Marcel Reich

Marcel Reich
Marcel Reich-Ranicki, 2007

Marcel Reich-Ranicki [maʁˈsɛl ˌʁaɪ̯ç ʁaˈnɪʦki] (gebürtig: Marceli Reich; * 2. Juni 1920 in Włocławek, Polen) ist ein deutscher Publizist und gilt als der einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Włocławek

Reich-Ranicki wurde als drittes Kind [1] des Fabrikbesitzers David Reich und dessen Frau Helene, geb. Auerbach, geboren. Er wuchs in einer assimilierten jüdischen deutsch-polnischen Mittelstandsfamilie auf. Seine älteren Geschwister waren Alexander Herbert (1911–1943) und Gerda (1907–2006). Die Mutter war Deutsche und kam sich in der polnischen Provinz verloren vor. Ihre große Sehnsucht war eine Rückkehr nach Berlin. Reich-Ranicki beschreibt sie als sehr liebevoll und zugleich „weltfremd“. Der Vater besaß eine kleine Fabrik für Baumaterialien. Als musischer Mensch war er aber im Kaufmannsberuf unglücklich und „vollkommen ungeeignet“. 1928 musste der Vater den Bankrott anmelden. Reich-Ranicki durfte als einziger seiner Geschwister die deutsche Schule von Włocławek besuchen.

Berlin

Werner-Siemens-Realgymnasium in Berlin (1929-1935)

Um ihm seine berufliche Zukunft nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters offenhalten zu können, schickten ihn die Eltern zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin, darunter ein Patentanwalt und ein Zahnarzt. Ab 1929 lebte Reich-Ranicki zunächst in Berlin-Charlottenburg, dann im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg. Dort besuchte er das Werner-Siemens-Realgymnasium, nach dessen Auflösung 1935 das Fichte-Gymnasium [2] [3] in Berlin-Wilmersdorf.

Während seine Schulkameraden an Schulausflügen, Sportfesten und nationalsozialistischen Schulversammlungen teilnahmen, war er davon ausgeschlossen. Stattdessen vertiefte er sich in die Lektüre der deutschen Klassiker und besuchte Theater, Konzerte und Opern. Besonders die Aufführungen Wilhelm Furtwänglers und Gustaf Gründgens' waren ihm Trost und Halt in einer zunehmend restriktiver werdenden Umwelt. Als ihm bekannt wurde, dass sich Thomas Mann von der NS-Herrschaft öffentlich distanziert hatte, wurde jener nun nicht nur in literarischer, sondern auch in moralischer Hinsicht sein Vorbild. Trotz vieler nationalsozialistisch orientierter Lehrer galt am Fichte-Gymnasium noch einige Zeit das Gebot der Gleichbehandlung der jüdischen Schüler, so konnte er 1938 noch sein Abitur machen. Sein Antrag auf Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin wurde am 23. April 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung abgelehnt.

Ende 1938 wurde er nach Polen ausgewiesen. Am 29. Oktober und am 7. November 1938 folgte nach kurzer Abschiebehaft eine ethnische Säuberung (Polenaktion) von ca. 17.000 polnischen und staatenlosen jüdischen Frauen, Männern und Kindern, darunter auch Reich-Ranicki. Er fuhr mit der Bahn nach Warschau, wo er niemanden kannte, die polnische Sprache musste er wieder erlernen und blieb dort ein Jahr arbeitslos. Am 1. September 1939 begann der deutsche Überfall auf Polen und beendete abrupt seine Arbeitssuche. Seine spätere Frau Teofila (Tosia) Langnas (* 12. März 1920) lernte er durch eine Tragödie kennen: Ihre Eltern wurden durch die deutsche Besatzungsmacht aus Łódź vertrieben und enteignet; aus Scham und Verzweiflung erhängte sich am 2. Januar 1940 in Warschau ihr Vater Paweł Langnas. Reich-Ranickis Mutter erfuhr von dem Unglück und schickte ihren Sohn dorthin, damit er sich um die Tochter kümmere.

