Kampfgruppen der Arbeiterklasse

Kampfgruppen der Arbeiterklasse

Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse auch Kampfgruppen (KG) oder Betriebskampfgruppen genannt, waren eine paramilitärische Organisation von Beschäftigten in Betrieben der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Durch die Kampfgruppen sollte die Herrschaft des Proletariats in der DDR auch militärisch manifestiert werden.

Kampfgruppen-Ausbildung 1956

Inhaltsverzeichnis

Mitgliederorganisation

Rangabzeichen der Kampfgruppen

Die einfachen Mitglieder dieser militärischen Einheit waren „Angehörige der Kampfgruppen der Arbeiterklasse“. Die Kämpfer waren meist männliche Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und später auch Nicht-Mitglieder und wenige Frauen in den Betrieben, staatlichen Einrichtungen, Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) sowie Hoch- und Fachschulen, die in ihrer Freizeit mehrmals im Jahr (meist an Freitagen/Wochenenden) zu militärischen Übungen und Schulungen in Uniform ausrückten. Außerdem wurden Angehörige der Kampfgruppen zur Unterstützung der Deutschen Volkspolizei (DVP) mobilisiert, wenn Angehörige der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland mit Munition (meist MG mit Patronen sowie Handgranaten) fahnenflüchtig waren. In ihrem Gelöbnis wurden die Kämpfer auf die SED eingeschworen „zur Verteidigung der Errungenschaften des Arbeiter- und Bauernstaates mit der Waffe in der Hand“. Kommandeurposten waren nur SED-Mitgliedern vorbehalten. Die Mitgliedschaft in den Kampfgruppen war eine Form des freiwilligen militärischen Dienstes zum Schutze des Vaterlandes, neben der Ausübung eines zivilen Berufes und außerhalb der NVA und der Grenztruppen der DDR.

Das Mindestalter der Kämpfer war 25 Jahre, Doppelmitgliedschaften bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), dem DRK der DDR, der Zivilverteidigung u. a. waren zur Vermeidung von Doppelunterstellungen verboten. Dies überwachten die Wehrkreiskommandos der NVA. In den Bildungseinrichtungen der Volksbildung wurden keine Kampfgruppen gebildet. Dafür wurde den Lehrern „empfohlen“, innerhalb der GST als Ausbilder bei der vormilitärischen Ausbildung der Schüler, Lehrlinge oder Studenten mitzuarbeiten.

Als Anerkennung für den ansonsten unbezahlten Dienst gab es ab einer fünfundzwanzigjährigen Zugehörigkeit einen Zuschlag zur Altersrente von monatlich 100 DDR-Mark.

Ausrüstung

Die Bewaffnung der Angehörigen der Kampfgruppen bestand aus Pistolen, Gewehren des Fabrikats AK-47, Maschinenpistolen, Maschinengewehren, Granatwerfern, leichten Panzer- und Flugabwehrkanonen bis hin zu leichten Schützenpanzern. Dabei handelte es sich meist um älteres Gerät sowjetischer Bauart aus Beständen der NVA und anderer bewaffneter Organe. Die Waffen wurden in der Regel in den Fabriken bzw. anderen Arbeitsorten verwahrt. Als Transportmittel wurden überwiegend betriebliche Fahrzeuge wie Lastkraftwagen des Typs W50 eingesetzt.

Geschichte

Briefmarkenblock anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Kampfgruppen (DDR 1973)
Kampfgruppen an der innerdeutschen Grenze in Vorbereitung des Mauerbaus, 13. August 1961.

Die ersten Einheiten wurden bereits im zweiten Halbjahr 1952 aufgestellt. Die Kampfgruppen wurden in Auswertung des „konterrevolutionären“ Aufstandes vom 17. Juni 1953 im Laufe des Jahres 1954 als Betriebskampfgruppen weiterentwickelt. Ihre offizielle Aufgabe war anfangs der Kampf gegen Saboteure und andere „Feinde des Sozialismus“ in der DDR, insbesondere als bewaffneter Betriebsschutz. Während des Aufstandes in Ungarn 1956 zeigten sie in der Öffentlichkeit Präsenz. Ab 1959 war die offizielle Bezeichnung Kampfgruppen der Arbeiterklasse. Ihr historisch wichtigster Einsatz war die Beteiligung von 5000 (nach anderen Angaben 8000) Kämpfern zur Grenzsicherung beim Bau der Berliner Mauer 1961, obwohl die tatsächliche Einsatzbereitschaft damals eher mangelhaft war. Während der Wendedemonstrationen 1989 wurden vereinzelt Kampfgruppenangehörige auch in Zivil als „gesellschaftliche Kräfte“ eingesetzt, unter anderem in Leipzig, Plauen und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz).

