Karl (Burgund)

Karl (Burgund)
Karl der Kühne als Graf von Charolais, um 1460 mit dem Orden vom Goldenen Vlies
Das Gemälde wird Rogier van der Weyden zugeschrieben. Original in Berlin, Staatliche Museen

Karl I. «der Kühne» (frz. Charles Ier le Téméraire oder le Hardi) (* 10. November 1433 in Dijon; † 5. Januar 1477 bei Nancy) war Herzog von Burgund und Luxemburg aus der burgundischen Seitenlinie des französischen Königshauses der Valois. Seine Eltern waren Philipp III. der Gute und Isabella von Portugal. Zu Lebzeiten seines Vaters trug er den Titel eines Grafen von Charolais. Er ist der berühmteste, aber auch letzte Herzog aus dem Haus Valois-Burgund.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugend und der Weg zur Macht

Karl wurde in Dijon als Sohn von Philipp III. «dem Guten», Herzog von Burgund aus einer Seitenlinie der französischen Königsfamilie der Valois, und Isabella von Portugal geboren. Zu Lebzeiten seines Vaters trug er den Titel eines Grafen von Charolais. Zwanzig Tage nach seiner Geburt wurde er bereits zum Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies geschlagen. Er wurde unter der Aufsicht des Herrn d'Auxy erzogen und soll große Hingabe zum Studium, aber auch zu Übungen im Kriegshandwerk gezeigt haben. Karl wuchs am Hof seines Vaters auf, der zu einem der glanzvollsten der Epoche gehörte und ein Zentrum für Kunst, Handel und Kultur war. Die Politik seines Vaters war über viele Jahre von dem Bemühen geprägt, einerseits seine zahlreichen Herrschaftsgebiete zu einem einheitlichen Staatsgebilde zu vereinen und nach modernsten Gesichtspunkten zu verwalten und andererseits sich von der Lehenshoheit des französischen Königs bzw. des deutschen Kaisers zu lösen. Dazu schreckte Philipp auch vor der Allianz mit England, dem Erzfeind Frankreichs, nicht zurück. Der daraus erwachsende kriegerische Konflikt zwischen Frankreich und Burgund endete erst 1435 mit dem Vertrag von Arras. Burgund erhielt einige zusätzliche Gebiete und wurde faktisch zu einem unabhängigen Staat. Allerdings wurde vereinbart, dass Karl eine Prinzessin von königlichem Geblüt aus Frankreich heiraten müsse.

Mit sieben Jahren wurde Karl 1440 gemäß dem Vertrag von Arras mit Katharina von Valois, der Tochter des französischen Königs Karl VII. verheiratet. Diese war zum Zeitpunkt der Hochzeit erst zwölf Jahre alt und starb 1446 im Alter von 18 Jahren. Die Ehe blieb kinderlos. 1454 wollte Karl Margareta von York, die Tochter des Herzogs von York, heiraten. Sein Vater wählte jedoch Isabelle de Bourbon, die sowohl seine Cousine, wie auch die des Königs von Frankreich war, als Frau für ihn. Ihre Tochter Maria von Burgund war das einzige überlebende Kind Karls und Alleinerbin aller seiner Besitzungen.

Karl lernte den Dauphin und späteren französischen König Ludwig XI. kennen, als dieser als Flüchtling zwischen 1456 und 1461 am burgundischen Hof lebte, weil er sich gegen seinen Vater gewandt hatte. Als Ludwig zum König aufstieg, wandte er sich jedoch gegen seine ehemaligen Verbündeten und löste beispielsweise die Pfandschaft der Somme-Städte wieder von Burgund aus, die sein Vater im Vertrag von Arras Philipp «dem Guten» überlassen hatte. Die französischen Adelshäuser verbündeten sich daraufhin 1465 gegen den König in der «Liga des Öffentlichen Wohls» (Ligue du Bien public), an deren Spitze Karl von Berry und Karl der Kühne standen. Nach der unentschiedenen Schlacht bei Montlhéry musste Ludwig dem Adel erhebliche Zugeständnisse machen. Im Vertrag von Conflans erhielt Karl die Städte an der Somme zurück. Während der Verhandlungen zwischen Ludwig und Karl starb Karls erste Frau, Isabella von Bourbon. Verhandlungen über eine mögliche Ehe zwischen Karl und Anne de Beaujeu, der Tochter Ludwigs XI., blieben jedoch ergebnislos, wahrscheinlich weil die von Karl geforderte Mitgift bestehend aus der Grafschaft Champagne für Ludwig unannehmbar war

Am 12. April 1465 übergab Philipp III. der Gute alle Regierungsgeschäfte an Karl, der fortan aktiv versuchte, die Politik seines Vaters fortzuführen. Das Nachgeben Ludwigs XI. im Vertrag von Conflans war jedoch nur scheinbar und diente lediglich dazu, das Lager seiner Gegner zu spalten. Der Konflikt zwischen Frankreich und Burgund setzte sich deshalb auch weiter fort und Ludwig XI. setzte alles daran, die Gegner Karls im Reich gegen diesen einzusetzen.