Warschauer Ghetto, Flucht und Versteck

Im November 1940 wurde auch Reich-Ranicki zur Umsiedlung in das Warschauer Ghetto gezwungen. Er arbeitete bei dem von den Nazis eingesetzten Ältestenrat („Judenrat“) als Übersetzer und schrieb unter dem Autoren-Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen in der zweimal wöchentlich erscheinenden Ghettozeitung Gazeta Żydowska (deutsch.: Jüdische Zeitung). Gleichzeitig war er Mitarbeiter im Ghetto-Untergrundarchiv des Emanuel Ringelblum. In dieser Zeit von Agonie und allgegenwärtigem Sterben machte er sich Überlebensmaßnahmen zu einer lebenslang beibehaltenen Gewohnheit. In Gaststätten pflegt er seitdem immer in Blickrichtung auf den Eingang zu sitzen, eine zweite Rasur am Nachmittag verringerte die Gefahr eines negativen Auffallens.

Durch einen eigenhändig getippten Schriftsatz des SS-Sturmbannführers Hermann Höfle erfuhr er 1942 von einer großen Deportation und beschloss eine Heirat, um durch diese amtliche Beglaubigung die Überlebenschancen seiner Lebensgefährtin zu erhöhen. Tatsächlich jedoch war die Deportation des gesamten Ghettos in das Vernichtungslager Treblinka geplant. Zu Beginn der Deportation des Ghettos, am 22. Juli 1942, heirateten sie. Wegen seiner Übersetzertätigkeit wurde Reich-Ranicki vorerst verschont. Anfang 1943 nahm er an einer Widerstandsaktion der Jüdischen Kampforganisation (polnisch Żydowska Organizacja Bojowa, kurz ŻOB) teil. [4]

Am 3. Februar 1943, unmittelbar vor der Deportation, gelang ihm zusammen mit seiner Frau Teofila die Flucht aus dem Warschauer Ghetto durch eine Bestechung der jüdischen Wachtposten. Schon gleich darauf wurden sie von polnischer Polizei aufgegriffen und durch Zahlung einer erneuten Bestechung wieder freigelassen. Danach fanden die Flüchtlinge nach kurzen Zwischenverstecken für sechzehn Monate einen Unterschlupf bei der Familie des arbeitslosen Schriftsetzers Bolek Gawin, wo sie noch bis September 1944 nach der deutschen Niederschlagung des Warschauer Aufstands und der Besetzung des rechten Weichselufers durch die Rote Armee ausharren mussten. Nur durch seine dramatische Nacherzählung von bedeutenden Romanen der deutschen und europäischen Literatur konnte er sich des unbeständigen, stets gefährdeten Mitleids seiner Helfer immer wieder aufs Neue versichern. Je besser er erzählte, um so besser waren auch seine Überlebenschancen. Das Um-Sein-Leben-Erzählen wurde [5] und hat er auch selbst [6] als Scheherazade-Motiv bezeichnet. Den beiden Kindern der Familie Gawin halfen sie bei den Schularbeiten und den Eltern bei deren illegaler Herstellung von Zigaretten. Nach der Befreiung Polens bat der Schriftsetzer die beiden Überlebenden, nirgends zu erwähnen, dass sie mit seiner Hilfe die Besetzung Polens durch die Nazi-Truppen überlebt hatten, weil sich ihr Lebensretter wegen des Antisemitismus der Polen davor fürchtete, mit seiner Rettung von Juden ins Gerede zu kommen. Nach dem Krieg bedankten sich die Reich-Ranickis auch mit einer finanziellen Vergütung bei den Gawins. Bis heute überweist das Ehepaar der Tochter Gawins hin und wieder etwas Geld.[7]

Reich-Ranickis Eltern, David Reich und Helene Reich, wurden in den Gaskammern von Treblinka ermordet. Sein Bruder Alexander Herbert Reich wurde am 4. November 1943 im Kriegsgefangenen- und Arbeitslager Poniatowa bei Lublin erschossen. Seiner Schwester Gerda war es mit ihrem Mann Gerhard Böhm bereits 1939 gelungen, nach London zu fliehen, wo sie 2006 im Alter von 99 Jahren starb.

