Moritzorgel


Moritzorgel
Sauer-Orgel in der Moritzkirche (Halle)
Spieltisch der Sauer-Orgel
Pneumatischer Koppelapparat der Sauer-Orgel

Die Orgel der Moritzkirche (Halle), im Volksmund kurz Moritzorgel genannt, wurde im Jahre 1925 als opus 1307 von der Firma Wilhelm Sauer, Frankfurt (Oder) erbaut. Sie verfügt über 63 Register (darunter 4 Transmissionen), verteilt auf drei Manuale und Pedal. Die Traktur ist rein pneumatisch, das Windladensystem der Spieltraktur ist die Taschenlade.

Sie ist als Denkmalorgel ein bedeutendes Beispiel deutscher spätromantischer Orgelbaukunst.

Inhaltsverzeichnis

Baugeschichte

Neubau durch Sauer 1925–1927

In den 1920er Jahren regte Adolf Wieber, Organist der Moritzkirche, einen Orgelneubau in der Moritzkirche an; daraufhin kam es 1925 zu Verhandlungen mit Wilhelm Rühlmann (Zörbig) und Wilhelm Sauer aus (Frankfurt (Oder)). Die Firma Sauer erhielt den Auftrag zum Bau der neuen Orgel. Der endgültige Kostenanschlag, der am 17. Juni 1925 zur Auftragserteilung führte, lautete über 32.200,- Reichsmark. Die Firma Sauer nahm Teile der alten Orgel in Zahlung, verwendete diese aber nicht für den Bau der neuen Orgel.

In vielen anderen wichtigen Kirchen der Stadt standen Orgeln der Firma Rühlmann,beispielsweise in der Marktkirche Unser Lieben Frauen, in der Ulrichskirche (heutige Konzerthalle) und in weiteren Kirchen. Diese Orgeln waren noch von der damals üblichen industriellen Fertigung geprägt; Sauer hingegen war davon bereits wieder abgekommen.

Im August 1925 begann der Aufbau der Orgel; man rechnete mit nur drei Monaten Aufstellungsdauer. Am 13. September 1925 fand die Einweihung der Orgel durch den Thomaskantor Günther Ramin statt; das Abnahmegutachten erstellte Oscar Rebling, damals Organist an der Marktkirche Unser Lieben Frauen. Die Orgel verfügte über 53 Register. Sowohl im Spieltisch als auch im Orgelinneren ließ man Raum für spätere Erweiterungen, die in den Jahren 1926 und 1927 erfolgten. Danach hatte die Orgel ihren heutigen Bestand von 63 Registern erreicht. Die Orgel war durchaus auch als Konzertinstrument vorgesehen, wie der Ausbau der Manualklaviaturen auf fünf ganze Oktaven und die Ausstattung mit Spielhilfen zeigen. Somit wurde die Orgel neben dem Gebrauch in den Gottesdiensten auch zu Konzerten genutzt. Sie hatte folgende Disposition:

