Lebenserwartung bei der Geburt

Lebenserwartung bei der Geburt
Weltkarte, auf der die Lebenserwartung zum Zeitpunkt der Geburt in den UN-Mitgliedstaaten farblich dargestellt wird (2006).
70 Jahre und höher
██ 82 Jahre und höher
██ 80–81 Jahre
██ 78–79 Jahre
██ 76–77 Jahre
██ 74–75 Jahre
██ 72–73 Jahre
██ 70–71 Jahre
██ nicht verfügbar
Unter 70 Jahren
██ 65–69 Jahre
██ 60–64 Jahre
██ 55–59 Jahre
██ 50–54 Jahre
██ 45–49 Jahre
██ 40–44 Jahre
██ 35–39 Jahre
██ unter 35 Jahren

Die Lebenserwartung ist die statistisch zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt. Diese Spanne wird in der Regel mit Hilfe einer Sterbetafel berechnet, die auf empirischen Sterbehäufigkeiten der Vergangenheit und auf Modellannahmen für die zukünftige Sterblichkeitsentwicklung basiert. Grundsätzlich kann jeder beliebige Zeitpunkt gewählt werden, ab dem die restliche Lebenszeit ermittelt werden soll – in der Regel wird vom biologischen Beginn seiner Entwicklung aus gerechnet.

Die meistermittelte Lebenserwartung ist folglich die ab dem Zeitpunkt des Eintritts in das Leben, bei Menschen also die durchschnittliche Lebenserwartung ab der Geburt. Die Lebenserwartung bei der Geburt ist bestimmt durch die Anzahl der Jahre, die Neugeborene eines bestimmten Jahrgangs durchschnittlich leben würden, wenn die bei ihrer Geburt herrschenden Lebensumstände und Sterblichkeitsraten während ihres gesamten Lebens konstant blieben. Interessant sind dabei auch Angaben über die statistische Streuung dieser Lebenserwartung.

Inhaltsverzeichnis

Menschliche Lebenserwartung

Lebenserwartung der Männer bei der Geburt 2006
Lebenserwartung der Frauen bei der Geburt 2006

Die menschliche Lebenserwartung wird von verschiedensten Einflussfaktoren bestimmt. Sofern Populationen nicht durch Kriege, Seuchen, Hungersnöte, Unfälle dezimiert werden, spielt die Qualität der medizinischen Versorgung neben der biologischen Lebenserwartung (Zellalterung), Stress, Ernährung und Bewegung eine wichtige Rolle. Unter guten Rahmenbedingungen können Menschen 100 Jahre und älter werden. Die bisher ältesten Menschen erreichten ein Lebensalter von knapp über 120 Jahren (maximale Lebenserwartung). Für die westlichen Wirtschaftsnationen werden für die aktuelle Jugend ähnlich hohe Lebenserwartungen (impliziert werden medizinische Fortschritte) prognostiziert. Die höchste Lebenserwartung haben die Menschen in Andorra mit 83,5 Jahren, gefolgt von Japan, die geringste Lebenserwartung hat das Afrikanische Land Swasiland mit 34,1 Jahren [1].

Lebenserwartung ist auch eine wichtige sozioökonomische Messgröße: Je höher sie für eine bestimmte Gruppe ist, desto höher ist in der Regel deren Lebensstandard, beispielsweise medizinische Versorgung, Hygiene, Trinkwasserqualität, Zufallswahrscheinlichkeit eines tödlichen Verkehrsunfalls und Ernährungslage etc. Unterschieden wird die Lebenserwartung häufig nach Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Berufszugehörigkeit, aber auch nach speziell ausgewiesener Risikogruppe. Während die Statistiken, die sich auf Staaten oder Regionen beziehen, vorwiegend volkswirtschaftliche Indikatoren ausweisen, wird die Unterscheidung nach bestimmten Bevölkerungsgruppen, insbesondere in der Versicherungswirtschaft, auch zur Berechnung von Risiken und der Bemessung von Prämien oder Renten herangezogen.

Die Berechnung der Lebenserwartung erfolgt anhand von Sterbetafeln, welche die exakte Zahl der Überlebenden und Gestorbenen pro 100.000 Einwohner früherer Jahrgänge nach dem durchschnittlichen Lebens- bzw. Sterbealter in Jahren ausweisen.