Nachkriegszeit

Ende 1944 begann Reich-Ranicki aus Dankbarkeit für seine Befreiung bei der polnischen Geheimpolizei UB (Urząd Bezpieczeństwa) zu arbeiten, zunächst in Schlesien und danach als Einsatzleiter, im Range eines Hauptmanns, für den polnischen Auslandsnachrichtendienst (MBP) der gegen Großbritannien gerichteten Spionage. 1948 wurde er Vize-Konsul und nahm den Namen „Marceli Ranicki“ an, da sein Familienname „Reich“ zu sehr an die Deutschen erinnerte. Er wurde als Resident an die Polnische Botschaft in London entsandt, wo er vor allem für Informationsbeschaffung zuständig war. In London hatte zu der Zeit auch die polnische Exilregierung ihren Sitz.

Gleichwohl galt er bei seinen Kollegen als „Intelligenzler“, mitunter auch als arrogant und stieß auf entsprechend viele Vorbehalte. Schließlich hatte Reich-Ranicki in London eigenmächtig einem Verwandten ein Visum ausgestellt, ohne seine Vorgesetzten um Erlaubnis zu fragen. Sein Sohn Andrzej Alexander wurde am 30. Dezember 1948 geboren. Ende 1949 wurde er aus London abberufen und kehrte nach Warschau zurück. Trotz seiner Verdienste in der Geheimpolizei, darunter zwei hohe zivile Orden 1946 und 1948 die „Medaille des Sieges und der Freiheit“,[8] endete seine Karriere abrupt. Der Geheimdienst und das Außenministerium entließen ihn, wegen „ideologischer Entfremdung“ schloss ihn die Kommunistische Partei aus. Einige Wochen verbrachte er in Einzelhaft im Gefängnis. Anfang 1950 wurde er aus dem Geheimdienst entlassen. Danach folgte der Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Polens. Seinen späteren Anträgen auf Wiedereintritt und Rehabilitation wurde 1957 stattgegeben, entsprechend der Akteneinsicht eines Journalisten der deutschen Tageszeitung Die Welt in die Personalakten des Ministeriums für öffentliche Sicherheit (MBP). Reich-Ranicki äußerte dazu, den Brief nie erhalten zu haben.[9]

Aus dem Gefängnis entlassen, wandte er sich der Literatur zu und wurde Lektor für deutsche Literatur in einem großen Warschauer Verlag. Ende 1951 begann er als freier Schriftsteller zu arbeiten. Doch Anfang 1953 erteilten ihm die polnischen Behörden ein Publikationsverbot, das bis Ende 1954 in Kraft blieb. Er wurde ein Mitarbeiter des polnischen Rundfunks, bei dem auch seine Frau arbeitete, und publizierte in Zeitungen, auch beim Zentralorgan der Kommunistischen Partei Trybuna Ludu.

Der Journalist Tilman Jens, ein Sohn des bis dahin mit Reich-Ranicki jahrzehntelang befreundeten Philologen Walter Jens, beschuldigte Reich-Ranicki am 29. Mai 1994 in der WDR-Sendung Kulturweltspiegel, dass er während seiner Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst Exilpolen „in ihre Heimat zurückgelockt“ hatte.[10] Einige dieser Emigranten wären daraufhin zum Tode verurteilt worden.[11] In seinen Repliken, die er in seiner Biographie abschließend ausführte, widersprach er den Unterstellungen der Beihilfe zum Mord. Sein weitgehendes Schweigen über seine geheimdienstliche Tätigkeit war auf eine Schweigeverpflichtung zurückzuführen bei deren Bruch ihm „schärfste“ Konsequenzen angedroht worden waren. Vielmehr hielt er seine „Arbeit für den Geheimdienst für belanglos und überflüssig“,[11] doch habe er dies wegen der privilegierten und interessanten Lebensverhältnisse in Kauf genommen. Auch der Historiker Andrzej Paczkowski widersprach Jens, es gebe keine Belege dafür, „dass Reich während seiner Londoner Zeit daran mitgewirkt hat, Exilpolen in eine Falle zu locken“.[10] 2004 versöhnte sich Reich-Ranicki wieder mit Walter Jens, nur wenige Zeit vor dessen Demenzerkrankung, die wiederum dessen Sohn Tilman auf eine umstrittene Weise in der FAZ publik machte.[12]

