Mutter Courage


Mutter Courage

Mutter Courage und ihre Kinder ist ein Drama, das 1938/39 von Bertolt Brecht verfasst und 1941 in Zürich uraufgeführt wurde. Es spielt im Dreißigjährigen Krieg zwischen 1624 und 1636.


Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Erstes Bild

Mutter Courage zieht mit ihren drei Kindern dem 2. finnischen Regiment nach, das in der schwedischen Landschaft Dalarne Soldaten für den Feldzug in Polen einzieht. Ein Feldwebel und ein Werber stehen an der Straße. Sie sollen für ihren Feldhauptmann Oxenstjerna vier Reihen Soldaten anwerben. Der Feldwebel behauptet, dass Frieden Schlamperei bedeutet und nur Krieg Ordnung schaffe. Der Werber freut sich auf zwei stramme Männer, als der Feldwebel den Wagen der Courage anhält. Die Courage stellt sich anhand eines Liedes vor, wobei klar wird, dass sie eine gerissene Geschäftsfrau ist. Ihr eigentlicher Name ist Anna Fierling. Sie hat ihren Beinamen „Courage“ erhalten, als sie unter dem Feuer der Geschütze fünfzig Brotlaibe in das belagerte Riga gefahren hat.

Courage kann sich nicht ausweisen und legt einige nicht gültige Dokumente vor (Diese sind nicht wirklich ungültig. Der Feldwebel behauptet das nur, um ins Gespräch zu kommen, um Soldaten anzuwerben): Ein Messbuch zum Gurken einwickeln, eine Landkarte von Mähren und eine Bescheinigung über ein seuchenfreies Pferd. Sie erzählt, dass ihre Kinder auf den Heerstraßen Europas gezeugt wurden. Doch ihr Versuch mit den Soldaten ins Geschäft zu kommen, schlägt fehl. Als sie aber erkennt, dass es die Soldaten auf ihre Kinder abgesehen haben, verteidigt sie sie mit dem Messer. Trotz mehrerer Überzeugungsversuche von der Gefährlichkeit des Soldatenlebens geht ihr ältester Sohn Eilif mit dem Werber mit.

Zweites Bild

Mutter Courage zieht in den Jahren 1625 und 1626 im Tross der Schwedischen Heere durch Polen. Während sie mit dem Koch des Feldhauptmannes um einen Kapaun (kastrierter Masthahn) verhandelt, hört sie, wie ihr Sohn Eilif vom Feldhauptmann für eine Heldentat ausgezeichnet wird. Eilif war mit seinen Leuten auf der Suche nach Vieh, das sie den Bauern stehlen sollten. Dabei wurden sie von einer Überzahl bewaffneter Bauern erwischt. Doch durch List und Betrug gelang es ihm, die Bauern niederzuschlagen und das Vieh zu stehlen. Als Courage das hört, ohrfeigt sie Eilif, weil er sich nicht ergeben hatte.

Drittes Bild

Drei Jahre sind vergangen. Die Courage verhandelt mit dem Zeugmeister eines finnischen Regiments um Gewehrkugeln, denn er braucht Geld um seinem Oberst einen neuen Likör zu kaufen.

Ihr jüngster Sohn Schweizerkas ist Zahlmeister geworden und verwaltet die Regimentskasse. Die Courage warnt ihren Sohn davor, unüberlegt zu handeln. Courage lernt die Lagerhure Yvette kennen und die erzählt ihr ihre ganze Lebensgeschichte. Anschließend unterhalten sich Koch und Feldprediger über die politischen Verhältnisse.

Der Feldprediger behauptet, in diesem Krieg zu fallen, sei eine Gnade, weil es ein Glaubenskrieg sei. Doch der Koch meint, dieser Krieg unterscheidet sich in keiner Hinsicht von anderen Kriegen. Er bedeutet Tod, Armut und Unheil für die betroffene Bevölkerung und Gewinn für die Herren, die den Krieg zu ihrem Nutzen führen. Das Gespräch wird durch Kanonendonner, Schüsse und Trommeln unterbrochen. Die Katholiken überfallen das schwedische Lager. Im Durcheinander versucht Courage ihre Kinder zu retten. Sie beschmiert Kattrin das Gesicht mit Asche, um sie zu tarnen und rät Schweizerkas die Kasse wegzuwerfen und gewährt dem Feldprediger Unterschlupf. In letzter Minute nimmt sie die Regimentsfahne vom Wagen. Doch Schweizerkas will die Regimentskasse retten und versucht sich zu seinem Oberst durchzukämpfen. Doch polnische Spione verfolgen ihn und veranlassen seine Verhaftung.

Unter Folter gesteht er, dass er die Kasse versteckt hat; den Ort will er aber nicht verraten.

Yvette hat einen alten Oberst aufgegabelt, der bereit ist, ihr Geld für einen neuen Marketenderwagen zu geben. Doch mit diesem Geld will Courage ihren Sohn freikaufen. Insgeheim hofft sie auf das Geld der Regimentskasse und will deshalb nur den Wagen verpfänden. Doch Courage verhandelt zu lange um die Auslösesumme für ihren Sohn; denn Schweizerkas wird vorher von den polnischen Katholiken erschossen.

Viertes Bild

Mutter Courage will sich bei einem Rittmeister beschweren, weil Soldaten bei der Suche nach der Regimentskasse Waren in ihrem Wagen zerstört haben. Ein junger Landsknecht möchte sich auch beschweren, weil er sein versprochenes Geld nicht erhalten hat. Daraufhin singt Courage das Lied von der großen Kapitulation und anschließend ist die Wut der beiden verraucht und die beiden verzichten auf die Beschwerde.

Fünftes Bild

Zwei Jahre sind vergangen. Die Courage hat mit ihrem Wagen Polen, Bayern und Italien durchquert. 1631 siegt Tilly bei Magdeburg. Mutter Courage steht in einem zerschossenen Dorf und schenkt Schnaps aus. Da kommt der Feldprediger und verlangt Leinen zum Verbinden von verwundeten Bauern. Doch Courage weigert sich und kann nur mit Gewalt überwunden werden.

Sechstes Bild

Vor der Stadt Ingolstadt wohnt die Courage dem Begräbnis des gefallenen kaiserlichen Feldhauptmannes Tilly bei. Sie bewirtet einige Soldaten und befürchtet, dass der Krieg bald zu Ende ist. Doch der Feldprediger beruhigt sie und sagt, dass der Krieg weiter anhält. Eines Tages schickt die Courage Kattrin in die Stadt um neue Waren einzukaufen. Während ihre Tochter unterwegs ist, weist sie den Feldprediger zurück, der bei ihr weiter wohnen möchte. Kattrin kehrt aus der Stadt mit einer Wunde am Kopf zurück. Sie wurde überfallen und misshandelt, hat sich aber die Sachen nicht wegnehmen lassen. Als Trost schenkt die Courage ihr die Schuhe der Lagerhure Yvette. Kattrin braucht nun nicht mehr auf den Frieden zu warten denn ihre ganzen Zukunftsaussichten und Pläne sind mit dem Überfall und der verbleibenden Narbe zerstört worden. Eine stumme und noch dazu verunstaltete Person will kein Mann heiraten. Sobald der Frieden kam wollte sie Mann und Kinder haben, was ihr die Mutter auch immerzu versprochen hatte.

