Jürgen Draeger


Jürgen Draeger

Jürgen Draeger (* 2. August 1940 in Berlin) ist ein deutscher Schauspieler, Maler und Zeichner.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Anfang des 2. Weltkrieges wurde Jürgen Draeger am 2. August 1940 in einer fensterlosen Kellerwohnung in Berlin-Kreuzberg geboren. Während der Zerstörung der Hauptstadt wurde das Kind von seinen Eltern getrennt. Die Familie wurde erst nach dem Krieg durch das Rote Kreuz wieder zusammengeführt. In den Trümmern von Berlin hatte Jürgen die Kunst des Überlebens erfahren müssen. Auf den Strassenpflastern und an Trümmerwänden setzte er mit Holzkohle und weißer Kreide Lebenszeichen. Kreide und Kohle sind bis heute seine bestimmenden Arbeitsmaterialien in seiner Kunst. Nach der Entlassung aus der russischen Kriegsgefangenschaft und der Geburt seiner Tochter Gerlinde verstarb Vater Julius Draeger 1950 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen.

Mutter Käthe Draeger lebte mit ihren zwei Kindern von Sozialunterstützung. Mit 13 Jahren wurden Jürgen Draegers Zeichnungen erstmalig in Berliner Tageszeitungen veröffentlicht. Mit einer Sondergenehmigung durfte der 15 Jährige in der Hochschule für bildende Künste das Aktzeichnen studieren. Vier Jahre später entstand das erste Ölbild "Berliner Häuser", daß 1960 auf der Grossen Berliner Kunstausstellung gezeigt wurde. Der Regierende Bürgermeister von Berlin Willy Brandt eröffnete die 700 Werke umfassende Präsentation zeitgenössischer Kunst. Am Höhepunkt der abstrakten Malerie überraschte Draeger die Kunstkritik mit seinem sozialkritischen Realismus. Das Gemälde wurde vom Textdichter Bruno Balz ("Kann denn Liebe Sünde sein?") gekauft. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.

Als Fabrikarbeiter verdiente sich der Künstler nachts seinen Lebensunterhalt. Zusätzlich arbeitete er als Assistent des Fotografen Herbert Tobias und nahm Schauspielunterricht bei Marlise Ludwig. Erster Bühnenerfolg war am Schiller Theater Berlin in Wedekinds "Frühlingserwachen". Mit einer Hauptrolle in Jürgen Rolands preigekrönten Film "Polizeirevier Davidswache" (Bundesfilmpreis, Goldene Leinwand) wurde Draeger 1964 über Nacht zum Idol der jungen Generation. Weitere Filmrollen folgten. Sein Gesicht erschien auf vielen Zeitschriftentiteln. Draeger wurde zum beliebtesten Filmschauspieler des Jahres 1967 gewählt und drehte in ganz Europa über 50 Filme. Parallel entwickelte sich eine vielseitige Fernsehkarriere: seine Hauptrolle in Eberhard Fechners "Selbstbedienung" gehört heute zur Fernsehspielgeschichte, ebenso die Stahlnetz-Folge "Die Nacht zum Ostermontag" von Regisseur Jürgen Roland.

Schauspielkunst und Malerei ergänzten sich als inspirierende Symbiose, weil der Mensch in seiner Vielschichtigkeit immer im Mittelpunkt steht. Als Meister des künstlerischen Doppellebens bewies sich Draeger als Darsteller in den verfilmten Maler-Biografien des französischen Künstlers Eugène Delacroix (1798-1863) und als Hans Makart (1840-1884) aus Österreich.

Für den Film "Roma" engagierte Oscarpreisträger Federico Fellini 1971 den Berliner Künstler als Kostüm- und Decorzeichner. 1975 studierte Draeger auf Oskar Kokoschkas Sommerakademie in Salzburg die Technik von Radierungen und Kupferstichen. Im gleichen Jahr erhielt Draeger den 1. Preis der Berliner Festwochen für seine Grafik "Der tanzende Leierkastenmann". Für eine Reportage über den Maler Marc Chagall wurde Jürgen Draeger vom Magazin STERN als Fotograf verpflichtet. Ebenso fotografierte er Porträts für das ZEIT-Magazin. Im Auftrag des Hamburger Abendblattes entstand eine Fotoserie über Hildegard Knefs letzte Tournee.

In den 70er Jahren lebte der Künstler vor allem in der bayrischen Hauptstadt München. Dort lernte er die populäre junge Schauspielerin Helga Anders kennen, mit der er sich 1980 in Venedig verlobte. Durch ihren völlig unerwarteten Tod fand die schon vorbeireitete Hochzeit in Berlin nicht mehr statt.

