Joseph Stilwell


Joseph Stilwell
General Joseph Stilwell (1943)

Joseph Warren Stilwell (* 19. März 1883 in Palatka, Florida; † 12. Oktober 1946 in San Francisco), genannt Vinegar Joe (dt. „Essig-Joe“) oder Uncle Joe (dt. „Onkel Joe“), war ein US-amerikanischer General. Im Zweiten Weltkrieg bekleidete er Führungspositionen in China, Burma und Indien.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Stilwells militärische Karriere war ungewöhnlich. Er selbst befahl in den seltensten Fällen direkt Truppen und arbeitete meist auf sich alleine gestellt auf den Generalsrang hin. Die Hauptzeit seiner Laufbahn verbrachte Stilwell außerhalb der Vereinigten Staaten. Da er fließend chinesisch und japanisch sprach, war sein Haupteinsatzgebiet Ostasien.

Stilwell, der auch als einer der Befehlshaber für die Kriegsführung in Europa vorgesehen war, wurde nach China entsandt, da er der einzige hochrangige Offizier in der US-Armee war, der chinesisch sprach. Er wurde Chiang Kai-shek als Stabschef zur Seite gestellt. Als sich dann die Kämpfe in Burma entwickelten und die amerikanische Führung ein Kommando für den Kriegsschauplatz China-Burma-Indien (China Burma India Theater, CBI) einrichteten, setzten sie Stilwell auch dort als Oberbefehlshaber ein. Bekannte US-Einheiten, die unter seinem Oberbefehl standen, waren die Flying Tigers, die Transportmaschinen und Bomber, die „The Hump“ flogen, die Pioniere, die die Ledo-Straße bauten, und die Freiwilligengruppe Merrill's Marauders.

Brigadier General Frank D. Merrill (links), Kommandeur der Merrill's Marauders und Lieutenant General Joseph W. Stilwell (rechts) bei einem Treffen in der Nähe von Naubum in Burma

Joseph „Essig-Joe“ Stilwell gehört zu den umstrittensten und zugleich legendärsten Generälen der amerikanischen Militärgeschichte. Obwohl es ihm an Taktgefühl und diplomatischem Gespür fehlte, wurde er für seine taktische Arbeit, seine Bereitschaft, die Strapazen des einfachen Soldaten zu teilen, und seinen unermüdlichen Einsatz für die Entwicklung Chinas und Burmas hoch geschätzt. Berühmtheit erlangte er durch den Bau der Ledo-Straße, den „heldenhaften Marsch durch Burma“, einem Rückzugs- und Rettungsmarsch durch unwegsames Gebiet mit 100 Infanteristen, sowie durch seine Tagebücher (Stilwell-Papers), die ihn zu einem wichtigen Zeitzeugen machen.

Laufbahn

Stilwell graduierte 1904 an der United States Military Academy West Point. Im Ersten Weltkrieg war er Aufklärungsoffizier beim IV. US-Korps und an der Planung der Offensive bei Saint-Mihiel beteiligt. Für seine Dienste bekam Stilwell die Distinguished Service Medal verliehen.

In den frühen 1930er Jahren war Colonel (Oberst) George C. Marshall der Leiter der akademischen Abteilung der Infanterieschule in Fort Benning und brachte Joseph Stilwell als Leiter der Taktikabteilung an die Schule.

Während der sogenannten „Benning Revolution“ lehrten Marshall und Stilwell unter anderem, entgegen den Lehrmethoden anderer Schulen, auf lange schriftliche Befehle zu verzichten und lieber eine grobe Richtung vorzugeben und den Rest von den Kommandanten auf dem Schlachtfeld regeln zu lassen. Stilwells Motto auf dem Schlachtfeld war daher auch: „Move, Shoot, Communicate.“ (Deutsch: „Bewegen, schießen, kommunizieren.“). So war er auch ein Gegner komplizierter Manöver und Pläne, was auf seinen Unterricht abfärbte. Er kümmerte sich nicht darum, ob seine Schüler einen perfekten Aufsatz abgaben, sondern vielmehr, wie sie in Problemsituationen agierten, beispielsweise wenn sie in eine Falle gerieten.

Der spätere Major-General (Generalmajor) James M. Gavin sagte über Stilwell und seine Lehrmethoden:

“He was a superb officer in that position, hard and tough worker, and he demanded much, always insisting that anything you ask the troops to do, you must be able to do yourself.”
(Deutsch: „Er war ein großartiger Offizier in der Position [Leiter der Taktikabteilung], [ein] harter und standhafter Arbeiter, und er verlangte viel, immer darauf beharrend, dass du das, was du den Truppen aufgibst, auch selbst tun können musst.“

Nach dem ersten Weltkrieg leistete Stilwell drei Diensteinsätze in China, während denen er sich fließende Chinesischkenntnisse aneignete. Von 1935 bis 1939 war er Militärattaché der USA in Nanking.