Revolten und erneuter Kampf mit Frankreich

Der junge Karl neben seinem Vater
Herrschaftsgebiet Karls I. des Kühnen 1465/67–1477

In der Zwischenzeit erreichte Karl die Kapitulation von Ponthieu und konnte die Städte an der Somme wieder in Besitz nehmen. Die Revolte von Lüttich und Dinant lenkte seine Aufmerksamkeit aber von französischen Angelegenheiten ab. Am 25. August 1466 nahm Karl Dinant ein, das er darauf plünderte und niederbrannte. Zur selben Zeit verhandelte er erfolgreich mit Lüttich. Nach dem Tod seines Vaters am 15. Juni 1467 flammten die Feindseligkeiten mit den Bürgern von Lüttich wieder auf, jedoch konnte Karl sie bei Sint-Truiden besiegen und zog in die Stadt ein, der er viele ihrer Privilegien entzog. Er wurde nun zum Vogt des Fürstbistums Lüttich und konnte so seine Macht auch auf dieses Gebiet ausdehnen, das seine Besitzungen im heutigen Belgien von Nord nach Süd durchzog.

Durch diese frühen Erfolge des Herzogs von Burgund alarmiert und aus Angst, einige offene Punkte des Vertrages von Conflans erfüllen zu müssen, erbat Ludwig im Oktober 1468 ein Treffen mit Karl und begab sich bei Péronne in seine Hände. Im Zuge der Verhandlungen wurde der Herzog über eine erneute Revolte Lüttichs informiert, die Ludwig im Geheimen angezettelt hatte. Nach viertägigen Beratungen, wie er mit seinem Gegner umgehen sollte, der sich so ungeschickt in seine Hände begeben hatte, entschied Karl, mit Ludwig zu verhandeln. Er drängte Ludwig, ihn bei der Niederschlagung der Revolte zu unterstützen. Die Stadt wurde durch einen Angriff erobert und die Einwohner abgeschlachtet; Ludwig hatte nicht den Mut, auf der Seite seines früheren Verbündeten einzugreifen.

Nach Ablauf der einjährigen Waffenruhe, die dem Vertrag von Péronne folgte, klagte Ludwig XI. Karl des Verrats an, zitierte ihn vor das Parlement von Paris und nahm 1471 einige Städte an der Somme ein. Der Herzog antwortete mit dem Einmarsch einer großen Armee in Frankreich, nahm Nesle in Besitz und richtete ein Blutbad unter den Einwohnern an. Ein Angriff auf Beauvais schlug fehl und so gab er sich mit der Verwüstung des Landes bis nach Rouen zufrieden, wo er ohne brauchbares Ergebnis innehielt. Karl schloss nun ein Bündnis mit Eduard IV. von England zur Eroberung Frankreichs, während Ludwig Verhandlungen mit dem deutschen Kaiser, den Habsburgern und der Eidgenossenschaft führte, um Karl an der Ostgrenze zu beschäftigen.

Karl schlug auch das Angebot Ludwigs XI. aus, dessen Tochter Anne zur Ehefrau zu nehmen, da er nun nach dem Tod seines Vaters nicht mehr durch den Vertrag von Arras gebunden war. Er ließ nun Margareta von York nach Brügge bringen und heiratete sie dort in einer prächtigen Zeremonie im Sommer 1468. Karl wurde bei diesem Anlass in den Hosenbandorden aufgenommen. Das Paar blieb allerdings kinderlos.