I Manual C–c4
Bourdun 16′
Bratsche 16′
Principal 8′
Doppelflöte 8′
Gemshorn 8′
Gambe 8′
Dulciana 8′
Quinte 51/3
Oktav 4′
Rohrflöte 4′
Prästant 2′
Cornett III–V
Hintersatz III–V
Cymbel IV
Trompete 8′
Tuba 8′
Krumbhorn 8′
II Manual
(schwellbar)
C–c4
Nachthorn 16′
Flötenprincipal 8′
Grobgedackt 8′
Konzertflöte 8′
Quintatön 8′
Viola 8′
Querflöte 4′
Gambetta 4′
Piccolo 2′
Schwiegel 1′
Sesquialtera II
Progressiv III–IV
Scharff VI
Fagott 16′
Oboe 8′
Geigendregal 4′
Tremulant
III Manual
(schwellbar)
C–c4[Anm. I 1]
Liebl. Gedackt 16′
Geigenprincipal 8′
Gedackt 8′
Traversflöte 8′
Salicional 8′
Aeoline 8′
Vox celestis (ab c0) 8′
Flauto dolce 4′
Fugara 4′
Zartquinte 22/3
Flageolett 2′
Terz 13/5
Mixtur III–IV
Horn 8′
Vox humana 8′
Tremulant
Pedal C–1
Principalbaß 16′
Kontabaß 16′
Subbaß 16′
Zartbaß
(aus III: Liebl. Gedackt)
16′
Violon
(aus I: Bratsche 16′)
16′
Octavbaß 8′
Baßflöte
(aus II: Konzertflöte 8′)
8′
Cello
(aus II: Viola 8′)
8′
Flötbaß 4′
Rauschpfeife IV
Rankett 32′
Posaune 16′
Tromba 8′
Clairon 4′
Singend Cornett 2′
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: III/II, III/I, II/I, I/P, II/P, III/P, P/II.
    • Superoktavkoppeln: Super III, Super III/II, Super III/I.
    • Suboktavkoppeln: Sub III, Sub III/II, Sub III/I.
  • Spielhilfen: 2 freie Kombinationen, feste Kombinationen: P, MF, F, FF, Tutti, Bläserchor, Flötenchor, Streicherchor, Auslöser, Walze ab, Zungen ab, Handregister ab, Koppeln aus der Walze, Handregister zu Fr. Komb., Crescendo-Walze, Pedal ab, Manual 16′ ab, Ausschaltungen.
Anmerkungen I
  1. Außer Zartquinte, Flageolet und Terz alle Register bis c5 ausgebaut.

Umbau 1945

Einschneidende Veränderungen an der Orgel gab es im Jahre 1945 als Kantor Heinz Wunderlich an der Moritzkirche als Organist tätig war: Ein Orgelbauer aus Crimmitschau (Michel) veränderte acht Register im Sinne der Orgelbewegung. Sie hatte danach folgende Disposition:

I Manual C–c4
Quintade 16′[Anm. II 1]
Bratsche 16′
Principal 8′
Doppelflöte 8′
Gemshorn 8′
Dulciana 8′
Oktav 4′
Rohrflöte 4′
Quinte 22/3[Anm. II 2]
Prästant 2′
Quinte 11/3[Anm. II 3]
Cornett III–V
Hintersatz III–V
Cymbel IV
Trompete 8′
Tuba 8′
Krumbhorn 8′
II Manual
(schwellbar)
C–c4
Nachthorn 16′
Flötenprincipal 8′
Grobgedackt 8′
Konzertflöte 8′
Quintatön 8′
Octave 4′[Anm. II 4]
Querflöte 4′
Octave 2′[Anm. II 5]
Piccolo 2′
Schwiegel 1′
Sesquialtera II
Progressiv III–IV
Fagott 16′
Zimbel VI [Anm. II 6]
Geigendregal 4′
Tremulant
III Manual
(schwellbar)
C–c4[Anm. I 1]
Liebl. Gedackt 16′
Geigenprincipal 8′
Gedackt 8′
Traversflöte 8′
Aeoline 8′
Vox celestis (ab c0) 8′
Octave 4′[Anm. II 7]
Flauto dolce 4′
Zartquinte 22/3
Flageolett 2′
Terz 13/5
Quinte 11/3[Anm. II 8]
Mixtur III–IV
Horn 8′
Vox humana 8′
Tremulant
Pedal C–1
Principalbaß 16′
Kontabaß 16′
Subbaß 16′
Zartbaß
(aus III: Liebl. Gedackt)
16′
Violon
(aus I: Bratsche 16′)
16′
Octavbaß 8′
Baßflöte
(aus II: Konzertflöte 8′)
8′
Flötbaß 4′
Octave
(aus II: Octave 2′)
2′[Anm. II 9]
Rauschpfeife IV
Rankett 32′
Posaune 16′
Tromba 8′
Clairon 4′
Singend Cornett 2′
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: III/II, III/I, II/I, I/P, II/P, III/P, P/II.
    • Superoktavkoppeln: Super III, Super III/II, Super III/I.
    • Suboktavkoppeln: Sub III, Sub III/II, Sub III/I.
  • Spielhilfen: 2 freie Kombinationen, feste Kombinationen: P, MF, F, FF, Tutti, Bläserchor, Flötenchor, Streicherchor, Auslöser, Walze ab, Zungen ab, Handregister ab, Koppeln aus der Walze, Handregister zu Fr. Komb., Crescendo-Walze, Pedal ab, Manual 16′ ab, Ausschaltungen.
Anmerkungen II
  1. Bis 1945: Bourdun 16′.
  2. Bis 1945: Quinte 51/3′.
  3. Bis 1945: Gambe 8′.
  4. Bis 1945: Gambetta 4′.
  5. Bis 1945: Viola 8′.
  6. Bis 1945: Oboe 8′.
  7. Bis 1945: Salicional 8′.
  8. Bis 1945: Fugara 4′.
  9. Bis 1945: Cello 8′.

