Karl Heinz Bohrer


Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer (* 26. September 1932 in Köln) ist ein deutscher Literaturtheoretiker und Publizist.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Bohrer ist Sohn des Volkswirtes Dr. Hermann Bohrer und seiner Ehefrau Elisabeth, geborener Ottersbach. Nach der Volksschule von 1939 bis 1943 in Köln besuchte er das humanistische Gymnasium und Landschulheim Schule Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald, dessen Pädagogik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch den Philosophen Georg Picht (1913–1982) neu begründet wurde. 1953 legte er dort die Reifeprüfung ab.

Bohrer studierte zunächst zwei Semester lang Germanistik, Theaterwissenschaft und Geschichte an der Universität Köln, wechselt aber ab dem Sommersemester 1954 an die Universität Göttingen, wo er Germanistik, Geschichte und Philosophie studierte. Er begegnete dort unter anderem dem Historiker Hermann Heimpel (1901–1988), dem Germanisten Arthur Henkel (1915–2005), der später auch Bohrers Doktorvater wird; außerdem dem Germanisten Wolfgang Kayser (1906–1960), dem Historiker Karl Lange (1893–1983), dem Germanisten Hans Neumann (1903–1990), dem Philosophen Helmuth Plessner (1892–1985), einem Schüler Wilhelm Windelbands (1848–1915) und Edmund Husserls (1859–1938), dem Historiker Percy Ernst Schramm (1894–1970), dem Philosophen Hermann Wein (1912–1981), einem Schüler Nicolai Hartmanns (1882–1950), der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zu seinem Tode zu den bedeutendsten Göttinger Philosophen zählte, und dem Historiker Reinhard Wittram (1902–1973).

Im Jahr 1957 legte Bohrer an der Universität Göttingen das Staatsexamen in den Fächern Deutsch und Geschichte ab. Danach nahm er eine Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache an dem Deutschen Zentrum in Stockholm in Schweden auf. Für seine Promotion immatrikuliert er sich im Sommersemester 1960 an der Universität Heidelberg, an der er den Historiker Rudolf von Albertini (1923–2004) sowie Arthur Henkel und den Germanisten Peter Wapnewski (1922) hört. Die von Arthur Henkel betreute und 1961 fertiggestellte Dissertation trägt den Titel Der Mythos vom Norden. Studien zur romantischen Geschichtsprophetie.

Von 1968 bis 1974 war Bohrer Literaturkritiker und verantwortlicher Redakteur des Literaturblattes der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aufgrund einer Meinungsverschiedenheit über einen literarischen Richtungsstreit mit seinem Nachfolger bei der FAZ, Marcel Reich-Ranicki, ging Bohrer 1975 für diese Zeitung als Korrespondent nach England.

1977/1978 habilitierte er sich mit einer Studie über die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld. 1982 wurde er auf den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte an die Universität Bielefeld berufen. 1984 wurde ihm als Nachfolger von Hans Schwab-Felisch die Herausgeberschaft des Merkur übertragen, die er seit 1991 gemeinsam mit Kurt Scheel wahrnimmt. Seit 1993 gibt er zudem die Schriftenreihe Aesthetica des Suhrkamp-Verlages heraus, in der bis heute 14 Bände erschienen sind.

1997 wurde Bohrer in Bielefeld emeritiert. Er lebt derzeit in Paris und London. Er war mit der Schriftstellerin Undine Gruenter, die 2002 verstarb, verheiratet. Bohrer war außerdem der erste Inhaber der Heidelberger Gadamer-Professur.[1]

