Kiessandrinne

Kiessandrinne
Münsterländer Hauptkiessandzug, eingezeichnet in ein Karte von 1905

Der Münsterländer Kiessandzug ist ein teilweise wallartiger Höhenrücken aus saaleeiszeitlichen Ablagerungen im Münsterland in Nordrhein-Westfalen. Er wird auch als „Hauptkiessandzug“, als „Kiessandrinne“ oder als „Münsterländer Kiessandrücken“ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Lage und Aufbau

Der Kiessandzug erstreckt sich über 80 km vom Nordrand der Beckumer Berge durch die Stadt Münster bis nach Salzbergen in Niedersachsen. Der Wallrücken ist bis über 1 km breit und befindet sich fast durchgängig auf einer in Kreideschichten oder Mergel eingetieften Rinne. Die Ablagerungen erreichen Mächtigkeiten von 20 bis über 40 m und bestehen aus grobem Geschiebe, Geröll und Kies, teilweise sind auch Mittel- und Feinsande eingelagert. Die Rinne ist bis zu 30 m tief und hat ein geringfügiges Gefälle nach Norden. In der Rinnenmitte finden sich grobe Kiese und Gerölle. Die Körnung nimmt zu den Rändern hin ab. Insgesamt befindet sich im Norden des Kiessandzuges das gröbere Material und am südöstlichen Ende mehr Feinsande. Hieraus lässt sich annehmen, dass nach Süden abfließendes Schmelzwasser für die Ablagerungen verantwortlich war. Im Kiessandzug finden sich Gesteine die aus Skandinavien, der Ostsee und dem Norddeutschen Raum stammen, darunter auch Leitgeschiebe wie Rapakiwigranite von den finnischen Åland-Inseln. Auch zahlreiche Fossilien wie, Mammutstoßzähne, versteinertes Holz, Haifischzähne, Ammoniten und Bernstein sind hier gefunden worden.

Hypothesen zur Entstehung

Zur Entstehung des Kiessandzuges gibt es verschiedene Deutungsversuche, die seit mehr als 100 Jahren diskutiert werden. Eine umfassende Erklärung ist bis heute nicht gefunden worden.

Unumstritten ist, dass die Ablagerungen 200.000 bis 250.000 Jahre alt sind und im Wesentlichen aus der Saaleeiszeit stammen. Die Rinne, in der die Kiese und Sande liegen, kann auch teilweise älter sein. Möglicherweise ist sie schon in der Elstereiszeit vor 450.000 Jahren ausgewaschen worden.

Endmoräne?

Bis zum Anfang des 20. Jahrhundert wurde der auffällige Kiessandzug als Endmoräne gedeutet, die am Gletscherrand aufgeschoben wurde.

  • Die Rinne und die ungestauchten Ablagerungen konnten so aber nicht erklärt werden.

Os?

Später wurde angenommen, dass der Kiessandzug als Os gebildet wurde. Ein Os entsteht durch unter dem Gletscher abfließendes Wasser, das eine Rinne erzeugt in der sich Kies und Sand ablagert.

  • Oser sind allerdings in aller Regel nur bis zu 150 m breit, steilwandig und wesentlich kürzer.

Kame?

Eine Deutung als Kame wird auch in Betracht gezogen. Hierbei fließt Schmelzwasser zwischen Toteisblöcken ab und schwemmt Geschiebematerial in Rinnen die sich bis an die Eisoberfläche durchgepaust haben. Mit dem Abtauen des Eises sinkt das angeschwemmte Geröll und der Sand in die Rinne und überhöht diese zu einem breiten flachen Wallrücken.

  • Probleme hierbei sind, dass im Raum Neuenkirchen keine ältere Rinne nachzuweisen ist, und dass bei Sendenhorst/Albersloh die Ablagerungen einige hundert Meter neben der Rinne liegen.

Gletschervorstoß zwischen Toteisblöcken?

