Martin Niemoeller


Martin Niemoeller
Martin Niemöller auf einer deutschen Briefmarke von Gerd Aretz (1992).

Emil Gustav Friedrich Martin Niemöller (* 14. Januar 1892 in Lippstadt; † 6. März 1984 in Wiesbaden) war ein deutscher Theologe und führender Vertreter der Bekennenden Kirche sowie Präsident im Weltrat der Kirchen (heute: Ökumenischer Rat der Kirchen). Zuerst überzeugter NSDAP-Wähler, entwickelte er sich während des Kirchenkampfes und seit 1937 als Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen allmählich zum Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Inhaltsverzeichnis

Marineoffizier im Kaiserreich

Martin Niemöller war der Sohn des lutherischen Pfarrers Heinrich Niemöller und seiner Frau Paula geb. Müller. 1900 zog die Familie von Lippstadt nach Elberfeld, dort legte er 1910 sein Abitur ab. Dann schlug er eine Offizierslaufbahn bei der Kaiserlichen Marine ein. Seit 1915 gehörte er der U-Boot-Waffe an: zunächst auf der „Thüringen“, im Oktober wurde er Wachoffizier auf dem Unterseebootmutterschiff „Vulkan“, wurde später auf U 3 als U-Boot-Fahrer ausgebildet und kam im Februar 1916 als Zweiter Wachoffizier auf U 73. Im April 1916 wurde U 73 ins Mittelmeer verlegt, wo es an der Saloniki-Front kämpfte, die Otranto-Straße bewachte und ab Dezember 1916 vor Port Said Minen legte und Handelskrieg führte. Ab Januar 1917 fuhr Niemöller als Steuermann auf U 39, war anschließend wieder zurück in Kiel, ab August 1917 war er Erster Offizier auf U 151, das bei Gibraltar, in der Biskaya und an vielen weiteren Orten zahlreiche Dampfer angriff und versenkte. Im Mai 1918 wurde Niemöller Kommandant von UC 67, mit dem er im Mittelmeer Minen legte und abermals Handelsdampfer versenkte. 1919 nahm er seinen Abschied vom Militärdienst, weil er die neue demokratische Regierung ablehnte. 1920 diente er als Bataillonsführer in einem Freikorps (III. Bataillon der Akademischen Wehr Münster).

Ausbildung und Pfarramt in der Weimarer Republik

Am 20. Juli 1919 heiratete er Else, geb. Bremer (* 20. Juli 1890, † 7. August 1961 durch einen Verkehrsunfall in Dänemark). Im selben Jahr nahm Niemöller eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Bauernhof in Wersen bei Osnabrück auf. Da das Geld nicht für den Erwerb eines eigenen Gehöftes ausreichte, entschloss er sich zum Studium der evangelischen Theologie in Münster (1919–1923). Motivation zum Studium war sein Bestreben, der scheinbar orientierungslos gewordenen Gesellschaft durch die christliche Botschaft wieder Sinn und durch die kirchlichen Strukturen Ordnung zu vermitteln. Das Vikariat leistete er gleichfalls in Münster. 1924 wurde er Vereinsgeistlicher der westfälischen Inneren Mission. 1927 war Niemöller Mitbegründer der Selbsthilfeeinrichtung „Darlehensgenossenschaft der Westfälischen Inneren Mission e.G.m.b.H.“, eines Vorgängerinstituts der heutigen KD-Bank eG - die Bank für Kirche und Diakonie. Während des Ruhrkampfes beteiligte er sich an der „Akademischen Wehr“.

1931 wurde Niemöller zum III. Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem berufen. Es war die Pfarrstelle für die neu gebaute und 1932 eingeweihte Jesus-Christus-Kirche.

Kirchenkampf 1933–1937

Bald kam es hier zu Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen. Zwar hatte Niemöller seit 1924 nationalsozialistisch gewählt und die Einführung des „Führerstaates“ 1933 begrüßt, aber die Vermischung von politischen Aussagen mit dem Glaubensbekenntnis lehnte er schärfstens ab. So war er im Mai 1933 einer der Gründer der Jungreformatorischen Bewegung und stellte sich an die Seite Friedrich von Bodelschwinghs.