Werk

Der österreichische Schriftsteller Franz Schuh bezeichnet in einem weiträumigen Essay Der letzte Ästhet. Zu den Schriften Karl Heinz Bohrers[2] als „derzeit wichtigsten Denker des Ästhetischen“. In diesem Aufsatz bespricht Schuh eine Reihe der Essays Bohrers, die dieser der Thematik eines ästhetisierenden Schrecklichen und Bösen gewidmet hatte. Es handelt sich um erstens Erscheinungsschrecken und Erwartungsangst.[3] zweitens Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk;[4] drittens Die Grenzen des Ästhetischen,[5] ein umfassender Aufsatz, in dem Bohrer, wie dessen Titel sagt, sich gegen eine „Entgrenzung des Ästhetischen“ ausspricht; viertens Sprachen der Ironie – Sprachen des Ernstes. Das Problem,[6] dessen kaum meisterhaften, jedoch argumentativ überladenen Ausführungen typologische Strukturgesetze einer literarischen Ästhetik frei zu legen gedenken; fünftens Ästhetik des Staates;[7] sechstens Das Böse – eine ästhetische Kategorie?;[8] siebentens Der Abschied. Theorie der Trauer. Baudelaire, Goethe, Nietzsche, Benjamin,[9] und achtens Möglichkeiten einer nihilistischen Ethik.[10]

Auszeichnungen

Schriften

  • Der Mythos vom Norden. Studien zur romantischen Geschichtsprophetie. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg, vorgelegt von Karl Heinz Bohrer. Referent Arthur Henkel, Korreferent Friedrich Sengle. Köln 1961. 4, 146, XIV S.
  • Die gefährdete Phantasie oder Surrealismus und Terror. München 1970.
  • Der Lauf des Freitag. Die lädierte Utopie und die Dichter. Eine Analyse. München 1973. (Rudolf Hartung: Reflexion über die Utopie. In: Die Zeit, Nr. 37/1973, Rezension)
  • Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk. München 1978.
  • Ein bisschen Lust am Untergang. Englische Ansichten. München 1979.
  • Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins. Frankfurt Main 1981.
  • Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität. München 1987.
  • Nach der Natur. Über Politik und Ästhetik. Hanser. München 1988.
  • Die Kritik der Romantik. Der Verdacht der Philosophie gegen die literarische Moderne. Frankfurt Main 1989.
  • Ästhetik und Rhetorik. Lektüren zu Paul de Man. Frankfurt Main 1993.
  • Das absolute Präsens. Die Semantik ästhetischer Zeit. Frankfurt Main 1994.
  • Der Abschied. Theorie der Trauer. Frankfurt Main 1996.
  • Die Grenzen des Ästhetischen. München 1998.
  • Provinzialismus. Ein physiognomisches Panorama. München 2000.
  • Ästhetische Negativität. München 2002.
  • Ekstasen der Zeit. Augenblick, Gegenwart, Erinnerung. München 2003.
  • Imaginationen des Bösen. Für eine ästhetische Kategorie. München 2004.
  • Großer Stil. Form und Formlosigkeit in der Moderne. München 2007.
  • Das Tragische. Erscheinung, Pathos, Klage. München 2009.
  • Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, München 2011.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Michael Braun: Provokateur und Negativist. Karl Heinz Bohrer ist der erste Inhaber der Heidelberger Gadamer-Professur. In: Basler Zeitung, 8. Juni 2001.
  2. Der letzte Ästhet. In: Die Zeit, Nr. 15/1998.
  3. Karl Heinz Bohrer: Das absolutue Präsens. Die Semantik ästhetischer Zeit. Frankfurt am Main 1994, S. 32–62.
  4. München 1978
  5. Die Grenzen des Ästhetischen. In: Die Zeit, Nr. 37/1992
  6. Karl Heinz Bohrer (Hrsg.): Sprachen der Ironie – Sprachen des Ernstes. Frankfurt am Main 2000, S. 11–35. 428 S.
  7. Karl Heinz Bohrer: Nach der Natur. Über Politik und Ästhetik. München 1988
  8. Karl Heinz Bohrer: Imaginationen des Bösen. Zur Begründung einer ästhetischen Kategorie. München 2004, S. 9–32.
  9. Frankfurt am Main 1996
  10. Ludger Heidbrink (Hrsg.): Entzauberte Zeit. Der melancholische Geist der Moderne. München 1997

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