Die neuste Hypothese stützt sich auf unterschiedliche Leitgeschiebe die westlich und östlich des Münsterländer Kiessandzug gefunden werden. Hieraus wird geschlossen, dass sich im Osten ein Toteisblock bildete und im Westen der Gletscher weiter nach Süden vorstieß. Zwischen Gletscher und Toteis floss Schmelzwasser mit hoher Geschwindigkeit nach Süden ab und spülte die Rinne, die sich später mit der Schotterfracht aus dem Eis füllte und so überhöht wurde. Nach dieser Hypothese war der Gletscher auch weiter im Westen durch ein Toteisfeld begrenzt und dort entstand entsprechend die Twente-Achterhoek-Rinne.

Ursprüngliches Erscheinungsbild

Trampelpfad zwischen Ginsterbüschen in St. Arnold

Der sandige, karge Boden und tief liegendes Grundwasser ließ auf dem breiten Höhenrücken, der seine Umgebung bis zu 10 m überragt, nur spärliche und anspruchslose Vegetation zu. Ginster, Erika, Wacholderbüsche und Gräser boten das Bild einer Öd- und Heidelandschaft, die für eine landwirtschaftliche Nutzung nicht brauchbar war. In einigen Bereichen gab es auch Wanderdünen, die das Aufkommen von Bewuchs verhinderten. Durch Flugsandablagerungen war die Oberfläche über weite Strecken kuppig. Den Wallbergrücken überzogen viele Trampelpfade die den Geländestrukturen folgten.

Nutzung

Frühzeit

Blick vom ursprünglichen Kiessandzug Richtung Offlumer See, links eine alte Flugsanddüne

Zunächst begann die Nutzung dieser trockenen Flächen wohl als Siedlungs- oder Lagerplatz, wie steinzeitliche Funde zeigen. Später wurden auch große Gräberfelder angelegt, die durch zahlreiche Urnenfunde in Neuenkirchen am Haarweg belegt sind. Im Mittelalter wurden Heideplaggen gestochen und als Stalleinstreu genutzt. Durch die Anpflanzung von Kiefern gelang es auch Bau- und Brennholz zu gewinnen und die Wanderdünen festzulegen.

Sand- und Kiesabbau

Für den Eigenbedarf holten sich die Bewohner der umliegenden Gehöfte den weißen Stubensand um ihn als Scheuersand in ihre Wohnungen zu streuen. Im 19. Jahrhundert wurde auch nach Bausand und Kies gegraben. Hierbei entstanden zahlreiche kleinere und größere Sandkuhlen, in denen auch hin und wieder Grundwasser zu finden war. Im 20. Jahrhundert weitete sich diese Nutzung erheblich aus. Viele Bauunternehmer betrieben ihre eigene Kiesgrube und förderten das Material mit Loren. An Kipprampen wurden Fuhrwerke beladen. Durch den Einsatz von so genannten Schrappern, die den Kies mit Kettenzügen ans Ufer schrappten, entstanden die ersten Baggerseen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen große Firmen die Sand- und Kiesgewinnung. Mit Schwimm- und Saugbaggern wurde das Material abgebaut und über Förderbänder transportiert. Zahlreiche, schnell wachsende Baggerseen waren die Folge. Heute reihen sich diese Seen perlenschnurartig aneinander und sind häufig nur noch durch schmale Landbrücken getrennt.

Trinkwassergewinnung

Gegen Ende des 19. Jahrhundert wurde auch schon die gute Qualität und die reichliche Verfügbarkeit des Grundwassers im Kiessandzug entdeckt. So baute die Stadt Rheine ihr erstes Wasserwerk bereits 1894 in Neuenkirchen. Zahlreiche Wasserwerke sollten folgen und heute liegen sie, genauso wie die Baggerseen, in einer Reihe auf dem Kiessandzug. Der Sand ist ein hervorragender Filter und der Kies lässt das Wasser fast ungehindert zu den Entnahmebrunnen fließen. Aus dieser Situation heraus kommt es zu konkurrierender Nutzung zum Sand- und Kiesabbau. Um die Trinkwassergewinnung auch in Zukunft zu ermöglichen, ist der weitere Sandabbau in den letzten Jahren stark eingeschränkt worden. So wurde nördlich des Offlumer Sees in Neuenkirchen nur eine Flachentsandung (oberhalb des Grundwasserspiegels) zugelassen. Die Tiefentsandung (unterhalb des Grundwasserspiegels) ist fast gänzlich untersagt worden. Große Teile des Kiessandzuges sind heute Wasserschutzgebiete. Durch die umfangreiche Wasserförderung ist der Grundwasserspiegel in weiten Teilen um mehrere Meter abgesenkt. So wäre zum Beispiel der natürliche Wasserstand im Offlumer See bei fast 50 m über Normalnull anstatt bei 46 m über Normalnull. Zur Stabilisierung der Grundwasservorräte wird eine so genannte Grundwasseranreicherung praktiziert. Hierzu wird Oberflächenwasser aus fließenden Gewässern (Ems, Steinfurter Aa, Frischhofsbach) oder Kanälen (Dortmund-Ems-Kanal) entnommen und in Versickerungsbecken auf dem Kiessandzug eingeleitet.