Beispiel Bundesrepublik Deutschland

Im Jahr 2007 beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung neugeborener Jungen 76,6 Jahre. Die entsprechende Zahl für neugeborene Mädchen lautet 82,1 Jahre. Die vorherige Sterbetafel hatte noch 76,2 beziehungsweise 81,8 Jahre angegeben.[2] Die so berechnete durchschnittliche Lebenserwartung ist allerdings eine höchst fiktive Zahl, weil bei ihrer Berechnung Kriege, Seuchen und andere Faktoren, die den Lebensdurchschnitt dieser kommenden Generation beeinflussen können, noch nicht bekannt sind. Jetzige Verhältnisse werden extrapoliert. Dagegen ist die weitere oder durchschnittliche weitere Lebenserwartung schon relativ genau. Sie gibt an, wie viele weitere Lebensjahre Menschen eines bestimmten Alters, z. B. die heute 60-jährigen, nach den in der aktuellen Berichtsperiode geltenden Sterblichkeitsverhältnissen durchschnittlich noch weiterleben.[3]

Neu geborene Jungen in den alten Bundesländern haben eine Lebenserwartung von 76,9 Jahren, die in den neuen Bundesländern neu geborenen (ohne Berlin) eine von 75,5 Jahren. Der Ost-West-Unterschied beträgt also 1,4 Jahre. Bei den neu geborenen Mädchen beträgt der Abstand zugunsten der im Westen geborenen Mädchen 0,3 Jahre. [4]

Die Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verlängert. Faktoren wie Friedenszeit, gute Ernährungslage etc. spielen dabei eine wesentlich größere Rolle als Medizinfortschritt oder Zigarettenkonsum in der Gesamtbevölkerung.[5]

Schlüsselfaktoren

Mangelnde Hygiene, unsauberes Trinkwasser, unzureichende Ernährung und mangelnde ärztliche Versorgung begrenzen die Lebenserwartung in der Hauptsache. Dies galt für die vorindustrielle Zeit und gilt heute noch für weite Teile der Dritten Welt.

Dort, wo diese Verhältnisse auf einem akzeptablen Niveau sind, gelten nun nachstehende 5 Schlüsselfaktoren als bedeutsam:

  1. Rauchen
  2. Übergewicht
  3. Bluthochdruck
  4. Diabetes
  5. mangelnde regelmäßige Bewegung.

So liegt die Spanne der statischen Lebenserwartung einer 70-jährigen Person, 90 Jahre alt zu werden, zwischen 5% und 54%, je nachdem wie günstig oder ungünstig vorstehende Faktoren gegeben sind [6]. Alkoholkonsum und Cholesterinspiegel wurden vor dieser Untersuchung als ebenfalls bestimmende Faktoren betrachtet, ihr Einfluss wurde nun im Vergleich als wesentlich geringfügiger erkannt.

Zusammenhang von Lebenserwartung und Geschlecht

Der Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und dem Geschlecht einer Person ist für Deutschland eindeutig belegt. Eine Untersuchung der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) aus dem Jahre 2008 belegt für die letzten 130 Jahre, dass die Sterblichkeit von Frauen im Altersbereich von 20 bis 70 nur etwa halb so groß ist wie von Männern.[7] Damit ergibt sich für Männer eine um durchschnittlich ca. 5 bis 6 Jahre geringere Lebenserwartung als für Frauen. Als Ursachen hierfür werden von Wissenschaftlern das geringere Gesundheitsbewusstsein, aber auch die höhere Risikobereitschaft und die potenziell höhere Morbiditätsrate in den für Männer typischen Berufen genannt. Genau geklärt ist dieser Zusammenhang jedoch noch nicht. Männer werden häufiger in Kriegen, gefahrgeneigter Arbeit, körperlich schädigenden Tätigkeiten eingesetzt, sie suchen bei Krankheitssymptomen seltener einen Arzt auf, rauchen mehr und trinken mehr Alkohol usw. Bei vielen Säugetierarten, zum Beispiel bei Labormäusen, leben die Weibchen im Durchschnitt länger als die Männchen. Dafür gibt es verschieden Erklärungsansätze: Männchen haben eine größere Körpergröße, und jeweils in einer Säugetierart leben die kleineren Exemplare im Schnitt länger als die großen: kleine Hunderassen können 16 Jahre erreichen, während große Hunde meist schon nach neun Jahren sterben. [8] Kleine Menschen und Menschenrassen haben eine höhere Lebenserwartung als große. [9] Wenn die geringere Körpergröße allerdings nicht genetisch bedingt ist, sondern aus schlechter Ernährung resultiert, kehrt sich die Regel um: Dann haben größere Menschen die höhere Lebenserwartung. Dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron wird eine lebensverkürzende Wirkung zugeschrieben: Eunuchen leben im Schnitt länger als nicht kastrierte Männer, allerdings neigen sie zum Übergewicht, was das Leben wieder verkürzt. Generell haben anabole (stoffwechselanregende) Hormone wie Wachstumshormone , die männlichen Geschlechtshormone und Insulin (siehe nächsten Abschnitt: Lebenserwartung und Ernährung) eine lebensverkürzende Wirkung, vielleicht indem sie zu stärkerem oxidativem Stress führen [10]. Ein weiterer Erklärungsansatz für die höhere Lebensspanne von weiblichen Säugetieren und Menschenfrauen ist, dass bei der zyklischen Menstruationsblutung Schadstoffe, Schwermetalle sowie das oxidativ wirkende Eisen aus dem Körper geschwemmt werden.