Bundesrepublik Deutschland

Während einer Studienfahrt am 21. Juli 1958 in die Bundesrepublik Deutschland blieb Reich-Ranicki in Frankfurt am Main. Seine Frau war zuvor mit dem Sohn Andrzej in den Urlaub nach London gefahren, um eine Ausreise der gesamten Familie in bürokratischer Hinsicht zu erleichtern.[13] Ab August 1958 arbeitete er als Literaturkritiker im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Der Feuilletonchef der FAZ, Hans Schwab-Felisch, schlug ihm vor, seinen heutigen Doppelnamen zu verwenden, was dieser ohne zu zögern übernahm.[14] Mitglieder der Gruppe 47, Siegfried Lenz und Wolfgang Koeppen halfen ihm unter anderem, indem sie ihn ihre Bücher rezensieren ließen. Der Leiter der Literaturredaktion der FAZ, Friedrich Sieburg, setzte bald jedoch Reich-Ranickis Ausscheiden aus der Redaktion durch. Ende 1959 zog er mit seiner Frau nach Hamburg-Niendorf. Den bei seiner Schwester Gerda gelassenen Sohn Andrzej bzw. Andrew holte er von London nach Hamburg, wo er in die Internationale Schule gehen konnte. Von 1960 bis 1973 war er Literaturkritiker der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Er hatte dort schon sehr früh das Recht auf die Auswahl seiner Bücher, die er besprechen wollte, doch wurde er andererseits niemals zur Teilnahme an den Redaktionskonferenzen eingeladen.

Durch die Bekanntschaft mit dem Hamburger NDR-Redakteur Joachim Fest (ab 1973 auch Mitherausgeber der FAZ) erhielt Reich-Ranicki 1973 die Leitung der Literaturredaktion der FAZ. Ab 1986 belastete der von Fest eingeleitete Historikerstreit immer mehr ihr Verhältnis. Bis zum offiziellen Arbeitsende 1988 hatte er die Freiheit, alle Autoren, gleich welcher politischer Couleur, im Feuilleton der FAZ zu drucken. Dabei entwickelte er insbesondere ein Engagement für seine favorisierten Autoren, die er mit nie nachlassender Aufmerksamkeit bedachte. Literarische Verdienste erwarb er sich durch die Redaktion der von ihm begründeten Frankfurter Anthologie, in der bis heute bereits über 1 500 Gedichte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren mit Interpretationen versammelt sind. Daneben hat er beständig über Jahrzehnte hinweg das Projekt einer Auslese der seiner Meinung nach besten Werke der deutschsprachigen Belletristik vorangetrieben.

Gemeinsam mit anderen Literaturfreunden initiierte er 1977 den Ingeborg-Bachmann-Preis, der rasch zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Literatur-Wettbewerbe und -Preise wurde.

Marcel Reich-Ranicki, 2009

Vom 25. März 1988 bis zum 14. Dezember 2001 leitete Reich-Ranicki die Sendung Das Literarische Quartett im ZDF, mit der er bei einem größeren Publikum einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte. Die Sendung zeichnete sich durch eine lebhafte und kontroverse Disskussionskultur aus. In Fachkreisen war er auch vor dieser Sendung längst als „Literaturpapst“ bekannt. Sein Einfluss durch das Literarische Quartett steht im Mittelpunkt des Schlüsselromans Tod eines Kritikers von Martin Walser.

