Kognitive Archäologie


Kognitive Archäologie

Die Kognitive Archäologie versucht, aus den archäologischen Hinterlassenschaften der frühen Menschen Rückschlüsse auf ihr Denken und ihre kognitiven Fähigkeiten zu ziehen. Der britische Archäologe Colin Renfrew hat den Begriff in den 1980er-Jahren geprägt und gilt somit als Begründer dieser Fachrichtung. [1]

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Renfrew selbst erläuterte seinen Ansatz am Beispiel der Würfel aus Mohenjo-Daro, einem Ort im Industal. Diese Steine sind 4000 Jahre alt, farbig, in Würfelform gehauen. Sie wurden ganz offensichtlich über beträchtliche Entfernungen transportiert. Die Steine sind unterschiedlich groß, aber ihre Gewichte sind immer ganzzahlige Vielfache einer bestimmten Einheit. Die kleinsten Steine sind etwas über 800 Gramm schwer. Andere Steine haben das 4fache, 8fache bzw. 64fache Gewicht. Und schließlich fand man noch größere pfannenartige Platten, die 320 beziehungsweise 1600 mal so schwer waren wie die kleinen Steine. Renfrew folgerte daraus:

  • Die Menschen haben also die Masse von Objekten gemessen und benutzten ein Maßsystem für Gewichte.
  • Sie waren mit der Vorstellung vertraut, dass sich bestimmte Größen aus Einheiten zusammensetzen lassen.
  • Sie müssen außerdem mit Zahlen operiert haben, wobei auch eine hierarchische Ordnung mit im Spiel war.

Ferner sei zu vermuten, dass sie das taten, um Dinge – bzw. konkret: Waren – quantitativ zu erfassen. Dies würde bedeuten, dass die Menschen eine Verbindung hergestellt haben zwischen dem Gewicht einer Ware und ihrem Handelswert.

Kognitive Archäologie heute

Die modernen Kognitionswissenschaften haben der Kognitiven Archäologie zusätzliche Impulse gegeben. Heute versuchen Wissenschaftler, Erkenntnisse aus benachbarten Disziplinen zu integrieren, insbesondere aus der Anthropologie sowie der Evolutionspsychologie. Zentrale Fragestellungen dieser Forschungsrichtung lauten:

Diese Fragen versuchen die Forscher anhand archäologischer und anthropologischer Funde zu beantworten.

Zu den heute wichtigsten Vertreter des kognitiven Archäologie gehört Steven Mithen. In seinem Buch The prehistory of the mind beschreibt er, wie sich der menschliche Geist entwickelt hat. Er greift dabei zurück auf die heute etablierte Vorstellung der Kognitiven Domänen und setzt sie in Verbindung zu den materiellen Hinterlassenschaften. Diese zeigen laut Mithen, dass die frühen Vertreter der Gattung Homo – vor dem Homo sapiens – zwar in vieler Hinsicht kognitive Fähigkeiten aufwiesen, die mit heutigen Menschen vergleichbar sind, aber nur, solange diese Fähigkeiten lediglich eine Domäne beanspruchten, etwa die „intuitive Physik“, die „intuitive Biologie“ oder die „intuitive Psychologie“. Demnach funktionierte der menschliche Geist wie ein Taschenmesser: Für jede Aufgabe gibt es bestimmte zuständige Module im Gehirn. Doch erst Homo sapiens sei in der Lage gewesen, Verbindungen zwischen diesen Domänen herzustellen. Demnach sei die Entstehung von Kunst, Religion und wissenschaftlichem Denken vor knapp 50.000 Jahren auf eine Entwicklung zum kognitiv fluiden Geist zurückzuführen.