Soziale Ungleichheit und Lebenserwartung

Für viele Länder ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Länge des Lebens eines Menschen und seinem sozialen Status -gemessen über den Bildungsabschluss, den Berufsstatus oder das Einkommen- dokumentiert (Mackenbach 2006). Diese Befunde waren der Ausgangspunkt, um auf europäischer Ebene eine eigene Strategie zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten zu fordern.[11]

Auch für Deutschland weisen Analysen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) deutliche Einkommensunterschiede in der Lebenserwartung aus (Lampert et al. 2007). So werden Männer und Frauen aus der Armutsrisikogruppe durchschnittlich nur 70 bzw. 77 Jahre alt, während Männer und Frauen mit sehr hohen Einkommen fast 10 Jahre länger leben (81 bzw. 85 Jahre). Die Ergebnisse verweisen zudem darauf, dass auch der Anteil der in Gesundheit verbrachten Lebensjahre deutlich variiert.

Gemäß Daten aus der privaten Rentenversicherung aus den Jahren 1995-2002 liegt die auf ein Jahr bezogene Sterbewahrscheinlichkeit für Bezieher hoher Renten um bis zu 20 % niedriger als für Bezieher geringer Renten. Aus Daten der gesetzlichen Rentenversicherung und des statistischen Bundesamtes geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit für einen 65-jährigen Mann, innerhalb eines Jahres zu sterben, für Versicherte der Arbeiterrentenversicherung fast doppelt so hoch ist wie für Versicherte der Angestelltenversicherung und für Beamte. [12]

Aktuelle Modelle zur Erklärung des Zusammenhangs gehen nicht von einem direkten Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit und Lebenserwartung aus (Mackenbach 2006). Stattdessen wirkt der soziale Status indirekt, weil er ein wichtiger Bestimmungsfaktor für Unterschiede in gesundheitlich relevanten Faktoren –wie materielle und psychosoziale Ressourcen und Belastungen sowie das Gesundheitsverhalten- ist. Die Chancen und Risiken für ein gesundes und langes Leben werden bereits in der Kindheit und Jugend gelegt und verfestigen sich im Lebensverlauf durch Wechselwirkungen zwischen dem sozialen Status und dem Gesundheitszustand.

Soziale Unterschiede in der Lebenserwartung sind auch volkswirtschaftlich relevant. So verweist der Rentenexperte der SPD, Professor Karl Lauterbach seit langem darauf, dass die unterschiedlichen Rentenbezugsdauern von einkommensschwachen und einkommensstarken Rentnern zu einer Umverteilung von unten nach oben im System der gesetzlichen Rentenversicherung führt (Lauterbach 2006).

Siehe auch Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen

Geschichtliche Entwicklung

Die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung hat sich in vorhistorischer Zeit nicht, in historischer Zeit zunächst kaum geändert, stieg tendenziell und von Rückschlägen durch Epidemien und Kriege begleitet sehr langsam, ab dem 19. Jahrhundert immer schneller an. Durch die verschieden ausgeprägten groß- und kleinräumigen Entwicklungen ist sie daher heute weltweit sehr unterschiedlich ausgeprägt: Während in den Staaten Schwarzafrikas, die von der AIDS-Pandemie am stärksten betroffen sind, die Lebenserwartung oft unter 40 Jahre gefallen ist, beträgt sie in Island und Japan derzeit etwa 80 Jahre. In Mitteleuropa ist sie seit 1840 etwa um 40 Jahre gewachsen. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock spricht von drei Monaten, die das Leben Jahr für Jahr länger geworden ist.