In der Wochenzeitschrift Der Spiegel [15] stellte Reich-Ranicki am 18. Juni 2001 unter dem Titel Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke sein Opus Magnum zu diesem Lebensthema vor. Die Anthologien sind unterteilt in »Romane«, »Essays«, »Dramen«, »Erzählungen« und »Gedichte«, aber auch die Empfehlung, manches nur im Auszug zu lesen.[16]

1968 und 1969 lehrte er an amerikanischen Universitäten, 1971 bis 1975 hatte er eine Gastprofessur in Stockholm und Uppsala inne. Seit 1974 ist er Honorarprofessor an der Eberhard Karls Universität Tübingen. 1990 erhielt Reich-Ranicki die Heinrich-Heine-Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und 1991 die Heinrich-Hertz-Gastprofessur der Universität Karlsruhe.

Reich-Ranicki lebt heute mit seiner Frau in Frankfurt-Dornbusch. Sein Sohn Andrzej (heute: Andrew Alexander Ranicki) ist Professor für Mathematik (Topologie) an der Universität Edinburgh. Der britische Maler Frank Auerbach ist Reich-Ranickis Cousin.

Ehrungen und Auszeichnungen

Wandbild an einer Buchhandlung

Auf Antrag der „Freunde der Universität Tel Aviv“ in Deutschland aus dem Jahre 2006 entsteht an der Universität Tel Aviv der Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhl für Deutsche Literatur: „… in historischer Last ein markantes Zeichen für die wissenschaftlichen Beziehungen. Marcel Reich-Ranicki, der unter der Brutalität und Menschenverachtung der Nazis so unendlich viel erleiden musste, symbolisiert den geistigen Austausch von Wissenschaftlern“.[17] Die Germanistin und Autorin Ruth Klüger wurde mit dem Thema „Jüdische Autorinnen in der deutschsprachigen Literatur“ im Mai 2009 erste Gastprofessorin des neuen Lehrstuhls.

Im Jahr 2006 entschied die Humboldt-Universität zu Berlin, Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Die Humboldt-Universität wolle sich damit als Rechtsnachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universität, welche Reich-Ranicki das Studium aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit verwehrte, im Vorfeld ihres zweihundertjährigen Jubiläums zu ihrer historischen Verantwortung und Schuld bekennen, erklärte der Universitätspräsident. Die Verleihung fand am 16. Februar 2007 statt.[18]

Für sein Lebenswerk und seine Sendung Das Literarische Quartett sollte Reich-Ranicki am 11. Oktober 2008 der Deutsche Fernsehpreis verliehen werden. Unter spontanem[19] Hinweis auf den „Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben“, lehnte er die Auszeichnung ab.[20] Moderator Thomas Gottschalk bot Reich-Ranicki daraufhin spontan eine einstündige Diskussionsrunde zur Qualität des deutschen Fernsehens zusammen mit den Intendanten von ARD, ZDF und RTL an, die er annahm. Hieraus ging ein Gespräch zwischen Gottschalk und Reich-Ranicki hervor – ohne Beteiligung weiterer Personen; die zuvor von Gottschalk angesprochenen Intendanten verzichteten auf ihre Teilnahme. Das ZDF strahlte die in Wiesbaden aufgezeichnete, halbstündige Sendung Aus gegebenem Anlass am 17. Oktober 2008 im späten Abendprogramm aus.

Überblick aller Auszeichnungen

Werke (Auswahl)

