Morton Feldman

Morton Feldman

Morton Feldman (* 12. Januar 1926 in New York City; † 3. September 1987 in Buffalo) war ein US-amerikanischer Komponist.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Er wurde in eine russisch-jüdische Familie aus Kiew geboren und wuchs in Brooklyn auf. Seinen ersten Musikunterricht bekam Morton Feldman im Alter von zwölf Jahren durch seine Klavierlehrerin Madame Maurina-Press. 1941 begann er, Komposition zu studieren; 1944 wurde er Schüler von Stefan Wolpe. 1973 erreichte Feldman eine Anfrage der University of New York in Buffalo, die Edgard-Varèse-Professur zu übernehmen, bis dahin hatte er in der familieneigenen Schneiderei für Kinderbekleidung gearbeitet. Er unterrichtete für den Rest seines Lebens.

Künstlerisches Schaffen und Bedeutung

Morton Feldman war einer der Pioniere der graphischen Notation. Weil diese dem Interpreten jedoch zu viel Freiheiten ließ, verwarf er sie 1969 wieder und kehrte zur präzisen Notation zurück.

Eines seiner letzten Werke, Palais de Mari (1986), ist mit einer Dauer von zwanzig Minuten für eine späte Komposition ungewöhnlich kurz. Grund dafür war ein Auftrag von Bunita Marcus. Sie beauftragte ihn, ein Werk zu schreiben, das inhaltlich alle Elemente und Eigenschaften der langen Stücke in zusammengefasster Form einbringen sollte. Sie kannte seine Zeitvorstellung. Daher bat sie ihn um ein zehnminütiges Werk, ahnend, dass es wohl die doppelte Länge haben werde.

Neun einsätzige Kompositionen von Feldman dauern länger als eineinhalb Stunden.

Im Musikgespräch auf SWR 2 vom 17. Januar 2007, 20:00 Uhr wurde die Schaffensart von Feldman eingehend besprochen. Unter anderem wurde klargestellt, dass Feldman nicht dem Minimalismus angehört, obwohl seine Werke einen minimalistischen Eindruck hinterlassen. Feldman selbst arbeitete aber mit dem Fluss der Klänge, vor allem am Klavier durch das gedrückte Pedal erkennbar, mit der Zugehörigkeit der Klänge, aber nicht im konservativen Sinne, sondern durchaus mit Dissonanzen. Feldman zählte seine Viertel auch immer im Spektrum zwischen 63 und 66 Schlägen. Dadurch entsteht eine gewisse Ruhe, die beinahe all seinen Werken anhaftet. Viele Dirigenten empfehlen ihren Musikern auch, anstatt auf die 60 zu zählen, eher ein 30er Metrum zu zählen, um so die ungebundene Spontanität der Kompositionen Feldmans genauer im Sinne des Komponisten zu spielen.

Begegnung mit John Cage

Am 26. Januar 1950 fand in der Pause eines Konzertes der New York Philharmonic die für die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts wohl ausschlaggebendste Begegnung zwischen Feldman und Cage statt. Durch die Begegnung und den Gedankenaustausch mit John Cage (die beiden wohnten eine Zeit lang im selben Haus) bekam Feldman mehr Vertrauen zu seinen eigenen Ideen und entwickelte seine ersten gültigen Kompositionen, die in der Abschrift John Cages bekannt wurden.

Freunde

Zu Feldmans Freunden in New York zählten auch die Komponisten Christian Wolff und Earle Brown sowie die Maler Jackson Pollock, Mark Rothko, Philip Guston, Franz Kline und Robert Rauschenberg. In Anlehnung an die Bildenden Künstler wurde die eher lockere Gruppierung von Cage, Feldman, Brown und Wolff auch „New York School of Music“ genannt.[1]

Würdigung

Feldmans Frühwerk enthält wichtige Anregungen zur Neuen Musik: in seinen kammermusikalischen „Projections 1–5“ (1950/51) wird zum wahrscheinlich ersten Mal die genaue Ausführung der graphisch notierten Partitur den Musikern überlassen. Ähnliche Ansätze finden sich auch in weiteren Werken Feldmans aus den 1950er-Jahren, sie sind wohl eine Antwort auf die Diskussionen, die er mit seinen zahlreichen New Yorker Malerfreunden geführt hat. Inwieweit er damit ähnliche Entwicklungen in Europa beeinflusst oder gar initiiert hat (etwa im Werk Stockhausens), ist umstritten. Ab den 70er Jahren kehrt Feldman mit dem Stück „The Viola In my Life I“ für immer zur präzisen Notation zurück.