Siebtes Bild

Die Courage zieht auf dem Höhepunkt ihrer geschäftlichen Laufbahn mit Kattrin und dem Feldprediger über eine Landstraße. Sie verteidigt nun den Krieg und erklärt, er sei doch besser als der Frieden.

Achtes Bild

Der Schwedenkönig Gustav Adolf fällt in der Schlacht bei Lützen. Überall läuten die Glocken und mit Windeseile verbreitet sich das Gerücht, es sei nun Frieden. Der Koch erscheint wieder im Lager und der Feldprediger zieht wieder sein Gewand an. Mutter Courage klagt gegenüber dem Koch, sie sei jetzt ruiniert, weil sie auf Rat des Feldpredigers noch kurz vor Ende des Krieges Waren eingekauft habe, die nun nichts mehr wert seien.

Zwischen Koch und Feldprediger kommt es zum Streit: Der Feldprediger will sich vom Koch nicht aus dem Geschäft drängen lassen, weil er sonst nicht überleben kann. Die Courage verflucht den Frieden und wird daraufhin vom Feldprediger als „Hyäne des Schlachtfeldes“ bezeichnet. Die ehemalige Lagerhure Yvette, viel älter und dicker geworden, kommt zu Besuch. Sie bezeichnet den Koch als gefährlichen Verführer. Der befürchtet, dass er hier keine Chance mehr habe und sehnt sich nach seiner alten Stelle beim Feldhauptmann zurück. Die Courage fährt mit Yvette in die Stadt, um noch schnell ihre Waren zu verkaufen bevor die Preise fallen. Während Courage fort ist, führen die Soldaten Eilif vor. Er hat im Frieden das gleiche getan wie im Krieg - geraubt und gemordet -, nur dass es ihm jetzt als Raub und Mord vorgeworfen wird. Er wird hingerichtet. Kurz nach seiner Hinrichtung kehrt Courage zurück. Sie hat ihre Waren nicht verkauft, denn der Krieg ist doch noch nicht zu Ende. Der Koch verschweigt ihr, was mit Eilif geschehen ist. Die Courage zieht mit ihrem Wagen weiter und nimmt nun statt des Feldpredigers den Koch als Gehilfen mit.

Neuntes Bild

Der sogenannte „Glaubenskrieg“ dauert schon sechzehn Jahre in Deutschland und die Hälfte der Einwohner sind umgekommen. Das Land ist verwüstet, die Menschen hungern. Im Herbst 1634 versuchen die Courage und der Koch im Fichtelgebirge etwas Essbares zu erbetteln. Der Koch erzählt der Courage von seiner Mutter, die in Utrecht an der Cholera gestorben ist. Er habe eine kleine Wirtschaft geerbt und will mit Courage dorthin ziehen, da er sich nach einem ruhigen und friedlichen Leben sehnt. Kattrin allerdings müssten sie zurücklassen, weil die Wirtschaft soviele Personen nicht ernähren könne und sie mit ihrem verunstalteten Gesicht die Gäste vertreiben würde. Kattrin hört dieses Gespräch mit und will heimlich weglaufen. Die Courage entscheidet sich aber für ihre Tochter und wirft den Koch vom Wagen. Mutter und Tochter ziehen alleine weiter.

Zehntes Bild

Im ganzen Jahr 1635 ziehen Mutter Courage und ihre Tochter über die Landstraßen Mitteldeutschlands und folgen den zerlumpten Heeren. Sie kommen an einem Bauernhaus vorbei und hören eine Stimme, die von Sicherheit und Schutz singt. Mutter Courage und Kattrin halten ein, und hören der Stimme zu, ziehen dann aber weiter.

Elftes Bild

Im Januar 1636 bedrohen die kaiserlichen Truppen die Stadt Halle. Die Courage ist in die Stadt gegangen um einzukaufen. Ein Fähnrich dringt mit zwei Landsknechten in den Bauernhof ein, wo Courage ihren Planwagen mit ihrer Tochter stehen hat. Die Soldaten zwingen den Bauern, ihnen den Weg in die Stadt zu zeigen, da die Bewohner, die noch nichts von der Gefahr wissen, überrascht werden sollen. Als Kattrin von der Gefahr hört, nimmt sie sich eine Trommel, steigt auf das Dach und zieht die Leiter zu sich hoch. Sie schlägt die Trommel und lässt sich von keiner Drohung abhalten. Die Soldaten zwingen den Bauern, die Trommeln durch Axtschläge zu übertönen. Als dies nicht gelingt, wird Kattrin von den Soldaten erschossen. Doch der mutige Einsatz, der ihr Leben kostete, hat Erfolg. In der Stadt wird Alarm geschlagen.

Zwölftes Bild

Am nächsten Morgen ziehen die Schweden vom Bauernhof ab. Mutter Courage kehrt aus der Stadt zurück und findet ihre tote Tochter. Erst glaubt sie, dass sie schläft, und kann nur mit Mühe die Wahrheit begreifen. Sie gibt den Bauern Geld für das Begräbnis und zieht alleine mit dem Wagen dem Heer nach. Sie glaubt, zumindest Eilif sei am Leben, und singt das Lied „Mit seinem Glück, seiner Gefahre“.

Entstehung des Stücks

Im schwedischen Exil wurde Bertolt Brecht durch die Geschichte der nordischen Marketenderin Lotta Svadt (Lotta Svärd) aus Johan Ludvig Runebergs "Fähnrich Stahl" angeregt, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Darin findet sich der Typus der mütterlichen Marketenderin wieder, die sich im finnisch-russischen Krieg von 1808/09 um die Soldaten der Truppe kümmert.

Den Namen „Courage“ übernahm Brecht aus dem Roman Ausführliche und wundersame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der am Beispiel einer Zigeunerin beschreibt, wie die Wirren des Dreißigjährigen Krieges zur sittlichen und menschlichen Verwahrlosung führen. Grimmelshausens Werk zählt zu den bedeutendsten Schöpfungen der deutschen Literatur. In seinem Mittelpunkt stehen die Abenteuer des Simplizissimus, ein Schelmenroman, in dem Grimmelshausen schonungslos die Schrecken des Krieges beschreibt. Der Roman ist der erste Band einer Trilogie, zu der auch der Courasche-Roman und Der seltsame Springinsfeld gehören. Brecht, der Grimmelshausen wegen seiner unheroischen Darstellung des Krieges schätzte, übernahm jedoch weder die Handlung des Romans noch den Charakter der Titelfigur. Im Gegenteil - bei Grimmelshausen ist die Courage nämlich

  • eine Soldatenhure mit starker erotischer Ausstrahlung, diesbezüglich eher dem Typus der Yvette ähnlich;
  • unfruchtbar (hat aber sieben verschiedene Ehemänner; vgl. die drei verschiedenen Väter von Eilif, Schweizerkas und Kattrin);
  • von hoher Geburt.