In den Anfangstagen nach dem Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg suchte die Regierung einen Führungsoffizier, der in Ostasien – speziell auf dem CBI-Kriegsschauplatz (China-Burma-Indien) – eingesetzt werden könnte. Dieser sollte sich mit den komplexen sozialen und politischen Problemen auskennen, die ihn zwischen der kolonialen britische Armee und den nationalen chinesischen Kräften unter ihrem politischen und militärischen Oberbefehlshaber Chiang Kai-shek erwarten würden. Zudem sollte er in der Lage sein, auf chinesischer Seite ein militärisches Kommando zu formen, das sich gegen die Japaner behaupten konnte. Obwohl Stilwell bei Kriegsbeginn nur ein Ein-Sterne-General war, brachte er alle Voraussetzungen für den Einsatz mit. Um auf der Führungsebene mit den britischen und chinesischen Offizieren gleichgestellt zu sein, wurde er um zwei Grade befördert. Als Lieutenant General (Generalleutnant) trat er Anfang Februar 1942 die Reise nach Indien an.

Stilwell mit Chiang Kai-shek und dessen Frau

Zu ersten Schwierigkeiten führten Unklarheiten und Uneinigkeiten zwischen Amerikanern und Briten über die machtpolitischen Interessen in CBI, die in sich gegenseitig blockierenden oder ineffizienten Kommandostrukturen zu Tage traten. Das CBI-Kommando war nicht als ein hierarchisch funktionierendes Hauptquartier gedacht, sondern mehr als ein verantwortliches Organ für die Verwaltung der dort stationierten militärischen Einheiten. Stilwell versuchte, den Instanzenweg zu durchbrechen, und kommunizierte direkt mit den Joint Chiefs of Staff über operationale Angelegenheiten, bis das Kommando an Admiral Lord Louis Mountbatten, den Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Südostasien, überging. Eine weitere Position Stilwells war die Operationskontrolle über das Northern Combat Area Command (NCAC), das den nördlichen Frontabschnitt der Alliierten in Burma hielt. Stilwell war folglich mit unterschiedlichen Aufgaben betraut, die von ihm verlangten, an den verschiedensten Schauplätzen präsent zu sein. So musste er als Stabschef von Chiang Kai-shek in Chongqing sein, für das CBI in Khandy, Ceylon, und als NCAC-Kommandant nahe der Frontlinie in Burma. Die irrationalen alliierten Kommandostrukturen in Verbindung mit Stilwells Prinzipientreue führten unter anderem zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem Befehlshaber der 11. Armee-Gruppe, General George Giffard. Als NCAC-Kommandant unterstand er Giffard, aber als Angehöriger des Oberkommandos war er Giffards Vorgesetzter, weil das NCAC unter Giffards Kommando und nicht direkt dem Oberkommando unterstand. Ähnlich verhielt es sich mit Claire Chennault, dem Kommandanten der Flying Tigers, der den unbequemen Stilwell oftmals überging und direkt mit Chiang Kai-shek sprach. Anders als Chennault und Chiang Kai-shek vertrat Stilwell die Position, dass der Luftkrieg gegen die Japaner nicht ohne die Unterstützung von Infanteristen zur Sicherung der Luftstützpunkte gewonnen werden konnte, eine Vorhersage, die sich später bewahrheiten sollte.

In der indischen Hauptstadt führte er lange intensive Gespräche mit den Briten, die ihm ihr Misstrauen gegen die Chinesen ausdrückten und seine Hoffnungen auf eine militärische Gleichstellung der Chinesen enttäuschten. Die britischen Imperialinteressen und das überhebliche und china-feindliche Auftreten britischer Offiziere auf dem CBI-Schauplatz mussten Stilwell widerstreben, der sich seit seiner Zeit als Diplomat mit Nachdruck für die Interessen des chinesischen Volkes eingesetzt hatte. So versuchte er, Chiang Kai-shek davon zu überzeugen, die chinesische Armee unter den Befehl des US-Militärs zu stellen, um die unterernährten und schlecht ausgerüsteten Divisionen auszubilden und mit den von den USA gelieferten Mitteln und Waffen (Lend-Lease-Politik) aufzubauen, die von Schmugglern und korrupten Warlords gehortet und zweckentfremdet wurden. Stilwell wollte nach 1941 eine schlagkräftige, offensive nationale chinesische Armee, Chiang hingegen vertrat den traditionellen chinesischen Standpunkt einer defensiven Verteidigungsarmee und erlaubte den USA nur zögerlich, in CBI militärisch aktiv zu werden.

Nachdem die chinesischen Häfen und zuletzt auch die burmesische Hafenstadt Rangoon in japanische Hand gefallen waren, setzte sich Stilwell nachdrücklich für den Straßenbau in Burma ein, um neue Nachschubwege von Indien nach China zu etablieren. Die Briten versuchten, sein Ansinnen zu sabotieren, indem sie sich hinter die indische Grenze zurückzogen und Burma verloren gaben. Trotz großer Entbehrungen gelang es Stilwell dennoch, den japanischen Vormarsch in Burma zu stoppen und schließlich sogar zurückzudrängen. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung gelang es ihm mit chinesischen und amerikanischen Truppen, Myitkyina und Mogaung zurückzuerobern, und so die Ledo-Straße und die Burmastraße als Nachschubwege durch Nordburma nach China freizukämpfen.