Nachdem der Arierparagraph eingeführt und in mehreren evangelischen Landeskirchen erste oppositionelle Pfarrerbruderschaften gegründet worden waren, rief Niemöller im September 1933 als Reaktion auf die Entfernung von „Nichtariern“ aus Kirchenämtern zur Gründung eines reichsweiten Pfarrernotbundes auf; dem Bund traten etwa ein Drittel der Pfarrer bei. Seine primären Aufgaben bestanden aus dem Protest gegen diese Maßnahmen sowie der Organisation von Hilfe für die Betroffenen.

Gleichwohl suchte Niemöller immer noch einen Kompromiss mit den Deutschen Christen. Besonders umstritten ist deshalb heute noch sein Thesenpapier vom 2. November 1933 mit dem Titel Sätze zur Arierfrage in der Kirche. Im Gegenzug für die Nichtanwendung des Arierparagraphen auf Kirchenämter erwartete Niemöller, dass sich jüdischstämmige Pfarrer bei der Bewerbung um höhere Kirchenämter zurückhalten sollten:

„Da das Bekenntnis auf gar keinen Fall und um gar keinen Preis auch nur vorübergehend außer Kraft gesetzt werden darf, kann die Frage nur so angefasst werden, dass wir auf Grund von 1. Kor   von den Amtsträgern jüdischer Abstammung heute um der herrschenden ‚Schwachheit‘ willen erwarten dürfen, dass sie sich die gebotene Zurückhaltung auferlegen, damit kein Ärgernis gegeben wird. Es wird nicht wohlgetan sein, wenn heute ein Pfarrer nichtarischer Abstammung ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission einnimmt.“

Der Pfarrernotbund und andere Gruppen bildeten die Vorläufer der Bekennenden Kirche, die auf der 1. Barmer Bekenntnissynode vom 29. bis zum 31. Mai 1934 gegründet wurde. Auf dieser Synode wurde die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet, die das theologische Fundament der Bekennenden Kirche bildete.

Die theologische Rechtfertigung war der in der evangelisch-lutherischen Kirche fest geschriebene Bekenntnisstand oder Bekenntnisnotstand (status confessionis), der gegeben ist, wenn die Kirchenoberen sich vom lutherischen Bekenntnis – festgehalten im Augsburger Bekenntnis – entfernen. Das sah der Pfarrernotbund gegeben in der so genannten Schöpfungstheologie der Deutschen Christen, die Schöpfungsordnungen, wie z. B. das Volk, neben der Bibel anerkannten.

Dabei ging es ihm um eine scharfe Abgrenzung gegenüber den Deutschen Christen und bald auch um eine Durchsetzung der Beschlüsse der Bekenntnissynoden von Barmen im Mai 1934 und Dahlem im Oktober 1934.

Niemöller dachte weiterhin im Wesentlichen betont nationalkonservativ. So erschien 1934 sein Erinnerungsbuch Vom U-Boot zur Kanzel. Trotzdem geriet er zunehmend in die Illegalität. Höhepunkt dieser Entwicklung war ein Empfang von Kirchenführern in der Berliner Reichskanzlei im Januar 1934. Dabei kam es zu einer direkten Konfrontation zwischen Hitler und Niemöller. Während Hitler den Kirchenkampf durch die Bekennende Kirche als Kampf gegen den deutschen Staat betrachtete, versuchte Niemöller vergeblich deutlich zu machen, dass es nur um die Freiheit und Reinheit der Verkündigung auch aus politischer Verantwortung, aus „Sorge um das Dritte Reich“ gehe.

Niemöllers Vorträge und Predigten galten zunehmend als oppositionell.

Schließlich schlug er die radikalsten Wege innerhalb der Bekennenden Kirche ein. Der altpreußische Bruderrat, dem er angehörte, sah sich als „wahre Kirchenleitung“. Ein häretisch gewordener Kirchenrat könne nicht mehr Kirchenleitung sein. Dabei fand Niemöller wenig Gefolgsleute. Viele setzten demgegenüber auf die vom Reichskirchenminister Hanns Kerrl eingesetzten Kirchenausschüsse, in denen alle kirchlichen Gruppierungen vertreten waren – mit Ausnahme der Bruderräte und der Thüringer Richtung der Deutschen Christen.