Innenpolitische Reformen

Die Verwaltungsgliederung des Herrschaftsgebietes Karls des Kühnen

Karl führte an seinem Hof den überschwänglichen Luxus und die Prachtentfaltung seines Vaters fort. Da er der Herrscher über eines der reichsten Gebiete Europas war, konnte er sich auch eine für die Zeitgenossen verblüffend aufwändige Hofhaltung leisten. Beim Treffen in Trier mit dem Kaiser hat Karl nach Angaben seiner Rechnungskammer alleine für die Einkleidung seiner Höflinge die ungeheure Summe von 38'819 flandrischen Pfund ausgegeben.[1] Legendär waren besonders auch die berühmten Tapisserien, die der Herzog für jede Gelegenheit anfertigen ließ. Aus der Burgunderbeute von Grandson sind einige dieser für die damalige Zeit luxuriösen Wandteppiche erhalten.

Daneben richtete Karl all seine Bemühungen in den Aufbau seiner militärischen und politischen Macht. Seit Beginn seiner Herrschaft war er mit der Reorganisation von Armee und Verwaltung seiner Ländereien beschäftigt. Er behielt die Prinzipien der feudalen Rekrutierung bei, errichtete aber ein System strenger Disziplin unter seinen Truppen, die er durch Söldner, besonders aus England und Italien, verstärkte. Außerdem entwickelte er seine Artillerie weiter.

Unter seiner Leitung fand eine weitgehende Zentralisierung der Verwaltung der burgundischen Herrschaftsgebiete in den heutigen Niederlanden und Belgien statt. Die zwei Rechnungskammern von Lille und Brüssel (die Rechnungskammer Den Haag war schon 1463 in derjenigen von Brüssel aufgegangen) wurden aufgelöst und in einer neu gegründeten Rechnungskammer in Mecheln zentralisiert. In derselben Stadt gründete Karl auch ein Parlement, das für die burgundischen Gebiete im Norden zuständig war. Dazu bestanden weiterhin die Parlemente von Beaune, St. Laurent-lés-Chalon und Dole, die für das Herzogtum Burgund, den im Reich gelegenen Teil des Herzogtums und die Pfalzgrafschaft Burgund zuständig waren. Die Neugründung von Mecheln wurde unter anderem auch dadurch nötig, dass durch den Vertrag von Péronne 1468 die Zuständigkeit des Parlements von Paris für die burgundischen Länder aufgehoben worden war.

Karl pflegte einen sehr autoritären Führungsstil und beschäftigte sich leidenschaftlich mit militärischen Angelegenheiten. Nach zeitgenössischen Berichten verging kaum ein Tag, an dem er nicht eine oder zwei Stunden mit dem Aufschreiben und der Konzeption seiner Verordnungen verbrachte. Jedes Jahr ließ er seinen Offizieren Heeresordnungen (Ordonnanzen) verteilen, die ihr Hauptaugenmerk auf eine rigorose Organisation und Disziplin legten, wobei die genaue Beachtung von Umgangsformen und Vorgehensweise auffällt. Seit 1471, als sich Karl nach dem Vertrag von Péronne erneut im Krieg mit Ludwig XI. befand, stand im Zentrum der Ordonnanzen die Truppe, da Karl versuchte ein stets kampfbereites Heer aufzustellen, das überwiegend aus Söldnern bestand. Er stellte sog. Ordonnanzkompanien auf, wobei er Adlige seines Hofes mit der Ordonnanz vom 19. April 1472 als Kompanieführer (frz. dizainiers – hier: Zehner(führer) = Führer von 10 Einheiten), denen eine Einheit von 10 Lanzen (ca. 70–90 Kämpfer) unterstand, zum Dienst im Heer abkommandierte. Auch der Rest seines Hofes wurde zunehmend militarisiert und in der Hofordnung von 1474 erscheint der Hof schließlich als eine Art Armee, in der jedes Amt zugleich eine feste militärische Einheit bildet.[2]

Vergrößerung der Macht

Herzog Sigmund verpfändet 1469 die habsburgischen Besitzungen im Elsass und im Breisgau an Karl den Kühnen. Darstellung in der Chronik des Diebold Schilling der Jüngere

1469 verpfändete ihm Sigismund, Erzherzog von Österreich, die Grafschaft Pfirt, die Landvogtei Oberelsass und den Breisgau, behielt sich aber das Recht zur späteren Auslösung des Pfands vor. Karl sollte Sigismund auch bei seinem Kampf gegen die Eidgenossen behilflich sein. (→Schweizer Habsburgerkriege)

Zwischen 1472 und 1473 konnte sich Karl die Nachfolge im Herzogtum Geldern erkaufen, weil er den geldrischen Herzog Arnold gegen die Rebellion seines Sohnes unterstützt hatte. Noch nicht mit dem Titel «Großherzog des Westens» zufrieden, ergriff er das Projekt, ein unabhängiges Königreich Burgund zu errichten. Während seine Gebiete, die im Königreich Frankreich lagen, bereits durch die Verträge von 1468 bzw. 1471 von der Lehenshoheit Frankreichs gelöst waren, unterstanden seine östlichen Gebiete immer noch dem Heiligen Römischen Reich.

