Michel Crozier


Michel Crozier

Michel Crozier (* 6. November 1922 in Sainte-Menehold (Marne)) ist ein französischer Soziologe mit dem Schwerpunkt Bürokratische Organisation.

Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftlicher Werdegang

Crozier gründete 1962 das Centre de sociologie des Organisations und publizierte 1963 aufgrund von organisationssoziologischen Studien sein Werk: Le phénomène bureaucratique.

Zunächst 1959 bis 1960 war er Forschungsmitarbeiter des Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences der Stanford Universität und wiederum von 1973 bis 1974.

Von 1967 bis 1968 war er Professor der Soziologie an der Universität Paris X-Nanterre, gleichzeitig und noch einmal 1970 bis 1972 Präsident der Société française de sociologie. Er gründete 1975 das DEA de sociologie des Institut d'études politiques (IEP) in Paris und stand ihm bis 1982 vor. Seit 1999 ist er Mitglied der Académie des sciences morales et politiques. Inzwischen ist er emeritiert.

Routine als Strategie zur Aufrechterhaltung eines Machtgleichgewichts

Michel Crozier geht bei seiner Bürokratieanalyse von zwei empirischen Untersuchungen aus. Der erste Fall betrifft eine große öffentliche Verwaltung (4.500 Beschäftigte) in Paris, die einem nationalen Ministerium untersteht und zuarbeitet. Durch ihren äußerst einfachen organisatorischen Aufbau werden überschaubare Laborbedingungen annähernd erreicht. Der zweite Fall ist eine staatliche Industrieorganisation in Frankreich, welche per Gesetz über das Monopol für ein einfaches Gut des alltäglichen Konsums verfügt und dieses über eine andere staatliche Einrichtung absetzt. Damit ist diese Organisation in einem hohen Maße vom Druck der Außenwelt befreit, und die internen Kräfte des sozialen Systems können sich relativ frei entfalten.

Für die Pariser Verwaltung (erster Fall) ergab die Erhebung: keine Verbindung des Personals mit dem Organisationsziel, stattdessen apathische Anpassung, Isolierung des Individuums innerhalb jeder Stufe der formalen Hierarchie, Verlagerung der Konfliktbeziehungen weg von den persönlichen „face-to-face“-Beziehungen auf die nächsthöhere hierarchische Stufe: In der Interaktion Vorgesetzter-Untergeordneter schiebt der Vorgesetzte die Verantwortung auf die ihm jeweils übergeordnete Stelle ab und ergreift seinen Untergebenen gegenüber deren Standpunkt, um ihre Loyalität zu wahren.[1]

Das Industriemonopol (zweiter Fall) ist gekennzeichnet durch: 1. das egalitäre Prinzip, gewährleistet durch Anciennität und Austauschbarkeit des Personals in den einzelnen Funktionen; 2. das hierarchische Prinzip mit Kommunikationsschranken zwischen den einzelnen Ebenen der Hierarchie, verbunden mit Rekrutierung durch Wettbewerbe von außen; 3. die Unpersönlichkeit der Regeln und der Verfahrensweisen.[2] Das kombinierte Auftreten des egalitären mit dem hierarchischen Prinzip führt zu Isolierung und Rigidität der einzelnen Rollen.

Quelle des Konflikts ist der Kampf der Individuen und Gruppen um die Macht, woraus sich wiederum die Notwendigkeit der Kontrolle der entsprechenden Konflikte ergibt. Das bürokratische System zeichnet sich dadurch aus, dass viele Kräfte, die sonst das permanente Schwelen von Konflikten ausschließen, in den untersuchten Organisationen nicht existieren. Es baut sich daher zwischen den gegnerischen Gruppen ein komplexes Gleichgewicht von Macht, Prestige und Engagement auf, das sie den Konflikt dem Kompromiss vorziehen lässt. Im Falle des Industriemonopols wird solches durch drei strukturelle Merkmale begünstigt: 1. die vollkommene Sicherheit der beschäftigten hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes und ihrer Aufstiegschancen; 2. keine außerplanmäßigen Belohnungen; 3. wegen der Isoliertheit der Rollen ist keine Kooperation vonnöten. Die rigide Organisationsstruktur ermöglicht die Führung von Konflikten, während die dadurch erzeugte Frustration des Individuums für ausreichend Motivation sorgt.[3]

Da die Ausschaltung jeglicher Abhängigkeitsbeziehung unmöglich ist, führt die Rationalisierung der Rollenbeziehungen, ihre Überschaubarkeit und Berechenbarkeit doch wieder zu informellen Machtstrukturen, da immer Unsicherheitsquellen verbleiben, worüber Machtkämpfe entstehen.[4] So sind im Industriemonopol die Arbeiter in der Produktion abhängig von den Wartungsarbeitern, da sie bei längerem Maschinenausfall umgesetzt werden. Die dadurch erzeugte Frustration richtet sich indes nicht gegen die Reparaturarbeiter, sondern entlädt sich gegen die auferlegten Normen und gegen die Arbeitsüberlastung. Denn das gesamte betriebliche und gewerkschaftliche System basiert auf der Allianz aller Arbeiter gegen das von der Direktion auferlegte System von Arbeitsbedingungen.