Auf Wunsch des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder begleitete Jürgen Draeger zeichnerisch 1982 die Verfilmung des Skandal-Romans "Querelle" von Jean Genet im Berliner Filmstudio. Nach Literatur und deren Verfilmung sollten Draegers Zeichnungen über das Thema Gewalt und Leidenschaft die dritte künstlerische Interpretation werden.

Andy Warhol und Jürgen Draeger erhielten von Fassbinder den Auftrag jeweils ein "Querelle" Kinoplakat zu gestalten. Nach den Dreharbeiten verstarb Rainer Werner Fassbinder am 10. Juni 1982 in München. Danach lehnte der Filmverleih die Plakatentwürfe von Warhol und Draeger ab. Ein deutscher Verlag dagegen verkaufte die Warhol und Draeger Entwürfe als Kunstdrucke weltweit.

Draegers QUERELLE-ZYKLUS umfasst über 100 Zeichnungen und wurde zur Filmpremiere 1982 erstmalig in Berlin ausgestellt. Kunstkritik und Publikum feierten einen sensationellen Erfolg. Die Ausstellung ging auf Europa-Tournee und hatte über 170.000 Besucher.

Mit dem QUERELLE-ZYKLUS startete der Künstler die 5 jährige Arbeit zur TRILOGIE DER MASKEN: Drei Jahre lang begleitete der Maler den Circus Roncalli durch Deutschland, während dessen der Bilderzyklus DIE REISE ZUM REGENBOGEN entstand, der als Wanderausstellung international gezeigt wurde. Anschließend arbeitete und lebte Draeger im Theater des Westens in Berlin, um die Probenzeit zum Musical EIN KÄFIG VOLLER NARREN hautnah zu erleben. QUERELLE, CIRCUS RONCALLI und EIN KÄFIG VOLLER NARREN wurden nach Vollendung 1986 vom Künstler als TRILOGIE DER MASKEN betitelt.

Für das deutsche Schauspielhaus Hamburg gestaltete der Künstler 1985 das Konzert-Plakat "Hommage à Marlene" zu Ehren des Weltstars Marlene Dietrich.

DIe Ausstellung PICASSO,DALI,MIRÒ & DRAEGER wurde 1985 von der Galerie Ruf in München zum Thema Zirkus präsentiert. Sämtliche Draeger-Werke wurden während der Vernissage verkauft. Daraufhin zeigte die Galerie Ruf eine Auswahl von neuen Draeger-Werken auf der Kunstmesse Basel.

Zur 750 Jahresfeier lud die Stadt Berlin den Künstler 1987 ein. Dazu wurde eigens ein Museumspavillon erbaut, in dem Bilder aus seiner Zirkus-Serie ausgestellt wurden.

Am 14. März 1988 verstarb sein Lebensgefährte Bruno Balz. Am 19. März 1988 folgte der Tod von Mutter Käthe.

Der Friedensnobelpreisträger Willy Brandt wurde durch den QUERELLE-ZYKLUS auf den Künstler aufmerksam. Als persönlicher Gast begleitete Draeger 1990 Willy Brandt auf dessen historischer Reise in die Neuen Bundesländer. Dabei entstand eine Brandt-Portrait-Serie, die zum 50. Geburtstag des Malers im gleichen Jahr im Berliner Rathaus-Tempelhof zur Jubiläumsausstellung "Lebensläufe" als Höhepunkt gezeigt werden sollte. Der Bezirksbürgermeister lehnte die Brandt-Portraits ab. Während der Pressekonferenz kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen dem Kulturamtsleiter und Draeger. Schon im Vorfeld wurde das vorgesehene Ausstellungsplakat mit einem Zitat von Jean Genet wegen angeblichen pornographischen Inhalts vom Kunstamt Tempelhof abgelehnt. Die Erstauflage wurde vernichtet, eine zensierte Neuauflage musste der Künstler selbst bezahlen. Der Festakt wurde abgesagt, der Bezirksstadtrat Klaus Wowereit durfte die Laudatio nicht halten. Durch einen Gerichtsbeschluß mussten die Brandt-Portraits gezeigt werden. Jürgen Draeger wurde wegen Körperverletzung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Draegers Ausstellung "Lebensläufe" hingegen wurde ein Publikumsrenner.

Nach dem Skandal verließ der Künstler Deutschland und verschwand spurlos.

