Archibald Reiss


Archibald Reiss
Dr. Archibald Rudolph Reiss

Dr. Archibald Rudolph Reiss (* 8. Juli 1875 in Hechtsberg, Hausach, Deutschland; † 7. August 1929 in Belgrad, Königreich Jugoslawien) war Forensik-Pionier, Publizist, Chemiker und Professor an der Universität Lausanne (Schweiz).

Inhaltsverzeichnis

Leben

Archibald Reiss wuchs in einer Winzerfamilie auf. Er war das achte von zehn Kindern des Großweinbergbesitzers Ferdinand Reiss und von Pauline Sabine Anna Gabriele Seutter von Lötzen.

Nach Beendigung des Gymnasiums in Deutschland zog er 1893 zum Studium in die Schweiz. Mit 22 Jahren wurde er zum Doktor der Chemie promoviert und war zudem Fotografie-Experte. 1906 wurde er Kriminologie-Professor an der Universität Lausanne. Er war Gründer des Institut de police scientifique der Universität Lausanne. Die Veröffentlichung des ersten Bandes seines (nie vervollständigten) Manuel de police scientifique im Jahr 1911 brachten Reiss weithin Anerkennung sowie Aufträge aus Sankt Petersburg, São Paulo und New York City.

Auf Einladung der serbischen Regierung untersuchte und dokumentierte er 1915 österreich-ungarische Kriegsverbrechen in Serbien während des Ersten Weltkriegs und publizierte die Berichte in europäischen Zeitungen. Von besonderer Bedeutung war dabei das Auffinden von Propagandapostkarten der österreichisch-ungarischen Wehrmacht, auf denen auch Hinrichtungen von serbischen Zivilisten zu sehen sind.[1] Als Serbien 1915 überrannt wurde, trat er der serbischen Armee bei, begleitete sie während ihres Rückzuges durch Albanien und kehrte mit ihr zurück, als sie in den letzten Kriegstagen Belgrad befreite. Er wurde als großer Freund Serbiens und des serbischen Volkes bekannt und wohnte fortan in Serbien. Als Mitglied der jugoslawischen Delegation nahm er an der Pariser Friedenskonferenz 1919 teil.

Nach dem Krieg versuchte er, die Belgrader Polizei zu modernisieren. Er schien dabei aber zusehends desillusioniert und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück, blieb aber bis zu seinem Tod in Bačko Dobro Polje in der Vojvodina wohnhaft. Als Vermächtnis an das serbische Volk hinterließ er ein am 1. Juni 1928 fertiggestelltes Manuskript „Ecoutez, Serbes!“ mit warnendem Charakter, das 2004 in großer Stückzahl gedruckt und gratis verteilt wurde.

1926 erhielt er die Ehrenbürgerschaft von Krupanj. In mehreren Städten Serbiens, insbesondere in der Vojvodina, wurden Straßen nach ihm benannt.

Nach seinem Tod wurde sein Leichnam auf dem Friedhof von Topčider in Belgrad bestattet. Dort befindet sich auch ein ihm zu Ehren errichtetes Denkmal. Sein Herz hingegen wurde auf eigenen Wunsch auf dem Berggipfel Kajmakčalan an der mazedonisch-griechischen Grenze begraben.[2]

Werke

  • La photographie judiciaire, 1903.
  • Manuel de police scientifique (technique). Préf. de Louis Lépine. Edition Payot, 1911.
  • Report upon the atrocities committed by the Austro-Hungarian army during the first invasion of Serbia. Simpkin, Marshall, Hamilton, Kent & Co. Ltd., London 1916.
  • Les infractions aux règles et lois de la guerre. Edition Payot, 1918.

Literatur

  • Nicolas Quinche: Crime, Science et Identité. Anthologie des textes fondateurs de la criminalistique européenne (1860-1930). Slatkine, Genf 2006, S. 368
  • Nicolas Quinche: Les victimes, les mobiles et le modus operandi du criminaliste suisse R.-A. Reiss. Enquête sur les stratégies discursives d’un expert du crime (1906-1922). In Revue Suisse d’Histoire, 58, no 4, Dezember 2008, S. 426-444.
  • Nicolas Quinche: L’ascension du criminaliste Rodolphe Archibald Reiss. In Le théâtre du crime : Rodolphe A. Reiss (1875-1929). Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2009, S. 231-250.
  • Nicolas Quinche: Reiss et la Serbie : des scènes de crime aux champs de bataille, l’enquête continue. In Le théâtre du crime : Rodolphe A. Reiss (1875-1929). Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2009, S. 289-306.
  • Nicolas Quinche: Le tatouage dans l’œil du criminaliste. In Le théâtre du crime : Rodolphe A. Reiss (1875-1929). Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne 2009, S. 307-310.
  • Jacques Matthyer (Hsg.): Rodolphe A. Reiss, pionnier de la criminalistique. Lausanne
  • Zdenko Levental: Rodolphe Archibald Reiss. Editions L'Âge d'Homme.
  • Alexandre Milinkovic: Dernière lettre aux serbes. Éditions Zlaja - Belgrad 2005

Einzelnachweise

  1. "Von der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in die deutsche Wehrmacht" von Herbert Gantschacher, Katalog zur Ausstellung, S.7 Edition ARBOS Arnoldstein-Wien-Salzburg-Klagenfurt 2009
  2. Obnovljen spomenik Arčibaldu Rajsu (Denkmal für Archibald Reiss erneuert). B92, 5. August 2009 (serbisch)

Weblinks


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