Kuschitische Sprachen


Kuschitische Sprachen
Kuschitische Sprachen in Ostafrika und weitere Afroasiatische Sprachen

Die Kuschitischen Sprachen sind ein Primärzweig der afroasiatischen Sprachfamilie und werden im Nordosten Afrikas, vor allem am Horn von Afrika, gesprochen.

Bedeutendste Einzelsprachen sind das von etwa 30 Millionen Menschen gesprochene Oromo und das von mindestens 12 Mio. gesprochene Somali, die Nationalsprache Somalias. Weitere kuschitische Sprachen mit jeweils über einer Million Sprechern sind Sidama, Hadiyya, Kambaata und Afar.

Inhaltsverzeichnis

Klassifikation

Die kuschitischen Sprachen werden in vier Zweige aufgeteilt; der ehemalige fünfte Zweig, das „Westkuschitische“, wird heute unter dem Namen Omotisch als eigener Primärzweig des Afroasiatischen angesehen. Dies ergibt sich aus den erheblichen Unterschieden, die das Kuschitische vom Omotischen trennen. Auch das Nordkuschitische, das aus einer einzigen Sprache, dem Bedscha, besteht, stellt möglicherweise einen eigenen Primärzweig des Afroasiatischen dar, die Mehrzahl der Forscher klassifiziert es jedoch weiterhin als Zweig des Kuschitischen. Das Agaw oder Zentralkuschitische umfasst mehrere miteinander verwandte Sprachen im äthiopischen Hochland, unter anderem Bilen und Awngi. Das Südkuschitische, dessen wichtigste Sprache das Iraqw ist, ist in zerstreuten Teilen Kenias und Tansanias verbreitet. Die größte Gruppe des Kuschitischen stellt das Ostkuschitische dar. Dieses wird in weiten Teilen Äthiopiens, in Teilen Kenias und Eritreas, in Somalia und Dschibuti gesprochen. Wichtige ostkuschitische Sprachen sind das Oromo und das Somali.

Übersicht (eckige Klammern bezeichnen den SIL-Code):

Kuschitisch (hellviolett gefärbt) innerhalb der Afroasiatischen Sprachen

Forschungs- und Klassifikationsgeschichte

Die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zu kuschitischen Sprachen gehen auf Hiob Ludolf (1624–1704) zurück, der sich neben dem Äthiosemitischen auch mit dem kuschitischen Oromo befasste. Die ersten größeren Darstellungen kuschitischer Sprachen, wiederum des Oromo, wurden von Karl Tuschtek und Johann Ludwig Krapf zwischen 1840 und 1845 veröffentlicht. Zur gleichen Zeit wurden in Europa auch andere Sprachen Ostafrikas bekannt, die sich als mit dem Oromo verwandt erwiesen. Die erweiterte Kenntnis des Kuschitischen ermöglichte es bald, diese Sprachen als mit dem Semitischen und einigen nordafrikanischen Sprachen verwandt zu erkennen. Richard Lepsius fasste erstmals ostkuschitische Sprachen und das Bedscha unter der Bezeichnung „Kuschitisch“ als Untereinheit des „Hamitischen“, einem Vorläufer des heutigen Afroasiatischen, zusammen. Genauere Beschreibungen weiterer acht kuschitischer und einer omotischen Sprache legte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Österreicher Leo Reinisch vor. Er versuchte darüber hinaus erstmals eine Subklassifikation des Kuschitischen, die sich jedoch als nicht zutreffend erwies. Vor allem italienische Forscher machten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts um die Beschreibung neuer Sprachen und sprachvergleichende Forschung verdient. Unter ihnen ist insbesondere Martino Mario Moreno zu nennen, der 1940 eine neue Klassifikation vorschlug, die in ihren Grundzügen bis heute Gültigkeit hat:

  • ani-ati-Sprachen
    • Nordkuschitisch: Bedscha
    • Zentralkuschitisch
    • Ostkuschitisch
      • Niederkuschitisch
      • Burji-Sadamo
      • Sonstige Gruppen
  • ta-ne-Sprachen
    • Westkuschitisch
      • Yamna
      • Ometo
      • Himira
      • Gonga