Brecht begann im September 1939 mit der Niederschrift der Mutter Courage. Er wählte die Figur als Beispiel, um vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges vor dem Krieg im allgemeinen zu warnen und dessen Ursachen aufzudecken.

Die Uraufführung konnte erst am 19. April 1941 am Schauspielhaus Zürich stattfinden. „... Die Schriftsteller können nicht so schnell schreiben, wie die Regierungen Kriege machen können: denn das Schreiben erfordert Denkarbeit. Die Bühnen waren viel zu früh in den Händen des großen Räubers...“ Das Stück wurde ins Englische übersetzt und veröffentlicht. 1946 komponierte Paul Dessau die Musik zu Mutter Courage. Das Berliner Ensemble erarbeitete 1949 eine Modellaufführung mit Helene Weigel. Hanns Eisler schuf musikalische Einlagen für das Stück. Seither hat das Stück seinen festen Platz in den Spielplänen der deutschen Theater.

Absicht des Autors

Der Zuschauer soll zu der Frage nach dem Warum veranlasst werden: Er soll sich mit der Tatsache kritisch auseinandersetzen, warum eine Frau, die durch den Krieg ihre drei Kinder verliert, aus den Geschehnissen nichts lernt und weiterhin den Krieg befürwortet.

„Ein Stück ist deshalb lehrhafter als die Wirklichkeit, weil da die Kriegssituation mehr als eine experimentelle Situation erscheint, geschaffen, um Einsichten zu geben; das heißt, der Zuschauer gelangt in die Haltung des Studierenden - sofern die Spielweise richtig ist.“

Hauptsächlich jedoch soll die Aufführung der „Mutter Courage“ zeigen, dass die großen Geschäfte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Dass der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht, auch für ihre Besitzer. Dass für die Bekämpfung des Krieges kein Opfer zu groß ist (Quelle: Königs Erläuterungen).

Dramaturgische Mittel - Episches Theater

Die Wirklichkeit auf dem Theater wird „verfremdet“ (Verfremdungseffekt - V-Effekt), d.h. alltägliche und selbstverständliche Situationen werden auf eine ungewohnte Weise dargeboten, damit der Zuschauer aufmerksam wird, aus seiner Konsumhaltung herausgerissen und in den Prozess der Problemlösung miteinbezogen werden kann.

Bühne und Zuschauerraum werden von allem, das eine bestimmte Atmosphäre schaffen könnte, „gesäubert“, der Schauspieler spricht, bzw. singt seinen Text aus einer inneren Distanz heraus, er teilt ihn gleichsam nur mit. Das Publikum muss völlige Freiheit haben, sich dem Text „zu stellen“, es wird ihm sozusagen ausgeliefert und muss selbst zusehen, wie es „mit ihm fertig wird.“

„Damit nun bei diesem Realismus des Stücks etwas für den Zuschauer herauskommt, das heißt, damit die Zuschauer etwas lernen, müssen die Theater eine Spielweise erarbeiten, welche nicht auf die Identifizierung der Zuschauer mit der Hauptfigur (Heldin) ausgeht.“

Das Ziel ist klar umrissen: Der Zuschauer soll mit einer ihm unverständlichen Handlung konfrontiert werden, damit sich Widerspruch in ihm regt und er über das Dargestellte, die Fehler und Ursachen nachzudenken beginnt. In diesem Sinne will Brecht sein „Lehrtheater“ praktizieren.

Die Mittel zum Erreichen dieses Zieles sind die Verfremdungstechniken, die im Text, in der Komposition und in den Regieanweisungen zu finden sind - wenngleich diese freilich in den jeweiligen Inszenierungen nicht immer original umgesetzt werden. (Brecht lässt zu Beginn jeder Szene einen Titel auf den Vorhang projizieren, der den Inhalt des folgenden Bildes kurz beschreibt. So wird dem Zuschauer die Spannung genommen und er gewinnt die Möglichkeit zu kritischer Distanz.)

Auch die Lieder, die die Handlung immer wieder unterbrechen, um sie zu deuten und zu interpretieren, tragen zur Desillusionierung bei - nicht die Courage singt, sondern die Darstellerin der Courage. Die Zuschauer sollen durch die Herauslösung aus einer Identifikation zu der kritischen Überlegung veranlasst werden, ob das Geschehen so sinnvoll ist, wie es dargestellt wird, oder ob es nicht auch andere Lösungen gibt.

Beispiel:

Das Lied „Uns hat ein Ros ergetzet“ soll dem Zuschauer die Wahrheit über die Situation der Courage zeigen, die sie selbst nicht begreift. Die Courage zieht mit Kattrin ihren Wagen, während aus einem Bauernhaus ein Lied zu hören ist, das durch seinen Inhalt und sein religiöses Pathos in krassem Widerspruch zum dramatischen Kriegsgeschehen steht. Der fromme Gesang aus dem Haus drückt die Befriedigung egozentrischer Interessen und Selbstzufriedenheit aus und spiegelt so einerseits die Haltung der Courage, andererseits vermittelt er den Kontrast zwischen gesellschaftlich begründeter Geborgenheit und Ungeborgenheit. Er wirkt also zweifach verfremdend.

Zum Werk

Brecht, irritiert von der Aufnahme der Courage als „Niobe-Tragödie“, nimmt mittels der Modell-Inszenierung 1949, eigener Interpretationen und Textkorrekturen Veränderungen vor, die den Witz (hier: Bitterer Humor) und die rücksichtslose Vitalität (Lebenskraft, Überlebenswille) der Courage betonen sollen.

Er zeigt ihre tiefe Zerrissenheit, ihre Sprünge von Mütterlichkeit zu Geschäftligkeit, von trickreicher Härte zu reißendem Schmerz, einen den Kriegswirren ausgelieferten Menschen, der mit allen Mitteln versucht, das „Beste“ aus jeder Situation zu machen. Die Illusion von einer besseren Welt, in der der Einzelne mit der Gesellschaft übereinstimmt, taucht erst gar nicht auf, die Hoffnung ist im wahrsten Sinn des Wortes stumm, verkörpert durch Kattrin, die, wenn auch nur zu tierischem Lallen, so doch zu Mitleid fähig ist.

