Kar (Talform)


Kar (Talform)
Karwendelhauptkette von Süden mit eingelagerten Karen

Ein Kar (engl. und frz. cirque), auch Kahr, Kaar (vom althochdeutschen char „Trog, Krug“) ist eine kesselförmige, an ein Amphitheater erinnernde Eintiefung an einem Berghang.

Inhaltsverzeichnis

Bildung

Schnitt durch einen Kargletscher
Blaue Lacke, Stubaier Alpen, Gletscherendsee, einem Karsee ähnlich, jedoch durch Moräne gestaut

Kare sind eine von sehr kurzen Gletschern (Kargletschern) geschaffene Ausräumungsform und liegen wenig unterhalb von Berggipfeln und Bergrücken. Sie sind nicht immer ausgefüllt von Kargletschern – mit typisch rundlicher bis ovaler Form und steil abfallender Oberfläche. Sie können auch gletscherfrei sein und sind dann Zeugen früherer Vergletscherungen und damit schneereicherer Klimabedingungen, wie sie in Kaltzeiten von Eiszeitaltern herrschten. Ebenso können sie im obersten Nährgebiet heutiger Gletscher unter Firneis verborgen sein und sind dann Zeugen einstiger geringerer Vergletscherungsstände.

Von Karen zu unterscheiden sind ähnlich aussehende, jedoch meist größere Kesselformen, die im weiteren Verlauf großer Gletscher entstehen, besonders dort, wo das Eis sich zu einer Gletscherzunge formiert oder dort, wo Eisströme zusammenfließen. Nach Abschmelzen des Gletschers bleiben im einen Fall markante Talschlüsse von Trogtälern zurück oder im anderen Fall Talstufen (sogenannte Konfluenzstufen).

Von Talstufen nicht immer leicht zu unterscheiden sind mehrstufige Kare, wobei sich in mäßig geneigten Oberhängen großer Kare während Phasen geringerer Vergletscherung kleinere Kare gebildet haben.

Etwas unscharf ist der Begriff Treppenkar, der sowohl die genannten mehrstufigen Kare bezeichnen kann, als auch Kare mit einer Folge von Talstufen unterhalb, mithin Kombinationsformen.

Kargletscher bilden sich dort, wo der Schnee entweder länger liegen bleibt als in der Umgebung, also in besonders beschatteter Lage, oder aber in größerer Menge anfällt, etwa im Windschatten eines Berges durch zusätzlich herangewehten Schnee. In der gemäßigten Zone der Nordhalbkugel führt ersteres zu Lagen vorwiegend an Nordhängen, besonders in steilen Lagen der Hochgebirge, und zweiteres zu eher östlicher Exposition, besonders in eiszeitlich vergletscherten Mittelgebirgen mit plateauförmigen Gipfelbereichen. Lagen in anderen als nordöstlichen Himmelsrichtungen sind gleichwohl möglich, aber seltener. Verschneiden sich die Rückwände von Karen, entstehen Berggrate, deren höchste Partien zugeschärfte Bergspitzen sind wie das Matterhorn, sogenannte Karlinge.

Merkmale eines Kars

Kare weisen an der Basis eine deutliche Verebnung auf, die von steilen Rückwänden oft halbkreisförmig umschlossen wird. Der Boden eines Kars kann eben sein oder sogar muldenartig übertieft, so dass sich dort Karseen oder Moore bilden konnten. Sie sind zum Tal hin abgeschlossen durch eine Karschwelle (auch Karriegel). Diese felsige Karschwelle kann auch vom Lockermaterial von Endmoränen überdeckt sein, welches seinerseits Seen anstauen kann. Das gestaute Wasser hat oft solche Moränenwälle katastrophal durchbrochen und schluchtartig zerschnitten. Die lehmige Grundmoräne des einstigen Gletschers hat den Untergrund des Kares oft zusätzlich abgedichtet, so dass auch in Karstgebieten Karseen vorkommen. Von Feuchte geprägt sind auch viele nicht übertiefte Karböden, da sich Kare bevorzugt oberhalb von Quellhorizonten gebildet haben. Im feinmaterialreichen Karkessel gibt es oft guten Weidegrund, weshalb Kare – auch wegen des sicheren Wasserdargebotes – bevorzugte Almstandorte sind, selbst über verkarsteten Kalkgesteinen.