Die zur Aufrechterhaltung der Kooperation erforderliche System von Routinen gewährt den Beschäftigten durch konformes Verhalten auch Schutz, sofern sie die Direktion auf die erlassenen Regeln festlegen können. Indem somit sowohl Direktion wie auch Beschäftigte aus dem Festhalten einmal eingefahrener Regeln ein je eigenes Interesse haben, wird Rigidität bzw. fehlende Anpassungsfähigkeit festgeschrieben, so dass in Notfällen wenig Raum für selbständige Initiativen verbleibt.[5] Die Buchstabentreue des bürokratischen Ritualisten ist nicht etwa die Folge einer deformierten Persönlichkeit, sondern aus diesem Spiel gegen den Vorgesetzten heraus zu verstehen. Der Ritualist zieht nämlich den Schutz, den das buchstabengetreue Erfüllen der Regeln gegenüber dem Vorgesetzten bietet, der vielleicht sachlich richtigeren, für ihn persönlich aber riskanteren Auslegung der Regel vor. Ritualismus ist also der Ausfluss einer Organisationsstruktur, welche Konformität auf eine gewisse rationalistische Weise herzustellen bestrebt ist.

Ritualismus ist indes nicht die einzige verfügbare Strategie innerhalb einer bürokratischen Organisation: Die Werkstättenleiter üben den Rückzug; die Direktoren verlegen sich auf Innovation. Außerdem gibt es Identifikation und Unterwerfung, Rebellion und Streik.

Was die Bürokratie an Verhaltenssicherheit gewinnt, verliert sie an Realismus. Dysfunktionen sind wesentliches Element seines inneren Gleichgewichts, da das System unfähig ist, aus Fehlern zu lernen. Damit die erforderlichen Anpassungen vorgenommen werden, ist eine offenkundige Krise erforderlich.

Wie Wolfgang Schluchter bemerkt, überträgt Crozier den von Robert K. Merton charakterisierten Typ der bürokratischen Persönlichkeit[6] auf die bürokratische Organisationsstruktur selbst. Die Bürokratie ist entgegen dem von Max Weber aufgestellten Idealtypus[7] nicht ein Ausbund organisatorischer Rationalität und Zweckmäßigkeit, vielmehr einer dynamischen, durchrationalisierten Umwelt am allerschlechtesten angepasst.[8]

Andreas Anter u. a. urteilen im Trivium-Themenheft "Max Weber und die Bürokratie" von 2010 kritisch über Crozier:

In Frankreich hat sich die Organisationssoziologie nur in bescheidenem Maße entwickeln können. Ihr Beginn ist vor allem mit dem Namen Croziers verbunden. Ganz offensichtlich aber hatte Crozier keinen direkten Zugang zu Webers Werk. Daher hat er sich im Allgemeinen damit begnügt, die von amerikanischen Autoren formulierten kritischen Einwände zu übernehmen, sei es die der funktionalistischen Tendenz, für welche vor allem Merton, Gouldner und Selznick stehen, sei es die von Herbert Simon oder auch James March, die nicht zögerten, Weber mit Taylor zu vergleichen. Das trug natürlich dazu bei, die Tendenz zu einer schmalspurigen und verfälschten Weber-Interpretation zu verstärken, zumal in einem Kontext, in dem die französischsprachigen Leser, im Gegensatz nicht nur zum angelsächsischen, sondern auch zu den italienischen und spanischen, nur eine sehr eingeschränkte Sicht auf Webers Behandlung der Bürokratie haben konnten.[9]

Werke

  • Le Monde des employés de bureau, 1964
  • Petits Fonctionnaires au travail, Paris, ED. du CNRS, 1955
  • Le Phénomène bureaucratique, Paris, Le Seuil, 1963; daraus übersetzt von Hanne Herkommer: Der bürokratische Circulus vitiosus und das Problem des Wandels. In: Renate Mayntz, (Hrg.): Bürokratische Organisation. Kiepenheuer & Witsch : Köln Berlin 1968. S. 277-288
  • La Société bloquée, Paris, Le Seuil, 1971
  • L'Acteur et le système (en collaboration avec Erhard Friedberg), Paris, Le Seuil, 1977
  • On ne change pas la société par décret, Paris, Fayard, 1979
  • Le Mal américain, Paris, Fayard, 1980
  • État modeste, État moderne. Stratégies pour un autre changement, Paris, Fayard, 1986
  • L'Entreprise à l'écoute, Paris, Interéditions, 1989
  • La Crise de l'intelligence, Paris, Interéditions, 1995
  • A quoi sert la sociologie des organisations ?, Paris, Arslan, 2000
  • Ma belle époque : mémoires. 1, 1947–1969, Paris, Fayard, 2002
  • A contre-courant : mémoires. [2], 1969–2000, Paris, Fayard, 2004

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Michel Crozier: Le phénomène bureaucratique. Paris 1963. S. 70f
  2. Michel Crozier: Le phénomène bureaucratique. Paris 1963.S. 187
  3. Michel Crozier: Le phénomène bureaucratique. Paris 1963. S. 186
  4. Michel Crozier: Le phénomène bureaucratique. Paris 1963. S. 188
  5. Michel Crozier: Le phénomène bureaucratique. Paris 1963. S. 245
  6. Robert K. Merton: Bürokratische Struktur und Persönlichkeit. In: Renate Mayntz, (Hrg.): Bürokratische Organisation. Köln Berlin 1968.
  7. Renate Mayntz: Max Webers Idealtyp der Bürokratie und die Organisationssoziologie. In: Renate Mayntz Hg: Bürokratische Organisation. Köln 1968.
  8. Wolfgang Schluchter: Aspekte bürokratischer Herrschaft. Paul List, München 1972. ISBN 3-471-61601-2. S. 124
  9. diese Bemerkung bezieht sich auf die früher sehr lückenhafte Übersetzung von W.s Originaltexten ins Französische. - In Trivium, Zs. für Geistes- und Sozialwissenschaften (zweisprachig), #7. Diesen Einleitungsessay gibt es auch in einer frz. Fassungnur online, hier deutsch

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