Niemöller – immer noch Nationalsozialist – scheute sich nicht, Unrecht zu benennen und die staatliche Kirchenpolitik zu attackieren. So wandte er sich zusammen mit Hunderten anderen Pfarrern gegen verbale Angriffe Alfred Rosenbergs, des Chefideologen der Nationalsozialisten, was 1935 zu einer ersten Verhaftung führte.

KZ-Häftling 1937–1945

Am 1. Juli 1937 wurde Niemöller erneut verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 40 Verfahren gegen den Pfarrer anhängig. Er sollte vor der Öffentlichkeit des In- und Auslandes als Staatsfeind verurteilt werden, womit man auch eine Kriminalisierung der ganzen Bekennenden Kirche erreichen wollte. Doch Niemöllers Verhaftung löste eine Welle der Solidarität in- und außerhalb Deutschlands aus. Seine eigene Gemeinde in Berlin-Dahlem versammelte sich jeden Abend in der St.-Annen-Kirche zu einem Fürbittgottesdienst für alle Gefangenen. Am 7. Februar 1938 begann schließlich der Prozess vor dem Sondergericht in Berlin-Moabit. Am 2. März wurde Martin Niemöller zu sieben Monaten Haft verurteilt, die er jedoch durch seine Untersuchungshaft bereits verbüßt hatte.[1] Er kam nicht frei, sondern wurde gleich am Ausgang von der Gestapo erneut verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, als „persönlicher Gefangener“ Adolf Hitlers. Seine zunächst geplante „Hinrichtung” wendete der britische Lordbischof George Kennedy Allen Bell ab, indem er die Presse über den Fall Niemöller informierte.

Bei Kriegsausbruch 1939 meldete er sich aus dem Konzentrationslager heraus (als ehemaliger U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkriegs) freiwillig – allerdings vergeblich – zur deutschen Kriegsmarine. Dort wurde noch weitgehend das Verständnis des „unpolitischen Soldaten“ preußischer Tradition gepflegt, und zwar auch hinsichtlich der NS-Politik, die auf deutschen Kriegsschiffen und U-Booten mit Billigung der Admiralität nicht thematisiert wurde. Diese Haltung der Admiralität änderte sich erst mit den regierungsseitigen Maßnahmen nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, u. a. Einführung des „deutschen Grußes“ und dem Einsatz „Nationalsozialistischer Führungsoffiziere“. Dementsprechend zogen bis dahin viele Wehrpflichtige mit inneren Vorbehalten gegen den NS-Staat die Marine den anderen Waffengattungen vor. Hitler merkte dazu ironisch an: „Ich habe eine kaiserliche Marine, … und eine nationalsozialistische Luftwaffe.“ Niemöller rechtfertigte seine Freiwilligenmeldung kurz nach dem Krieg damit, dass sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus in erster Linie religionstheoretisch motiviert gewesen sei, zum lutherischen Ethos habe es aber auch gehört, für sein Vaterland zu kämpfen.

1941 wurde er in das Konzentrationslager Dachau verlegt. Dort war eine große Zahl Geistlicher verschiedener Konfessionen aus Deutschland, Österreich und den von deutschen Truppen besetzten Nachbarstaaten – vor allem aus Polen – inhaftiert. Als Sonderhäftling wurde er allerdings nicht wie die meisten Geistlichen im Pfarrerblock, sondern im „Ehrenbunker“, einem abgegrenzten Sonderbereich im Arrestblock, gefangen gehalten. Dort hatte er Kontakt zu drei ebenfalls prominenten katholischen Priestern, Johannes Neuhäusler, Karl Kunkel und Michael Höck, die wie die anderen Dachauer Sonderhäftlinge etliche Vergünstigungen genossen: Ihre Verpflegung war erheblich besser, die Türen ihrer Zellen waren nicht verschlossen, so dass sie sich jederzeit besuchen konnten, und von Zeit zu Zeit durften sie auch ins Freie gehen, um frische Luft zu schöpfen.