Die Unterteilung in ani-ati- und ta-ne-Sprachen beruhte auf den unterschiedlichen Formen der Personalpronomina der 1. und 2. Person, die nur einen der zahlreichen gravierenden Unterschiede zwischen „Westkuschitisch“ und dem Rest bilden. Joseph Greenberg ordnete im Zuge seiner Neuklassifikation der Sprachen Afrikas auch eine Reihe von in Kenia und Tansania gesprochenen Sprachen als „Südkuschitisch“ zu; 1969 gliederte Harold Fleming das „Westkuschitische“ aus dem Kuschitischen aus und ordnete es unter dem Namen „Omotisch“ als eigenen Primärzweig des Afroasiatischen ein. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden auch in der Subklassifikation des Ostkuschitischen, die in Morenos Klassifikation noch sehr grob ausgeführt war, Fortschritte erzielt.

Phonologie

Konsonanten

Es ist bislang nicht möglich, eine vollständige Rekonstruktion des proto-kuschitischen Konsonantensystems zu erstellen. Dennoch sind einige allgemeine Aussagen, die auf alle oder viele kuschitische Sprachen zutreffen, möglich. So sind wie für das Afroasiatische im Allgemeinen auch für das Kuschitische glottalisierte Laute, die pharyngalen Frikative [ʕ] und [ħ] und nur im Südkuschitischen zu findende laterale Frikative kennzeichnend. Darüber hinaus weisen größere Teile des Kuschitischen auch Labiovelare auf.

Vokale

Im Bedscha, Ostkuschitischen, Südkuschitischen und vielleicht auch im Proto-Kuschitischen findet sich ein fünfstufiges System mit einer Opposition lang – kurz: a – e – i – o – u – aa – ee – ii – oo – uu. Im Agaw sind zusätzlich noch die Vokale æ, ə zu finden, es gibt dafür keine distinktive Bedeutung der Vokalquantität. Anzumerken ist aber, dass diese Übereinstimmungen vorwiegend typologischer Natur sind und die genetischen Korrespondenzen zwischen den einzelsprachlichen Systemen komplexer und weniger bekannt sind.

Ton

In nahezu allen kuschitischen Sprachen ist der Ton von distinktiver Bedeutung; die meisten Systeme umfassen einen Hochton und einen neutralen Ton; teilweise finden sich auch Konturtöne. Oft markiert der Ton lediglich grammatikalische Unterscheidungen, wie in Bedscha kítaab „Buch“ – kitáb „Bücher“, er kann jedoch auch lexikalische Bedeutung haben, wie Minimalpaare wie Somali béer „Leber“ – beér „Garten“ zeigen.

Morphologie

Nominalmorphologie

In der Nominalmorphologie ist im Kuschitischen zwar eine große Diversität vorzufinden, es finden sich jedoch trotzdem Gemeinsamkeiten, die es mit anderen Primärzweigen des Afroasiatischen teilt.

Im Allgemeinen weist das Kuschitische die beiden Genera Maskulinum und Femininum, die Numeri Singular und Plural sowie teilweise mehrere Kasus auf. Das Femininum wird in der Mehrzahl der Sprachen mit einem Element t markiert, vergleiche Bedscha ʾoor „Sohn“ – ʾoor-t „Tochter“, Somali wiil-ka „Junge“ (maskulin) – beer-ta „Garten“ (feminin) , Oromo soor-essa „reich“ (maskulin) – soor-ettii „reich“ (feminin). Im Gegensatz zum meist unmarkierten Singular finden sich verschiedene Mittel zur Bildung des Plurals: Jedoch können von der Bedeutung nach pluralischen Substantiven durch Suffixe auch sekundäre Singulative gebildet werden, siehe etwa Awnji bún „Kaffee“ – búna „Kaffeebohne“.

Im Proto-Kuschitischen existierten zwei oder drei Kasus, die mindestens im Maskulinum durch die Suffixe -a im Absolutiv und -u/i im Nominativ markiert wurden. Die Existenz eines Genitivs auf -i ist weniger wahrscheinlich.

