MS Heimatland

MS Heimatland

Die MS Heimatland war ein Binnenfahrgastschiff in Berlin unter der Flagge der DDR, das durch ein schweres Schiffsunglück am 5. Juli 1951 in Alt-Treptow in die Schlagzeilen kam. Es handelt sich um das schwerste Unglück der Berliner Fahrgastschifffahrt und der Binnenschifffahrt der DDR.

Treptower Hafen 2007 mit Gedenkstein im Vordergrund

Inhaltsverzeichnis

Das Unglück

Eigner und Kapitän war Erich Weise. Das Motorschiff sollte am 5. Juli 1951 mit 127 Kindern aus Prenzlauer Berg und deren Betreuern von Alt-Treptow aus einen Ausflug nach Hessenwinkel (Ortslage von Rahnsdorf) unternehmen. Nach 300 Metern Fahrt explodierte der Benzinmotor der Heimatland aufgrund eines Vergaserdefekts noch im Hafenbereich und setzte das gesamte Schiff in Brand. Alle Kinder, die im Unterdeck saßen, starben. Trotz einer sofort eingeleiteten Rettungsfahrt des Fahrgastschiffs Elfriede unter Kapitän Bernhard Langwaldt und der Hilfe zahlreicher Freiwilliger kamen nach DDR-Angaben 28 Kinder und 2 Betreuer, nach West-Berliner Schätzung bis zu 49 Personen bei dem Unglück ums Leben.

Die offizielle Untersuchung der Unglücksursache ergab, dass Erich Weise ohne behördliche Genehmigung den Dieselmotor des Schiffes gegen einen alten Benzinmotor ausgetauscht hatte. Wegen vorsätzlicher Transportgefährdung in einem besonders schweren Fall wurde Weise vom Landgericht Berlin-Mitte zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Gedenkstein am Treptower Hafen
Gedenkstätte auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde
Gedenktafeln mit Namen der Opfer

Nach Angaben von Tristan Micke aus Berlin-Treptow, der das Unglück für die Verkehrsgeschichtlichen Blätter analysierte, fuhr Erich Weise im Auftrag der staatlichen Deutschen Schiffs- und Umschlagzentrale, der DSU, deren Rolle nie geklärt wurde – der Motoraustausch erfolgte möglicherweise auf deren Betreiben. Nach Mickes Darstellung erscheint die von West-Berlin aus genannte Opferzahl realistisch. Zwar findet sich auf einem am 5. Juli 2005 zum 54. Jahrestag der Katastrophe aufgestellten Gedenkstein am Treptower Hafen die Opferzahl von 30 Personen, die sich an die auf einem Grabstein auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde genannte Opferzahl anlehnt, jedoch seien nicht alle Opfer in Friedrichsfelde beerdigt worden: Micke habe damals ein Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof in der Roelckestraße gesehen, das später nicht mehr vorhanden gewesen sei.

Nach Karin und Till Ludwig, den Produzenten des Dokumentarfilmes Tod auf der Spree. Das Unglück auf der MS „Heimatland“., versuchte Weise zunächst mit Hilfe der DSU einen Ersatzdieselmotor zu beschaffen, was aber misslang. Anschließend wurde der Benzinmotor mit Billigung der DSU verbaut. Vertreter der DSU inspizierten mehrfach den Umbau und überzeugten sich vom Fortgang der Arbeiten. Nachdem der Motoraustausch erfolgte, erhielt Weise sofort für den nächsten Tag den Fahrbefehl für die spätere Unglücksfahrt. Somit hatte Weise objektiv keine Chance, die vorgeschriebene technische Abnahme des Bootes vor der Erstfahrt nach der Reparatur zu veranlassen.

Nachdem Erich Weise im Rahmen einer Amnestie aus dem Zuchthaus entlassen wurde, siedelte er mit seiner Familie nach West-Berlin über und arbeitete dort wieder als Binnenschiffer.

Die Darstellung in den Medien

Das Unglück wurde in der Zeit des Kalten Krieges von den Ost- und den Westmedien instrumentalisiert und sehr unterschiedlich dargestellt. Die DDR betonte, es seien sofort Rettungsmaßnahmen der Bereitschaftspolizei, der Feuerwehr und der Wasserschutzpolizei eingeleitet worden. In der Ost-Berliner Berliner Zeitung wurde behauptet, Rettungswagen hätten einen Umweg nehmen müssen, weil sie den amerikanischen Sektor nicht hätten durchfahren dürfen, West-Berliner Kliniken hätten Brandopfer abgewiesen, weil sie „nicht westversichert“ gewesen seien. Die West-Berliner Zeitung Der Tagesspiegel hingegen verbreitete die Version, als Rettungsmaßnahme sei erst nach einer halben Stunde ein Boot der Volkspolizei eingetroffen, außerdem habe die Volkspolizei sich nicht genügend um die im Wasser treibenden Kinder gekümmert. Weiterhin seien von der West-Berliner Polizei Boote geschickt worden, die Volkspolizei habe die Hilfe aber abgelehnt.

Die DDR, der eine derartige Katastrophe nach Angaben von Kurt Groggert, Autor der Berliner Verkehrsblätter, angesichts der bevorstehenden Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin nicht ins Bild passte, betonte die Rolle der Retter: 34 Lebensretter wurden vom damaligen Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert (jr.) am 14. Juli 1951 mit Urkunden und Sachgeschenken ausgezeichnet. Der wichtigste Retter, Kapitän Bernd Langwaldt, auf einem nachfolgenden Schiff, war noch am Unglücksort von der Volkspolizei festgenommen und in Handschellen in das Gefängnis Rummelsburg in Berlin-Stralau gebracht worden, Langwaldt: „Sie [die Volkspolizei] dachte wohl, dass ich der Unglückskapitän war.“ Später wurde er wieder freigelassen.

Nach von Karin und Till Ludwig in ihrem Film befragten Zeitzeugen aus Ost-Berlin nahmen die Volkspolizisten von ihren Booten aus nur halbherzig an den Rettungsaktionen teil. Angebotene Hilfe aus dem Westen wurde in der Tat abgelehnt; Volkspolizeiboote verhinderten sogar durch aktiven Einsatz, dass sich Retter aus dem Westen der Unglücksstelle nähern konnten. Die nächste West-Berliner Feuerwache war deutlich näher gelegen als die nächste Ost-Berliner Wache, weshalb es zu Rettungsverzögerungen kam. Es weigerten sich aber auch die West-Berliner Krankenhäuser, Verletzte aufzunehmen, die nicht bei einer westlichen Krankenversicherung versichert waren.

Siehe auch

Film

  • Karin und Till Ludwig: Tod auf der Spree. Das Unglück auf der MS „Heimatland“. D, 2007, 45 Min.

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