Multiple Deprivation


Multiple Deprivation

Der Begriff Deprivation (von lateinisch de-„privare” = berauben) bezeichnet allgemein den Zustand der Entbehrung, eines Entzuges oder der Isolation von etwas Vertrautem, eines Verlustes, eines Mangels oder das Gefühl einer (sozialen) Benachteiligung.

Inhaltsverzeichnis

Arten der Deprivation

Soziale Deprivation

Soziale Deprivation bezeichnet jede Form von sozialer Ausgrenzung, welche stattfinden kann durch Zugehörigkeit zu einer sozialen Randgruppe und/oder Armut. Mögliche Folgen sozialer Deprivation können sein: Alkoholismus, Behinderung, Extremismus, Vermüllung der Wohnung, Tabletten-/Drogensucht, Resignation, schwere/mittel schwere Depressionen bis hin zu Suizid-Gefahr.

Relative Deprivation

"Von relativer Deprivation spricht man, wenn über soziale Vergleichsprozesse in einer Referenzgruppe ein Individuum feststellt, dass es hinsichtlich seiner Erwartungen und Wünsche benachteiligt, unzufrieden oder enttäuscht ist. Noch allgemeiner formuliert: Zwischen Erwartungen und Möglichkeiten zur Wunschbefriedigung, oder zwischen dem was man hat und dem, worauf man glaubt einen berechtigten Anspruch zu haben, wird subjektiv eine Diskrepanz wahrgenommen, die zu dysfunktionalen Gefühlen der Unzufriedenheit oder des Ressentiments gegen andere führt. Nicht objektive oder strukturelle Diskrepanzen (z.B. soziale Ungleichheit, soziale Spannung, Statusunterschiede oder ökonomische Unterschiede in der Ressourcenverteilung), sondern subjektiv wahrgenommene bzw. eingeschätzte Diskrepanzen erzeugen eine relative Deprivation respektive eine soziale, politische oder ökonomische Unzufriedenheit."[1] Die relative Deprivation wird somit auch als subjektive Deprivation bezeichnet, da man das subjektive Erleben von Benachteiligung und das eigene Gefühl von Diskriminierung und von Vernachlässigung, unabhängig von der tatsächlichen Situation, erleben kann. Subjektive Deprivation kann dennoch gruppenspezifisch erlebt werden (z.B. schichtspezifische Gefühle der Benachteiligung gegenüber dem gesellschaftlich Üblichen auf multiplen Ebenen der Lebenslage).

Grundsätzlich können zwei Quellen für das Aufkommen von relativer Deprivation und das damit verbundene Gefühl von Unzufriedenheit ausgemacht werden: Entweder entsteht dies durch den Vergleich mit einer Bezugsgruppe, oder aber durch den Vergleich mit der eigenen Vergangenheit.[2]

objektive Deprivation ist die anhand von Standards (z.B. Einkommensverteilung) messbare materielle Benachteiligung [3]

normative Deprivation ist die gesellschaftlich „anerkannte“ Benachteiligungsform (z.B. bezogen auf den Höchstbetrag staatlicher Unterstützungsleistungen)

Vaterdeprivation

Alexander Mitscherlich beschrieb diese Form der Deprivation als Entbehrung des Vaters oder Vaterverlust. Folgen hiervon seien seelische und psychosomatische Störungen, selbstverletzendes Verhalten, Beziehungsstörungen, soziale Auffälligkeiten, bis hin zur Kriminalität, Leistungsversagen, kognitive Defizite und psychosexuelle Identitätsprobleme.[4]

Sensorische Deprivation

Sensorische Deprivation, also Mangel an Außenreizen (Farben, Geräuschen, Mitmenschen, Gesprächen usw.) führt zu Halluzinationen und zu Denkstörungen. Diese wird bei Verhören, Folterungen und zur Gehirnwäsche eingesetzt, aber auch zu Bewusstseinserweiterung und Entspannung.

Siehe auch: Weiße Folter, Isolationshaft, Camera silens, BDSM, Floating.

Perzeptive Deprivation

Abzugrenzen von der sensorischen Deprivation. Der Informationsgehalt von Außenreizen ist vermindert.

Emotionale Deprivation

Als Deprivation (auch Deprivationssyndrom, anaklitische Depression) bezeichnet man in der Kinderheilkunde die mangelnde Umsorgung und fehlende Nestwärme bzw. Vernachlässigung von Babys und Kleinkindern. Hospitalismus tritt häufig in Krankenhäusern, Säuglingsstationen und Heimen auf. Dauert die Deprivation länger an, kommt es zu psychischem Hospitalismus und zur Unfähigkeit, soziale Kontakte aufzubauen, einer dem Autismus ähnelndem Verhalten oder zu Sprachstörungen.

Siehe auch: Kasper Hauser, Wolfskind, René A. Spitz, Harold M. Skeels, Mary Ainsworth, Die fremde Situation

Multiple Deprivation

Als Multiple Deprivation bezeichnet man es, wenn jemand (in der Regel ein Kind), in mehrerer Hinsicht benachteiligt ist und dadurch keine guten Entwicklungschancen hat.