Aufgrund von Chiang Kai-sheks Blockadehaltung wurde der Druck von amerikanischer Seite vor dem Hintergrund eines fortschreitenden japanischen Vormarsches in Südchina zunehmend stärker und kompromissloser, was das Verhältnis zwischen ihrem Vertreter Stilwell und Chiang Kai-shek zunehmend verschlechterte. Als Stilwell dafür plädierte, die Mittel der Lend-Lease-Politik unter der Kuomintang und der kommunistischen roten Armee zur Verteidigung gegen die Japaner aufzuteilen, fürchtete Chiang Kai-shek, dass ein Aufrüsten der Kommunisten unweigerlich zum Verlust seiner Führungsposition führen musste. Chiang Kai-shek sah in den Kommunisten die größere Bedrohung und die Japaner rangierten bei ihm nur an zweiter Stelle. Er hoffte durch eine abwartende und defensive Haltung erreichen zu können, dass die Alliierten die Japanische Armee ohne chinesische Beteiligung zum Rückzug bewegen konnten. Stilwell hingegen wollte Chiang dazu bewegen, eine gemeinsame Front gegen die Japaner zu bilden. Es erwies sich aber als ein unmögliches Unterfangen, die Furcht Chiangs vor den Kommunisten abzubauen und auf eine Verhandlungslösung hinzuarbeiten. Letztlich scheiterten Stilwells nicht immer diplomatisch geführte Bemühungen an der mangelnden politischen und militärischen Entschlossenheit der Kuomintang. Präsident Franklin D. Roosevelt beorderte Stilwell im Oktober 1944 in die USA zurück, offiziell wegen der rein persönlichen Differenzen mit Chiang Kai-shek, tatsächlich aber aus politischen Zugeständnissen an diesen und nachlassendem Interesse an einem entschlossenen Durchgreifen auf dem CBI-Schauplatz. Roosevelt setzte anstelle nur eines Befehlshabers für Stillwells ursprüngliche Aufgaben nun jeweils einen eigenen Offizier auf die freien Posten. Nach dem endgültigen Rückzug der Amerikaner aus CBI verlor die Kuomintang rasch an Einfluss. Trotz ihrer zahlenmäßigen und militärischen Überlegenheit gegenüber Maos Truppen unterlagen sie schließlich und zogen sich nach Formosa (Taiwan) zurück. Ob Stilwell an dieser Entwicklung etwas hätte ändern können, ist umstritten.

Stilwells Verhältnis zur britischen Führung in Indien war während des gesamten Krieges gespannt: Er betrachtete sie als verweichlicht und desorganisiert, der Vizekönig Lord Wavell war für ihn ein müder, geschlagener Mann, den Oberkommandierenden Mountbatten hielt er für einen eitlen Selbstdarsteller. Die Briten ihrerseits sahen in Stilwell einen primitiven Draufgänger, dem die Einsicht in strategische Zusammenhänge fehlte. In der neueren Forschung wird die Ansicht vertreten, dass Stilwells Reputation in wesentlichen Teilen eine Schöpfung der amerikanischen Medien war, die ihn zum „MacArthur des kleinen Mannes“ stilisierten.[1]

Stilwell (links) im Gespräch mit anderen US-Offizieren auf einem Zerstörer vor oder nach der japanischen Kapitulation am 2. September 1945)

Stilwell selbst bekam während des Krieges noch das Kommando über die 10. US-Armee in der Schlacht um Okinawa, nachdem sein Vorgänger auf der Insel ums Leben gekommen war. 1946 erhielt er den Oberbefehl über die 6. US-Armee im westlichen Verteidigungsraum. Am 12. Oktober 1946 verstarb er in San Francisco an Magenkrebs. Nach seiner Abberufung war er nie wieder nach China zurückgekehrt.

Sein Sohn, Brigadegeneral Joseph W. Stilwell Jr., bekannt als „Cider Joe“, diente während der frühen Jahre des Vietnamkriegs als Kommandant einer Nachschubeinheit. Er kam im Juli 1966 bei einem Flugzeugunglück nahe Hawaii ums Leben.

Einzelnachweise

  1. Christopher Bayly / Tim Harper: Forgotten Armies. Britain's Asian Empire and the War with Japan. Penguin Press, London, 2005 ISBN 9780140293319 S. 271f.

Literatur

  • David Rooney: Stilwell the Patriot: Vinegar Joe, the Brits and Chiang Kai-Shek. Greenhill Books, Juli 2005, ISBN 1-85367-632-2
  • Barbara Tuchman: Sand gegen den Wind, Amerika und China 1911–1945. Fischer-Tb, ISBN 3-596-24388-2

Weblinks

 Commons: Joseph Stilwell – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

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