Klubsessel


Klubsessel
Typischer lederner Clubsessel aus den 1920er Jahren.

Ein Clubsessel ist ein strapazierfähiger Luxussessel im Stil des Art Déco. Er ist ein voll gepolsterter Sessel, der ursprünglich für die Möblierung von Club- und Gesellschaftsräumen, besonders in den englischen Herrenclubs der 30er-Jahre, genutzt wurde.

Inhaltsverzeichnis

Ursprung

Eben jene Herrenclubs, Yachthafen, Salons, etc., sind auch als Namensgeber dieser Sessel anzusehen. Seine Form, die Funktionalität gesellschaftliche Ereignisse oder seine Freizeit entspannt in großen bequemen Sesseln, die sich zum Lesen, Teetrinken oder Plaudern eignen, zu genießen und der Qualitätsanspruch hinsichtlich seiner Polsterung spiegelte den Zeitgeist jener Jahre wider. Clubsessel wurden meist mit Leder bezogen und hatten ein loses Sitzkissen. Das Kennzeichen eines Clubsessels aus fachlicher Sicht ist immer ein klassischer Polsteraufbau, wie er in der damaligen Zeit üblich war, unter der Verwendung jener klassischen Polstermaterialien. Eben die Verarbeitung dieser damalig üblichen Werkstoffe garantierte neben der so entstandenen wunderschönen Form auch die entsprechende Sitzqualität, welche noch heute selbst durch industrielle Polstertechnik nicht erreicht wird.

Aufbau

Grundlage dieser Sessel bildete immer ein stabiler Holzrahmen, idealerweise aus Hartholz wie Buche und Eiche, in manchen Fällen aber auch aus Weichhölzern wie Fichte und Tanne. Der Gestellrahmen wurde mit Jutegurten über Kreuz auf die Unterseite gespannt und erhielt so eine solide Grundlage für den folgenden Polsteraufbau. Um die gewünschte Polsterhöhe und den einmaligen Sitzkomfort zu erreichen wurden damals so genannte „Doppelkegelfedern“ oder auch „Taillenfedern“ verwendet. Sie dienten als Einzelfedern zum Aufbau herkömmlich geschnürter Federpolster. Zwar wurden diese Federn schon 1790 erfunden, zu dieser Zeit aber noch als offene, unverknotete Federn verwendet. Gebrauchsfähig wurden sie erst mit der Kenntnis der Stahldrahtherstellung im 19. Jahrhundert und hatten anschließend im Biedermeier und im Historismus ihre Blütezeit.

Die Taillenfedern wurden in der richtigen Stellung ( hier galt es besonders vorausschauend zu arbeiten! Eine jetzt mit dem Knoten im obersten Federring im Winkel von 45° zum Gurtkreuz stehende Feder, setzte eine spätere „Französische Schnürung der Füllfäden“, ein im Winkel von nur 22,5° stehender Knoten eine spätere „Deutsche Schnürung“ voraus) mit mindestens 4 Stichen auf die Gurte genäht. Das Aufnähen erfolgte mit einem Aufnähfaden und einer runden Nadel. Je nach Wahl des Stichs konnte man den Federring halb oder ganz umschlingen, jedoch mussten die Nähstiche dicht an den Federring gezogen werden um ein verschieben der Federn zu verhindern.

geknotete Taillenfedern; der Hinweis 7/36 gibt z.B. eine Federhöhe von 7 Gängen und einen Drahtdurchmesser von 3,6mm an.

So auf die Jutegurte genäht konnte man die Federn nach dem später gewünschten Härtegrad und der gewünschten Höhe mit individuell gestellten „Stell-, Retoure- und Knotenfäden“ in Längs- und Querschnürung mit Schlingen, Bohnen und Knoten in Form bringen. Für solche Sitzpolsterungen wurden im allgemeinen 6- bis 8- gängige Taillenfedern mit einer unbelasteten Federhöhe zwischen 17 und 34cm und Drahtdurchmessern von 3,2-4,0 mm verwendet. Je größer der Drahtdurchmesser gewählt wurde, desto größer war auch die Tragfähigkeit des Polsters. Da die Sitzkannte etwas höher als die übrige Polsterfläche war und auch stärker belastet wurde, wählte man für die vordere Federreihe Federn mit größerer Gangzahl und größerem Drahtdurchmesser. In diesem Bereich wurden die Federn auf ca. 2/3 ihrer Höhe heruntergeschnürt.