Mit Felsbildern beschäftigt sich David Lewis-Williams, der einen Lehrstuhl für kognitive Archäologie in Südafrika innehat. Ein Teil der südafrikanischen Felsbilder interpretiert er als Ausdruck von Schamanismus. In einigen der dargestellten Motive wie Nasenbluten, klatschende Personen oder Tier-Mensch-Mischwesen sieht er typische Merkmale von Trancezuständen. Kritiker bezweifeln jedoch, dass diese Erklärung auf alle Felsbilder anwendbar ist. Lewis-Williams' These deckt sich jedoch mit Vermutungen, wonach auch einige der Höhlenmalereien in Frankreich in Trance bzw. unter Drogeneinfluss entstanden sind. Die Frage nach den kognitiven Wurzeln betrifft neben den Felsbildern alle Formen vorgeschichtlicher Kunst. In vielen Fällen konkurrieren dabei schamanistische Erklärungsansätze mit solchen, die die frühen Kunstwerke als Ausdruck von magischem Denken, Religion oder sozialem Prestige deuten.

Kognitive Archäologie im deutschsprachigen Raum

Die kognitive Archäologie ist ein Forschungszweig geblieben, der weitgehend im angelsächsischen Bereich verfolgt wird. Allerdings gibt es Ausnahmen. So benutzt der Frankfurter Archäologe Cornelis Bol kognitionswissenschaftliche Methoden, um den Übergang von der Archaik zur Klassik im alten Griechenland (ca. 700 bis 500 v. Chr.) zu analysieren. Dieser Umbruch ging mit vielen künstlerischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen einher. Laut Bol hat dabei ein kognitiver Umbruch stattgefunden, bei dem seinerseits bildhafte Darstellungen einen wichtigen Einfluss ausübten. Bols Untersuchungen sind zugleich ein Beispiel für die Anwendung kognitionswissenschaftlicher Methoden innerhalb der Klassischen Archäologie.

Die österreichische Wissenschaftsjournalistin und Prähistorikerin Elisabeth Pühringer wiederum hat sich – ähnlich wie Colin Renfrew – mit Maßeinheiten und Gewichtssystemen befasst. Anhand der Gewichtsrelationen von Gusskuchen bzw. Teilstücken davon versucht sie, ein Gewichtsschema für die frühe Bronzezeit nachzuweisen. Für jede Form von Handel sind Maßeinheiten nötig, um Wert und Gegenwert der gehandelten Waren zu definieren. Das von Pühringer erstellte Schema der Gewichtsrelationen von Rohmetallbarren für Gusskuchen weist auf eine Art Zahlensystem im mitteleuropäischen Raum vor 5000 Jahren hin. Bei den Rohmetallstücken handelt es sich demnach möglicherweise um ein prämonetäres Zahlungsmittel. [2]

Kognitive Archäologie in der Diskussion

Lange Zeit galten Wissenschaftler, die diesen Ansatz verfolgten, als Außenseiter innerhalb der Archäologie. Sie wurden gelegentlich als Paläopsychologen belächelt und ihre Interpretationen der materiellen Hinterlassenschaften als Spekulationen in Frage gestellt. Der Begründer der Disziplin, Colin Renfrew, wies solche Kritik zurück, erkannte aber auch die Grenzen dieser Methode: „Die kognitive Archäologie kann nicht herausfinden, was die Menschen früher dachten. Wohl aber, wie sie dachten“.

Literatur

  • Bol, Cornelis: Frühgriechische Bilder und die Entstehung der Klassik. Perspektive, Kognition und Wirklichkeit. ISBN 3831604576.
  • Lewis-Williams, David: Cognitive and Optical Illusions in San Rock Art Research. Current Anthropology, Vol. 27, No. 2. (Apr., 1986), pp. 171-178.
  • Mithen, Steven: The prehistory of the mind. 2003, ISBN 075380204X.
  • Renfrew, Colin: Archaeology and Language: The Puzzle of Indo-European Origins. 1989, ISBN 0140552413.
  • Renfrew, Colin und Ezra B.W. Zubrow (Hrsg.): The Ancient Mind., Cambridge University Press, Cambridge 1994, ISBN 0521434882.

Quellen

  1. SWR2-Sendung mit Steven Mithen Wie die Menschheit denken lernte - Kognitive Archäologie
  2. Die Dissertation kann im vollen Wortlaut auf [1] heruntergeladen werden. Auf dieser Seite sind noch weitere Artikel zu diesem Thema publiziert.

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