Verbalmorphologie

Präfixkonjugation

Im Bedscha und im Ostkuschitischen findet sich eine Konjugation mittels präfigierter Personenmarker. Dass es sich hierbei um einen Archaismus handelt, zeigt die Tatsache, dass diese Präfixkonjugation auf bestimmte Verben beschränkt ist, sich aber auch im Berberischen und Semitischen wiederfindet. In ihr werden durch Ablaut und Infixe mehrere Aspekte/Modi unterschieden. Das Bedscha verfügt über ein sehr komplexes System mit temporalen, modalen und aspektuellen Unterscheidungen, was zu einem großen Teil als Innovation angesehen werden muss. In den ostkuschitischen Sprachen hingegen werden nur ein Perfekt/Präteritum und ein Präsens/Imperfekt, teilweise auch ein Subjunktiv/Jussiv gebildet. Die Konjugation des Verbs „verschlingen“ lautet im Afar:

  Perfekt Imperfekt Subjunktiv
Singular 1.   unḍuʿ-e anḍuʿ-e anḍaʿ-u
2.   t-unḍuʿ-e t-anḍuʿ-e t-anḍaʿ-u
3. m. y-unḍuʿ-e y-anḍuʿ-e y-anḍaʿ-u
f. t-unḍuʿ-e t-anḍuʿ-e t-anḍaʿ-u
Plural 1.   n-unḍuʿ-e n-anḍuʿ-e n-anḍaʿ-u
2.   t-unḍuʿ-en t-anḍuʿ-en t-anḍaʿ-un
3.   y-unḍuʿ-en y-anḍuʿ-en y-anḍaʿ-un

Suffixkonjugation

Die Präfixkonjugation wurde in allen kuschitischen Sprachen durch eine kuschitische Innovation stark zurückgedrängt: der kuschitischen Suffixkonjugation, bei der die Konjugation mit suffigierten Personalendungen erfolgt. Trotz der äußerlichen Ähnlichkeit ist sie nach der allgemeinen Ansicht mit der afroasiatischen Suffixkonjugation genetisch nicht verwandt. Nach einer bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Franz Prätorius vorgeschlagenen Theorie gehen ihre Personalendungen auf eine präfixkonjugierte Kopula zurück. Hinsichtlich der suffixkonjugierten Tempora, Modi und Aspekte bestehen große Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachen. Während etwa das Somali eine Vielzahl ausdifferenzierter Formen bilden kann, ist das System des ebenfalls ostkuschitischen Oromo sehr einfach und weist darüber hinaus Ähnlichkeiten mit den Ablautverhältnissen der Präfixkonjugation (Perfekt e, Imperfekt a, Subjunktiv u) auf, weshalb es besonders archaisch sein könnte (déem „gehen“):

  Perfekt Imperfekt Subjunktiv
Singular 1.   déem-e déem-a déem-u
2.   déem-te déem-ta déem-tu
3. m. déem-e déem-a déem-u
f. déem-te déem-ti déem-tu
Plural 1.   déem-ne déem-na déem-nu
2.   déem-tan déem-tani déem-tani
3.   déem-an déem-ani déem-ani

Derivation

Durch Affixe lassen sich abgeleitete Verben bilden, wobei sich insbesondere die Affixe s für Kausative, m für passive und reflexive Verben und t für das Medium finden, siehe die folgenden Beispiele aus dem Somali:

  • fur „öffnen“ > fur-am „geöffnet werden“
  • fur „öffnen“ > fur-at „für sich öffnen“
  • cun „essen“ > cun-sii „essen lassen“

Literatur

  • David L. Appleyard: A comparative dictionary of the Agaw languages. Köppe, Köln 2006. ISBN 3-89645-481-1
  • Christopher Ehret: Proto-Cushitic Reconstruction. In: Sprache und Geschichte in Afrika, Band 8, 1987, S. 7–180
  • Christopher Ehret: The historical reconstruction of Southern Cushitic phonology and vocabulary. Reimer, Berlin 1980, ISBN 3-496-00104-6
  • Gene B. Gragg: Cushitic languages. In: Burkhart Kienast: Historische semitische Sprachwissenschaft. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, S. 574–617
  • Hans-Jürgen Sasse: Die kuschitischen Sprachen. In: Bernd Heine, Thilo C. Schadeberg und Ekkehard Wolff: Die Sprachen Afrikas. Buske, Hamburg 1981, S. 189–215
  • Hans-Jürgen Sasse: The Consonant Phonemes of Proto-East-Cushitic (PEC): A First Approximation. Afroasiatic Linguistics, Volume 7, Issue 1 (October 1979). Undena Publications, Malibu 1979 ISBN 0-89003-001-4
  • Andrzej Zaborski: The Verb in Cushitic. Krakau 1975

Weblinks


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