Jüdische Gemeinde Memmingen


Jüdische Gemeinde Memmingen
Memminger Synagoge am Schweizer Berg (um 1925)

Die Jüdische Gemeinde Memmingen im oberschwäbischen Memmingen in Bayern lässt sich erstmals im Jahr 1348 nachweisen. Die Gemeinde erlosch im Zuge der Judenverfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Im Jahre 1286 wurde Memmingen durch Rudolf I. von Habsburg zur Freien Reichstadt erhoben und damit direkt dem Herrscher des Heiligen Römischen Reiches unterstellt. Die Zeit bis 1349 war von Konflikten zwischen Juden und Christen geprägt. Neben Vorwürfen wie Hostienfrevel und Ritualmordlegenden standen die Juden nach der damals herrschenden christlichen Lehrauffassung als Geldleiher in einem Spannungsverhältnis zu der christlichen Bevölkerung. Papst Alexander III. gestattete ihnen 1179 ausdrücklich das Zinsgeschäft. Die Christen waren schon durch das Zweite Laterankonzil von 1139, dem Decretum Gratiani, mit einem ausdrücklichen Zinsnahmeverbot durch Papst Innozenz III. belegt worden, das 1215 und durch das Konzil von Vienne von 1311 nochmals bestätigt wurde. Damit waren Juden die Einzigen im mittelalterlichen Europa, die gewerbsmäßig Geld verleihen durften. Hierdurch und wegen der ihnen von der christlichen Obrigkeit ab dem Spätmittelalter auferlegten Verbote, Handwerksberufe und Ahnliches auszuüben (Zunftzwang), waren viele europäische Juden als Geldverleiher tätig.

Die Hauptakteure, die den Unmut gegen die Juden verbreiteten, waren die erstarkenden Zünfte und Bürger. Der Klerus hielt sich dagegen zurück. Die regionalen Fürstenhäuser, Reichsabteien und der Kleinadel, die eigentlich den Schutz der Juden sichern sollten, reagierten zurückhaltend. Papst Clemens VI. versuchte durch das Verbot, Juden ohne Gerichtsverfahren hinzurichten, spontane Gewaltausbrüche zu verhindern. Er argumentierte, dass auch die Juden von der Pest betroffen seien und auch Orte, in denen keine Juden wohnten, von ihr heimgesucht wurden. Sein Eingreifen hatte nur in Avignon Auswirkungen. Nach den Pestpogromen in Genf, Freiburg im Breisgau und Ulm kam es auch in Memmingen zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.

1348 wurde die Stadt von der großen Pestepidemie heimgesucht. Die Bevölkerungszahl schrumpfte merklich. Dies wurde, wie in vielen anderen Reichsstädten, den Juden angelastet. Diese wurden im November desselben Jahres ermordet und verbrannt, ihr Besitz wurde beschlagnahmt. Am 20. Juni 1349 verzieh Kaiser Karl IV. der Stadt.[1] Größere jüdische Ansiedlungen gab es weiterhin in Ravensburg, Augsburg und Ulm. 1373 gab Kaiser Karl IV. die Erlaubnis, Juden für sechs Jahre in der Stadt Memmingen zu schirmen.[2] 1401 und 1414 wird eine Judensteuer erwähnt, die an den König abzugeben war. Eine formelle Einbürgerung eines Juden ist für 1427 verbürgt. Der Rat nahm einen Juden namens Vryn aus Günzburg für fünf Jahre gegen 2 fl. Steuer und 8 fl. Beitrag zum Stadtaufbau auf. Gleichzeitig musste er sich verpflichten, bei Geldgeschäften nur 3 Heller pro rheinischen Gulden und Woche zu erheben. Bei Ausleuten konnte er 4 Heller verlangen. 1428 findet sich ein gleichartiger Vertrag mit einem Laemblin, einem Juden aus Zürich. 1431 wurden die Jüdinnen Kungund und Fröd steuer- und baugeldfrei aufgenommen. Lediglich ein Wachgeld mussten sie entrichten. 1524 lassen sich keine Juden in der Stadt nachweisen. Gleichzeitig erließ die Stadt eine restriktive Ordnung gegen sie und gebot den Bürgern, gar nichtz mit den Juden zu hanndeln, Unnd kain Juden herein zu lassen, dann sie seyen ainer gemaind beschwärlich.[3] Vermutlich war das gegen die Ansiedlung der Juden im nahen Amendingen gerichtet. Die Bürger sollten keine Finanz- und Handelsbeziehungen mit Juden unterhalten. Am 17. März 1531 entschied aber der Rat der Stadt,[4] dass Juden in Begleitung eines Stadtknechtes gegen Bezahlung und durch ein gelbes Ringlein gezeichnet, tagsüber in die Stadt kommen durften. Kaiser Karl V. erwirkte sogar ein Privileg, das es Juden verbot, Memminger Bürgern ohne das Wissen des Rates Geld zu leihen.[5] Bei Nichteinhaltung wurde den Juden Kerkerhaft und dem Memminger Bürger die Ausweisung aus der Stadt angedroht. Am 20. Juni 1349 verzieh der römisch-deutsche König Karl IV. der Reichsstadt den Mord an den Juden und den Raub ihres Besitzes.