Die umliegenden Steilhänge sind unterhalb von Felswänden oft von Schutt und Blockhalden bedeckt. Die in den Kessel hineinlaufenden Schuttfüße vereinen sich in ihrem unteren Teil zu einer gemeinsamen Schuttfläche. Hier verharrt das Material meist stabil genug für die Bildung eines Schuttbodens (Syrosem) mit guten Bedingungen für Gehölzbewuchs. In den tieferen Lagen der Mittelgebirge sind Kare bis auf Felshänge und grobblockige Schutthalden überwiegend bewaldet.

Die Höhenlage von Karschwellen deckt sich erfahrungsgemäß nahezu mit der Höhenlage der orographischen Schneegrenze, so dass bei einer größeren Anzahl von Karen in einem Gebiet auf frühere Höhenlagen der Schneegrenze geschlossen werden kann. Um die expositionsunabhängige (klimatische) Schneegrenze zu ermitteln, sind die Karhöhen entgegengesetzter Himmelsrichtungen zu mitteln.

Namensherkunft

Kar ist wohl verwandt zu ahd. char „Gefäß, Geschirr“. Es ist im bayrisch-tirolischen Bereich auch als Kår, Diminutiv Karl häufig, etwa namensgebend beim Karwendel. Das Wort steht tirolerisch auch für „Umgebung der Almhütte“, aber auch „Bergscheitel“, gegen Osten allgemein für „alpiner Talkessel“, in Kärnten allgemein für „Weidegrund“ oder sogar „Jagdrevier“ (Koralpe).[1] Verwandtschaft dürfte zum slowenischen Wort Kras, kroatisch Krš „dünner Boden“ bestehen, von dem sich das Wort Karst ableitet, aber auch mit „Sumpf“, schottisch kair, isländisch ker, dänisch kär, kjär, norwegisch kjerr, schwedisch kärr. Trotzdem mischt sich die Bedeutung mit einer frühen gesamteuropäischen Wurzel car, allgemein Fels[1], auf das der Bezug auf Schutthänge, wie auch die Verwitterungsform Karre (meist dezimeterbreite, parallele Rinnen in den Oberflächen verkarstungsfähiger Gesteine) zurückgeht, siehe auch unter Fels.

In Schottland und Irland findet sich das verwandte corries als Name, in Wales „cwms“ («kuhms»), im Norden Englands coombs. In Schweden werden sie botn (Mehrzahl botner „Gefäß“, verwandt mit Bottich) genannt.
In den Pyrenäen werden Kare als oules („Zirkustäler“) bezeichnet, in der Hohen Tatra heißen die Karseen (Bergseen) slowakisch pleso, bzw. plesa (Pl.), polnisch oko oder staw, bzw. stawy (Pl.).

Beispiele

Blick auf den Huzenbacher See von seiner Karwand (Nordschwarzwald)

Beispiele für Hochgebirgskare finden sich zahlreich nicht nur im Karwendelgebirge, wo sich die meisten Gipfelnamen von dem unterhalb liegenden Kar ableiten wie Birkkarspitze, Ödkarspitze, Seekarspitze, Moserkarspitze oder Vogelkarspitze. Bekannt sind auch die Koralpe oder in Südtirol die Karerseen.

In Mittelgebirgen sind Kare meist nord- bis ostwärts ausgerichtet. Eine große Kardichte gibt es im Nordschwarzwald, davon weisen mehrere Kare noch Wasserflächen auf. Der bekannteste Karsee im Nordschwarzwald ist der Mummelsee, im Südschwarzwald der Feldsee. Besonders tiefe Karseen sind der Lac Blanc (Weißer See) in den Vogesen mit 60 Metern Tiefe und der Černé jezero (Schwarzer See) im Böhmerwald mit 40 Metern Tiefe. Ein besonders typisches Kar in den nördlichen Mittelgebirgen ist das Steile-Wand-Kar im Harz.

Literatur

  • Fritz Fezer: Eiszeitliche Erscheinungen im nördlichen Schwarzwald. Bundesanstalt für Landeskunde Bd. 87. 1957

Weblinks

 Commons: Kar – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
  1. a b Eintrag [GK01759 KAR, n.] In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854-1960 (dwb.uni-trier.de)

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