Vom Schicksal der Kinder her betrachtet, kann man das Werk als fünfaktiges Drama bezeichnen:

  1. Werber verleiten Eilif dazu, sich dem Militärdienst anzuschließen. Die Mutter findet ihn als erfolgreichen Soldaten wieder.
  2. Schweizerkas findet den Tod, weil seine Mutter zu lange um die Höhe der Bestechungssumme feilscht, die ihn vor dem Erschießen retten soll, da er dem Feind die Regimentskasse nicht übergeben wollte.
  3. Die Courage schickt Kattrin aus geschäftlichen Gründen allein in die Stadt. Das Geschäft gelingt, aber das Mädchen wird vergewaltigt und verunstaltet. Die Mutter verflucht den Krieg.
  4. Eilif wird als Mörder und Plünderer erschossen. Die in Geschäften abwesende Courage erfährt nichts davon.
  5. Kattrin opfert sich in Abwesenheit der Courage für die Einwohner der Stadt, die sie vor einem Überfall warnt. Sie wird erschossen.

Weitere wesentliche Bilder:

Der Koch Lamb, der Geliebte der Courage, will diese - aber ohne die verunstaltete Tochter - nach Utrecht mitnehmen, um dort „in Frieden“ ein Wirtshaus zu führen. „Die Welt stirbt aus.“ Die Courage lehnt ab.

„Ich hab ihm gesagt, dass nix wird aus Utrecht, seinem dreckigen Wirtshaus, was sollen wir dort? Du und ich, wir passen in kein Wirtshaus, was sollen wir dort? In dem Krieg ist noch allerhand für uns drin...Glaub nicht, dass ich ihm deinetwegen den Laufpaß gegeben hab. Es war der Wagen, darum. Ich trenn mich doch nicht vom Wagen, wo ich gewohnt bin... dem Koch sein Zeug nehmen wir heraus.. So, der ist draus aus unserem Geschäft, und ein andrer kommt mir nimmer rein. Jetzt machen wir beide weiter. Der Winter geht auch rum, wie alle anderen...“

Einerseits ist die Courage ihrer proletarischen Prägung entsprechend unfähig, ihre Gefühle auszudrücken und vermutet wohl, ihre Tochter kenne sie ja nur als Geschäftsfrau - daher die Verhüllung ihrer mütterlichen Gefühle - , anderseits ist ihre Entscheidung durchaus berechnend: Sie ist sich im klaren darüber, dass der Wagen und seine Funktion im Krieg einfach ihre Welt ist. Also kann sie im Grunde nur Kattrin und den Krieg wählen.

Die Courage leugnet, mit dem Zahlmeister, den man bei ihr im Wagen fand, etwas zu tun gehabt zu haben. Sie beschwert sich: „Ich bin unschuldig, und wenn ichs zulaß, schauts aus, als ob ich ein schlechtes Gewissen hätt. Sie haben mir alles mit die Säbel zerfetzt im Wagen und fünf Taler Buß für nix und wieder nix abverlangt.“ Der Tote ist ihr Sohn, den sie verleugnet. Sie ist nicht bereit, sich widerstandslos der Kriegsmaschinerie auszuliefern. Dem Soldaten, der sich auch beim Rittmeister beschweren will („Ich leids nicht, reden Sie nicht, ich vertrag keine Ungerechtigkeit,“) sagt sie: „Da haben Sie recht, aber wie lang?“ Und als der junge Soldat auf den barschen Hinweis eines Schreibers sich hinsetzt: „Er sitzt schon. Sehn Sie, was hab ich gesagt. Sie sitzen schon. Ja, die kennen sich aus in uns und wissen, wie sies machen müssen. Hinsetzen! Und schon sitzen wir. Und im Sitzen gibt´s keinen Aufruhr...Uns haben sie allen unsre Schneid abgekauft...“ Diesen Worten folgt „Das Lied von der Kapitulation“. Die Courage verzichtet auf ihre Beschwerde: Sie hat, indem sie andere belehrte, sich selbst die Unterwerfung beigebracht. In diese ist die Verleugnung des Sohnes miteingeschlossen.

Das Courage-Lied geht wie der Wagen durch das ganze Stück

Den Zusammenhang zwischen Krieg und Geschäft drückt die Courage gleich zu Beginn in einem Lied aus:

Kanonen auf die leeren Mägen / Ihr Hauptleut, das ist nicht gesund. / Doch sind sie satt, habt meinen Segen / Und führt sie in den Höllenschlund ...“ Dass dies nun auch für ihren Lieblingssohn Eilif gelten soll, will sie nicht wahrhaben.

Auch am Ende steht ein Lied, als die Courage ohne Kinder, aber mit ihrem halb zerstörten Wagen weiterzieht. Er drückt wohl eine objektive Lehre aus („Der Krieg, er dauert hundert Jahre/ Der g´meine Mann hat keinn Gewinn“), lässt aber noch immer Raum für die (subjektive) Illusion („Jedoch vielleicht geschehn noch Wunder ---> sie hat Hoffnung / Der Feldzug ist noch nicht zu End! Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ! Der Schnee schmilzt weg! Die Toten ruhen! / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun“).

Die Personen

Mutter Courage

Proben zu Mutter Courage mit Gisela May und Manfred Wekwerth im Berliner Ensemble, 1978

„Ich kann nicht warten, bis der Krieg gefälligst nach Bamberg kommt.“

Diese Worte, gleich im ersten Bild gesprochen, zeigen, wie fest entschlossen die Courage ist, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen. Der Feldprediger nennt sie zurecht Hyäne des Schlachtfeldes“: Die Courage lebt von dem, was der Krieg für sie „abwirft“.

Sie ist sich sehr wohl der Gefahren, die der Krieg für ihre Kinder in sich birgt, bewusst, und ist bereit, sie aus den Kriegshandlungen herauszuhalten, während sie gleichzeitig ihre Geschäfte abwickelt. Diese Rechnung kann nicht aufgehen, und die Courage ahnt dies auch:

„Will vom Krieg leben, wird ihm wohl müssen auch etwas geben.“ (der Feldwebel) An dem Widerspruch im Denken und Handeln der Courage gehen alle ihre Kinder zugrunde. Doch es ist nicht die Person, die sich schuldig macht, sondern die Courage tritt als Vertreterin der kapitalistischen Gesellschaft auf, deren Grundlage das „Sich Vorteil-Verschaffen“, der persönliche Erfolg ist. Damit werden die ökonomischen Interessen den Beziehungen zu anderen Menschen übergeordnet. Sehr deutlich wird dies z.B. in der 2. Szene, in der die Courage mit dem Koch um den Preis eines Kapauns feilscht. Obwohl sie den an die Soldaten verlorenen Sohn nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sieht, nutzt sie erst die Notlage des Kochs aus, um für das Mittagessen ihres sichtlich erfolgreichen Sohnes und des Feldhauptmannes einen unverschämt hohen Preis zu erzielen. Erst dann gibt sie sich Eilif zu erkennen. Muttergefühle werden Händlerinteressen untergeordnet.

Aus der Tatsache, dass die Courage mit dem Krieg ihr Geschäft macht, folgt, dass sie ihn bejahen und daher den Frieden fürchten muss, da er ihr Geschäft bedroht (Gespräch mit dem Feldprediger/ Szene 8 - „Hyäne des Schlachtfeldes“).