In Deutschland ist die Sterblichkeit seit 1871 im Mittel um jährlich ca. 0,8 % zurückgegangen. In den Jahren von 1994 bis 2004 hat sich dieser Trend zur Erhöhung der Lebenserwartung verstärkt; in diesem Zeitraum sank die Sterblichkeit sogar um jährlich 2 %.[13]

Vor allem in den Industrieländern ist die Lebenserwartung von Frauen und Männern deutlich verschieden. Frauen erreichen dort um sechs bis acht Jahre höhere Werte (Westdeutschland 6 Jahre, Ostdeutschland 7 Jahre), was zum großen Teil auf ein stressigeres Leben der männlichen Bevölkerung zurückgeführt wird. Für die Vermutung, dass die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen in größerem Maße die Lebensumstände und die gewählte Lebensweise als die biologische Disposition (die genetische Veranlagung) widerspiegelt, sprechen unter anderem die Ergebnisse der „Klosterstudie“. Hier wurde festgestellt, dass die Lebenserwartung von Nonnen annähernd gleich der der Frauen der Gesamtbevölkerung ist und Mönche im Schnitt nur 1 Jahr jünger als Nonnen sterben.

Es scheinen somit nur bestimmte Gruppen der männlichen Bevölkerung für die geringere Lebenserwartung von Männern verantwortlich zu sein. Dr. Paola Di Giulio vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung identifizierte u. a. die Gruppen der „Active Bon-Vivants“ (häufig übergewichtige Vielarbeiter und Raucher; überwiegend Männer) und der „Nihilists“ (korpulente Nichtsportler und Gesundheitsvorsorge-Vermeider – in dieser Gruppe zu gleichen Teilen Männer und Frauen). Auf der anderen Seite finden sich in der Gruppe der „Interventionists“ (Nicht-Raucher, Nicht-Trinker mit gesunder Ernährung und ohne Stress-Job) hauptsächlich Frauen.

Lebenserwartung von Lebewesen

Die Lebenserwartung kann auch für Tiere und Pflanzen ermittelt werden.

Beispiele für besondere Kurzlebigkeit

Manche Insekten (z. B. Eintagsfliegen) können zwar insgesamt mehrere Jahre leben, aber als adulte Tiere verbringen sie oft nur Stunden und sind daher in diesem Stadium nicht einmal zur Nahrungsaufnahme befähigt, woraus sich ihr Name ableitet.

Bakterien in nahrhafter Umgebung können sich rasant vermehren. Demzufolge hat das einzelne Individuum bis zu seiner Teilung nur eine kurze Zeitspanne, unter idealen Bedingungen nur 20 Minuten.

Beispiele für besondere Langlebigkeit

Die Langlebigkeit von Elefanten, Schildkröten, Papageien und Kieferngewächsen ist allgemein bekannt. Es wurden Mammutbäume gefällt, für die dendrologisch ein Alter von gut 2.000 Jahren bestimmt wurde; von der Langlebigen Kiefer sind über 4.000 Jahre alte Exemplare bekannt.

Bakterien können in Form von Sporen auch mehrere Jahrtausende überdauern. So wurden aus Salzlagerstätten Meeresbakterien in vermehrungsfähiger Form gewonnen. Diese Art der Überdauerung als Sporen hat aber mit Lebenserwartung nichts zu tun, da Sporen wesentliche Eigenschaften von Leben fehlen (Stoffwechsel).

Tabelle

Lebenserwartungen ausgesuchter Lebewesen
Lebewesen individuell nachgewiesenes Alter Lebenserwartung vermutliche Altersgrenze
Eintagsfliegen adult wenige Minuten bis Tage wenige Minuten bis Tage wenige Minuten bis Tage
Elefanten 86 Jahre ca. 60 Jahre vermutlich 90 Jahre
Galápagos-Riesenschildkröte 176 Jahre unbestimmt unbestimmt
Grönlandwal 211 Jahre[14] unbestimmt unbestimmt
Riesenmammutbaum 2.560 Jahre umweltabhängig (Mensch) 3.900 Jahre

Einfluss des Menschen

Die Lebenserwartung von Tieren unterscheidet sich vor allem nach dem Leben in freier Wildbahn oder in Gefangenschaft. Häufig erreichen Tiere in Gefangenschaft ein sehr viel höheres Alter als in der Wildnis, Schlachttiere ein geringeres. Dies zumindest in artgerechter Tierhaltung, wo sie vor Fressfeinden, extremen Wetterverhältnissen und Nahrungsknappheit geschützt sind.

