adolf Harless: Jakob Böhme und die Alchymisten. Ein Beitrag zum Verständniß J. Böhme's. Nebst einem Anhang: J. G. Gichtel's Leben und Irrthümer. Von G. C. Adolf von Harleß. Berlin: Schlawitz, 1870 (Digitalisat der 2., vermehrten Auflage von 1882 im Internet Archive).
  • Gottlieb Christoph Adolph von Harless: J. G. Gichtel's Leben und Irrthümer u. über ein Rosenkreuterisches Manuscript. Leipzig: Hinrichs, 1882 (enthalten in obigem Digitalisat).
  • Albrecht, Ruth: Zum Briefwechsel Johann Georg Gichtels mit Johanna Eleonora Petersen in: Der radikale Pietismus. Perspektiven der Forschung. AGP 55. Göttingen 2010. S. 327-359.
  • Johannes van den Berg: Die Frömmigkeitsbestrebungen in den Niederlanden in: Geschichte des Pietismus Bd. 1. 1993. S. 57-112.
  • Claus Bernet: Das Innerste meines Hertzens mittheilen: Die Korrespondenz Johann Georg Gichtels an die Fürstäbtissin zu Herford, in: Herforder Jahrbuch 16, 2009, S.203-220.
  • Martin Brecht: August Hermann Francke und der Hallische Pietismus in: Geschichte des Pietismus Bd. 1. 1993. S. 439-539.
  • Martin Brecht: Die deutschen Spiritualisten des 17. Jahrhunderts in: Geschichte des Pietismus Bd. 1. 1993. S. 205-240.
  • Paul Estié: Die Auseinandersetzung von Charias, Breckling, Jungius und Gichtel in der lutherischen Gemeinde zu Kampen 1661-1668, in: Pietismus und Neuzeit 16, 1990, S.31-52.
  • Andreas Gestrich: Ehe, Familie, Kinder in Pietismus. der "gezähmte Teufel" in: Geschichte des Pietismus Bd. 4. S. 498-521.
  • Peter J.A. Nissen: Gichtel, Johann Georg. In: LThK3 4, S. 643.
  • Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert in: Geschichte des Pietismus Bd. 1. 1993. S. 391-437.
  • Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 18. Jahrhundert in: Geschichte des Pietismus Bd. 2. 1995. S. 107-197.
  • Võsa, Aira: Johann Georg Gichtels Verhältnis zum anderen Geschlecht in: Der radikale Pietismus. Perspektiven der Forschung. AGP 55. Göttingen 2010. S. 361-368.
  • Gertraud Zäpernick: Johann Georg Gichtels und seiner Nachfolger Briefwechsel mit den hallischen Pietisten, besonders mit A. M. Francke, in: Pietismus und Neuzeit 8, 1982, S.74-118.
  • Christiaan Sepp: Gichtel, Johann Georg. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 9, Duncker & Humblot, Leipzig 1879, S. 147–150.
  • Friedrich Wilhelm Bautz: Gichtel, Johann Georg. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 240–241.

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