Methodenstreit der Geschichtswissenschaft


Methodenstreit der Geschichtswissenschaft
Karl Lamprecht

Karl Gotthart Lamprecht (* 25. Februar 1856 in Jessen; † 10. Mai 1915 in Leipzig) war Professor für Geschichte an der Universität Leipzig, heute vor allem bekannt durch seine Rolle im Methodenstreit der Geschichtswissenschaft.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Lamprechts Vater war der Oberpfarrer Carl Nathanael Lamprecht (1804–1878). Sein älterer Bruder Hugo (* 1845) studierte wie der Vater Theologie und wurde später Superintendent.

Lamprecht war mit Mathilde Mühl (1860–1920) verheiratet, der Ehe entstammten die Kinder Marianne Lamprecht, verheiratete Klein-Walbeck (* 1888) und Elisabeth Lamprecht, verheiratete Rose-Schütz (1890–1978).

Sein Grab befindet sich in Schulpforte.

Studium

Nach dem Besuch der Gymnasien in Wittenberg und Schulpforta studierte Lamprecht ab 1874 in Göttingen, Leipzig und München Geschichte. In Göttingen wurde er Mitglied des 1860 gegründeten Studenten-Gesangvereins der Georgia-Augusta – der Blauen Sänger – im Sondershäuser Verband, in Leipzig verkehrte er bei der Universitätssängerschaft zu St. Pauli in der Deutschen Sängerschaft, deren Ehrenmitglied er später wurde, und in München beim Akademischen Gesangverein im Sondershäuser Verband. In seiner Bonner Zeit wurde er später noch Mitglied der Sängerverbindung Makaria Bonn im Sondershäuser Verband. Außerdem war er Ehrenvorsitzender und Ehrenmitglied der Burschenschaft Roter Löwe zu Leipzig.[1]

Unter dem Einfluss des Nationalökonomen Wilhelm Roscher (1817–1894) beschäftigte Lamprecht sich verstärkt mit der Wirtschaftsgeschichte und promovierte 1878 in Leipzig bei dem Nationalökonomen Wilhelm Roscher und dem Historiker Carl von Noorden (1833–1883) mit Beiträge zur Geschichte des französischen Wirtschaftslebens im 11. Jahrhundert an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig.

Da Lamprecht nach dem Tod seines Vaters keine Chance sah, ohne festes Gehalt (weiter nur auf die Kollegiengelder angewiesen) als Privatdozent zu arbeiten, legte er 1879 das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab und absolvierte sein Probejahr als Kandidat des höheren Lehramtes. Im selben Jahr wurde er Hauslehrer bei dem Kölner Bankier Deichmann. Dort lernte er den rheinischen Industriellen Gustav von Mevissen (1815–1899) kennen, dessen Stipendium es Lamprecht ermöglichte, sich Studien zur rheinischen Wirtschaftsgeschichte zu widmen. 1881 gründete er mit Mevissen die „Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde“. Zusammen mit Felix Hettner (1851–1902), dem Direktor des Trierer Provinzial-Museums gab er 1881–1891 die Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst heraus.

Beruflicher Werdegang

1880 habilitierte Lamprecht sich in Bonn bei Wilhelm Maurenbrecher über die Geschichtsschreibung von Dietrich Engelhus und wurde dort Privatdozent. Die Arbeit blieb ungedruckt, da sie nur zum Teil vollendet war. 1888 ernannte man ihn zum außerordentlichen Professor. 1890 erhielt er den Ruf als ordentlicher Professor nach Marburg in der Nachfolge Varrentrapps. Bereits 1891 übernahm er den Leipziger Lehrstuhl für mittelalterliche und neuere Geschichte in der Nachfolge Georg Voigts (1827–1891) und wurde 2. Direktor des Historischen Seminars der Universität Leipzig neben Wilhelm Maurenbrecher, dem er die Durchsetzung seiner Berufung nach Leipzig zu verdanken hatte. Nach dem Tod Maurenbrechers hatte Lamprecht bis 1915 die alleinige Geschäftsführung des Seminars inne. 1898 gründete er zusammen mit dem Geographen Friedrich Ratzel das historisch-geographische Seminar. 1910/11 war er als Rektor der Universität Leipzig in der Studienreform tätig und verankerte unter anderem die Stellung der Fachschaft in der Universitätsverfassung.