Ernährung

Die Menge der konsumierten Nahrung hat Einfluss auf die Lebensdauer - zumindest bei einigen Tierarten konnte nachgewiesen werden, dass ein reduzierter Speiseplan die Lebensspanne deutlich verlängern kann. In einer Aktuellen Studie konnten 115 Substanzen die Lebenserwartung von Fadenwürmern zwischen 30 und 60% verlängern. Eine der wirksamen Substanzen, die in der Struktur einem Antidepressivum ähnelt, wurde näher untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass sie die Reaktion auf den körpereigenen Botenstoff Serotonin beeinflusst, der beim Menschen für das Hungergefühl zuständig ist.[15] Nach der Nahrungsaufnahme wird das anabole Hormon Insulin ausgeschüttet, es wirkt stoffwechselanregend und fördert die Teilung mancher Zellen (z. B. Adipozyten). Bei karger Nahrung wird weniger Insulin ausgeschüttet, die Zellen leben länger.

Begriffsabgrenzung und Missverständnisse

Die unterschiedliche Verwendung des Begriffes Lebenserwartung führt häufig zu unklaren Formulierungen und Missverständnissen. Diese liegen insbesondere darin begründet, dass die Lebenserwartung meist nur ein Schätzwert ist, der sich mit der Zeit verändert.

Eine wichtige Ursache ist, dass bei der Betrachtung der Lebenserwartung häufig übersehen wird, dass diese mit zunehmendem Alter der noch lebenden Individuen desselben Geburtsjahrgangs für diese steigt. Beispiel: Ein Jahrgang hat bei der Geburt eine Lebenserwartung von 75 Jahren. Nach 60 Jahren ist jedoch ein Teil bereits verstorben, der in der ursprünglichen Erwartung enthalten war. Die noch lebende Gruppe der 60-jährigen hat nun noch eine Lebenserwartung von über 25 Jahren, womit sie im Durchschnitt ein Lebensalter von 85 Jahren erreichen wird. Allerdings verändert sich die durchschnittliche Lebenserwartung damit überhaupt nicht. Ein 80-jähriger hat mit derselben Berechnung eine restliche Lebenserwartung, die insgesamt über 90 Jahren liegen kann. Bei demografischen Vorhersagen, beispielsweise zur Berechnung der Renten, ist dies von entscheidender Bedeutung.

Ein ähnlicher Trugschluss kann bei der Lebenserwartung bestimmter Berufsgruppen auftreten. So ist die Lebenserwartung von Bischöfen deutlich höher als von Automechanikern. Dies liegt in erster Linie nicht an der gesünderen Lebensweise, sondern daran, dass Bischöfe nicht mit 25 sterben können, da sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht Bischof sind.

Auf gleiche Weise kann die Kindersterblichkeit die Lebenserwartung ab Geburt unverhältnismäßig verzerren. So wird für den Großteil des Mittelalters eine Gesamtlebenserwartung der Bevölkerung von 30 Jahren und weniger angenommen. Die Lebenserwartung der Frauen lag um die 24 Jahre, die der Männer bei ca. 28 Jahren. Betrachtet man jedoch die Lebenserwartung derer, die das erste Lebensjahr überlebt haben, steigt diese sprunghaft an. Wenn die Kindheit überlebt worden ist, konnte man durchschnittlich über 40 Jahre alt werden. Die – heutzutage – im Vergleich zu Frauen niedrigere durchschnittliche Lebenserwartung der Männer wird auf gleiche Art durch die risikobehaftetere Lebensweise der jungen Männer während der Adoleszenz beeinflusst. So sterben viel mehr junge Männer als Frauen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren durch Verkehrsunfälle und andere Risikofaktoren dieser Altersgruppe – was sich auf die statistische Gesamtlebenserwartung auswirkt. Männer bis 65 Jahre sterben 3,6 Mal so häufig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Frauen. Gerade in den mittleren Jahren, also bis etwa 65 Jahre, versterben nahezu doppelt so viele Männer wie Frauen.

