Jüdischer Aufstand


Jüdischer Aufstand
Der von Titus zerstörte Tempel von Jerusalem im Modell

Der große Jüdische Krieg gegen die Römer begann im Jahr 66 n. Chr. in Judäa, ausgelöst durch staatliche und religiöse Unterdrückung, und endete im Jahr 70 mit der Zerstörung des Tempels (bzw. im Jahr 74 mit dem Fall von Masada). Es war der erste der drei großen jüdischen Aufstände gegen die Römer im ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. – der zweite war der Diasporaufstand um 116, der dritte der Bar-Kochba-Aufstand von 132-135 –, die schließlich zur Zerstörung der letzten Reste eines größeren geschlossenen jüdischen Siedlungsgebiets in der römischen Provinz Judäa führten und die Diaspora-Situation des Judentums bis ins 20. Jahrhundert begründeten.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte und Verlauf

Im Jahr 6 war Judäa zur römischen Provinz Syria geschlagen worden und wurde – mit kurzen Unterbrechungen – von ritterlichen Präfekten verwaltet. Schon 6/7 kam es zu einem Aufstand, den Judas, Sohn des Ezechias, führte. Judas war einer von mehreren Volkspredigern, die sich als Messias (Christus) ausgaben: Endzeiterwartungen, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. immer populärer geworden waren, waren in diesen Jahrzehnten weit verbreitet, unterschieden sich aber stark voneinander. Viele glaubten, der „Tag des Herrn“ werde durch einen menschlichen oder göttlichen Boten (meschiya) vorbereitet werden. Dies trug zu einer religiösen Aufladung der Unzufriedenheit mit der römischen Herrschaft bei, wobei die Juden auch in dieser Hinsicht keineswegs mit einer Stimme sprachen, sondern verschiedenen Lagern angehörten. Besonders die Zeloten strebten einen gewaltsamen Aufstand gegen Rom an, während die Gemäßigten, die einen Ausgleich mit Rom suchten, beständig an Rückhalt verloren. 26 kam es zu schweren Unruhen, als Pontius Pilatus Kaiserbilder nach Jerusalem bringen ließ, und auch die Hinrichtung von Jesus von Nazareth gehört fraglos in diesen Zusammenhang: Die jüdischen Autoritäten und die Römer betrachteten ihn als einen von vielen radikalen Unruhestiftern. Um 45 vollbrachte der Prediger Thaddäus angeblich große Wundertaten und zog zahlreiche Anhänger an sich, woraufhin der Prokurator Cuspius Fadus die Menge gewaltsam auseinander treiben und Thaddäus hinrichten ließ. Um 52 provozierte ein römischer Legionär durch obszönes Verhalten blutige Unruhen, denen 20.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. Spätestens seit der Verhaftung des Zelotenführers Eleazar traten die Sikarier (zu denen nach Ansicht einiger Forscher auch bereits Petrus gezählt hatte) immer stärker in Erscheinung, die Attentate auf Römer, Griechen und Juden, die sie für Verräter hielten, verübten. Die Situation verschärfte sich durch das ungeschickte Verhalten vieler Statthalter und die wachsenden Spannungen zwischen Juden und Nichtjuden sowie zwischen Radikalen und Gemäßigten immer mehr.

Als der römische Statthalter Gessius Florus nach andauernden Repressionen und stetigen Anhebungen der Zwangszahlungen an Rom einen Teil des Jerusalemer Tempelschatzes forderte, begannen Teile der jüdischen Bevölkerung, zum offenen Kampf gegen die Besatzung zu rüsten. Ab 66 kämpften die Zeloten in großen Teilen Judäas gegen die römische Armee. Einige einflussreiche Rabbis – vor allem Jochanan ben Sakkai, ein Nachfolger Hillels – versuchten den drohenden Krieg zu verhindern, sprachen jedoch für einen zunehmend geringeren Bevölkerungsanteil. Der gemäßigte Hohepriester Ananias wurde schließlich von den Radikalen ermordet. Nur wenige Bezirke wurden durch Diplomatie zwischen den lokalen jüdischen Führern und der römischen Verwaltung von den Unruhen verschont. Der Statthalter von Syrien, Cestius Gallus, entsandte daher im Herbst 66 ein Heer, das aber nach Anfangserfolgen bei Beth Horon vernichtend geschlagen wurde. Dieser Sieg brachte die Kriegspartei unter den Juden endgültig an die Macht. Dennoch waren die Aufständischen bis zum Schluss untereinander zerstritten, was ihre Sache schwächte.

Die weitgehend unabhängig voneinander agierenden Anführer der Aufstände waren Johann von Gischala, Schimon bar Giora und bis zu seinem Überlaufen zu den Römern Joseph ben Mathitjahu, der später unter dem Namen Flavius Josephus einer der wichtigsten Chronisten des Krieges wurde. Nachdem die gut ausgerüsteten Aufständischen die römische Besatzung mehr und mehr in die Defensive drängten, marschierte im Jahr 67 der vom damaligen Kaiser Nero ernannte Vespasian mit 30.000 Legionären und etwa ebensovielen Hilfstruppen in Judäa ein und konnte vor allem in Galiläa schnelle Erfolge verbuchen. Im Juli 67 fiel Iotapata, das von Josephus befehligt worden war, an die Römer.