Während seiner Haftzeit erfuhr Niemöllers Theologie einen Neuansatz. Hatte er bislang vor allem den „Dienst am Volk“ als kirchliche Aufgabe betont, so erkannte er in der Kreuzigung Jesu Christi nun ein Geschehen für alle Völker; daher habe Kirche vor allem an der Überwindung von Grenzen, Rassen und Ideologien zu arbeiten. Zudem musste er einsehen, dass die Kirchen in Deutschland für die nationalsozialistische Machtergreifung mitverantwortlich gewesen waren.

Nach dem Krieg kolportierten Niemöller und andere das Gerücht, der ebenfalls im KZ Dachau inhaftierte Hitler-Attentäter Georg Elser sei SS-Mitglied gewesen.[2] Dank der 1964 von dem Historiker Lothar Gruchmann entdeckten Gestapo-Verhörprotokolle Elsers[3] konnten dieses und andere Gerüchte über Elsers angebliche Hintermänner widerlegt werden.[4]

Nachkriegsprozess

Bußprediger und Gegner der kirchlichen Restauration seit 1945

1945 wurde Niemöller während eines Hinrichtungstransportes nach Südtirol zunächst von deutschen – unter der Führung von Hauptmann Wichard von Alvensleben –, dann von amerikanischen Soldaten befreit. Bis zum 19. Juni 1945 musste er amerikanischen Dienststellen noch in Italien zur Verfügung stehen, bevor er nach einem Hungerstreik nach Deutschland zurückkehren konnte.

Niemöller verurteilte, u. a. in Briefen an den amerikanischen General Clay, auch rechtswidriges Vorgehen der alliierten Besatzungsmächte. Den nach Protesten in der amerikanischen Bevölkerung und Politik ad acta gelegten ursprünglichen Morgenthau-Plan bezeichnete er als „das Vorhaben, das deutsche Volk bis zu seinen Wurzeln auszurotten“, ferner Praktiken des Nürnberger Gerichtshofes als „schwere Verdunkelung des öffentliches Gewissens“. Es erinnere „an die Behandlung der Offiziere des 20. Juli durch Adolf Hitler, wie man jetzt mit Wehrmachtoffizieren vor amerikanischen Tribunalen verfährt“. Auch die Flächenbombardements gegen die deutsche Zivilbevölkerung und Vertreibungen im Osten verurteilte Niemöller entschieden. Er müsse überdies im besetzten Deutschland Verhältnisse feststellen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“; manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien „selbst unter dem Naziregime niemals gewesen“.

In Deutschland hatte nach Niemöllers Rückkehr mittlerweile Otto Dibelius die Leitung der Kirche in Berlin übernommen. Für Niemöller schien kein Platz mehr zu sein, auch wenn er von 1945 bis 1955 dem Rat der EKD angehörte und – in Personalunion mit seinem Amt als Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – Leiter ihres Kirchlichen Außenamtes in Frankfurt am Main war. Anders als Dibelius, der mit einer bischöflichen Struktur sympathisierte, dachte Niemöller an eine konsequente Überwindung des Landeskirchentums von bruderrätlichen Traditionen her: die Kirche solle von den Gemeinden her aufgebaut sein, territoriale Traditionen und konfessionelle Gegensätze dürften künftig nicht mehr von Bedeutung sein.