Bis 1969 war Helmut Gleim Kantor an der Moritzkirche, und er führte die Gepflogenheiten seiner Vorgänger Wieber und Wunderlich weiter.

Der Verfall der Orgel begann in den 70er Jahren, nachdem die Nutzung der Moritzkirche durch die damalige evangelische Gemeinde eingestellt wurde und die Orgel in Vergessenheit geriet. Bei der umfassenden Restaurierung des Gebäudes nach der Übergabe des Nutzungsrechts an die neu gegründete katholische Gemeinde von Halle-Neustadt war die Orgel schutzlos den Widrigkeiten während der Bauarbeiten ausgeliefert; letztlich wurde sie dadurch unspielbar.

Restaurierung durch Sauer ab 1998

Als 1979 Ernestine Frost als Kirchenmusikerin tätig wurde, gab es Bemühungen, die Orgel wieder spielbar zu machen. Die von Sauer veranschlagte Wartezeit betrug 15 Jahre. 1998/1999 wurde in einer ersten Restaurierungsphase durch Sauer die Orgel wieder spielbar gemacht

1999 erklang die Orgel zum ersten mal wieder nach zwanzig Jahren. Elf der 63 Register waren spielbar. Ein weiterer Bauabschnitt folgte in den Jahren 2000/2001: 13 weitere Register kamen hinzu, 2002 ein weiteres, womit 25 der insgesamt 63 Register und 2 der 3 Manuale spielbar sind.

Ein Förderverein setzt sich gemeinsam mit Florian Kleidorfer, der seit dem Jahre 2005 als Kirchenmusiker an der Moritzkirche Halle und der Propsteikirche Halle beschäftigt ist, für die Fortsetzung einer denkmalgerechten und originalgetreuen Wiederherstellung der Sauer-Orgel ein.

Am 13. September 2005 und damit zum 80. Jahrestag der Orgelweihe, wurde ein Orgel-Förderverein gegründet.

Der Verein dient der Förderung der Restaurierung der Orgel und bezweckt die ideelle und finanzielle Förderung aller unmittelbar und mittelbar daraufhin zielender Maßnahmen. Er ist als besonders förderungswürdig und gemeinnützig anerkannt. Es werden unter anderem Benefizkonzerte veranstaltet und dabei Spenden für eine weitere Restaurierung der Orgel gesammelt.

Gemäß der fachlichen Stellungnahme des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt vom 16. August 2005 ist die historische Sauer-Orgel der Moritzkirche ist als fester Bestandteil der Ausstattung dieser Kirche Teil eines Kulturdenkmals. Auch unabhängig von diesem Zusammenhang sei das Instrument als Denkmalorgel von hervorragendem orgelbaugeschichtlichem und musikalischem Wert einzuschätzen und nach den Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes zu behandeln.