Lamprecht regte 1906 die Gründung des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde an, das unter der Leitung Rudolf Kötzschkes (1867–1949) stand, und gründete 1909 das königlich-sächsische Institut für Kultur- und Universalgeschichte, das erste geisteswissenschaftliche Institut in Deutschland, das nicht der Universität, sondern direkt dem Ministerium unterstand. Weitere zehn Institutsgründungen waren geplant. Sein Nachfolger als Direktor war Walter Goetz.

1896 gründete er die königliche Sächsische Kommission für Geschichte. Außerdem war er Mitglied im Alldeutschen Verband und der Gesellschaft für Hochschulpädagogik, deren Vorsitzender er 1911 wurde.

Enge Kontakte hatte Lamprecht unter anderem zu dem Psychologen Wilhelm Wundt und dem Chemiker Wilhelm Ostwald.

Wissenschaftliche Entwicklung

Gegenüber den zu dieser Zeit das akademische Leben in Deutschland beherrschenden Neo-Rankeanern betonte Lamprecht die Bedeutung der Kulturgeschichte, der materiellen Faktoren und von Gruppen (Assoziationen) in der Geschichte. Der Satz, es komme nicht darauf an, zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist (Ranke), sondern wie es geworden sei, fasst Lamprechts Einstellung prägnant zusammen. Dem herrschenden Individualismus, dem Glauben, dass „große Männer“ Geschichte machen (Heinrich von Treitschke), stellte Lamprecht die Bedeutung der Umgebung und vor allem der wirtschaftlichen Entwicklung entgegen, er nahm auch an, dass sich in der Geschichte Regelhaftigkeiten entdecken ließen, ohne deshalb die Freiheit des Individuums zu leugnen.

Methodenstreit der Geschichtswissenschaft

Der Methodenstreit im Zusammenhang mit seiner Deutschen Geschichte ab den 1890er Jahren entzündete sich nicht so sehr daran, dass Lamprecht primär Kultur- und Wirtschaftsgeschichte betrieb oder betreiben wollte. Wesentlich bedeutsamer war die Frage, welche Art von Geschichtsschreibung den neuen Anforderungen sowohl aus der Gesellschaft als auch aus der Naturwissenschaft gerecht werden konnte. Lamprecht meinte, dass Kultur- und Wirtschaftsgeschichte primär und Politik- und Personengeschichte sekundär seien. Der jüngere Lamprecht, durch den deutschen Nationalökonomen Wilhelm Roscher beeinflusst, hatte sich wirtschaftsgeschichtlichen Fragen zugewandt. Der deskriptiven Auffassung der Geschichte, wie sie Leopold von Ranke und sämtliche ihm nachfolgende Schulen bis dahin vertreten hatten, setzte er die genetische entgegen. Auch die Staaten wurden bei ihm als sekundäre Erscheinungen betrachtet. Lamprecht ging es nicht primär um die staats- ereignisgeschichtliche Darstellung, sondern um den ihnen zugrundeliegenden "Gesetzmäßigkeiten".