Unter dem Vorwand, eine burgundische Beteiligung an einem Kreuzzug gegen die Türken ins Auge zu fassen, traf er sich deshalb am 30. September 1473 mit Kaiser Friedrich III. in Trier. Hauptgegenstand des Treffens waren die Verhandlungen um eine Eheschließung zwischen Karls einzigem Kind Maria und dem Sohn des Kaisers, Maximilian. Karl forderte im Austausch für sich die Königskrone. Karl erschien in Trier in einer goldenen Rüstung mit einer Leibgarde von 250 Mann und einer Armee von über 6000 Mann in Begleitung einiger Reichsfürsten aus seinem Einflussbereich. Der Kaiser und sein Sohn hatten zwar noch ein größeres Gefolge, entfalteten aber weit weniger Prunk. In Trier waren auch die Kurstimmen von Mainz, Trier und Brandenburg vertreten. Während der Verhandlungen fanden zum Teil aufwendige Bankette, Empfänge und Turnierspiele statt. Am 4. November fanden die beiden Parteien einen Kompromiss: Karl verzichtete zwar auf die Krönung zum Römischen König, was ihn zum Nachfolger des Kaisers gemacht hätte, sollte aber eine neu zu schaffende Königskrone von Burgund bzw. Friesland erhalten. Die Kurfürsten verweigerten diesem Handel jedoch ihre Zustimmung. Nachdem Karl mit dem Herzogtum Geldern belehnt worden war, fand die für den 18. und dann für den 21. November angekündigte Königskrönung nicht statt, und der Kaiser reiste am 25. November überstürzt aus Trier ab. Warum genau die Verhandlungen scheiterten, ist unklar. Entscheidend scheint aber die Rolle der Kurfürsten gewesen zu sein. Karl bestand auf ihrer Zustimmung zu seiner Krönung, während der Kaiser der Meinung war, diese Entscheidung stehe ihm alleine zu. Weiter befremdeten sich die Kurfürsten und die Umgebung des Kaisers über den Luxus, den Karl zur Schau stellte, auch dass er z. B. einen Hermelinkragen trug, der in der Länge denjenigen der Kurfürsten übertraf.[3]

Untergang

Die Schlacht von Grandson in der Luzerner Chronik des Diebold Schilling dem Jüngeren. Im Hintergrund das burgundische Lager mit dem berühmten hölzerner Zelthaus der Burgunderherzöge
Das Grab Karls des Kühnen in der Liebfrauenkirche in Brügge

Im darauffolgenden Jahr verstrickte sich Karl in eine Reihe von Schwierigkeiten und Kämpfen, z.B. die erfolglose Belagerung der Stadt Neuss, die am Ende zu seinem Untergang führen sollten. Nicht zuletzt waren auch die Intrigen und Ränke des französischen Königs Ludwig XI. für das Scheitern Karls ausschlaggebend. Karl überwarf sich mit Sigismund von Österreich, dem er seine Besitzungen im Elsass für die vereinbarte Summe nicht zurückgeben wollte, mit der Eidgenossenschaft, welche die Reichsstädte im Elsass bei ihrem Aufruhr gegen die Tyrannei des burgundischen Gouverneurs Peter von Hagenbach unterstützte und letztendlich auch mit René von Lothringen, dem er die Erbfolge Lothringens strittig machte, das die beiden Hauptteile von Karls Ländereien, die Grafschaft Flandern und das Herzogtum von Burgund, trennte.

Alle diese Gegner, aufgestachelt und unterstützt von Ludwig, brauchten nicht lange, um sich gegen ihren gemeinsamen Feind zu verbünden. Karl erlitt eine erste Niederlage, als er versuchte, Ruprecht von der Pfalz, Erzbischof von Köln, in der Kölner Stiftsfehde zu unterstützen. In diesem Zusammenhang belagerte er die Stadt Neuss von Juli 1474 bis Juni 1475 zehn Monate lang, wurde aber durch die Ankunft der Armee Kaiser Friedrichs III. dazu gezwungen, die Belagerung aufzuheben und abzuziehen. Zusätzlich wurde die Expedition seines Schwagers Eduard IV. von England gegen Ludwig durch den Vertrag von Picquigny am 29. August 1475 gestoppt. Karl schloss deshalb am 17. November 1475 Frieden mit Kaiser Friedrich III. und wandte sich gegen das Herzogtum Lothringen, wo er erfolgreich die Hauptstadt Nancy nach einer Belagerung einnehmen konnte.