Risikofaktoren

Einfluss von Risikofaktoren auf die Intelligenzentwicklung
(Gabarino)
Zahl der Risikofaktoren Durchschnitts-IQ der Kinder
keine Risikofaktoren 119
ein Risikofaktor 116
zwei Risikofaktoren 113
vier Risikofaktoren 93
acht Risikofaktoren 85
"SOCIAL TOXICITY" SHOWING EFFECTS IN CHILDRENDownload am 17. Januar 2008

Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung sind unter anderem:

Fast jedes Kind trägt einen Risikofaktor, doch erst das Zusammenwirken vieler Risikofaktoren führt zu einem messbaren Unterschied.

Das Konzept der multiplen Deprivation in der Praxis

In der Praxis konnte gezeigt werden, dass ein Risikofaktor alleine in vielen Fällen noch keine Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung hat. Wenn jedoch mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, ist die kindliche Entwicklung gefährdet.[5][6]

Es wurde untersucht, welchen Einfluss Risikofaktoren auf die intellektuelle Entwicklung des Kindes haben. Bei ein oder zwei Risikofaktoren scheint die Entwicklungsbehinderung nicht besonders gravierend zu sein. Ab vier Risikofaktoren war die kindliche Entwicklung jedoch stark beeinträchtigt.

In Deutschland wurde das Konzept unter anderem bei der AWO-Studie genutzt. Es konnte gezeigt werden, dass arme Kinder oft auch multipel depriviert waren[7]. Das heißt, sie waren auch noch anderen Risikofaktoren ausgesetzt als nur der Armut. Diese Risikofaktoren lagen in der Grundversorgung, der Gesundheit, der sozialen Lage und der kulturellen Lage[8].

Folgen

Folgen schwerwiegender Deprivation können sein:

  • Reaktive Bindungsstörungen im Kindesalter; Symptome gemäß ICD-10: abnormes Beziehungsmuster zu Betreuungspersonen (widersprüchliche soziale Reaktionen, Mischung aus Annähern und Vermeiden), Emotionale Störung (Mangel an Ansprechbarkeit, Apathie), psychosozialer Minderwuchs
  • Bindungsstörungen im Kindesalter mit Enthemmung; Symptome gemäß ICD-10: Diffusität im selektiven Bindungsverhalten während der ersten fünf Lebensjahre, Anklammerungsverhalten im Kleinkindalter, aufmerksamkeitssuchendes Verhalten in der frühen Kindheit, Schwierigkeiten beim Aufbau enger Beziehungen zu Gleichaltrigen, Störungen des Sozialverhaltens
  • Hospitalismus
  • Pseudodebilität

Verweise

Einzelnachweise

  1. Güttler, Peter O. (2003): Sozialpsychologie: Soziale Einstellungen, Vorurteile, Einstellungsänderungen, Oldenbourg, 4. Auflage, S.171
  2. Krätschmer-Hahn, Rabea (2004): Geht es den Arbeitslosen zu gut? Zur Soziologie von Deprivation und Protest. DUV, S.37
  3. Dietz, Berthold (1997): Soziologie der Armut: Eine Einführung. Campus, S. 99
  4. Alexander Mitscherlich: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft.
  5. Toni Mayr (2000): Entwicklungsrisiken bei armen und sozial benachteiligten Kindern und die Wirksamkeit früher Hilfen. In: Hans Weiß (Hrsg.): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag. ISBN 3-497-01539-3; S. 144
  6. Beisenherz, Gerhard (2002): Kinderarmut in der Wohlfahrtsgesellschaft. Das Kainsmal der Globalisierung. Oplade: Leske und Budrich, S. 315
  7. AWO-Armutsstudie: Von 100 armen Kita-Kindern schafften es nur vier aufs GymnasiumDownload am 17. Januar 2008
  8. AWO-Armutsstudie: von 100 armen Kita-Kindern schafften es nur vier aufs Gymnasium Download am 17. Januar 2008

Literatur

  • René Spitz. Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 360891823X (englische Erstausgabe: The First Year of Life, 1965). Die Orignalstudie wurde als „Hospitalism: An Inquiry into the Genesis of Psychiatric Conditions in Early Childhood“, in The Psychoanalytic Study of the Child, Bd. 1 (1945), und „Hospitalism: A Follow-Up Report“, in The Psychoanalytic Study of the Child, Bd. 2 (1946) publiziert.
  • John Bowlby. Maternal Care and Mental Health. World Health Organization, Genf 1952
  • Mary Ainsworth et al. Deprivation of Maternal Care. A Reassessment of its Effects. World Health Organization, Genf 1962
  • Josef Langmeier und Zdenek Matejcek, Psychische Deprivation im Kindesalter, Kinder ohne Liebe. Verlag Urban & Schwarzenberg, München 1977.

Weblinks

Siehe auch


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