Karikaturist


Karikaturist
Die erste Ausgabe des Kladderadatsch (Mai 1848)
Die häufig mißverstandene Karikatur Flammarions Holzstich über die mittelalterliche Vorstellung, auf Bergen den Himmel berühren zu können.

Unter Karikatur (von lat.: carrus = Karren, also: Überladung, und ital.: caricare = überladen, übertreiben) versteht man die komisch überzeichnete Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen, häufig mit politischer Tendenz. Die Zeichner von (bildlichen) Karikaturen nennt man Karikaturisten, das Zeichnen karikieren.

Bei Karikaturen handelt es sich meist um eine bildliche Form der Satire, die sich als parteiische Kritik an bestehenden Werten oder politischen Verhältnissen versteht und oft als „Waffe” in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen verwendet wird. Die Karikatur übertreibt bewusst, spitzt zu und verzerrt charakteristische Züge eines Ereignisses oder einer Person, um durch den aufgezeigten Kontrast zur Realität und die dargestellten Widersprüche den Betrachter der Karikatur zum Nachdenken zu bewegen. Oftmals nimmt die Karikatur zu einem aktuellen Sachverhalt sarkastisch-ironisch Stellung. Wesentliche Fehler und Mängel der dargestellten Person (z. B. eines Politikers) oder des dargestellten Objektes oder Ereignisses werden aufgedeckt und durch die Art und Weise der meist zeichnerischen Präsentation der Lächerlichkeit preisgegeben.

Die Karikatur kann mehr satirisch oder eher humoristisch ausgerichtet sein, je nachdem, ob sie ihr Opfer völlig verurteilt und lächerlich macht oder – als bloße Witzzeichnung – nur einige Mängel mit leiser Ironie kommentieren will. Bei einer Deutung von einer Karikatur geht man in folgenden Schritten vor: 1. sich informieren, 2. beschreiben, 3. erklären und 4. zusammenfassen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte der Karikatur

Gargantua“ von Honoré Daumier.

Wegen dieser Karikatur König Louis-Philippes wurde Daumier zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Die ersten Karikaturen soll es bereits in der Antike gegeben haben. Auf altägyptischen Papyri, griechischen Vasen oder als römische Wandmalerei fanden sich vereinzelt karikaturähnliche Darstellungen. In mittelalterlichen Kirchen finden sich an Kapitellen der Säulen oder in der Buchmalerei satirische Motive. Während der Reformationszeit wurden auf Flugblättern Vertreter des Protestantismus und Katholizismus von der jeweiligen Gegenseite karikiert. Leonardo da Vinci zeichnete einige groteske Zerrbilder von Zeitgenossen. Im 16. Jahrhundert widmen sich die Gebrüder Carracci der Porträtkarikatur. In Holland gab es im 17. Jahrhundert moralisierend-satirische Graphiken. Die eigentliche gesellschaftskritische Karikatur entwickelte sich im 18. Jahrhundert in England. Einer der Vorläufer der modernen Karikaturisten war William Hogarth mit seinen „modernen Lebensbildern”, die vor satirischen Seitenhieben nur so strotzten. In seiner Nachfolge wirkten in England die ersten politischen Karikaturisten, darunter James Gillray, Thomas Rowlandson und später George Cruikshank, die Karikaturen gegen das englische Königshaus, gegen englische Politiker oder gegen die Französische Revolution zeichneten.

In der Schweiz widmet sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Rodolphe Töpffer komischen Bildergeschichten. In Frankreich kommt es im 19. Jahrhundert zu einer Blüte der karikaturistischen Zeichnung. Hervorragende Zeichner wie Honoré Daumier oder Grandville üben in satirischen Blättern wie La Caricature und Le Charivari gesellschaftliche Kritik am Spießbürgertum. Ähnliche Blätter erscheinen in anderen Ländern: der Punch in London, die Fliegenden Blätter in München oder der Kladderadatsch in Berlin.

Typologie der modernen Karikatur

Beispiel für eine personale Typenkarikatur 1870. Uncle Sam (als Symbol für die amerikanischen Werte): Was soll er mit ihnen anfangen?
Karikatur zum Abolitionismus als Beispiel einer Ereigniskarikatur
Zeitgenössische Karikatur von RLe
"Das Wort hat der Angeklagte"
Antisemitische Karikatur zur Gründerkrise, Wien, 1873

Hinsichtlich der formalen Darstellungsstruktur unterscheidet man die apersonale Sachkarikatur, die personale Typenkarikatur und die personale Individualkarikatur.

Die Sachkarikatur kommt am seltensten vor. Obwohl sie meist auf politisch-personales Handeln abzielt, bezieht sie ihre Aussagen primär auf Sachen oder Gegenstände, die der Betrachter jedoch leicht mit bestimmten Personen in Verbindung bringen kann.

Die personale Typenkarikatur beschäftigt sich mit Staaten, Völkern, sozialen Gruppen, Institutionen und Verbänden. Eine bestimmte Figur steht in diesen Karikaturen z. B. stellvertretend für einen Staat oder das Volk einer bestimmten Nation: So repräsentiert der „Michel” die Deutschen oder Deutschland, „Marianne” die Franzosen oder Frankreich, der „Yankee” die US-Amerikaner oder die USA, vornehme Kleidung und Zylinder den Unternehmer, Latzhose und Schutzhelm den Arbeiter, die Seppelhose den Bayern usw. Auch Tiergestalten können solche Repräsentationsfunktionen übernehmen: Beispiele sind der britische oder der bayerische Löwe, der russische oder der Berliner Bär, der chinesische Drache usw.