  • Literarisches Leben in Deutschland. Kommentare und Pamphlete. Piper Verlag 1963
  • Deutsche Literatur in West und Ost. Piper 1963
  • Wer schreibt provoziert. Pamphlete und Kommentare, dtv, München 1966
  • Literatur der kleinen Schritte. Deutsche Schriftsteller heute. Piper 1967
  • Die Ungeliebten. Sieben Emigranten. Günther Neske, Pfullingen 1968
  • In Sachen Böll. Ansichten und Einsichten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968
  • Lauter Verrisse. Piper München 1970 (dtv 1993. ISBN 3423115785)
  • Lauter Lobreden. DVA 1985 ISBN 978-3-421-06282-6
  • Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur. München, Piper 1973 Erweit. 2. Aufl. dtv 1993: ISBN 3421064911 (über Börne, Heine, Ludwig Marcuse, Hermann Kesten, Manès Sperber, Friedrich Torberg, Hilde Spiel, Peter Weiss, Erich Fried, Jurek Becker, Hans Mayer, Jakov Lind, Barbara Honigmann. Gespräch mit Herlinde Koelbl)
  • Nachprüfung. Aufsätze über deutsche Schriftsteller von gestern. Piper 1977
  • Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre. DVA 1981
  • Thomas Mann und die Seinen. DVA 1987. ISBN 3421058644
  • Der doppelte Boden. Ein Gespräch mit Peter von Matt. Ammann, Zürich 1992
  • Die Anwälte der Literatur. DVA 1994. ISBN 3423121858
  • Der Fall Heine. DVA 1997. ISBN 3421051097; dtv 2000. ISBN 3423127740 (auch: niederld. Übersetzung)
  • Mein Leben. DVA 1999. ISBN 3423130563
  • Sieben Wegbereiter. Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. (Arthur Schnitzler, Thomas Mann, Alfred Döblin, Robert Musil, Franz Kafka, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht). DVA 2002. ISBN 3421055149
  • Goethe noch einmal. Reden und Anmerkungen. DVA 2002. ISBN 3421056900
  • Meine Bilder. Porträts und Aufsätze. DVA 2003. ISBN 3421056196
  • Lauter schwierige Patienten. Gespräche mit Peter Voß über Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. List Verlag 2003. ISBN 3548603831
  • Unser Grass. DVA 2003. ISBN 3421057966
  • Vom Tag gefordert. Reden in deutschen Angelegenheiten. dtv 2003. ISBN 3423131454 (zuerst: 2001)

Als Herausgeber

  • Auch dort erzählt Deutschland: Prosa von „Drüben“, Paul List Verlag, München 1960
  • 16 polnische Erzähler, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1962
  • Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten seit 1945, Piper, München 1965
  • Gesichtete Zeit. Deutsche Geschichten 1918-1933, Piper, München 1969
  • Verteidigung der Zukunft. Deutsche Geschichten seit 1960, Piper, München 1972
  • Frankfurter Anthologie, Band 1–29. Insel Verlag, Frankfurt 1978–2004 (Einzelbände)
  • 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Insel, Frankfurt a.M. 1995. 10 Bände (Anthologie mit Interpretationstexten)
  • 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Chronologisch von Walther von der Vogelweide bis Durs Grünbein. Insel, Frankfurt 2002. 12 Bände (Anthologie mit Interpretationstexten)
  • Romane von gestern – heute gelesen. Drei Bände (1900–1918; 1918–1933; 1933–1945). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1996.
  • Meine Geschichten. Von Johann Wolfgang von Goethe bis heute. Insel, Frankfurt a.M. 2003, ISBN 3-458-17166-5 (Anthologie)
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Romane. 20 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2002 Schuber, ISBN 3-458-06678-0
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Erzählungen. 10 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2003 Schuber, ISBN 3-458-06760-4
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Dramen. 8 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2004 Schuber, ISBN 3-458-06780-9
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Gedichte. 7 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2005 Schuber, ISBN 3-458-06785-X
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Essays. 5 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2006 Schuber, ISBN 3-458-06830-9