1373 lebten wieder einige Juden in der Stadt. 1429 leisteten zwei Memminger Juden Bürgschaft für sechs in Ravensburg gefangengehaltene Juden. Danach verliert sich ihre Spur in den Annalen der Stadt, über eine Vertreibung ist nichts bekannt.

Neubegründung 1875

Erst 1862 erfolgte der Zuzug von Juden aus dem oberschwäbischen Umland, in dem es größere jüdische Gemeinden gab. 1875 wurde wieder eine jüdische Gemeinde in der Stadt gegründet. Juden errichteten Produktionsstätten für die Herstellung von Aluminium, Strickwaren und Käse. Textil-, Schuh- und Käsegeschäfte der Juden waren in der Innenstadt angesiedelt. Der Pferde- und Viehhandel lag ausschließlich in der Hand von Juden.

Als erster Jude in der Memminger Geschichte zog am 2. April 1891 der bisherige Ersatzmann Albrecht Gerstle ins Kollegium der Gemeindebevollmächtigten ein. Erwähnenswert ist auch Gerstles Engagement für das Freikorps Memmingen (später Schwaben), das 1919 zur Niederschlagung der Räterepublik gebildet wurde und dessen erstes Hauptquartier sich in Gerstles Wohnräumen in der Maximilianstraße 4 befand.[6]

1895 wurde mit 231 Personen ein Höchststand an jüdischen Einwohnern in Memmingen erreicht. Es gab den Israelitischen Frauenverein (1875), die Chewra Kadischa 1911, die Unterstützungskasse für durchreisende jüdische Arme und die Israelitische Wohtätigkeitsstiftung. 1925 wurden 175 Juden bei einer Gesamteinwohnerzahl von 13.500 gezählt, das entsprach einem Prozentsatz von 1,3. Es gab eine Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Für die religiösen Aufgaben stellte die Gemeinde, die dem Distriktsrabbinat Augsburg unterstand, einen Lehrer an. Er erteilte im Schuljahr 1932 27 Kindern Unterricht.

Gefallenenehrenmal für die jüdischen Soldaten

Im Ersten Weltkrieg kämpfte auch eine unbekannte Anzahl Memminger jüdischen Glaubens in den Reihen der Armee des Königreiches Bayern für das Deutsche Reich. Aus dieser Zeit stammt auch ein Kriegerdenkmal für die gefallenen Soldaten der jüdischen Gemeinde Memmingens. Es befindet sich auf dem jüdischen Friedhof an der Straße Am Judenfriedhof in Form einer großen Bank. Auf dem Gedenkstein ohne Namen kann man folgende Widmung in großen Lettern lesen:

DEM EHRENDEN ANDENKEN UNSERER HELDEN 1914–1918

Memminger Käsepogrom 1921

1921 ereignete sich das Memminger Käsepogrom gegen den jüdischen Memminger Bürger und Käsehändler Wilhelm Rosenbaum (*1875 in Memmingen). Rosenbaum wurde von einer Menge unter der Anführerschaft eines Dr. Sizius beschuldigt, überhöhte Preise für seine Produkte zu verlangen. Es kam zu Übergriffen der wütenden Menge auf jüdische Geschäfte, woraufhin der von der Menge Beschuldigte zum Schutz seiner Person in Haft genommen wurde. Am 16. September 1921 kam es zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Memminger Landgericht gegen den deutschvölkischen Arzt Dr. Sizius und elf weitere Angeklagte wegen Landfriedensbruchs. Sizius und ein weiterer Angeklagter namens Hail wurden zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Alle anderen Angeklagten wurden freigesprochen. Rosenbaum wurde 1933 inhaftiert und floh nach Holland und Belgien, von wo er 1938 nach Palästina auswandern konnte[7].