Zu seinem Ende führte schließlich jedoch der Krieg mit der Niederen Vereinigung, die aus den elsässischen Reichsstädten, dem Bistum Basel, Herzog Sigismund von Österreich und der Eidgenossenschaft bestand. Eine erste Niederlage gegen die aufstrebende Militärmacht der Eidgenossen erlitt ein burgundisches Heer am 13. November 1474 bei Héricourt. Damit wurde die in der Schweiz als Burgunderkriege bekannte Reihe von Schlachten eröffnet, die zum Untergang Karls führten. Karl marschierte von Nancy her gegen die Eidgenossenschaft ins Waadtland, wo er sich mit verbündeten Adligen aus dem Herzogtum Savoyen vereinigte. Bei Grandson traf er zum ersten Mal auf eidgenössische Truppen, die er nach der Belagerung der Festung trotz ihrer Kapitulation erhängen und ertränken ließ. Am 2. März 1476 wurde er vor Grandson von einer eidgenössischen Armee angegriffen, wobei er eine schwere Niederlage erlitt. Er konnte mit einer Handvoll Gefolgsleuten fliehen, seine Artillerie und die riesige Beute fielen jedoch den Eidgenossen als «Burgunderbeute» in die Hände.

Karl flüchtete nach Lausanne, wo er mit dem verbündeten Savoyen eine neue Armee von 20'000 Mann aufstellte, um erneut gegen die eidgenössische Reichsstadt Bern zu ziehen, die das Haupt der anti-burgundischen Koalition in der Eidgenossenschaft war. Am 6. Mai 1476 bestätigte er in Lausanne auch die Eheabsprache zwischen seiner Tochter Maria und Erzherzog Maximilian von Österreich, die Eheschließung wurde jedoch vorläufig noch nicht vollzogen, weil der vorgesehene Hochzeitstermin vom 11. November platzte. Anfang Juni zog Karl mit seinem Heer gegen Bern und belagerte ab dem 9. Juni Murten, wo er am 22. Juni von einem Heer der Eidgenossenschaft und des Herzogs René von Lothringen angegriffen wurde. Sein technisch überlegenes Heer wurde ähnlich wie in Grandson überrascht und durch die Wucht der eidgenössischen Infanterie in der Schlacht bei Murten vernichtend geschlagen. Die Herzogin von Savoyen sah sich zum Friedensschluss mit der Eidgenossenschaft genötigt, die burgundischen Besitzungen in der Waadt waren verloren. Karl kehrte nach Burgund zurück und wandte sich im Herbst gegen Lothringen, das sich im offenen Aufstand gegen die burgundische Besatzung befand. Herzog René versicherte sich der eidgenössischen Unterstützung und setzte zur Rückeroberung seines Herzogtums an. Karl brach am 25. September von Gex aus mit rund 10'000 Mann in Richtung Lothringen auf, wo René die Hauptstadt Nancy belagerte. Wenige Tage bevor Karl in Lothringen eintraf, fiel Nancy in die Hände der Lothringer. Entgegen dem Ratschlag seiner Offiziere legte Karl am 22. Oktober um Nancy eine Belagerung, obwohl der Winter bevorstand. Mitten im Winter, am 5. Januar 1477, kam es vor den Toren der Stadt zur Schlacht bei Nancy, als Herzog René verstärkt durch Zuzug aus der Eidgenossenschaft Karl zum Kampf stellte. Während Karls Heer durch die Kälte und die Belagerung nur zwischen 2000 und 3000 Kämpfern zählte, war das eidgenössisch-lothringische Heer mit um die 20'000 Mann klar überlegen. Trotz der aussichtslosen Lage stellte sich Karl zur Schlacht, die in einer katastrophalen Niederlage für Burgund endete. Karl selber starb in der Schlacht, sein verstümmelter Körper wurde erst einige Tage später entdeckt. Sein Grab befindet sich in der Liebfrauenkirche in Brügge.

