Medard Boss


Medard Boss

Medard Boss (* 4. Oktober 1903 in St. Gallen; † 21. Dezember 1990 in Zollikon) war Schweizer Psychiater, der die Daseinsanalyse Martin Heideggers für die Psychiatrie nutzbar machte.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Medard Boss wurde während seines Medizinstudiums stark vom Psychiater Eugen Bleuler beeinflusst. Boss wählte als Spezialgebiet die Psychiatrie, und er begab sich 1925 in eine Analyse bei Sigmund Freud. Seit 1947 Freundschaft zu Martin Heidegger mit zahlreichem Briefwechsel, Besuchen, gemeinsamen Ferien und den „Zollikoner Seminaren“, die Martin Heidegger im Hause von Medard Boss für Ärzte hielt. Martin Heidegger begleitete das Schaffen von Medard Boss und dessen Gründung der Daseinsanalyse in intensiver Weise. Zugleich war Medard Boss durch seine Reisen 1956, 1958 und 1966 nach Indien in seinem Denken und ärztlichen Handeln bestimmt worden, u.a. durch den indischen Gelehrten Swami Gobind Kaul. 1971 Verleihung des „Great Therapist Award“ durch die American Psychological Association. Fast zwei Jahrzehnte präsidierte er die Internationale Gesellschaft für ärztliche Psychotherapie.[1]

Boss-Ansatz

Boss hatte den Ansatz der Daseinsanalyse Ludwig Binswangers, der von diesem als wissenschaftliche Fundierung der Psychiatrie gedacht war, für den therapeutischen Kontext fruchtbar gemacht. Boss war es gelungen, Martin Heidegger für den Ansatz zu gewinnen, nicht mehr nach hinter den Dingen liegenden Erklärungen für psychiatrische Erkrankungen zu suchen, sondern ausgehend vom Verstehen des gesunden und kranken Gesamtdaseins des Menschen, diese zu verstehen. Heideggers Analysen des Daseins boten hierfür die nötige Erkenntnis, den Menschen in seinem Gesamtsein als verstehendes Ganzes zu betrachten, der die Ursache der Subjekt-Objekt-Spaltung selber ist und die ihm selber nicht zugrunde liegt, und somit dem traditionellen mechanistisch kausalen Verständnis der modernen Wissenschaften ein neues, dem Wesen des Menschen gerecht werdendes Verstehen entgegenzusetzen. Die Daseinsanalyse von Boss unterscheidet sich letztendlich auch wissenschaftlich vom Ansatz Binswangers, wie Heidegger in den „Zollikoner Seminaren“ klärte.

Krankheit wird gemäß diesem Ansatz als Ausdruck der wesensmässigen Endlichkeit des Daseins verstanden. Heilung wird demnach als Begegnung im Sinne des Mit-Seins mit Anderen verstanden; der Arzt oder Therapeut ist als Partner in das Krankheitsgeschehen eingebunden (siehe auch Übertragung) und hilft dem Kranken aus der Enge der durch die Begrenztheit des Daseins vorgegebenen Einschränkung.

Siehe auch

Werke

  • Körperliches Kranksein als Folge seelischer Gleichgewichtsstörungen (1940), 6. Aufl. Bern 1978
  • Sinn und Gehalt der sexuellen Perversionen (1947), München 1967
  • Der Traum und seine Auslegung. (1953)
  • Einführung in die psychosomatische Medizin. (1954)
  • Daseinsanalyse und Psychoanalyse. (1957)
  • Indienfahrt eines Psychiaters. (1959)
  • Lebensangst, Schuldgefühle und psychotherapeutische Befreiung. (1962)
  • Grundriß der Medizin und Psychologie. (1971)
  • Es träumte mir vergangene Nacht. (1975)
  • Praxis der Psychosomatik - Krankheit und Lebensschicksal, Bern 1978
  • Von der Psychoanalyse zur Daseinsanalyse. (1979)
  • Von der Spannweite der Seele. (1982)
  • Martin Heidegger: Zollikoner Seminare. (1987)
  • Medard Boss, in: Psychotherapie in Selbstdarstellungen, Hrsg. Ludwig J. Pongratz, Würzburg 1973, S. 75-106

Literatur

  • Gion Condrau: Medard Boss zum 70. Geburtstag. Huber Verlag, Bern 1973.
  • Josef Rattner: Medard Boss. In: Ders.: Klassiker der Psychoanalyse. 2. Aufl. Beltz Verlag, Weinheim 1995, S. 700-725, ISBN 3-621-27276-3 (früherer Titel: Klassiker der Tiefenpsychologie).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Medard Boss: "Grundriß der Medizin und Psychologie - Ansätze zu einer phänomenologischen Physiologie, Psychologie, Pathologie und Therapie und zu einer daseinsgemäßen Präventiv-Medizin", Verlag Hans Huber, Bern-Göttingen-Toronto-Seattle 1999, 3. Auflage, ISBN 3-456-83206-0, Rückseite



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