Memminger Synagoge

Am 2. November 1908 fand die Grundsteinlegung der Memminger Synagoge statt. Sie befand sich am Schweizerberg an der Ecke Kaisergraben, gegenüber der heutigen Bismarckschule. Die Pläne zeichnete der Frankfurter Architekt Max Seckbach. Er hatte die Vorgabe, sich der bodenständigen Bauart der Umgebung anzupassen. Am 8. September 1909 wurde die Synagoge eingeweiht. Sie hatte eine Kapazität von 200 Plätzen und eine Orgel. Sie hatte die Form einer barocken Kirche ohne Turm.

Gedenkstein Synagoge

1933 lebten noch 161 Juden in der Stadt. Am 1. April 1933 wurde ein Judenboykott von Staats wegen verhängt. 1936 durften die Juden den Schlachthof von Memmingen nicht mehr betreten. Es kam zu einer Verarmung der jüdischen Bevölkerung, die begann, Häuser und Geschäfte zu verkaufen. 37 Personen zogen in andere Städte um und 67 wanderten aus.

Während des Novemberpogroms am 10. November 1938 erhielt die Memminger Polizei um 1:20 Uhr ein vom Chef der Sicherheitspolizei (Sipo), SS-Obergruppenführer und General der Polizei Reinhard Heydrich unterzeichnetes Blitzfernschreiben aus München. Danach sollten sich die Leiter der Staatspolizei mit den jeweiligen Kreisleitern der NSDAP in Verbindung setzen und gemeinsam mit den Leitern der Ordnungspolizei Besprechungen über die durchzuführenden Demonstrationen abhalten. Die Polizei sollte gegen die Demonstranten nicht eingreifen. Der stellvertretende Leiter der Memminger Schutzpolizei Glogger informierte den damaligen Oberbürgermeister Berndl und Kreisleiter Schwarz gegen 15 Uhr von dem Fernschreiben. Ein identisches Telegramm hatte der örtliche Leiter der Außenstelle des SD, SS-Obersturmbannführer Hanusch erhalten. Hanusch ordnete an, die Judenwohnungen zu zerschlagen und die Synagoge in Brand zu stecken. Die Synagoge wurde geplündert und auf Anweisung von Kreisleiter Schwarz nicht in Brand gesteckt, sondern abgebrochen. Die Abbrucharbeiten wurden unter der Oberaufsicht der Deutschen Arbeitsfront (DAF) durchgeführt. Ausführende Baufirmen waren Hebel, Unglehrt und Kutter. Die Schreinereibetriebe Mayer und Welte wurden hinzugezogen, wobei sich die Firma Welte weigerte, den Auftrag anzunehmen. Die Abbrucharbeiten des ersten Tages dauerten von 16 Uhr nachmittags bis 22 Uhr. Einige Tage später wurde die Synagoge gesprengt, nachdem alle wertvollen Sakralgegenstände entwendet worden waren. Für die Kosten in Höhe von 12.000 Reichsmark musste die jüdische Gemeinde aufkommen. An den Abbrucharbeiten, die eine Woche dauerten, beteiligten sich auch viele Schulkinder mit ihren Lehrern. Eine weitere zentrale gesteuerte Heydrich-Aktion widmete sich der Zerstörung von jüdischen Geschäften und Privathäusern. Das Haus des jüdischen Religionslehrers, weitere 23 Wohnhäuser und drei Geschäfte in der Kramer- , Herren- und Moltkestraße wurden zerstört.

1940 wurden 60 Gemeindemitglieder dazu gezwungen, beengt in fünf Häusern zu wohnen. 1941 wohnten noch 40 jüdische Gemeindemitglieder in zwei Häusern in der Stadt. Vom 30. Januar bis 13. März 1942 wurden 25 Juden aus Memmingen nach Fellheim verschleppt, von dort aus in Vernichtungslager deportiert und später ermordet. 1945 wurde das Grundstück, auf dem bis 1938 die Synagoge gestanden war, mit einem Nebengebäude von den Lechwerken Augsburg bebaut und eine Gedenkstätte angelegt.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Die Geschichte der Memminger Juden
  2. 1StaatsAAug MüB RU Mem 67; 1373 Okt 14.
  3. StadtAMM A RPr 1524 Nov. 14
  4. J. Miedel, Juden
  5. StA Augsburg, RU Memmingen 666
  6. Stadtarchiv Memmingen: Albrecht Gerstle - Lebenslinien eines Juden 1842-1921 1997
  7. Joseph Walk (Hrsg.), Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945. hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. München : Saur, 1988 ISBN 3-598-10477-4, S. 313

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