Nur einmal, als ihre Tochter Kattrin vergewaltigt und verunstaltet wird, brechen die Muttergefühle durch, und die Courage verflucht den Krieg (Szene 6). Doch bereits in der nächsten Szene, als die Geschäftserfolge ihren Höhepunkt erreichen, ist die Courage wieder in ihrem Element:

„Ich laß mir den Krieg von euch nicht madig machen. Es heißt, er vertilgt die Schwachen, aber die sind auch hin im Frieden. Nur, der Krieg nährt seine Leute besser.“

Die Courage lebt, sich dessen nicht bewusst, in einem fortwährenden Widerspruch: Einerseits glaubt sie, das beste für ihre Kinder zu wollen, andererseits verliert sie ein Kind nach dem anderen, weil sie ihr wirtschaftliches Interesse über alles andere gestellt hat. Schweizerkas, den sie loskaufen könnte, fällt dem allzu langen Feilschen um den Bestechungspreis zum Opfer. Man kann sagen, dass die Courage sich in einem Dilemma befindet, denn sie steht immer zwischen einem Menschen und dem Geschäft. Wie der Verlauf zeigt, siegt immer das Geschäft. Dies ist ein Beleg dafür dass nach Brechts Auffassung der Kapitalist unter keinen Umständen Alternativen kennt, sondern immer zugunsten des Geschäfts ökonomische Entscheidungen fällt bzw. trifft.

Die Grundhaltung der Courage zu Krieg und Gesellschaft kann aus dem „Lied von der großen Kapitulation“ erkannt werden: Jugendliche Zuversicht, Hoffnung und Lebensfreude weichen dem täglichen Kampf ums Überleben. Das bedeutet: „Man muß sich stelln mit den Leuten, eine Hand wäscht die andre, mit dem Kopf kann man nicht durch die Wand...Und sie marschiern in der Kapell im Gleichschritt...“ (Szene 4: Die Courage belehrt den jungen Soldaten, der noch an Gerechtigkeit glaubt, dass die Wut nicht lange anhalte, weil man den Geschäften zuliebe ja doch irgendeinmal kapitulieren müsse).

Mit Hilfe der einzelnen Strophen kann man den Weg der Courage nachvollziehen:

  1. Das junge, optimistische Mädchen hält sich für etwas Besonderes und will ihr Leben aus eigener Kraft gestalten („Alles oder nix, jedenfalls nicht den Nächstbesten, jeder ist seines Glückes Schmied, ich laß mir keine Vorschriften machen!“). THESE
  2. Die Erfahrungen zeigen, dass die hohen Ziele nicht zu verwirklichen sind, die Lebensumstände erlauben es nicht. Anpassung ist angesagt („Man muß sich stelln mit den Leuten, eine Hand wäscht die andre, mit dem Kopf kann man nicht durch die Wand...“) ANTITHESE
  3. Courage, die bereits kapituliert hat, beschwört noch einmal Optimismus und Selbstvertrauen herauf. Ihre Erfahrung hat sie von der Unmöglichkeit überzeugt, gegen den Strom schwimmen zu können („Man muß sich nach der Decke strecken“). In der „Kapelle“ hat sich der Einzelne ins große Ganze zu fügen, er muss im Gleichschritt mitmarschieren. SYNTHESE

Winzige Signale im Text zeigen, wie sich während des Liedes die Wandlung vollzieht: Der Refrain in der ersten Strophe wird mit „Doch“ eingeleitet und spricht jemanden mit „du“ an; gemeint ist die Courage selbst, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht kapituliert hat.

In der zweiten Strophe heißt es „sie marschiert“: Die Kapitulation ist erfolgt. Der Refrain in der dritten Strophe verallgemeinert bereits: „sie marschieren“ - Die Courage hat aus ihren Erfahrungen eine Lehre gemacht (Synthese ihrer gegensätzlichen Überlegungen).

Die Strophen enden jedes Mal mit

„Der Mensch denkt: Gott lenkt.
Keine Red´davon.“

Der Doppelpunkt zeigt den Irrtum an: Nicht auf die weise Lenkung einer göttlichen Instanz darf der Mensch hoffen, im Gegenteil, das ist Illusion. Der Mensch ist ohne göttliche Hilfe ausschließlich auf die eigene Kraft angewiesen. Die Courage bietet in ihrem Lied dem Soldaten drei Möglichkeiten an:

  1. Man lehnt sich auf
  2. Man versucht, die Verhältnisse zu ändern
  3. Man passt sich an

Diese Anpassung ist die Lehre, die die Courage dem jungen Soldaten auf den Weg gibt. Die veränderte Haltung des Soldaten, der, dem Rat der Mutter folgend seinen Idealismus und seine Menschlichkeit dem „Gleichschritt“ opfert, hat jedoch zur Folge, dass er die Tochter Kattrin töten lässt.

Die Lebenshaltung der Courage hat also tödliche Wirkung. Der Widerspruch zwischen Geschäftsinteressen und menschlichen Gefühlen ist unter den Bedingungen dieser Gesellschaft unüberbrückbar.

Im Verhältnis zu ihren Kindern zeigt sich der Konflikt zwischen Mutter und Händlerin, die Courage verliert alle Kinder, während sie gerade handelt. Sie erzieht ihre Kinder nach ihrer „Lehre“: Nur an sich selber zu denken, ermögliche das Überleben. Sie überträgt das Prinzip, nach dem sie ihre Geschäfte macht, auch auf ihre zwischenmenschliche Beziehung: Anpassung, nur auf den eigenen Vorteil bedacht sein.

Die Courage durchschaut die Gründe für den Krieg, wenn sie von den höheren Herren sagt: „Wenn man die Großkopfigen reden hört, führens die Krieg nur aus Gottesfurcht und für alles, was gut und schön ist. Aber wenn man genauer hinsieht, sind´s nicht so blöd, sondern führ´n die Krieg für Gewinn. Und anders würden die kleinen Leut wie ich auch nicht mitmachen.“

Sie erkennt wohl, dass die Ursache für den Krieg die Macht- und Profitinteressen der „Großen“ sind, irrt sich aber in dem Glauben, selbst ein bisschen Gewinn machen zu können.

Die Kinder

Eilif: Er ist der tapfere Sohn, der zugrunde geht, weil er sich mit den Lehren der Mutter identifiziert hat. Im Krieg ist er der Held, weil er brutal handelt, im Krieg wird er für dieselben Taten ausgezeichnet, für die er im Frieden mit dem Tod bestraft wird. Er hat nur gelernt, nach ökonomischen Gesichtspunkten zu handeln, nicht nach moralischen, deshalb muss er sterben.

