Lichtburg (Essen)


Lichtburg (Essen)
Eingangsbereich im Jahr 2005

Die Lichtburg ist ein historisches Kino im Stadtkern von Essen. Mit heute 1250 Plätzen besitzt sie den größten Kinosaal Deutschlands. Hinter der aufrollbaren Leinwand befindet sich eine Bühne, so dass der Saal auch für Theater- und Kabarettveranstaltungen genutzt werden kann. Das im Ursprung aus dem Jahre 1928 stammende Gebäude steht seit 1998 unter Denkmalschutz. Im Keller befindet sich ein zweiter, kleiner Kinosaal mit 150 Plätzen, der seit dem letzten Umbau 2003 nach dem indischen Filmschauspieler Sabu benannt ist.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Vorgeschichte

Bereits 1896 wurden erste bewegte Bilder in Wanderkinos mit teils zweifelhaftem Ruf in Essener Zeitungen angekündigt. 1909 eröffnete der Inhaber im Alfredushaus an der Frohnhauser Straße das Germania-Theater mit 488 Sitzplätzen.[1] Es schloss im Frühjahr 1932 und wurde am 27. August des Jahres als City von der City-Theater GmbH wiedereröffnet.[2]. 1913 eröffnete mit 2000 Klappstuhl-Plätzen die Schauburg am Viehofer Tor, der damals größte Kinobau Deutschlands. Die Schauburg bezeichnete sich selbst als Koloss der Lichtspiele. Bis 1914 gab es in Essen zwanzig Kinos. 1924 beschloss die Stadt Essen einen Generalsiedlungsplan, mit dessen Hilfe auch der zentrale Burgplatz umgestaltet werden sollte. Dazu wurde ein neues, den Platz dominierendes Lichtspielhaus im Stil der Neuen Sachlichkeit geplant. Es sollte anstelle des alten Kreishauses entstehen.

Errichtung und Eröffnung

Die Burgplatz-Bau AG, sie bestand aus Stadtverwaltung und privaten Investoren, steckte sich Großstadt-Architektur aus einem Guss als Ziel. Zu diesem Vorhaben entwarf der Architekt Ernst Bode (*1878, †1944) das Lichtspielhaus als Gebäude, und das Essener Büro Heydkamp und Curt Bucerius nach ursprünglichen Entwürfen des Regierungsbaumeisters Kaminski den Innenausbau[3][4] mit einer Kuppel von zwanzig Metern Durchmesser, der damals größten in einem deutschen Theaterraum.

Das neue Kino wurde als Lichtburg am 18. Oktober 1928 eröffnet und besaß rund 2000 Polsterklappsitze mit elektrischer Platzmeldeanlage. Setzte sich ein Kinobesucher, so meldete ein geschlossener elektrischer Kontakt der Kassiererin im Eingangsbereich, dass der Platz besetzt ist. Zur Eröffnung wurde erstmals die 150.000 Reichsmark teure Wurlitzer-Kinoorgel, die größte, die bis dahin in einem europäischen Kino installiert war, gespielt. Sie konnte schon Verkehrslärm und Donner imitieren. Das 30-köpfige Lichtburg-Orchester, dessen Musiker teils der Kölner Philharmonie entliehen waren, spielte Orpheus in der Unterwelt. Später begleitete es Stummfilme. Nach dem Auftritt der Pariser Ballettgruppe Folies Bergère öffnete sich der Vorhang für den Hauptfilm Der Spion der Pompadour von Marquis d'Eon.[5]

Etwa ein Jahr nach Eröffnung kam auch der Tonfilm in die Lichtburg. Zu dieser Zeit meldete sich aber auch die erste Krise für die Lichtburg an, da die Bürger in den Zeiten der Wirtschaftskrise 1929 kaum mehr Geld für das Kino ausgaben.

Enteignung

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde auch die Lichtburg zu Propaganda-Zwecken genutzt und führte auch hier Die Deutsche Wochenschau vor. Diese zeigte oft Filmmaterial aus Essen - beispielsweise immer, wenn Adolf Hitler die Krupp-Werke besuchte - da Essen für die Nationalsozialisten ein wichtiger Industrie- und Rüstungsstandort war. So stellt die Lichtburg ein frühes Beispiel für die Arisierung jüdischen Besitzes in Deutschland dar.