Bekanntester propagandistischer Einsatz war ein „Leserbrief“ am 6. Oktober 1989 in der Leipziger Volkszeitung (damals SED-Tageszeitung) unter dem Titel Werktätige des Bezirkes fordern: Staatsfeindlichkeit nicht länger dulden vom Kommandeur Günter Lutz im Auftrag der Kampfgruppenhundertschaft Hans Geiffert. Darin forderte er, „diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand!“ Inwieweit dieser gesteuerte Leserbrief authentisch war, ist strittig.

Letzter Verantwortlicher war von 1972 bis 1989 Generalmajor Wolfgang Krapp als Hauptabteilungsleiter Kampfgruppen im Ministerium des Inneren. Bereits im Oktober 1989 hatten die KG ihre Tätigkeit eingestellt, und am 6. Dezember 1989 wurde die Entwaffnung vom neuen Innenminister der DDR angeordnet. Bis Ende Mai 1990 waren alle KG-Einheiten demobilisiert.

Aufgaben und Gliederung

zwei Kampfgruppenangehörige im Gespräch mit Angehörigen der NVA und der Volkspolizei an der Berliner Sektorengrenze 1961

Nach Unterlagen und Lehrinhalt der Militärakademie der NVA waren die Bezirkskampfkräfte für die Eingliederung in die NVA als reguläre Gefechtseinheiten vorgesehen. 1970 nahmen daher auch Kampfgruppen an Manövern der NVA teil. Die Kreiskampfkräfte waren gemeinsam mit den Kasernierten Einheiten des Ministeriums des Innern (MdI) (unter anderem VP-Bereitschaften) vorgesehen für die Bekämpfung bewaffneter subversiver Kräfte innerhalb der DDR. Sie waren aufgrund wechselnder Aufgabenzuteilung vielfältigen Organisationsänderungen unterworfen. Kampfgruppenformationen wurden neben den Kräften der Zivilverteidigung auch eingesetzt bei Katastrophen und Havarien.

Ihre operativen Aufgaben erhielten sie von der Bezirkseinsatzleitung (Chef: 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Stabschef: Leiter Wehrbezirkskommando NVA, weitere Mitglieder unter anderem Chef der Bezirksbehörde der Volkspolizei). Formell blieben sie aber der Abteilung Sicherheit im Zentralkomitee der SED direkt unterstellt.

Bei den Kampfgruppen wurde zwischen Kampf- und Sicherungskräften unterschieden. 1980 waren ca. 78.500 Kämpfer bei den motorisierten Kampfkräften und ca. 106.500 Kämpfer bei den Sicherungskräften, zuzüglich der Reserve war eine Gesamtstärke von etwa 210.000 Kämpfern theoretisch verfügbar.

Hinsichtlich der Anleitung waren die Bataillone und Hundertschaften den Abteilungen Kampfgruppen bei den Volkspolizei-Bezirksbehörden (BDVP) und -Kreisämtern (VPKA) zugeordnet. Die Ausbildung und Schulung der Kommandeure erfolgte an der VP-Schule in Biesenthal bei Berlin. Außerdem gab es seit 1957 die Zentrale Schule für Kampfgruppen (ZSKG) Ernst Thälmann in Schmerwitz südwestlich von Berlin und seit 1974 die Kampfgruppenschule Ernst Schneller in Gera.

Auszeichnungen

10 Mark Gedenkmünze der DDR zum Ehren für 30 Jahre Kampfgruppen der Arbeiterklasse aus dem Jahr 1983
  • Medaille für treue Dienste, vier Stufen (10, 15, 20, 25 Jahre)
  • Medaille für hervorragende Kampf- und Einsatzbereitschaft
  • Medaille für sehr gute Leistungen
  • Bestenabzeichen

Auch Sachgeschenke an ganze Hundertschaften waren üblich. So gab es zum 20. Jahrestag der Kampfgruppen in Berlin für alle Kämpfer einer Hundertschaft eine entsprechend gravierte Glashütter Armbanduhr und zu einem anderen Anlass je einen hochwertigen Feldstecher von Carl Zeiss Jena.

1983 wurde zu Ehren der Kampfgruppen eine DDR-Gedenkmünze herausgegeben.

Literatur

  • Volker Koop: Armee oder Freizeitclub? Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse in der DDR, Bonn 1997.
  • Torsten Diedrich: Im Dienste der Partei. Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Kampfgruppen der Arbeiterklasse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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