Am verbreitetsten ist die personale Individualkarikatur. Oft werden bekannte Politiker karikiert, die vom Karikaturisten individuelle, unverwechselbare Gesichtszüge, Gestalt- oder Kleidungsmerkmale erhalten, so dass die dargestellte Person eindeutig identifizierbar ist. Bestimmte Merkmale des Politiker-Gesichts – die Haarform, eine lange Nase, ein markantes Kinn etc. – werden übertrieben dargestellt, um die Wiedererkennbarkeit zu erhöhen. Ergänzende typische Attribute sorgen für die allgemeine Wiedererkennbarkeit der karikierten Person. Bekannte Karikaturisten wie Horst Haitzinger oder Bernhard Prinz charakterisieren dabei ihre „Opfer“ durch ihre persönliche stilistische Note.

Inhaltlich lassen sich ebenfalls drei Karikaturtypen unterscheiden: die Ereigniskarikatur, die Prozesskarikatur und die Zustandskarikatur.

Die Ereigniskarikatur nimmt ein punktuelles Geschehen, etwa ein Tagesereignis von zeitlich begrenzter Aktualität aufs Korn, z. B. das Ergebnis einer Wahl, den Sturz einer Regierung, einen politischen Zwischenfall, eine politische Rede etc.

Die Prozesskarikatur zielt auf den geschichtlichen Wandel, will Wendepunkte hervorheben, Aufstieg und Abstieg kennzeichnen, beschäftigt sich mit dem Vorher und Nachher oder konfrontiert Ideen mit der Wirklichkeit. Oft erscheinen solche Karikaturen in einer zwei- oder mehrgliedrigen Bildfolge und schauen von der jeweiligen Gegenwart rückblickend auf die Vergangenheit.

Die Zustandskarikatur greift zwar meist aktuelle Anlässe auf, ist aber darum bemüht, von ihnen aus dauerhafte, wenig wandelbare, konservative Strukturen satirisch zu attackieren, etwa bestehende Herrschafts-, Gesellschafts- oder Wirtschaftsordnungen. Hierzu gehören auch die Panoramakarikaturen, die eine über die Tagesaktualität hinausreichende, allgemeine und längerfristige politische Lage kennzeichnen wollen.

Bekannte Auszeichnungen für Karikaturisten

  • seit 2000 der nach Ranan Lurie benannte Ranan Lurie Political Cartoon Preis der United Nation Correspondents Association

Karikatur in anderen Medien

Von Karikatur spricht man auch, wenn in anderen Medien als der bildenden Kunst ein Gegenstand so gezeigt wird, dass gewisse Mängel oder Eigenheiten hervortreten, so dass das Gesamtbild absichtlich verzerrt erscheint.

Beispiele im Drama:

Beispiel in der Lyrik:

Beispiele in der Musik:

Literatur

  • Der Deutsche in seiner Karikatur. Hundert Jahre Selbstkritik ausgew. v. Friedrich Bohne, kommentiert von Thaddäus Troll mit einem Essay von Theodor Heuss. Klagenfurt: Eduard Kaiser o.J.; Stuttgart: Friedrich Bassermann o.J.
  • G[ünter] und I[ngrid] Oesterle: Karikatur. In: Joachim Ritter / Karlfried Gründer: Historisches Wörterbuch der Philosophie [...]. Bd. 4. Basel bzw. Darmstadt 1980, Sp. 696-701.
  • Franz Schneider: Die politische Karikatur. München: C.H. Beck 1988.
  • Thomas Knieper: Die politische Karikatur: Eine journalistische Darstellungsform und deren Produzenten. Köln: Herbert von Halem Verlag 2002.
  • Joel Kotek: Au nom de l'antisionisme. L'image des juifs et d'Israel dans la caricature depuis la seconde Intifada. Brüssel/Paris: Editions Complexe 2002, 2004, ISBN 2-87027-999-X [nur in frz. Sprache lieferbar; sehr viele Bildbeispiele, vor allem aus arabischen Medien. Titel übersetzt: Im Namen des Antizionismus. Das Bild der Juden und Israels in Karikatur(en) seit der 2. Intifada. Über arabischen Antisemitismus., enthält auch historische, europäische antisemitische Bildbeispiele].
  • Chris Lamb: Drawn to Extremes: The Use and Abuse of Editorial Cartoons. New York, Columbia University Press 2004.
  • Zibaldone Nr. 38: Karikaturen: Von Bernini bis Forattini. Tübingen (Stauffenburg) 2004, ISBN 3-86057-977-0 [Aufsätze über Geschichte und Gegenwart der Karikatur in Italien]
  • Hubertus Fischer / Florian Vaßen (Hgg.): Europäische Karikaturen im Vor- und Nachmärz. Bielefeld: Aisthesis 2006 (Forum Vormärz Forschung. Jahrbuch 11 [2005]). ISBN 3-89528-566-8

Siehe auch

Arthur Burdett Frost (1851 - 1928), He Made Some hootch and tried it on the dog (Er probierte seinen Schwarzbrand am Hund), 1921

Weblinks


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