1933/1934 wurde der jüdische Betreiber, der Berliner Verleger, Unternehmer und Mitbegründer der deutschen Filmpublizistik Karl Wolffsohn durch massiven Druck seitens des Essener NSDAP-Gauleiters Josef Terboven zum Verkauf des Kinos weit unter Wert an die Universum Film AG gezwungen. Wolffsohn erhielt nur ein Zehntel des tatsächlichen Wertes. 1939 flüchtete er mit seiner Familie nach Palästina um 1949 zurückzukehren. Das Ende des Gerichtsprozesses wegen Entschädigung erlebte Wolffsohn nicht mehr. Mit der Vorführung des Films Jud Süß wurde 1940 auch in der Lichtburg der Höhepunkt der jüdischen Verfolgung erreicht.

Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel an der Lichtburg an Karl Wolffsohn. Sie wurde im Beisein des Enkels, dem Historiker Michael Wolffsohn, enthüllt. Er steht der Berliner Lichtburg-Stiftung vor, die sich dort unter anderem mit einem deutsch-türkisch-jüdischen Kulturzentrum engagiert.

Zerstörung und Wiederaufbau

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Lichtburg während der alliierten Bombenangriffe auf Essen 1943 fast zerstört. Essen war wegen seiner Rüstungsindustrie Hauptangriffsziel der Alliierten. Der Vorführungssaal brannte völlig aus, jedoch blieb die Fassade erhalten.

Knapp zwei Jahre nach Kriegsende suchte die Stadt per Zeitungsannonce neue Betreiber. Heinrich Jaeck und Erich Menz, die bereits vor dem Krieg mehrere Essener Filmtheater unterhalten hatten, erhielten den Auftrag die Lichtburg erstklassig als Spitzentheater zu führen. Der Kinosaal wurde in den Jahren 1948 bis 1950 in der Formensprache der frühen 1950er Jahre wiedererrichtet. Am 23. März 1950 fand die Wiedereröffnung mit einer Rede des damaligen Oberbürgermeisters Hans Toussaint statt. Dabei erschien Willi Forst persönlich zu seinem Film Wiener Mädeln in dem nun rund 1700 Plätze bietenden Filmtheater.

Premierenkino in den 1950er und 1960er Jahren

Während der fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts galt die Lichtburg als das wichtigste Premierenkino Deutschlands. Es profitierte von guten Kontakten des Betreibers Erich Menz zu Filmproduzenten und -verleihern. Romy Schneider kam 1955 zur Filmpremiere zu Die Deutschmeister in die Lichtburg. Da Deutschland nach der gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft 1954 wieder aufatmete, waren auch viele der erfolgreichen Fußballer dabei zu Gast, darunter auch der Essener Helmut Rahn. Zu weiteren Premieren kamen beispielsweise Zarah Leander, Jean Marais, Heinz Rühmann, Sonja Ziemann, Curd Jürgens, Hans Albers, Heinz Erhardt, Maria Schell, Hans Moser, Dieter Borsche, Ruth Leuwerik, Pierre Brice, Lex Barker, Buster Keaton und Gary Cooper. Wurde die Lichtburg als Veranstaltungssaal genutzt, traten Künstler wie Louis Armstrong, Count Basie oder Juliette Greco auf.

1963 übernahm Ilse Menz die Leitung der Lichtburg. Das Aufkommen des Fernsehens in den 1960er Jahren war auch für die deutsche Kinolandschaft mit wirtschaftlichen Einbußen verbunden und löste ein Kinosterben aus.

Auch wieder in den 1970er Jahren wurden die Premieren seltener und es änderten sich die Gäste. Statt der Hollywood-Größen kamen mehr europäische Schauspieler, beispielsweise Bud Spencer und Terence Hill. Der Grund lag an der schlechten wirtschaftlichen Lage des Ruhrgebietes, da die Arbeitslosigkeit insbesondere wegen Zechenschließungen stark anstieg.

So schlossen in Essen innerhalb von 15 Jahren zwei Drittel aller Kinos. Die Lichtburg konnte sich jedoch aufgrund ihrer Größe, ihrer Bühne für Show und Theater und ihrer zentralen Lage bis in die 1980er Jahre halten.

Multiplex-Konkurrenz und Erneuerung

1991 wurde, ebenfalls in der Stadtmitte, das Multiplex-Kino Cinemaxx Essen eröffnet. Unmittelbar nach seinem Start brachen die Besucherzahlen aller herkömmlichen, als technisch veraltet geltenden Essener Kinos massiv ein. Bis auf die Lichtburg mussten alle nach kurzer Zeit schließen. Allein die Essener Programmkinos blieben durch ihr anderes Zielpublikum weitgehend unbeeinflusst.