Das Lied vom Weib und den Soldaten

In den ersten von Eilif gesungenen Strophen herrscht der Optimismus eines jungen Soldaten vor, der die Warnung eines Weibes in den Wind schlägt bzw. nicht beachtet und durch das eiskalte Wasser einer Furt watet. Das eiskalte Wasser und die Furt versinnbildlichen die Gefahren des Krieges; der junge Soldat ist selbstbewusst, gut bewaffnet und optimistisch. Diesen zuversichtlichen Worten setzt die Courage mit ihren Strophen ihre Warnungen entgegen. - Das Lied steht zwischen den beiden Extremen in Eilifs Leben, seinem höchsten Triumph und seinem schändlichen Ende. Die beiden Teile des Liedes entsprechen den beiden Lebensphasen. Die Wahrheit des Krieges ist, dass eben niemand auf sich selbst gestellt triumphieren kann; der Soldat geht „wie der Rauch“ und ist umsonst gestorben.

Dass die Courage die Sinnlosigkeit des Krieges hier so klar gegen das Selbstbewusstsein ihres Sohnes setzt, bedeutet jedoch nicht, dass sie selbst als Courage „sehend“ geworden ist. Das Lied ist Kommentar, episches Mittel und nur auf den kritischen Zuschauer gerichtet.

Schweizerkas: Die Mutter hat ihn als redlich eingestuft. Also hat er sich dem Prinzip der Redlichkeit unterzuordnen. Anders hat er es nicht gelernt, er kann daher nicht abschätzen, ob Redlichkeit mitunter auch sinnlos werden kann, wenn sie nichts anderem dient als dem Prinzip. Er stirbt, weil er meint, unter allen Umständen eine Kasse verteidigen zu müssen, mit deren Hilfe der Krieg ja nur weitergeführt würde. Der Sinnlosigkeit dieses Prinzips opfert er sein Leben. Die Mutter, die ihn durch Bestechung hätte retten können, feilscht, ihrem eigenen Prinzip gehorchend, zu lange um den Preis der Befreiung.

Kattrin: Sie ist die unschuldige stumme, gequälte Kreatur, die, obwohl verunstaltet, nicht zögert, mit den geringen Mitteln, die ihr noch zur Verfügung stehen, Widerstand zu leisten, indem sie sich dem Gesetz der Anpassung verweigert. Sie greift aktiv in das Geschehen des Krieges ein, indem sie uneigennützig ihr Leben dafür opfert, um das Leben vieler zu retten. Ihr Handeln wirkt revolutionär und als Signal für den Bauernburschen, der ihr Unternehmen unterstützt. - So ist die Figur der Kattrin als „Anti-Courage“ zu verstehen, als die andere Möglichkeit: Sie akzeptiert den Krieg nicht als schicksalhaft gegeben, sie liefert sich der gesellschaftlichen Ordnung nicht aus, sondern zeigt die Möglichkeit einer opferbereiten, aktiven, kritischen Haltung auf.

Mit der Figur Kattrins verkündet Brecht seine These: „Das Proletariat kann den Krieg abschaffen, indem es den Kapitalismus abschafft.“ Über die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse könne es zur Aufhebung des Krieges kommen.

Der Koch

Er ist die selbstsichere Figur des Stücks. Er war ein Abenteurer und Frauenheld, der Yvette Pottier, die Lagerhure, einst verführt und auf die schiefe Bahn gebracht hat. Er führt die schärfsten Reden und durchschaut die Situationen am klarsten. Sein Salomon-Lied beweist:

„Alle Tugenden sind nämlich gefährlich auf dieser Welt, die Weisheit, Kühnheit, Redlichkeit, Selbstlosigkeit, Gottesfurcht - sie zahlen sich nicht aus, nur die Schlechtigkeiten, so ist die Welt und müßt nicht so sein.“

Der Koch zieht sich aus dem unmittelbaren Kriegsgeschehen zurück: Er übernimmt in seiner Heimatstadt Utrecht die Kneipe seiner Mutter. Die lebenstüchtige Courage, seine Geliebte, will er mitnehmen, allerdings unter der Bedingung, dass sie sein Leben ohne die seinem Geschäft schädliche stumme und verunstaltete Kattrin teilen würde. Auch er verzichtet zugunsten wirtschaftlicher Interessen auf eine menschliche Beziehung, als Courage sich für ein Zusammenleben mit der Tochter entscheidet, was gleichbedeutend ist mit dem Beibehalten ihrer Geschäftsgewohnheiten.

Der (protestantische) Feldprediger

Als er gemeinsam mit der Courage in Gefangenschaft gerät, legt er sein geistliches Gewand ab und tritt als Knecht in die Dienste seiner Begleiterin. Als Berufs-Gläubiger in einem Krieg, der sich Glaubenskrieg nennt und es in Wahrheit nicht ist, wird er zur komischen Figur des Stückes. Der Feldprediger zieht im Umgang mit anderen Personen oft den Kürzeren. Er ist nicht mutig. Kattrin jedoch hilft er bei der Versorgung verwundeter Bauern und befreit sich innerlich immer mehr vom Einfluss seiner Begleiterin, je länger er mit ihr beisammen ist. Allmählich zeigt sich auch bei ihm jener bittere Humor, der der Courage und dem Koch eigen ist. In seiner Werbung um die Courage wirkt er unfreiwillig komisch. Wenigstens, was seine realistische Weltsicht und den sprachlichen Umgang betrifft, hat er seinen Bewußtseinsstand erweitert und begleitet den zum Tode verurteilten Eilif, wenn auch weiterhin nicht frei von Eitelkeit und Schwäche, zur Exekution als einer, der von den Unteren, dem Proletariat, etwas gelernt hat, was dieses selbst (noch) nicht in die Tat umsetzen kann.

Was lernt die Courage?

Brecht: „Während meines 9-jährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern.“ Was so klingt wie die kesse Bilanz der eigenen Schulzeit, verrät in Wahrheit eine Menge über das ständige Anliegen Brechts, nämlich mit seinen Werken

  • die Menschen sehend zu machen,
  • ihnen Einsichten zu vermitteln,
  • sie schließlich zu verändern.

Kunst kann und soll für das Publikum nie ohne Folgen bleiben - diese Forderung war für Brecht gleichsam die Grundvoraussetzung seines Schaffens. Denn wenn Literatur auf das Denken und Tun der Menschen einzuwirken vermag, dann vermag sie letztlich auch die ganze Gesellschaft zu verändern - daraus erklärt sich auch, warum der Marxist Brecht so großes Interesse an didaktischen Textformen wie etwa dem Lehrgedicht oder dem Lehrstück hatte.

Lernen war für Brecht also eine wichtige Vorstufe zur Entwicklung einer neuen, besseren Ordnung.

Das ständige Gleichbleiben, der fehlende Wille zur Veränderung war ihm hingegen verdächtig, wie eine der »Geschichten vom Herrn Keuner« mit dem Titel »Das Wiedersehen« verrät:

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.

Was lernt nun die Mutter Courage?

Die Antwort lautet kurz und bündig: nichts.

Denn Lernen bedeutet, dass man sein Verhalten ändert - und gerade das tut die Courage nicht. Sie glaubt zu Beginn des Stücks, dass ihr der Krieg Profit bringen wird, und sie glaubt es auch am Ende des Stücks, als ihre drei Kinder bereits tot sind.