Der Sturm auf das von Aufständischen kontrollierte Jerusalem zögerte sich jedoch hinaus, was mit Veränderungen in Rom zu tun hatte. Nach dem Suizid Neros entstand in Rom ein Machtvakuum, welches das Vierkaiserjahr zur Folge hatte, an dessen Ende sich Vespasian durchsetzte, der auf die Unterstützung der Statthalter und Legionen des Orients bis zur Donaugrenze bauen konnte. Im Jahr 69 wurde er von Tiberius Iulius Alexander zum Kaiser ausgerufen und begründete damit die Flavier-Dynastie. Da sich Vespasian um seine Macht zu festigen nach Italien begeben musste, überließ er die Erstürmung Jerusalems seinem ältesten Sohn, dem späteren Kaiser Titus.

Jerusalem und mit ihm der Zweite Tempel wurden nach langer, verlustreicher Belagerung und Hungersnot im Jahr 70 von den Römern unter Titus erobert und gemäß der römischen Kriegsphilosophie vollständig zerstört (solo adaequare). Die Bergfestung Masada auf einem unzugänglichen Felsplateau über dem Toten Meer wurde erst April 74 von dem neuen Statthalter Flavius Silva eingenommen. Zu deren Eroberung bauten die Römer mehrere Heerlager und eine riesige Rampe auf den Berg. Diese Bauten und die Verteidigungsanlagen sind großenteils bis heute erhalten und ein beeindruckendes Reiseziel für viele Touristen.

Einige Stunden vor der Erstürmung der Festung entzogen sich die 900 Verteidiger durch gemeinsamen Suizid der Gefangennahme durch die Römer, was beim Heer und den römischen Geschichtsschreibern einen nachhaltigen Eindruck hinterließ.

Der Talmud (Traktat Gittin 56a) berichtet über die Tage vor der Zerstörung des Tempels im Jahre 70:

Während der Belagerung Jerusalems rissen die Zeloten die Macht an sich. Unsere Weisen sprachen zu ihnen: „Wir wollen hinausgehen und mit dem Belagerer den Frieden suchen.“ Die Eiferer ließen es nicht zu und entgegneten: „Wir wollen lieber hinausziehen zum Krieg!“ – „Dies wird nicht gelingen.“ – Da verbrannten die Zeloten die Vorräte der Stadt Irushalajim (um das Volk zum Endkampf zu bewegen), allen Weizen und die Gerste, so dass der Hunger über die Stadt kam.

Im folgenden Jahrzehnt wanderten zahlreiche Juden aus. Die jüdische Diaspora erstreckte sich bald rund ums Mittelmeer, viele emigrierten jedoch auch ins Perserreich, wo für die Juden günstigere Bedingungen als im Römischen Reich herrschten. Die Ankunft palästinensischer Judenchristen in der kleinasiatischen Hauptstadt Ephesos ist z. B. geschichtlich verbürgt.

Nach dem Ende des Krieges wurde Judäa nominell von König Herodes Agrippa II. regiert. Nach seinem Tod um 100 wurde Judäa römische Provinz.

Archäologie

Die Klagemauer in Jerusalem ist ein Rest der Fundamente des Plateaus des herodianischen Palastes und des durch die Römer zerstörten 2. Tempels der Juden.

Israelische Archäologen haben bei einer Ausgrabung der IAA im westlichen Sektor von Kerem al-Ras bei Kfar Kana in Untergaliläa jüngst ein System von Katakomben entdeckt, das darauf schließen lässt, dass der Aufstand nicht spontan, sondern geplant und vorbereitet erfolgte. Yardenna Alexandre von der Israel Antiquities Authority gab die nördlich von Nazareth gelegenen Tunnel und Gewölbe bekannt, die sich direkt unter den Wohngebäuden befanden und von außen nicht sichtbar waren. Sie gelten als 2000 Jahre alt und boten im Notfall Schutz für größere Gruppen. In einer der Höhlen fanden die Archäologen elf große Vorratsgefäße.

Quellen

  • Flavius Josephus: De bello Iudaico, griechisch/deutsch, hrsg. und mit einer Einleitung sowie mit Anmerkungen versehen von Otto Michel und Otto Bauernfeind, 3 Bde., 1959-1969.

Literatur

  • Abenteuer Archäologie. Spektrum der Wissenschaft Verl.-Ges., Heidelberg 2006,2, S.10. ISSN 1612-9954
  • Klaus Bringmann: Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94138-X, S.218ff.
  • Ernst Ludwig Ehrlich: Der antike jüdische Staat, Hannover 1964.
  • Ernst Ludwig Ehrlich: Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zur Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.), Berlin 1958.
  • Irene Lande-Nash: 3000 Jahre Jerusalem. Eine Geschichte der Stadt von den Anfängen bis zur Eroberung durch die Kreuzfahrer, Tübingen 1964.
  • Markus Sasse: Geschichte Israels in der Zeit des Zweiten Tempels. Historische Ereignisse, Archäologie, Sozialgeschichte, Religions- und Geistesgeschichte, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004, ISBN 3-7887-1999-0
  • Ute Schall: Die Juden im Römischen Reich. Regensburg 2002, ISBN 3-7917-1786-3.
  • E. Mary Smallwood: The Jews under Roman rule from Pompey to Diokletian. A study in political relations, Studies in Judaism in Late Antiquity 20, 2. Aufl., Leiden 1981, ISBN 90-04-06403-6.

Weblinks


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