Kampf um das Erbe Karls des Kühnen

Maria von Burgund auf einem Porträt um 1500
Karte zur Aufteilung des Herrschaftsgebiets Karls des Kühnen bis 1493

Nach dem Tod Karls blieb Maria im Alter von 19 Jahren als einzige Erbin zurück. Margareta von York, die Witwe Karls, führte als Beschützerin Marias Heiratsverhandlungen mit dem französischen König und dem römisch-deutschen Kaiser. Die ältesten Söhne beider Herrscher waren zu diesem Zeitpunkt noch unverheiratet und Maria stellte mit ihrem riesigen Erbe die beste Partie Europas dar. Die Ehe zwischen Erzherzog Maximilian von Österreich und Maria war zwar seit dem 6. Mai 1476 abgesprochen, aber beim Tod Karls noch nicht vollzogen. König Ludwig XI. von Frankreich verschlechterte seine Verhandlungslage drastisch, als er kurz nach dem Tod Karls die an Frankreich angrenzenden Teile des Herrschaftsgebiets Karls besetze. Das Herzogtum Burgund, die Freigrafschaft Burgund, die Picardie, Ponthieu und Boulogne fielen so wieder unter die Kontrolle der französischen Krone. In diesem günstigen Moment brachte Kaiser Friedrich die Verhandlungen mit Hilfe der Ludwig feindlich gesinnten Margareta von York zum Abschluss, so dass die Verheiratung in Stellvertretung am 21. April abgeschlossen werden konnte. Am 19. August 1477 heirateten Maximilian und Maria in Gent. Auf diese Weise konnte Maximilian nach dem Tod seines Vaters die Erbschaft Karls mit der Hausmacht der Habsburger vereinen und wurde damit zum mächtigsten Fürsten im damaligen Europa. Die burgundische Erbschaft war einer der entscheidenden Schritte beim Aufstieg des Hauses Habsburg zur Weltmacht.

Sofort nach der Heirat zwischen Maximilian und Maria kam es zum Krieg zwischen Maximilian und Ludwig XI. um das Erbe Karls. Sie schlossen zwar im September 1477 einen vorläufigen Waffenstillstand, 1478 begann der Krieg jedoch wieder, als das Parlement von Paris die französischen Lehen Karls für erledigt erklärte. Maximilian konnte von den von Ludwig beanspruchten Teilen des Erbes seiner Frau nach seinem Sieg in der Schlacht bei Guinegate 1479 Flandern und Artois zurückgewinnen. Nach dem frühen Tod Marias am 27. März 1482 und einem Aufstand in Gent musste Maximilian 1482 mit Ludwig den Frieden von Arras abschließen. Das Herzogtum Burgund, die Freigrafschaft Burgund, Artois, die Picardie, Ponthieu, Boulogne, Vermandois und Mâcon fielen an Frankreich. Maximilian behielt Flandern und die übrigen Besitzungen Karls im heutigen Belgien und den Niederlanden. Später erhielt Maximilian im Frieden von Senlis 1493 auch die Freigrafschaft und Artois zurück. Die Grafschaft Charolais blieb zwar im Besitz Maximilians bzw. seines unmündigen Sohnes Philipp, dem eigentlichen Erben Marias, unterstand jedoch der französischen Lehenshoheit.

Das burgundische Erbe wurde von Maximilian und seinen Nachkommen hoch gehalten. Seine Kinder mit Maria wuchsen im flandrischen Gent auf und sein Sohn Philipp der Schöne trug seinen Namen in Anlehnung an Philipp den Guten. Dessen Sohn wurde in Erinnerung an den letzten Burgunderherzog mit dem Namen Karl getauft und stieg als Kaiser Karl V. zu einem der mächtigsten Herrscher der damaligen Welt auf. Mit Philipp und Karl kam das burgundische Erbe an die spanische Linie der Habsburger, die bis ins 18. Jahrhundert die Gebiete schrittweise an Frankreich und die unabhängig gewordenen Niederlande verloren.

