Meistergesang


Meistergesang

Die Meistersinger (auch Meistersänger) waren bürgerliche Dichter und Sänger im 15. und 16. Jahrhundert, die sich zunftartig zusammenschlossen. Ihre Dichtungen und Melodien leiteten sich aus dem Minnesang ab, gehorchten aber strengen Regeln. Unter den Künstlern überwogen die Handwerksmeister, doch zählten auch Priester, Lehrer und Juristen dazu. Die letzten Meistersinger wurden 1872 in Memmingen aufgelöst. Der letzte aktive Meistersinger starb 1922 ebenda.

Inhaltsverzeichnis

Künstlerische Organisation

Der Gesang, seine Vers- und strophige Struktur (und anfangs auch Lauten-Begleitung) wurden an Meistersinger-Schulen gelehrt. Die Sängerzunft unterschied dabei die Grade Schüler, Schulfreund, Singer, Dichter und verlieh erst nach Approbation eines Meisterliedes den Meistertitel. Als Patron wurde der biblische Psalmist, König David verehrt.

Die Zentren der Meistersinger waren Augsburg, Nürnberg sowie Straßburg und Frankfurt am Main, doch gab es solche Musikgilden von Handwerkern z.B. auch in Oberösterreich und Tirol, im Elsass, in Danzig, Breslau oder Prag. Die regelmäßigen Zusammenkünfte fanden meist in der Kirche oder im Rathaus statt, später auch als so genannte "Zeche" in Wirtshäusern. Dabei wurden die Dichtungen vorgetragen und von der Gildenleitung ("Merker") nach den Regeln der "Tabulatur" beurteilt. Zu Meistern konnten nur Dichter ernannt werden, die eine neue Melodie ("Ton") (Weise) erfanden und völlig fehlerlos vortrugen. In Nürnbergs Marthakirche hatten sie eine eigene Bühne.

Die Regeln des Meistergesangs sollten Hilfe bieten und zu kompositorischer Tätigkeit anregen, wurden aber immer enger ausgelegt. Diese Tendenz wurde 1868 von Richard Wagner in seiner Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" karikiert - vor allem in der Person des strengen Stadtschreibers Beckmesser, dessen Name zum Synonym für Pedanterie wurde.

Die Lieder hatten ein festes Schema. Die Barform: Stollen-Stollen-Abgesang. Außerdem gibt es die Reprisenbar A A B A. Dies trat auf, wenn der Abgesang wieder so ähnlich war wie der Beginn, der Stollen.

Johann Christoph Wagenseil (1633-1705) schrieb 1697 das Werk Von der Meister-Singer Holdseligen Kunst, in dem viele Namen von Nürnberger Meistersingern überliefert sind.

Herausragende Meister

  • Muskatblüt, ca. 1380 bis nach 1438
  • Bernkopf, genannt Frauenzucht, um 1431, der den Tod des Philipp von Ingelheim und anderer Pfälzer Ritter in einer Schlacht von 1431 besang
  • Hans Rosenplüt, "der Schnepperer": Schmied und Büchsenmeister in Nürnberg, ca.1400 bis 1460, schrieb Fastnachtsspiele, "Weingrüße", Schwänke und das Lobgedicht auf Nürnberg
  • Michael Beheim: tätig u.a. in Wien, 1416-1474, 3 Chroniken, u.a. Das Buch von den Wienern (1462-65 bei Kaiser Friedrich III.) und eine Satire über "Fürst Dracula"
  • Hans Folz (Foltz): Arzt und Barbier in Nürnberg, ca.1438-1513, schrieb auch Fastnachtsspiele, reformierte 1480 den Nürnberger Meistergesang und förderte dadurch die künstlerische Vielfalt. Zur Blütezeit um 1500 hatte Süddeutschland über 250 Meistersänger.
  • Hans Sachs 1494-1576 - Schuster in Nürnberg und Dramatiker; vielseitigster Dichter seiner Zeit, über 4000 Lieder, 1800 Gedichte und etwa 200 Dramen. In Wagners Oper wird er gegenüber anderen Meistersingern als positiv dargestellt durch Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Formen der Dichtung unter Würdigung der Tradition.
  • Jörg Wickram: Goldschmied, Gerichtsschreiber, Buchhändler 1505-1562 (?), Ehrentitel "Hans Sachs vom Kaiserstuhl". Gründet 1546 die M.Schule Colmar, vielseitige Barockliteratur, "Rollwagenbüchlin" 1555 (Reprint 1966), Reisegeschichten für lange Kutschfahrten
  • Cyriacus Spangenberg: Straßburger Theologe 1528-1604, und sein Sohn Wolfhart Spangenberg 1570-1636?, Lehrbuch "Singschul" 1615 sowie Hs. "Von der Musica, Singekunst oder Meistergesang" (beide repr. in: W. Spangenberg Sämtl. Werke)
  • Adam Puschman: Breslau 1532-1600, Gymnasiallehrer, lernte bei Sachs
  • Johann Spreng: Augsburg 1524-1601, Notar ab 1594, übersetzte Homer
  • Peter Heiberger: Nagler in Steyr, ca. 1550-1600, zwei Liedersammlungen
  • Paulus Freudenlechner: ca. 1550-1616, Singschulen Wels und Eferding in Oberösterreich, umfangreiche Handschrift von Meisterliedern, 1691-93 Breslau
  • Benedict von Watt 1569-1616, schrieb um 1610 das "Meistergesangbuch" (mit Hans Winter, †1627)
  • Ambrosius Metzger 1573-1632, Magister in Nürnberg. Metamorphosis Ovidij in Meisterthoene gebracht

In der Traditionsbildung der Meistersinger galten die "Zwölf alten Meister" des Minnesangs bzw. sogenannte "gekrönte Meister" als Vorbild, darunter Barthel Regenbogen, Walther von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Frauenlob, Hartmann von Aue, Konrad Marner, Neidhart von Reuental und Reinmar. Von ihnen und neueren Künstlern enthält die Kolmarer Liederhandschrift (Mainz ~1480) etwa 900 Liedertexte und 105 Melodien, obwohl die Publikation von Meistergesängen eigentlich unerwünscht war.

Doch trugen sie entscheidend zur Überlieferung von Volksliedern bei, z.B. im Lochamer-Liederbuch um 1450. Die Singschule von Nürnberg wurde 1770 aufgelöst, in Ulm und Memmingen (letzte Meistersinger Deutschlands) sogar 50-100 Jahre später, als die Männergesangsvereine aufkamen. Sie stellten in gewisser Weise eine Fortsetzung dar.

Adaptionen im 19. Jahrhundert

  • E. T. A. Hoffmanns Erzählung Meister Martin, der Küfner, und seine Gesellen aus den Serapionsbrüdern thematisiert den Wettstreit im Meistergesang in Nürnberg.
  • Johann Ludwig Deinhardsteins Schauspiel Hans Sachs (UA 1827) war die Basis für Lortzings Oper Hans Sachs (UA 1840), die Hans Sachs letztendlich im Wettstreit gegen der Meistersinger Eoban Hesse siegen lässt.
  • Richard Wagners 1868 uraufgeführte Oper Die Meistersinger von Nürnberg basiert hauptsächlich auf Wagenseils Werk und ist die bekannteste Adaption.

Siehe auch

Lied, Liederbuch, Deutsches Volkslied, Strophe, Minnesänger, Musik des Mittelalters, Musikgeschichte, Sprechgesang

Weblinks


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