Freizeit und Erholung

Seit einigen Jahren gewinnt auch der Erholungswert dieser Landschaft an Bedeutung. Die vielen fischreichen Seen mit guter Wasserqualität werden von Anglern und Tauchern genutzt. Wanderwege an den Seen, auf den Heideflächen und in den Kiefernwäldern versprechen wohltuende Entspannung. Campingplätze und Badestellen gibt es an ausgesuchten Stellen und sie sind Anziehungspunkte für Urlauber. In Neuenkirchen/Offlum und Wettringen/Haddorf wurde im Zuge der Regionale 2004 das Projekt „Sprung über die Kiesbank“ umgesetzt. Es erschließt den Offlumer See und die Haddorfer Seen für den sanften Tourismus.

Naturschutz

Einige Baggerseen und ihr Umfeld auf dem Kiessandzug sind teilweise oder auch ganz unter Naturschutz gestellt worden. So gibt es seit 1991 das 25 ha große Naturschutzgebiet „Grafensteiner See“. Neben seltenen Pflanzen sind hier vor allem verschiedene Tierarten zu finden. So wurden bereits der Brachvogel, der Flussregenpfeifer, der Austernfischer, der Kormoran, die Kanadagans und der seltene Fischadler beobachtet. Aber auch die Ringelnatter und die Zauneidechse sind hier noch öfter zu finden. Die Hohe Ward südlich Münster-Hiltrup ist u. a. für ihr großes Vorkommen der Feldgrille und der Gefleckte Keulenschrecke bekannt.

Uferabbrüche

An einigen Baggerseen ist es in der Vergangenheit zu Uferabbrüchen gekommen. Am Westeroder See musste die Sandgewinnung nach einem großen Uferabbruch eingestellt werden. Die Uferböschungen am südlichen Grafensteiner See sind teilweise mit Faschinen befestigt, aber es kam trotzdem zu gefährlichen Uferabbrüchen und der Sandabbau wurde beendet. Durch die Anpflanzung von Weiden wird versucht weitere Abbrüche zu verhindern.

Größere Seen

Einer von mehreren Baggerseen in St. Arnold
Kleiner See, versteckt in einem Wald
Blick über den südlichen Grafensteiner See

Neben sehr vielen kleinen und namenlosen Seen gibt es auch einige größere und bekannte Seen auf dem Münsterländer Kiessandzug:

(von Süd nach Nord)

Quellen

  • Aufzeichnungen der Quarzwerke Dr. Müller GmbH
  • Daten der Stadtwerke Rheine GmbH
  • Daten der Stadtwerke Ochtrup

Literatur

  • Neuenkirchen 750 Jahre (August 1997)
  • Kooperation Landwirtschaft Wasserwirtschaft (Arbeitsbericht über die Kooperationen im Kreis Steinfurt November, 1998)
  • Trinkwasser für Rheine (Herausgeber: Stadtwerke Rheine GmbH)
  • 90 Jahre Wasserversorgung in Ochtrup (Herausgeber: Stadtwerke Ochtrup, Juni 1993)
  • Radwanderführer Neuenkirchen; „Geschichten erfahren“, Mai 2005
  • „Eiszeitliche Sedimentärgeschiebe Fossilien aus dem Münsterländer Kiessandzug“, Geologisch-Paläontologisches Museum der Universität Münster , 1986

Weblinks


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