Familiäres

Vorfahren

Karl der Kühne (1433–1477)
Herzog von Burgund
Philipp III. (1396–1467)
Philipp der Gute
Herzog von Burgund
Johann Ohnefurcht (1371–1419)
Johann Ohnefurcht
Herzog von Burgund
Philipp II. (1342–1404)
Philipp der Kühne
Herzog von Burgund
Margarete von Flandern (1350–1405)
Gräfin von Flandern

Margarete von Bayern (1363–1424) Albrecht I. (1336–1404)
Herzog von Niederbayern


Margarete von Schlesien-Liegnitz (um 1342–1386)

Isabella von Portugal (1397–1471) Johann I. (1357–1433)
Johann der Große
König von Portugal
Peter I. (1320–1367)
Peter der Grausame, Peter der Gerechte
König von Portugal

Teresa Lourenço

Philippa of Lancaster oder Philippine (1360–1415) John of Gaunt (1340–1399)
Herzog von Lancaster


Blanche of Lancaster (1341–1369)


Ehefrauen und Nachkommen

Kupferstich mit dem persönlichen Wappen Karls des Kühnen im Zentrum umgeben von den Wappen seiner Herrschaften und seiner Devise als Basis

Karl heiratete drei Mal und hatte ein Kind:

In erster Ehe am 19. Mai 1440 in Blois Katharina von Valois (* 1428; † 30. Juli 1446), Tochter von König Karl VII. von Frankreich und Maria von Anjou. Aus dieser Ehe gingen keine Nachkommen hervor.

In zweiter Ehe am 30. Oktober 1454 in Lille Isabelle de Bourbon (* 1437; † 25. September 1465 in Antwerpen), Tochter von Karl I., Herzog von Bourbon und Agnes von Burgund. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor:

In dritter Ehe am 3. Juli 1468 in Damme Margaret von York (* 3. Mai 1446 in Fotheringhay Castle; † 23. November 1503 in Mechelen), Tochter von Herzog Richard von York und Schwester von König Eduard IV. von England. Aus dieser Ehe gingen keine Nachkommen hervor.

Karl der Kühne in der Beurteilung der Nachwelt

Karl der Kühne wurde oft als der letzte Repräsentant des feudalen Geistes angesehen, ein Mann, der keine anderen Fähigkeiten als seine blinde Tapferkeit besaß. Oft wurde er im Gegensatz zu seinem Gegner Ludwig XI. gestellt, der für die moderne Politik stand. In Wahrheit besaß er große Fähigkeiten und Kultur, eine strenge Moral und war verschiedener Sprachen mächtig. Obwohl er nicht von gelegentlicher Härte freigesprochen werden kann, besaß er das Geheimnis, die Herzen seiner Untertanen zu gewinnen, die ihm auch in schwierigen Zeiten niemals die Unterstützung verwehrten. Da er nur seine Tochter Maria hinterließ, erbten die Habsburger den Länderkomplex seines Hauses und erweiterten sich zum Haus Österreich und Burgund, was einen wesentlichen Grundstein für ihre spätere Weltgeltung ausmachte. Karl V. war zeitlebens stolz, von ihm abzustammen.[4]

In der schweizerischen Geschichtsschreibung wird für die drei Schlachten der Burgunderkriege oft auf den zeitgenössischen Spruch Karl der Kühne «verlor in Grandson den Hut, in Murten den Mut und in Nancy das Blut» verwendet. Anstelle von '«den Hut»', welchen er angeblich wirklich verloren haben soll [1], existiert auch eine geläufigere Version, in der nur allgemein von «das Gut» gesprochen wird. Tatsächlich wurde nach der Schlacht bei Grandson von der Stadt Basel ein Herzogshut aus goldenem Samt, bestickt mit Perlen und Edelsteinen, aus dem Besitz Karls für 47'000 Gulden zusammen mit zwei weiteren Schmuckstücken an Jakob Fugger verkauft.[5]

Porträts

Alle identifizierten Einzelporträts Karls als Erwachsener gehen auf das Porträt zurück, das sich heute in Berlin in den Staatlichen Museen befindet (Gemäldegalerie, Kat. Nr. 545). Das Bild entstand um 1460 und zeigt Karl noch als Grafen von Charolais. Es wird heute allgemein Rogier van den Weyden zugeschrieben, während man es längere Zeit entweder für eine Werkstattkopie oder für eine eigenhändigen Republik hielt. Es scheint das einzige, von Karl akzeptierte, «offizielle» Staatsporträt gewesen zu sein und entspricht der Beschreibung Karls durch Georges Chastellain. Das Bild befand sich später im Besitz seiner Enkelin, Margarete von Österreich in Schloss Mecheln. Es gelangte 1821 mit der Sammlung Solly nach Berlin.[6]