Zu historischer Bedeutung gelangte er auch durch seine Mitwirkung am Stuttgarter Schuldbekenntnis, sodann dessen Erklärung gegenüber Gemeinden und Pastoren. Der Leiter der ökumenischen Delegation Willem Adolf Visser 't Hooft erinnert sich in seiner Autobiographie an das Zustandekommen dieser ersten Schulderklärung der EKD nach 1945:

„Wie sollten wir die Wiederaufnahme voller ökumenischer Beziehungen erreichen? Die Hindernisse für eine neue Gemeinschaft ließen sich nur beseitigen, wenn die deutsche Seite ein klares Wort fand … Niemöller predigte über Jeremia 14,7-11:, Ach Herr, unsere Missetaten haben es ja verdient; aber hilf doch um deines Namens willen!’ Es war eine machtvolle Predigt. Niemöller sagte, es genüge nicht, den Nazis die Schuld zu geben, auch die Kirche müsse ihre Schuld bekennen.“

Die Familie des Fürsten zu Ysenburg und Büdingen, unter deren Patronat und Initiative – vor allem der Fürstin Marie – die Bekennende Kirche in Büdingen (Oberhessen) Schutz gefunden hatte, nahm Niemöller – der 1935 das Ehepaar Otto Friedrich und Felizitas zu Ysenburg und Büdingen getraut hatte – und seine Familie im November 1945 in Schloss Büdingen auf, wo er bis zur Wahl zum Kirchenpräsidenten wohnte. Seit dem Frühjahr 1946 gestaltete er den Aufbau der hessen-nassauischen Kirche mit. Es gelang ihm, konzeptionelle Elemente der Bruderräte in das „Leitende Geistliche Amt“, das bis heute kollegial das Amt des Bischofs wahrnimmt, einfließen zu lassen. Schließlich wurde er am 1. Oktober 1947 zum Kirchenpräsidenten berufen. Das Amt bekleidete er bis 1965.

Damit wurde den deutschen evangelischen Kirchen der Weg zurück in die ökumenische Gemeinschaft eröffnet. An den Vollversammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen nahm er von 1948 bis 1975 teil; von 1961 bis 1968 war Niemöller einer der sechs Präsidenten des ÖRK.

Die Haltung zur Wiederaufnahme von Pfarrern in den Dienst der EKHN, die durch ihr Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus belastet waren, wird seit 2007 wieder verstärkt öffentlich diskutiert. Auslöser waren Recherchen zum Fall Matthäus ("Matthes") Ziegler.[5]

Gegner der Wieder- und Atombewaffnung

Scharf kritisierte Niemöller die Gründung der Bundesrepublik Deutschland („In Rom gezeugt und in Washington geboren“), die Wiederbewaffnung Deutschlands, die Positionen der Kirche im Kalten Krieg sowie die Rüstungspolitik der Großmächte. Seine dabei oft verletzenden und überscharf formulierten Ansichten brachten ihm Ablehnung wie große Anhängerschaft ein. Niemöller polarisierte wie kein anderer Kirchenmann; er kannte nur Freunde oder Gegner; Neutralität gegenüber Niemöller gab es nicht.

1954 wandte sich Niemöller radikal pazifistischen Positionen zu, um derentwillen er auch nicht die Zusammenarbeit mit Kommunisten scheute. In Zeiten von ABC-Waffen schien ihm Krieg nicht nur absurd, sondern christlich unverantwortbar zu sein. So war in seinen Augen die Ableistung von Militärdienst mit christlichem Glauben unvereinbar. Viele seiner folgenden Reisen sollten seine Versöhnungsbereitschaft dokumentieren und dem Frieden dienen. Während schärfster politischer Konflikte besuchte er 1952 auf Einladung des russisch-orthodoxen Patriarchen Moskau.

1957 wurde er zum Präsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft gewählt und 1958 wurde er auch zum Präsidenten der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) gewählt und war – nach deren Zusammenschluss (IdK, 1968) und „Verband der Kriegsdienstverweigerer“ (VK, 1974) – ab 1974 Präsident der „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner“ (DFG-VK). 1959 attackierte er die Ausbildung zum Soldaten als „die Hohe Schule für Berufsverbrecher“. Während des Vietnam-Krieges reiste er 1967 nach Nord-Vietnam. Im Alter griff er die bundesdeutsche Politik an und unterstützte die außerparlamentarische Opposition; auch der Kirche traute er Reformfähigkeit nicht mehr zu, so dass er schließlich die hessen-nassauische Synode verließ.