Ab Mitte der 1990er Jahre war auch die Lichtburg wiederholt von Schließung bedroht. Der Gebäudekomplex, in dem sich die Lichtburg befindet, war zudem renovierungsbedürftig. 1994 planten Teile der Essener Politik und Verwaltung einen Umbau des mitten im Zentrum, an der Fußgängerzone liegenden Gebäudes zu einer Einkaufspassage sowie den Verkauf der städtischen Immobilie zur Haushaltssanierung. Später wurde auch eine Showbühne geplant.

1998 kam die Lichtburg in die Hände der Essener Filmkunsttheater GmbH, deren Geschäftsführerin Marianne Menze ist, die die Lichtburg bis heute betreibt. Mit deren Hilfe und der Unterstützung durch den Kulturbeirat der Stadt Essen wurden Politiker, Künstler und Medienvertreter gewonnen, die sich für die Lichtburg als Kino stark machten. Darunter befanden sich Wim Wenders, Wolfgang Niedecken und Gerhard Schröder. Schließlich kam es im Jahr 2000 zu einem einstimmigen Ratsbeschluss, die Lichtburg als Kino zu erhalten. Nach der Entscheidung, die Essener Volkshochschule im Osten angrenzend an das Lichtburg-Gebäude anzusiedeln, fanden sich Investoren, mit deren Hilfe das Projekt endgültig Gestalt annahm. In einem einjährigen, sieben Millionen Euro teuren Großprojekt wurde die Architektur denkmalgerecht im Stil der 1950er Jahre vollständig wiederhergestellt. Hierzu zählte die Fassade ebenso wie der historische Kinosaal, das Foyer, die Filmbar (früher Teeraum genannt), Büros, Gastronomiebetriebe und der neue Anbau der Volkshochschule, der nach einem Entwurf der Architekten Hartmut Miksch und Wolfgang Rücker entstand. Das Atelier-Theater aus den 1970er Jahren wich dem heutigen Blauen Salon.

Die Lichtburg, nun mit moderner Projektions- und Tontechnik ausgestattet, wurde am 16. März 2003 wiedereröffnet.

Heute ist die Lichtburg wieder Schauplatz zahlreicher Premieren, insbesondere von Werken deutscher Filmschaffender. Sie ist nach wie vor kein Programmkino. Der Programmschwerpunkt liegt, bedingt durch die Größe, auf amerikanischem und europäischem Mainstream-Kino. Gezeigt werden auch Sonderprogramme. Unter anderem sprach der ehemalige Gerhard Schröder 2006 auf der Kinobühne über seine Biografie Entscheidungen. Mein Leben in der Politik. Im gleichen Jahr präsentierte hier Hape Kerkeling sein Programm Wieder auf Tour.

Literatur

  • Christoph Wilmer (Hrsg.): Karl Wolffsohn und die Lichtburg. Die Geschichte einer Arisierung. Klartext Verlag, Essen 2006, ISBN 3-89861-536-7
  • Christoph Wilmer, Dorothea Bessen, Paul Hofmann, Martina Kroll (Red.): 70 Jahre Lichtburg Essen 1928-1998. Essener Filmkunsttheater GmbH, Essen 1998, ISBN 3-924379-49-1
  • Christoph Wilmer, Dorothea Bessen, Martina Kroll, Marianne Menze (Red.): 75 Jahre Lichtburg Essen 1928-2003, Chronik Teil II.
  • Fernsehdokumentation: Wie die Traumfabrik ins Revier kam; in der Reihe "Doku am Freitag"; von Carsten Günther, Redaktion: Susanne Spröer; WDR; Erstausstrahlung: 30. April 2010.

Weblinks

 Commons: Lichtburg Essen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Stadt Essen: 15869, Hausakten Frohnhauser Straße 19–21, Band 1 (1867–1928), Antrag auf Genehmigung zum Einbau eines Kinematographen, S. 216
  2. Essener Volkszeitung vom 27. August 1932
  3. Essener Volkszeitung vom 19. Oktober 1928: Die Lichtburg eröffnet; Visionen in Stein
  4. Essener Volkszeitung vom 12. Juli 1924: Zur Neugestaltung des Burgplatzes
  5. Spiegel online: Historische Filmtheater, Die Kinosaurier - 14. Oktober 2008, zuletzt gesichtet am 7. Januar 2010
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