Damit stieß Lamprecht auf den Widerstand der zünftigen deutschen Geschichtswissenschaft insbesondere der "Neorankeaner". Seine Gegner, von denen ihm allerdings nicht zu Unrecht unsaubere Zitierweise vorgeworfen wurde, waren unter anderem Georg von Below, Max Lenz und Felix Rachfahl (1867–1925). Außerdem zählten zu seinen Gegnern Hans Delbrück, Friedrich Meinecke, Hermann Oncken Max Weber und Gustav Schmoller. Schlimmer noch war aber der Vorwurf des Positivismus und des Materialismus, dem er ausgesetzt wurde, weil sein erster Band seiner Deutschen Geschichte durch den sozialdemokratischen Historiker Franz Mehring wohlwollend rezensiert worden war. Im Unterschied zu seiner früheren Geschichtsschreibung wandte sich Lamprecht in den späteren Jahren unter dem Einfluss Wilhelm Wundts mehr und mehr der Psychologie und der Völkerpsychologie zu. In seiner Universalgeschichtskonzeption und der ihr zugrundeliegenden Theorie der Psychogenese ist die Völkerpsychologie Wundts unverkennbar. Dementsprechend erfolgte auch seine Periodisierung der deutschen Geschichte nach "Kulturzeitaltern". So gelangte Lamprecht zu der Theorie, daß die deutsche Geschichte bzw. die historische Entwicklung des Nationalbewußtseins nach Kulturzeitaltern periodisiert werden könne; diesen Stadien korrespondieren Stufen wirtschaftlicher Kulturentwicklung, die L. folgendermaßen charakterisierte: Symbolismus (bis 350 n.Chr.: okkupatorische Wirtschaft); Typismus (350-1050: marktgenössische Naturalwirtschaft); Konventionalismus (1050-1450: grundherrliche Naturalwirtschaft); Individualismus (1450-1700: genossenschaftlicher Handel und Geldwirtschaft); Subjektivismus (ab 1700: Geldwirtschaft, Individualhandel und -industrie).

Lamprecht wurde in der deutschen Geschichtswissenschaft angefeindet wegen seines neuen methodischen Ansatzes, den die Historikern in Deutschland im überwiegenden Teil ablehnten. Seine "Deutsche Geschichte" hatte er erscheinen lassen, noch ehe sie richtig durchgearbeitet war. Georg von Below dürfte zu den gehässigsten Gegnern Lamprechts gehört haben, der meinte: man müsse "die Axt gebrauchen". In der deutschen historischen "Zunft" war Lamprecht isoliert.

Im Ausland hingegen wurde er weitaus positiver aufgenommen. Lamprechts Kulturgeschichtskonzeption übte auch einen großen Einfluss auf die Annales-Schule aus.

Es läßt sich trotz der kontroversen Diskussion seines Ansatzes für die Geschichtsschreibung nicht leugnen, daß er einer der herausragendsten Historiker in der Geschichte der Geschichtswissenschaft gewesen war. Die später entstandenen Sozialwissenschaften belegen, wie innovativ sein geschichtlicher Ansatz gewesen war. Abgesehen davon: Vieles an methodischen Problemstellungen hatte dieser Methodenstreit, was im Methodenstreit der Nationalökonomie zwischen Gustav Schmoller und Carl Menger vorher zum Ausbruch kam. Das betraf nämlich die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten in der Ökonomie. Schmoller sah die Ökonomie als eine Erfahrungswissenschaft. Zeitlos gültige Gesetze hingegen lehnte er für sie ab. Damit stand er im Widerspruch zu den Ideen Mengers.

Literatur

  • Roger Chickering: Karl Lamprecht. A German Academic Life. New Jersey 1993.
  • Rudolf Kötzschke/Armin Tille: Karl Lamprecht. in: Deutsche Geschichtsblätter 16, 1915, S. 159–186.
  • Hans Schleier: Karl Lamprecht. Alternative zu Ranke. Schriften zur Geschichtstheorie. Leipzig 1988.
  • Luise Schorn-Schütte: Karl Lamprecht. Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik. Göttingen 1994.
  • Matthias Middell: Das Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte 1890–1990. 3 Bde., Leipzig 2004.
  • Ines Mann/Rolf Schumann: Karl Lamprecht: Einsichten in ein Historikerleben. Leipzig 2006.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Philip-Borna: Geschichte des Vereins für Geschichte und geschichtliche Hilfswissenschaften an der Universität Leipzig „Roter Löwe“ (1875–1909). 1909. Demnach Ernennung zum 10. Ehrenmitglied der Burschenschaft Roter Löwe zu Leipzig am 12. Januar 1892.

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