Ein Sonderfall ist die beobachtete Lebensspanne bei den Sterbetafeln. Hier wird nur zurückschauend festgestellt, wann von einem Geburtsjahrgang jeweils wie viele Personen verstorben sind. Im Extremfall wüsste man z. B. erst 120 Jahre nach 1980 (also im Beispiel 2100) die exakte Sterblichkeit für 100 % dieses einen Jahrgangs.

Häufig werden zudem Lebenserwartung, Durchschnittsalter und Höchstalter begrifflich nicht getrennt. Beispielsweise gilt der Kaukasus als Heimat besonders vieler sehr alter Menschen, die 100 Jahre und älter werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung in diesen Ländern liegt jedoch signifikant unter dem Niveau westlicher Industrieländer. Auch auf die Tier- und Pflanzenwelt bezogen werden häufig Rekordalter mit Durchschnittsalter verwechselt: Elefanten können beispielsweise ein Alter von 70 Jahren und mehr erreichen, sterben aber in freier Wildbahn oft bedeutend früher. Hier wird das Rekordalter häufig irrtümlich mit der Lebenserwartung gleichgesetzt (vgl. obige Tabelle).

Dazu ein Merksatz:

Etwa die Hälfte eines Geburtsjahrgangs stirbt vor, die andere Hälfte nach dem Zeitpunkt der durchschnittlichen Lebenserwartung.

Literatur

  • Flindt: Biologie in Zahlen. Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-437-30592-1
  • Christoph Junker: Gesundheit und Lebenserwartung, in: Gesundheitswesen Schweiz 2007-2009. Verlag Hans Huber, Bern 2007, ISBN 978-3-456-84422-0
  • Lampert, T./Kroll, L.E./Dunkelberg A (2007). Soziale Ungleichheit der Lebenserwartung APuZ 42/2007. PDF link
  • Lauterbach K, Lüngen M, Stollenwerk B, Gerber A und Klever-Deichert G (2006) Zum Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung. Studien zu Gesundheit, Medizin und Gesellschaft 1/2006 PDF
  • Mackenbach JP (2006) Health Inequalities: Europe in Profile. UK Presidency of the EU, Rotterdam PDF
  • Schlag nach! 100000 Tatsachen aus allen Wissensgebieten. Mannheim 1976. ISBN 3-411-02430-5, S.134, 148

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. http://www.netzeitung.de/wissenschaft/709902.html Lebenserwartung in Jordanien höher als in USA 15.08.2007
  2. SZ/AP-Artikel: Immer älter und älter In: Süddeutsche Zeitung vom 28. Aug. 2007
  3. Statistik: Durchschnittliche weitere Lebenserwartung nach Altersgruppen
  4. Lebenserwartung der Menschen in Deutschland nimmt weiter zu – Pressemitteilung destatis Nr. 336 vom 27.08.2007
  5. Aktuelle Sterbetafeln für Deutschland (xls-Datei)
  6. Laurel Yates et al. (Brigham and Women's Hospital, Boston), Archives of Internal Medicine, 168:284, referiert in www.wissenschaft.de/wissenschaft
  7. Berücksichtigung des Geschlechts als Faktor der Risikobewertung bei der Kalkulation von Lebensversicherungstarifen, Deutsche Aktuarvereinigung e.V., Januar 2008
  8. Die Spur zu neuer Energie (PDF), Karsivan Halterbroschuere, Intervet Deutschland GmbH
  9. Marco Bischof: Zunehmende Körpergröße erhöht Krankheitsanfälligkeit und verringert Lebenserwartung , Datadiwan, Nr. 1, März 1998
  10. Von Christina Hohmann: Lebenserwartung Warum Männer früher sterben, Pharmazeutische Zeitung, 12/2007
  11. (EU-Projekt 'Closing the Gap')
  12. Herleitung der DAV-Sterbetafel 2004R für Rentenversicherungen
  13. Herleitung der DAV-Sterbetafel 2004R für Rentenversicherungen
  14. Grönlandwal mit 211 Jahren von Walfängern getötet Welt Online, 25. Mai 2007
  15. Lebenselixier für einen Wurm sueddeutsche.de 22.11.07, 08:23 Uhr

Autoren, die sich gegenwärtig mit dem Thema beschäftigen:

Alexander Hanika, Harald Trimmel, Walter Krämer, James W. Vaupel

Weblinks

Lebenserwartungs-Rechner


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