Feldmans Oeuvre – insbesondere sein kammermusikalisches Spätwerk aus den 1980er-Jahren – wird gelegentlich zur US-amerikanischen Minimal Music gerechnet, da es mit (scheinbaren) Wiederholungen arbeitet. Aber eine Ähnlichkeit mit Werken von Terry Riley, Steve Reich oder Philip Glass, den Hauptvertretern dieser Richtung, ist nur ansatzweise zu erkennen: während diese Hauptvertreter des musikalischen Minimalismus sich ganz überwiegend in (zum Teil geradezu bewusst trivialen) tonalen Strukturen bewegen und eher interessiert sind an einer Art „musikalischem Fluss“, gilt Feldmans Interesse offenen, quasi funktionsfreien Klängen, die insbesondere in seinem Spätwerk in stetiger Abwandlung präsentiert werden, als wollte er dem Hörer Zeit geben, diese Klänge in einer Weise kontemplativ aufzunehmen, wie man ein Bild betrachten mag. Seine Affinität zu bildlicher Darstellung – auch als Inspiration zu seinen Kompositionen – hat Feldman oft betont, besonders bemerkenswert etwa bei seinem Chorwerk „Rothko Chapel“ (1971) oder seiner Orchester-Komposition „Coptic Light“ (1985). Auch die Muster und Techniken von anatolischen Teppichknüpfern beeinflussten ihn.

Über seine kammermusikalischen Werke mit zum Teil extremen Spieldauern (bis über vier Stunden) hinaus schrieb Feldman aber auch kompaktere Orchesterwerke, außer dem erwähnten „Coptic Light“ fünf Stücke für jeweils ein Soloinstrument (Violoncello, Violine, Klavier, Oboe, Flöte) und Orchester. Die Viola hat er besonders hervorgehoben – so gibt es einen vierteiligen Zyklus mit dem Namen The Viola in My Life I–IV, davon ist die Nr. IV mit Orchester; in dem bereits angesprochenen Rothko Chapel fungiert die Viola neben dem Chor als Soloinstrument.

Typisch für Feldmans Arbeit wurde früh die Reduktion des kompositorischen wie instrumentalen Materials. Feldmans Musik will nichts ausdrücken: Sie ist das Gegenteil der deutschen Romantik und vermeidet jede Empfindungsäußerung. Der sonst vorherrschende Gedanke einer musikalischen Entwicklung ist weitgehend außer Kraft gesetzt.

Die relative Einfachheit des Notenbilds täuscht über die komplexe innere Struktur meist hinweg. In anderen Fällen stattet Feldman eine im Prinzip einfache Melodielinie mit einem komplexen Notenbild aus, notiert eigentlich gleiche Töne in verschiedenen Instrumentalstimmen unterschiedlich, wohl um seine Interpreten zu sensibilisieren.

Entscheidend für die Wirkung von Feldmans Klangwelt ist die Dauer seiner Stücke und die geringe Veränderung ihrer melodischen, rhythmischen oder dynamischen Werte. So kommen seine Stücke nur selten über ein Mezzoforte hinaus, bewegen sich meist im Leisen genauso wie im ruhig fließenden Tempo.

Manchmal wurde und wird Feldmans Werk als „Meditationsmusik“ missverstanden. Jedenfalls lassen die Äußerungen des Komponisten in seinen Essays keinen anderen Schluss zu, als dass er diesem Prinzip des „l'art pour l'art“ verpflichtet war und es in vielleicht einzigartiger Weise – im Sinne eines quasi schopenhauerischen Nicht-Wollens – erreicht hat. Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der Musik des 20. Jahrhunderts, vielleicht der Musik überhaupt.

Rezeption in Film und im Theater

Die Musik Feldmans wurde zu seinen Lebzeiten in ein paar Filmen eingesetzt. <! ---Diese Rubrik innerhalb dieses Artikels könnte bei Bedarf noch mit mehreren Beispielen gefüllt und dadurch näher erschlossen werden; deshalb hier nur eines von etlichen Beispielen: --> So kam in einem Dokumentarfilm über den Vietnam-Krieg, Time of the locust (Regie: Peter Gessner, 1966) eine von Feldman eigens dafür komponierte Musik zum Einsatz.[2]

Mort ist ein Einpersonentheaterstück und wurde 2006 in New York City aufgeführt.[3]

Die Filmkünstlerin Bady Minck drehte 2007 den achtminütigen Kurzfilm Schein Sein als visuelle Interpretation von Feldmans Komposition Madame Press died last week at ninety (1970). Dieser Film hatte seine internationale Premiere bei der Biennale in Venedig.