Dass sie daran Mitschuld hat, kommt ihr nicht einmal ansatzweise ins Bewusstsein; ja, sie kennt nicht einmal das wahre Ausmaß der Katastrophe, da sie am Schluss noch immer auf ein Wiedersehen mit Eilif hofft, über dessen Tod sie nicht unterrichtet wird. Sie ist und bleibt eine Mitläuferin; ein Umstand, der dem Stück anfangs auch einige Kritik einbrachte: Viele hätten ein Ende mit einer positiven Lösung bevorzugt. Brecht schrieb dazu im Jahr 1949:

„Die Courage [..] erkennt zusammen mit ihren Freunden und Gästen und nahezu jedermann das rein merkantile Wesen des Kriegs: das ist gerade, was sie anzieht. Sie glaubt an den Krieg bis zuletzt. Es geht ihr nicht einmal auf, dass man eine große Schere haben muß, um am Krieg seinen Schnitt zu machen. [..]; sie lernt so wenig aus der Katastrophe wie das Versuchskarnickel über Biologie lernt. Dem Stückschreiber obliegt es nicht, die Courage am Ende sehend zu machen - sie sieht einiges, gegen die Mitte des Stückes zu, am Ende der 6. Szene, und verliert dann die Sicht wieder -, ihm kommt es darauf an, dass der Zuschauer sieht.“

Oder mit anderen Worten: Das Publikum soll aus der Tatsache lernen, dass die Courage aus dem Krieg nichts lernt.

Die Aufgabe der Lieder

Im Stück gibt es insgesamt zwölf musikalische Einlagen, ungleichmäßig verteilt auf die zwölf Szenen. Wozu eingestreute Lieder?

Zweifellos sind sie nicht als unterhaltsame Gesangsnummern gedacht, die dem Zuschauer ein paar Minuten musikalische Entspannung schenken. Schon gar nicht darf man sich von ihnen einen Zugang zu dem erhoffen, was „der Dichter eigentlich sagen wollte“.

Denn, so wie das Drama als Ganzes, sind auch sie darauf angelegt, beim Publikum Widerstände zu erzeugen, Fragen und Nachdenken zu bewirken. Der Song ist nichts anderes als ein typischer Verfremdungseffekt im epischen Theater Brechts:

Einerseits wird dadurch dem Schauspieler ermöglicht, sich von seiner Rolle zu distanzieren; andererseits ist der Song dazu da, um einer allzu großen Einfühlung des Zuschauers ins Geschehen vorzubeugen. Dem Publikum soll an solchen Stellen klargemacht werden, dass es einer Handlung gegenübergesetzt und nicht - wie im klassischen Theater üblich - in sie hineinversetzt wird.

Den Salomo-Song, den die Courage und der Koch in der 9. Szene vor dem Pfarrhaus für eine warme Suppe anstimmen, hatte Brecht bereits am Ende des 7. Bildes seiner Dreigroschenoper (1928) verwendet. Für die Mutter Courage änderte Brecht den Text jedoch stark ab; außerdem erfüllt er im Gesamtgefüge des Dramas eine andere Aufgabe. Die Grundidee des Songs ist es, dass sich Tugenden für den Menschen durchaus als nutzlos erweisen können, ja verderblich für ihn sind. Beispiele aus der Geschichte sollen das in parallel aufgebauten Strophen belegen: So scheitert

  • der biblische König Salomo an seiner Weisheit;
  • Cäsar (wie Eilif) an seiner Kühnheit;
  • Sokrates (wie Schweizerkas) an seiner Redlichkeit;
  • Der heilige Martin (wie Kattrin) an seiner Selbstlosigkeit.

Das soll zeigen: Tugenden, die die Großen der Geschichte an den Tag legen, sind genauso selbstvernichtend wie die der Courage-Kinder, der „kleinen Leute“ also. Auf diese „kleinen Leute“ spielt auch die fünfte und letzte Strophe an: Die Sänger stellen sich als ordentliche Leut vor, nur durch Gottesfurcht ins Elend gestürzt - wohl um den Pfarrersleuten auch die Furcht und das Misstrauen zu nehmen.

Allerdings: Wenn man sich überlegt, aus wessen Munde diese Verse kommen, fallen einem einige Widersprüchlichkeiten auf:

Kann man dem Koch, der es seinerzeit mit der Lagerhure Yvette getrieben hat, tatsächlich Gottesfurcht bescheinigen? Und wie steht es mit der Mutter Courage? Der Song über die Nutzlosigkeit der Tugend ist just in eine Szene eingeschoben, die dem Publikum die Courage menschlich ein wenig näher bringt, weil sie die Tugend der Mutterliebe zeigt: indem sie sich für ein strapaziöses Wanderleben an der Seite ihrer Tochter entscheidet und nicht allein mit dem Koch den bequemen Weg in ein halbwegs gesichertes Leben wählt.

Wie passt zusammen, was die Figuren singen und was sie tun? Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer schreibt dazu:

„Der Song verkündet die Wertlosigkeit aller noblen Regungen im gleichen Augenblick, da sich eine wirklich noble Handlung vollzieht. Also ist es offenbar nicht die Schuld der Tugenden, wenn Menschen keinen Nutzen daraus ziehen. Also müssen es besondere gesellschaftliche Verhältnisse sein, die bei den Großen, und ganz besonders bei den kleinen Leuten, das Unheil herbeiführen. Es gibt keine“ an sich „schädlichen Tugenden.“

Brecht führt dem Zuschauer Widersprüchlichkeiten bewusst vor; er will ihm zeigen, dass er nicht alles kritiklos hinnehmen darf, was er auf der Bühne sieht, sondern sich vom Geschehen distanzieren muss. Der Salomo-Song ist daher ein gutes Beispiel, wie episches Theater funktioniert: Der Zuschauer wird einem Problem gegenübergestellt, er studiert es und wird dadurch zu Entscheidungen gezwungen.

Verkehrte Welt

Gleich zu Beginn des Stücks lässt Brecht den Feldwebel sagen: Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Der aufmerksame Leser wird hier stutzig. Denn ist nicht genau das Gegenteil der Fall? Ist nicht der Friede das Geordnete und der Krieg das Chaotische?

Brecht will uns bereits in der Anfangsszene zeigen: Wir befinden uns in einer Welt, in der das, was wir als „normal“ empfinden, nicht mehr gilt. Der Krieg hat alle Maßstäbe auf den Kopf gestellt, die überkommene Welt- und Wertordnung ist durcheinander geraten, die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens sind sozusagen außer Betrieb gesetzt - so wie in den barocken Kriegspanoramen Grimmelshausens, die Brecht kannte und schätzte.

Die Leute, die sich an den Krieg gewöhnt haben, haben sich auch daran gewöhnt, den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht mehr klar wahrnehmen zu können.