Zur Erzielung des Sitzgefälles und der größeren Nachgiebigkeit nahmen die Federn nach hinten hin in der Gangzahl und im Drahtdurchmesser ab. Clubsessel mit vorgebauter Sitzkannte , erhielten eine hochgestellte Vorderkannte; indem die Federn der vordersten Reihe auf der Vorderzarge bzw. auf einer dort angebrachten Holzleiste mit Krampen befestigt wurden. Ein vorher darunter angebrachter Jutestreifen verhinderte beim Benutzen störende Geräusche (und ist auch heute noch als sog. „Klapperstreifen“ bekannt). Ein Hochstellen der vorderen Federreihe erforderte Federn mit geringerer Gangzahl und führte dazu, das diese Federn als sog. freistehende Federkannte separat geschnürt werden musste. Anschließend wurden mit Kantendraht die äußeren Federringe verstärkt. Den Abschluss bildeten Füllfäden, von denen man grundsätzlich die Doppelrechtwinklige Schnürung (doppelte französische Schnürung) und die Diagonalschnürung (deutsche Schnürung) unterscheidet. Unterschied beider Schürungen ist, dass man mit der deutschen Schnürung eine festere Oberfläche herstellt, da der oberste Federring hierbei achtmal gefasst wird, gegenüber der französischen Schnürung, bei der der Federring nur viermal gefasst wird.

geschnürtes Sitzpolster mit Stell- und Knotenfäden und hochgestellter Vorderkante.

Der nun entstandene Polsteraufbau wurde mit einer Lage Federleinwand bespannt. Das folgende Formpolster (ältere Bezeichnung „Fasson“; französisch: Form) ist die tragende Polsterschicht mit geringer Weichheit, die durch die Polsterkante in Form gebracht wird. Als gebräuchlichste Polsterfüllstoffe hierfür galten pflanzliche Füllstoffe wie „Afrik“, das aus den Blättern der Zwergpalme gewonnen wird, aber auch Alpengras oder Waldhaar, so genanntes Riedgras kamen in Süddeutschland häufig vor. Auf dem Federleinen wurden Lasierstiche gezogen, ca. 3cm Füllstoff aufgelegt und gut verzupft unter die Lasiestiche geschoben. Anschließend wurde Fassonleinwand übergeheftet, angesteckt und durchgenäht, durchgesessen und nochmals nachgezogen. Die Kanten geformt, ausgesteckt und mit Leiterstich und Hinterstich garniert. Die folgende Pikierung aus tierischen Füllstoffen wie Rinder- und Rosshaar glich die Unebenheiten des Formpolsters aus und gab dem Polster die notwendige Oberflächenweichheit. Beim heutigen Stand der Technik kann als Pikierung durchaus auch ein feiner „Aqua-Pur-Schaum“ mit entsprechender Stauchhärte und entsprechendem Raumgewicht verwendet werden, da dieser die Funktion des sehr teuren Rosshaars voll erfüllt. Abgerundet wurde der Sitz eines Clubsessels mit einem lose aufliegenden Kissen, welches eine Federfüllung beinhaltet. Der beschriebene klassische Polsteraufbau sollte sich auf alle Fälle im Sitz- und Rückenbereich eines solchen Sessels befinden, aber bei manchen Sesselformen kommt dieser Aufbau durchaus auch in beiden Armlehnen vor.

Bezug

Zumeist waren die Sessel mit Leder bezogen. Ein Bezug mit Stoff wie Flachgewebe oder Velours war für diese Art von Sesseln in jenen Jahren eher selten und wurde erst in den 1950er und 1960er Jahren bevorzugt. Das Leder der damaligen Zeit war vegetabil, also pflanzlich gegerbt.

Foto eines handgefärbten und handpatinierten Ledersessels. Das Leder erhält dadurch wesentlich mehr Charakter als industriell gefärbtes Leder.

Pflanzliche Gerbmittel wie Quebracho-Extrakte (von den südamerikanischen Quebracho-Bäumen), Mimosen-Extrakte (plantagenmäßig angebaute Akazien), Rhabarber, Tarafrüchte, Hülsen der Eichenfrucht, Nüsse, Rinde, Wurzeln etc. gehören zu den ältesten Stoffen, die der Mensch zum Gerben verwendet hat. Die Gerbstoffgehalte schwanken zwischen 8 und 70 Prozent. Echtes Leder ist als Tierhaut nicht nur organisch gewachsen, sondern hat darüber hinaus wichtige Funktionen: Es lebt, kann atmen, dehnt sich aus, ist haltbar und strapazierfähig und kann Körperfeuchtigkeit aufsaugen. Leder fühlt sich immer wohltemperiert an.

Dass häufig patiniertes Leder (cuir-patinée), also von Hand nach dem Beziehen des Sessels eingefärbtes Leder verwendet wurde, macht diese Stücke auch optisch so einzigartig.


Beispiele

Die Entstehungszeit des Clubsessels mag wohl in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, also in den Jahren 1920 bis 1940 liegen, die man als so genanntes „Art Déco“ bezeichnet. Aber längst nicht alle Formen der Clubsessel sind als typisches „Art Déco“ anzusehen.


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