Fernsehreihen

Filmographie

  • Marcel Reich-Ranicki bei Beckmann. Gespräch, Deutschland, 2009, 29 Min., Produktion: ARD, Erstsendung: 6. April 2009, Ankündigung und online-Video
  • Bewegende Zeitgeschichte. Fernseh-Reportage, Deutschland, 2009, 5:09 Min., Produktion: RBB, Erstsendung: 5. April 2009, online-Video, Filmtext
  • Eine Begegnung mit Marcel Reich-Ranicki. Dokumentation, Deutschland, 2009, 30 Min., Buch und Regie: Mathias Haentjes, Produktion: WDR, Erstsendung: 15. April 2009, Filminformationen
  • Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki. Fernsehspiel, Deutschland, 2008/09, 90 Min., Buch: Michael Gutmann, Regie: Dror Zahavi, Produktion: WDR, Katharina Trebitsch, Erstsendung: arte, 10. April 2009; ARD, 15. April 2009, Darsteller M. Reich-Ranicki: Matthias Schweighöfer, Teofila Reich-Ranicki: Katharina Schüttler, IMDb-Eintrag: [28]), Filmseite: [29]
  • Ich, Reich-Ranicki. Dokumentation, 105 Min., Buch und Regie: Lutz Hachmeister und Gert Scobel, Erstsendung: ZDF, 13. Oktober 2006 (Inhaltsangabe des ZDF [30]), (Besprechung in Spiegel Online[31] [32] und Berliner Zeitung [33])
  • Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben. Dokumentation, 43 Min., ein Film von Diana von Wrede, Produktion: arte, Erstsendung: 21. August 2004, Inhaltsangabe von Phoenix [34]
  • Herrrlich! Grrrässlich! Die große Marcel Reich-Ranicki-Nacht, Dokumentation, 180 Min., zusammengestellt von Stephan Reichenberger und Alex Rühle, Produktion ZDF, Erstsendung: 2./3. Juni 2000
  • Der Literaturpapst. Auseinandersetzungen mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Dokumentation, 100 Min., Buch und Regie: Martin Lüdke und Pawel Schnabel, Erstsendung: ARD, 28. April 1987

Literatur

  • Teofila Reich-Ranicki und Hanna Krall: Es war der letzte Augenblick. Leben im Warschauer Ghetto. Aquarelle und Texte. DVA, Stuttgart, München 2000, 120 S., farbig, Gebunden, ISBN 3-421-05415-0
  • Hubert Spiegel (Hrsg.): Welch ein Leben. Marcel Reich-Ranickis Erinnerungen. dtv, München 2000, 393 S., ISBN 978-3-423-30807-6, Inhaltsangabe und -verzeichnis
  • Frank Schirrmacher: Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in Bildern. Eine Bildbiographie. DVA, München 2001, 288 S., 286 s/w Abb., Leinen, ISBN 3-421-05320-0
  • Thomas Anz: Marcel Reich-Ranicki. dtv, München 2004, 192 S., zahlr. meist farbige Abb., ISBN 3-423-31072-3
  • Sabine Gebhardt-Herzberg: Das Lied ist geschrieben mit Blut und nicht mit Blei: Mordechaj Anielewicz und der Aufstand im Warschauer Ghetto. Selbstverlag, 250 S., ISBN 3-00-013643-6; enthält ein Kapitel über Reich-Ranickis Flucht aus dem Warschauer Ghetto und die Rolle des sogenannten „Judenrates“, für den er tätig war.
  • Uwe Wittstock: Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens. Blessing, München 2005, 288 S., 70 Abb., ISBN 3-89667-274-6, Besprechung: [5]
  • Gerhard Gnauck: Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, 311 S., ISBN 978-3-608-94177-7, Leseprobe, Besprechung: [35]

Hörbücher

  • Links bündig, rechts flatternd. Robert Gernhardt trifft Marcel Reich-Ranicki. Mitschnitt vom Internationalen Literaturfest Lit.Cologne. Produktion: WDR, Random House Audio, Köln 2008, 1 CD, ISBN 978-3-86604-976-5
  • Marcel Reich-Ranicki liest Thomas Mann und die Seinen. Versuche über die Liebe. Autorenlesung. Produktion: Hessischer Rundfunk / hr2, Der Audio-Verlag, Berlin 2005, 2 CDs, 154 Min., ISBN 3898134555