10 Minuten aus Feldmans Rothko Chapel wurden in Martin Scorseses Film Shutter Island (2010) benutzt.[4]

Werkauswahl

  • Only für Sopran solo, Text: englische Version von Teil I, Nr. 23 von Rilkes Sonetten an Orpheus (1947)
  • Piece for Violin and Piano (1950)
  • Projection 1–5 für verschiedene kammermusikalische Besetzungen (1950/51)
  • Marginal Intersection für Orchester (mit Oszillator) (1951)
  • Intersection for magnetic tape für 8-Spur-Tonband (1953), Feldmans einzige elektronische Komposition
  • Piece for Four Pianos (1957)
  • Ixion (Ballett) für Ensemble (1958)
  • Last Pieces für Klavier (1959)
  • The Swallows of Salangan (1960) für gemischten Chor und Ensemble
  • Durations 1–5 für verschiedene kammermusikalische Besetzungen (1960/61)
    • No. 2 für Violoncello und Klavier
    • No. 1 für Altflöte, Klavier, Violine und Violoncello
    • No. 3 für Violine, Tuba und Klavier
    • No. 4 für Vibraphon, Violine und Violoncello
    • No. 5 für Horn, Vibraphon, Harfe, Klavier/Celesta, Violine und Violoncello
  • …Out of “Last Pieces” für Orchester (1962)
  • Vertical Thoughts 1–5 für diverse kammermusikalische Besetzungen (1963)
    • No. 1 für zwei Klaviere
    • No. 2 für Violine und Klavier
    • No. 3 für Sopran und Nonett (Text: Psalm 144,4)
    • No. 4 für Klavier
    • No. 5 für Sopran, Tuba, Violine, Percussion und Celesta (Text: Psalm 144,4)
  • Piano Piece (1964)
  • The King of Denmark für Schlagzeug solo (1964)
  • The Possibility Of A New Work For Electric Guitar für E-Gitarre (1966)
  • In Search of an Orchestration für Orchester (1969)
  • Madame Press Died Last Week at Ninety für 12 Instrumentalisten (1970)
  • The Viola in My Life I–IV für Viola und diverse Besetzungen (1970–71)
    • No. I für Viola und Quintett
    • No. II für Viola und Sextett
    • No. III für Viola und Klavier
    • No. IV für Viola und Orchester
  • Rothko Chapel für Viola, Sopran, Alt, Schlagzeug, Celesta und gemischten Chor (1971)
  • Cello and Orchestra (1972)
  • Pianos and Voices (1972), Beitrag zum Kunstprogramm der olympischen Spiele '72 in München
  • Piano and Orchestra (1975)
  • Oboe and Orchestra (1976)
  • Neither – Oper in einem Akt für Sopran und Orchester; Text von Samuel Beckett (1977), UA: Rom
  • Piano (1977)
  • Flute and Orchestra (1977/78)
  • Why Patterns? für Flöte, Glockenspiel und Klavier (1978)
  • String Quartet (1979)
  • Trio für Violine, Violoncello und Klavier (1980)
  • The Turfan Fragments für 28 Instrumentalisten (1980)
  • Bass Clarinet and Percussion (1981)
  • Triadic Memories für Klavier (1981)
  • For John Cage für Violine und Klavier (1982)
  • Clarinet and String Quartet (1983)
  • String Quartet II (1983)
  • For Philip Guston für Flöte, Schlagzeug und Klavier bzw. Celesta (1984)
  • For Bunita Marcus für Klavier (1985)
  • Coptic Light für sehr großes Orchester (1986)
  • Words and Music, Musik zu Becketts gleichnamigem radiophonen Stück (1986)
  • Palais de Mari für Klavier (1986)
  • For Samuel Beckett für 23 Instrumentalisten (1987)
  • Piano, Violin, Viola, Cello (1987)

Literatur

Weblinks

Fußnoten und Anmerkungen

  1. Siehe David Nicholls, 'Getting rid of the glue: the music of the New York School', in: Journal of American Studies 27 (1993), S. 335-353, und David Nicholls, 'Getting rid of the glue: the music of the New York School', in: Steven Johnson (hrsg.), The New York Schools of Music and the Visual Arts, Routledge 2001, S. 17-56.
  2. http://icarusfilms.com/new2002/loc.html
  3. http://www.smarttix.com/show.aspx?showcode=MOR12
  4. http://www.universaledition.com/newsdetail-en/items/ue-music-in-shutter-island-and-a-prophet/

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