Disposition seit 2001

I Manual C–c4
Quintade 16′
Bratsche 16′
Principal 8′[Anm. III 1]
Doppelflöte 8′[Anm. III 1]
Gemshorn 8′[Anm. III 1]
Dulciana 8′
Oktav 4′[Anm. III 1]
Rohrflöte 4′
Quinte 22/3
Prästant 2′
Quinte 11/3[Anm. III 1]
Cornett III–V
Hintersatz III–V
Cymbel IV
Trompete 8′[Anm. III 1]
Tuba 8′
Krumbhorn 8′


II Manual
(schwellbar)[Anm. III 1]
C–c4
Nachthorn 16′[Anm. III 1]
Flötenprincipal 8′[Anm. III 1]
Grobgedackt 8′[Anm. III 1]
Konzertflöte 8′[Anm. III 1]
Quintatön 8′[Anm. III 1]
Octave 4′[Anm. III 1]
Querflöte 4′[Anm. III 1]
Octave 2′[Anm. III 1]
Piccolo 2′[Anm. III 1]
Schwiegel 1′[Anm. III 1]
Sesquialtera II[Anm. III 1]
Progressiv III–IV[Anm. III 1]
Fagott 16′[Anm. III 1]
Zimbel VI
Geigendregal 4′[Anm. III 1]
Tremulant
III Manual
(schwellbar)
C–c4[Anm. I 2]
Liebl. Gedackt 16′
Geigenprincipal 8′
Gedackt 8′
Traversflöte 8′
Aeoline 8′
Vox celestis (ab c0) 8′
Octave 4′
Flauto dolce 4′
Zartquinte 22/3
Flageolett 2′
Terz 13/5
Quinte 11/3
Mixtur III–IV
Horn 8′
Vox humana 8′
Tremulant


Pedal C–g1
Principalbaß 16′
Kontabaß 16′
Subbaß 16′[Anm. III 1]
Zartbaß
(aus III: Liebl. Gedackt)
16′
Violon
(aus I: Bratsche 16′)
16′
Octavbaß 8′[Anm. III 1]
Baßflöte
(aus II: Konzertflöte 8′)
8′
Flötbaß 4′[Anm. III 1]
Octave
(aus II: Octave 2′)
2′
Rauschpfeife IV
Rankett 32′
Posaune 16′
Tromba 8′
Clairon 4′[Anm. III 1]
Singend Cornett 2′
Anmerkungen III
  1. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab ac ad ae af ag ah ai aj ak Spielbar seit 2001.

Technische Daten

  • 58 Register (25 spielbar), Pfeifenreihen, Pfeifen.
  • Windlade: Taschenlade.
  • Spieltisch(e):
    • Freistehend.
    • 3 Manuale.
    • Pedal.
    • Registerwippen.
  • Traktur:
    • Tontrakur: Pneumatisch
    • Registertraktur: Pneumatisch

Organisten

  • Adolf Wieber
  • 1943–1957: Heinz Wunderlich (* 1919 in Leipzig)
  • 1957–1969: Helmut Gleim
  • 1979–2005: Ernestine Frost
  • seit 1. Januar 2005: Florian Kleidorfer

Literatur

  • Katrin Barnick: Orgel schweigt nicht mehr : erstes Konzert seit 30 Jahren. In: Mitteldeutsche Zeitung. Band 11, 2000, S. 14. 
  • Holger Brülls: Die Sauer-Orgel von 1925 in der Moritzkirche zu Halle, ein bedeutendes Orgeldenkmal des 20. Jahrhunderts. In: Sachsen-Anhalt: Journal für Natur- und Heimatfreunde. Band 16, 2006, ISSN 0940-7960, S. 26–28. 
  • Carl Friedrich Senff: Predigt bey der Einweihung der neuerbauten Orgel in der St. Moritz-Kirche zu Halle: am 22. Sonntage nach Trinitat. 1784 gehalten; Nebst einer kurzen Nachricht von der Erbauung dieser Orgel. Gebauer, Halle 1784. 

Weblinks


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