Weblinks

Portale

Artikel

Einzelnachweise

  1. Marcel Reich-Ranicki, reich-ranicki.com
  2. Johann-Peter-Hebel-Grundschule, Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin
  3. Vgl. Setzen, Sechs! - Schulgeschichten aus Deutschland (1/3). Verlorene Kindheit. Dokumentarfilm von Dora Heinze im Auftrag des SWR. Deutsche Erstausstrahlung am 8. Dezember 2005, Presseheft, S. 9
  4. Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, S. 272ff.
  5. a b Harald Jähner: „Um sein Leben erzählen“, Berliner Zeitung, 2. Juni 2005, Besprechung von Uwe Wittstocks Biographie über MRR
  6. Marcel Reich-Ranicki bei Beckmann, 6. April 2009
  7. Gerhard Gnauck: „Nachbarin, was brauchst du so viel Brot?“ Welt, 9. März 2004
  8. Redaktion: „Marcel Reich-Ranicki: Wofür die Orden?“ Focus, 1994, Nr. 27
  9. Gerhard Gnauck: „Die polnische Geheimdienst-Karriere Marcel Reich-Ranickis im Spiegel seiner Personalakte“, Die Welt, 12. August 2002
  10. a b G.Z.: „Besessen. Warum muss Tilman Jens M.R.R. so hartnäckig verfolgen?“ epd medien, Nr. 67, 28. August 2002
  11. a b Thomas Anz: „Streit um Reich-Ranickis Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst“, literaturkritik.de, 17. April 2004
  12. Jens-Buch „literarischer Vatermord“, dpa / Berliner Literaturkritik, 5. März 2009
      „Vatermord“, Tübinger Wochenblatt, 3. April 2008
  13. Gerhard Gnauck: „Ich bitte höflich, mir die Genehmigung zu erteilen“, Die Welt, 21. Juli 2008
  14. Uwe Wittstock: „Marcel Reich-Ranickis Rückkehr vor 50 Jahren“, Die Welt, 21. Juli 2008
  15. Volker Hage, Johannes Saltzwedel: „Arche Noah der Bücher“, Der Spiegel, 18. Juni 2001, Nr. 25
  16. „Literatur muss Spaß machen. Marcel Reich-Ranicki über einen neuen Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke“, Der Spiegel, 18. Juni 2001, Nr. 25, Interview
  17. Pressemitteilung der „Freunde der Universität Tel Aviv“, 1. Februar 2006, online in: Kapitel „Abroad“
  18. Pressemitteilung der Humboldt-Universität, 21. Dezember 2006, online in: Ehrendoktor der Humboldt-Universität
  19. „Ich konnte es nicht mehr aushalten“, FAZ, 12. Oktober 2008, Interview
  20. „Reich-Ranicki schimpft auf deutsches Fernsehen“, Die Welt, 12. Oktober 2008
  21. StAnz., 6/2003, S. 526
  22. „Ministerpräsident Jürgen Rüttgers verleiht den Staatspreis 2005 an den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki“, nrw.de, 24. Januar 2006
  23. „Universität Tel Aviv. Reich-Ranicki-Lehrstuhl eingeweiht“, Hessischer Rundfunk, 6. März 2007, mit Interview
  24. Internetseite des Henri Nannen Preises
  25. „Ehrenpreis nun endgültig abgelehnt“, Rheinische Post, 12. Oktober 2008
  26. „Das literarische Kaffeehaus“, literaturkritik.de
  27. „Solo“, literaturkritik.de
    Neun Bilderserien mit Zitaten aus seinen "Solo"-Sendungen, ZDF
  28. Mein Leben, IMDb
  29. Filmseite: „Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben“, ARD, April 2009
  30. Inhaltsangabe der Dokumentation „Ich, Reich-Ranicki“, Presseportal.de, 10. Oktober 2006
  31. Volker Hage: „Ein Denkmal für den Kritiker“, Spiegel Online, 13. Oktober 2006
  32. Hubert Spiegel: „Niemand anderer als er“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Oktober 2006
  33. Arno Widmann: „Lauter Laues“, Berliner Zeitung, 13. Oktober 2006
  34. Inhaltsangabe von „Mein Leben“, Phoenix, 4. Juni 2005
  35. Martin Lüdke: „Der Denkmalsturz bleibt aus“, Frankfurter Rundschau, 9. März 2009

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