Vielfach wurde Niemöller im Kontext der gesellschaftlichen Diskussionen in den 60er und 70er Jahren eine unkritische Nähe zum Kommunismus und insbesondere zum real existierenden Sozialismus vorgeworfen. Im Januar 1980 überließ er seine Grabstelle auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem dem verstorbenen Rudi Dutschke.

Niemöller lebte bis zu seinem Tod in Wiesbaden und bewohnte das Haus in der Brentanostraße 3. Heute ist dort der Sitz des Vertreters der Evangelischen Kirchen in Hessen (EKKW, EKHN, EKiR) bei der Hessischen Landesregierung. Begraben ist Martin Niemöller auf der Grabstätte seiner Familie in Lotte-Wersen bei Osnabrück.

Ehrungen

Niemöller wurden vielfache Ehrungen zuteil. Er erhielt u. a. die Wichernplakette der Inneren Mission, den Lenin-Friedenspreis der UdSSR, das Großkreuz des Bundesverdienstordens, die Albert-Schweitzer-Friedensmedaille, die DDR-Friedensmedaille in Gold, Ehrendoktorwürden in Eden/USA, Budapest, Göttingen, Halifax/Chicago, Neu-Delhi und Chicago und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wiesbaden.

In seiner Sozialethik bewegte sich Niemöller zwischen der lutherischen Prägung durch sein Elternhaus und reformiertem Einfluss. So erkannte er in engem Rahmen eine relative Autonomie des Politischen an, zunehmend aber betrachtete er politische Entscheidungen als Glaubensentscheidungen. Die Frage „Was würde Jesus dazu sagen?“ wurde zu einem Markenzeichen von Niemöllers Denken.

Nach ihm benannt wurden der Pastor-Niemöller-Platz in Berlin Pankow Niederschönhausen, das Martin-Niemöller-Haus (Tagungsstätte der Evangelischen Akademie Arnoldshain), das Martin-Niemöller-Haus in Jena und das Martin-Niemöller-Haus Altenpflegeheim in Rüsselsheim sowie die Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld, die Martin-Niemöller Grundschule in Berlin-Neu-Hohenschönhausen und das Oberstufengymnasium Martin-Niemöller-Schule in Wiesbaden, sowie das Martin Niemöller Haus in Westerkappeln-Velpe.

Zitat

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist.
Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Quellen: Homepage der Martin Niemöllerstiftung, Harold Marcuse: Martin Niemöller’s famous quotation: „First they came for the Communists”

Siehe auch

Literatur

  • Wolfgang Gerlach: Als die Zeugen schwiegen; 19932, S. 87 ff.
  • Gerti Graff (Hg.): Unterwegs zur mündigen Gemeinde: Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus am Beispiel der Gemeinde Dahlem; Bilder und Texte einer Ausstellung im Martin-Niemöller-Haus Berlin; Stuttgart 1982; ISBN 3-88425-028-X (formal falsche ISBN)
  • Martin Niemöller: Vom U-Boot zur Kanzel. Warneck, Berlin 1934
  • D. Schmidt: Martin Niemöller. Radius-Verl, Stuttgart 1983

Film

  • Martin Niemöller – Was würde Jesus dazu sagen. Eine Reise durch ein protestantisches Leben; Drehbuch und Regie: Hannes Karnick und Wolfgang Richter; Erstaufführung: 17. Oktober 1985; DVD-Titel: Rebell wider Willen – Das Jahrhundert des Martin Niemöller

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Hans Buchheim: Ein NS-Funktionär zum Niemöller-Prozess; in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3.1956; S. 307–315
  2. Schriftwechsel Maria Elser - Martin Niemöller
  3. Georg Elser: Gestapo-Protokoll
  4. Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim: Falsche Gerüchte über Georg Elser
  5. Manfred Gailus: Bruder Ziegler, Die Zeit Nr. 8 vom 15. Februar 2007, S.92; ders.: Vom, gottgläubigen' Kirchenkämpfer Rosenbergs zum, christgläubigen' Pfarrer Niemöllers; Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 11/2006, Berlin (Metropol); Wolfgang Weissgerber: Zu spät, zu unpolitisch, zu wenig, u.a. Frankfurter Rundschau vom 19. Januar 2007

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