Erst zur Erinnerung des 100. Geburtstages seines verstorbenen Lebensgefährten dem Textdichter Bruno Balz kam Draeger 2002 zeitweise nach Berlin zurück und gründete die Firma "Evergreens Comeback !! Medien". Seine erste Produktion war die Doppel-CD DER WIND HAT MIR EIN LIED ERZÄHLT als Hommage an den Meister unvergeßlicher Lieder, die einst Zarah Leander, Heinz Rühmann und Johannes Heesters zu Stars machten. Die Musikproduktion war nach kurzer Zeit vergriffen.

Mit der Anmietung des historischen Rathenau-Saales als Atelier 2008 im ehemaligen AEG-Industriegebiet in Oberschöneweide ist Draeger endgültig in seine Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt. Zum "Tag des offenen Denkmals 2009" wurde das Atelier-Draeger mit einer Ausstellung der umstrittenen Brandt-Portraits einem neuen Publikum zugänglich gemacht. Im Atelier-Draeger wurden Werke zum "Tag des offenen Denkmals 2010" aus dem QUERELLE-ZYKLUS gezeigt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit besuchte diese Ausstellung. Die Kunstwerke aus dem RONCALLI-ZYKLUS wurden zum "Tag des offenen Denkmals 2011" präsentiert.

Zur Zeit arbeitet der Künstler an einem neuen Bilderzyklus, den er nach Vollendung in Berlin präsentieren wird.

Zur Berlinale 2011 hatte in der Sektion Panorama der Dokumentarfilm LEICHT MUSS MAN SEIN. FLIEGEN MUSS MAN KÖNNEN von Anette Frick über den Fotografen Herbert Tobias am 17. Februar 2011 Premiere. Als ehemaliger Assistent des Fotografen ist Draeger als einziger Zeitzeuge im Interview zu sehen.


Jürgen Draeger wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichent und gilt als bedeutender deutscher Künstler der Gegenwart ("Berliner Morgenpost", "TAZ" )

Filmografie

  • 1963: Barras heute
  • 1963: Scotland Yard jagt Dr. Mabuse
  • 1964: Polizeirevier Davidswache
  • 1964: Hafenpolizei – St. Pauli ohne Maske
  • 1964: Das Kriminalmuseum – Gesucht: Reisebegleiter
  • 1965: Stahlnetz – Nacht zum Ostersonntag
  • 1966: Abschied
  • 1966: 4 Schlüssel
  • 1966: Siebzehn Jahr, blondes Haar (La battaglia dei mods)
  • 1967: Herr Hesselbach und das Juwel
  • 1967: Selbstbedienung
  • 1967: Der Tod eines Doppelgängers
  • 1967: Fliegender Sand
  • 1967: Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn
  • 1968: Jet Generation - Wie Mädchen heute Männer lieben
  • 1968: Das Kriminalmuseum – Die Reifenspur
  • 1968: Zuckerbrot und Peitsche
  • 1969: Stewardessen (Serie)
  • 1969: Astragal (L'Astragale)
  • 1969: Spielst Du mit schrägen Vögeln
  • 1969: Hannibal Brooks
  • 1970: Komm nach Wien, ich zeig dir was!
  • 1970: Liebling, sei nicht albern!
  • 1973: Vier Fenster zum Garten
  • 1974: Zwangspause
  • 1976: Anita Drogemöller und die Ruhe an der Ruhr
  • 1979: Die dritte Generation
  • 1980: Schicht in Weiß (Serie)
  • 1980: Der König und sein Narr
  • 1980: Berlin Alexanderplatz
  • 1981: Sternensommer
  • 1981: Lili Marleen
  • 1983: Kontakt bitte... (Serie)
  • 1984: Die Story
  • 1985: Alpha City
  • 1986: Detektivbüro Roth, Regie: Jürgen Karl Klauß
  • 1989: Rivalen der Rennbahn (Serie)
  • 1990: Der neue Mann
  • 1995: Gegen den Wind

Auszeichnungen

Ausstellungen

  • September 2010: Fassbinders letzte Reise - Querelle Zyklus von Jürgen Draeger, Atelierhaus 79, Oberschöneweide, Berlin
  • Oktober 1990: Lebensläufe, Galerie im Rathaus, Kunstamt Tempelhof, Berlin
  • Jürgen Draeger - Landleben und Zirkuswelt, 1986

Veröffentlichungen

Anmerkungen

  1. Laut Langen Müller's Schauspielerlexikon der Gegenwart (1986) und einigen Websites wie www.welt.de und morgenpost.de. Im offiziellen Verzeichnis der Empfänger des Bundesfilmpreises 1965 wird Draeger jedoch nicht erwähnt [1], und auch die IMDb kennt diese Auszeichnungen nicht.

Weblinks


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