Wappen

Das Wappen Karls war mit demjenigen seines Vaters identisch. Es enthielt das Wappen der burgundischen Seitenlinie des Hauses Valois als Grafen von Tours (goldene Lilien auf blauem Grund, eingefasst durch rot-weiß gestreiftes Band) sowie die Wappen der Herzogtümer Burgund (goldene diagonale Streifen auf blauem Grund, eingefasst von rotem Band), Limburg (roter Löwe auf silbernem Grund) und Brabant (goldener Löwe auf schwarzem Grund). In der Mitte war das Wappen der Grafschaft Flandern platziert – durch seine Urgroßmutter Margarete von Flandern kamen die Grafschaften Flandern, Artois, Rethel und Nevers und die Pfalzgrafschaft Burgund an das Haus Burgund. Die Devise Karls des Kühnen war der Spruch «Je lay emprins» – «ich habe es gewagt». Auf heraldischen Darstellungen ist auch der heilige Georg zu sehen, den Karl neben dem heiligen Andreas als Patron von Burgund für sich als persönlichen Patron annahm.

Titel

Die Wappen der von Karl beherrschten Gebiete finden sich auf zahlreichen Illustrationen, so auch in der Heeresordnung von 1473. Durch die Darstellung dieser Wappen sollte die Macht des Herzogs überhöht werden.

Anmerkungen

  1. Marti, Karl der Kühne, S. 270.
  2. Marti, Karl der Kühne, S. 220.
  3. Marti, Karl der Kühne, S. 264f. und 270.
  4. Dieser Text stammt ursprünglich aus der Encyclopedia Britannica von 1911, aus der englischen Wikipedia übersetzt.
  5. Marti, Karl der Kühne, S. 277.
  6. Dirk De Vos: Rogier van der Weyden. Gesamtwerk. Hirmer Verlag, München 1999, S. 308–310.

Literatur

Sachbücher

  • Karl der Kühne (1433–1477): Kunst, Krieg und Hofkultur / hrsg. von Susan Marti [et al.]. Zürich: Neue Zürcher Zeitung, 2008. (NZZ Libro). Publikation zur Ausstellung vom 25. April bis 24. August 2008 im Historischen Museum in Bern. ISBN 978-3-03823-413-5
  • Thea Leitner: Habsburgs goldene Bräute. Durch Mitgift zur Macht. Piper, München 2005, ISBN 3-492-23525-5.
  • Hans-Joachim Lope: Karl der Kühne als literarische Gestalt. Ein themengeschichtlicher Versuch mit besonderer Berücksichtigung der französischsprachigen Literatur Belgiens. Lang, Frankfurt/M. 1995, ISBN 3-631-4033-4-8.
  • Susan Marti u.a. (Hrsg.): Karl der Kühne (1433–1477). Kunst, Krieg und Hofkultur. Belser, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-7630-2513-8 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung).
  • Klaus Schelle: Karl der Kühne. Der letzte Burgunderherzog. Heyne, München 1982, ISBN 3-453-55097-8

Belletristik

  • Werner Bergengruen: Karl der Kühne. Roman. Verlag die Arche, Zürich 1976, ISBN 3-7160-1067-7.
  • Heinrich Keller: Karl der Kühne, Herzog von Burgund. Ein vaterländisches Schauspiel in 5 Aufzügen. Orell & Füssli, Zürich 1813.
  • Melchior Meyr: Karl der Kühne. Historische Tragödie. Kröner, Stuttgart 1862.

Weblinks


Vorgänger Amt Nachfolger
Philipp der Gute Herzog von Burgund
1467–1477
Maria
Herzog von Luxemburg
1467–1477
Herzog von Brabant und Lothier
Herzog von Limburg
Markgraf von Antwerpen

1467–1477
Graf von Charolais
1433–1477
Graf von Flandern
Graf von Artois
Pfalzgraf von Burgund

1467–1477
Graf von Holland
Graf von Seeland
Graf von Hennegau
Graf in Friesland

1467–1477
Arnold von Egmond Herzog von Geldern
Graf von Zutphen

1473–1477
Adolf von Egmond
Philipp der Gute Großmeister des Ordens vom Goldenen Vlies
1467–1477
Maximilian I.

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  • Karl IV. von Luxemburg — Karl IV., Wandbild um 1360/70 Karl IV. (* 14. Mai 1316 in Prag; † 29. November 1378 ebd.) war römisch deutscher König (ab 1346), König von Böhmen (ab 1347) und römisch deutscher Kaiser (ab 1355). Er stammte aus dem Geschlecht der Luxemburger und… …   Deutsch Wikipedia

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