Z.B. 2. und an die 8. Szene: Wenn Eilif im Krieg mordet, schändet und plündert, so hat das keine Konsequenzen, sondern wird sogar als Heldentat gerühmt; wenn die Welt im (allerdings nur kurzen) Frieden zum üblichen Sittengesetz zurückfindet, so wird dieselbe Handlungsweise als todeswürdiges Verbrechen bestraft.

Und die stumme Kattrin, die mit ihrem verzweifelten Getrommel am Schluss des Stücks als Einzige ein Zeichen setzt gegen das unbeteiligte Verharren angesichts aller Kriegsgräuel? Ausgerechnet sie, die dem Mitgefühl auch eine entsprechende Tat folgen lässt, muss sich von den Bauersleuten, die um ihr eigenes Leben bangen, den Vorwurf gefallen lassen: „Hast denn kein Mitleid? Hast gar kein Herz?“ (Szene 11)

Die verkehrte Welt des Kriegs verleitet auch die Figuren zu viel sagenden sprachlichen Fehlleistungen. So erfährt die Courage in der 8. Szene vom Feldprediger, dass Friede ausgebrochen ist. Ein verräterischer Versprecher, denn der Friede kann nicht ausbrechen, nur der Krieg. Indem die Courage ein Wort in einer Redewendung unbeabsichtigt durch das Gegenteil ersetzt, macht sie deutlich, was sie vom Frieden tatsächlich hält - er ist für sie nichts anderes als ein geschäftsschädigendes Elementarereignis, ein Unheilsbringer wie für andere Menschen der Krieg: „Sie treffen mich im Unglück. Ich bin ruiniert.“ (Szene 8)

Auch positive Eigenschaften wie Mut, Klugheit, Treue, Einsatzfreude oder Mitleid bekommen im Krieg einen völlig neuen Stellenwert. Das, was einem im Frieden weiterhilft, versagt in Kriegszeiten völlig. Auf die Tugenden ist kein Verlass mehr. Brecht verglich dieses Phänomen mit den Feldern der neuen Physik, in denen die Körper merkwürdige Abweichungen erfahren: Genauso wirkt der Krieg auf die Tugenden, die sich plötzlich nicht mehr berechnend einsetzen lassen. Die Tugenden der kleinen Leute sind nur dazu da, um die Versäumnisse der Großen wieder wettzumachen:

„In einem guten Land brauchts keine Tugenden, alle können ganz gewöhnlich sein, mittelgescheit und meinetwegen Feiglinge.“ (Szene 2)

Das entspricht völlig dem Lebensgrundsatz der Courage: unauffällig bleiben, sich aus allem heraushalten - und dadurch überleben. Ihre Skepsis in Sachen Tugend ist berechtigt, denn der weitere Verlauf der Handlung zeigt, dass die positiven Charakterseiten ihrer Kinder allesamt deren Untergang bewirken:

Schuld sind die, wo Krieg anstiften, sie kehren das Unterste zuoberst, sagt der Feldprediger an einer Stelle (Szene 6). Die Frage ist, ob er es sich damit etwas zu leicht macht, indem er die Mitschuld der kleinen Leute am allgemeinen Chaos von vornherein ausklammert.


Mutter Courage vertraut auf

  • Klugheit von Eilif
  • Ehrlichkeit von Schweizerkas
  • stumme Passivität von Kattrin


doch gehen ihre Kinder an ihren Tugenden zugrunde:

  • Kühnheit (8.Szene)
  • (falsch verstandene) Redlichkeit (3.Szene)
  • Mitleid (11.Szene)

Mutter Courage - eine Tragödie?

Mutter Courage hat drei Kinder, die sie alle im Verlauf der Handlung verliert - ein Schicksal, das man ohne Zweifel als „tragisch“ bezeichnen kann. Zudem geht es um Schuld und Sühne, Sühne - für viele Tragödien die Grundsituation schlechthin, wenn Verfehlungen (wie Machtgier, Eifersucht, Ungehorsam) bestraft werden sollen. Denn auch Mutter Courage lädt Schuld auf sich: durch ihr verblendetes Profitstreben.

Allerdings: Ist diese Schuld tatsächlich so groß? Muss die Courage nicht unverhältnismäßig viel dafür bezahlen? Ihre Verluste - der Tod ihrer drei Kinder - stehen in keinem Verhältnis zu ihren Gewinnen: allesamt kleine Fische. Wenn sie um Schnallen, Hühner und Betttücher feilscht, dann wirft das so wenig Profit ab, dass es ihr und den Ihren nicht einmal erspart bleibt, den Planwagen selbst ziehen zu müssen. Als fahrende Händlerin ist die Courage nur ein kleines Rädchen in der Kriegsmaschinerie; jedoch ein Rädchen, das mithilft, ebendiese Maschinerie in Gang zu halten.

Denn: Auch die Kleinen sind am großen Unrecht mitverantwortlich. Es geht nicht an, sich aus dem Krieg heraushalten und gleichzeitig an ihm verdienen zu wollen:

Will vom Krieg leben / Wird ihm wohl müssen auch was geben, sagt der Feldwebel prophetisch am Ende der ersten Szene.

Doch aus dem bisher Gesagten ergibt sich nicht automatisch die Schlussfolgerung, dass es sich bei dem Stück auch tatsächlich um eine Tragödie handelt, obwohl es anfangs so von Publikum und Kritik aufgefasst wurde. So heißt es in einer Besprechung von Max Schröder aus dem Jahre 1949: Mutter Courage ist eine humanistische Heilige aus dem Stamm der Niobe und der Schmerzensmutter [ .. ]. Der Rezensent versucht dabei, die Courage-Figur aus zwei Kulturtraditionen abzuleiten:

  • aus einer christlichen - wohl in Anspielung auf die Schlussszene, in der die Courage die tote Kattrin in ihren Armen hält. Das erinnert an ein klassisches Motiv der bildenden Kunst, nämlich an die Darstellung der Pietä, des toten Christus auf dem Schoß seiner Mutter Maria. Eine christliche Anspielung gibt es bereits in der ersten Szene, als sich Mutter Courage selbst als schmerzensreiche Gebärerin bezeichnet;
  • aus einer antiken, indem er auf den griechischen Mythos von Niobe verweist.

Obwohl das Stück also in mehrfacher Weise auf Urbilder trauernder Mütter zurückgreift, ist es dennoch keine Tragödie, die das Mutterleid ins Zentrum rückt. So hat sich Brecht gegen die Auffassung gewehrt, in der Mutter Courage eine zeitgemäße Variante des Niobestoffes zu sehen (obwohl er in früheren Arbeitsstadien verschiedentlich von der finnischen Niobe oder von der „Niobehandlung“ gesprochen hat).

Eine Tragödie im klassischen Sinne soll - laut Aristoteles - „Furcht und Mitleid“ erregen. Was Brecht aber am wenigsten wollte, war, dass das Publikum am Schicksal der Courage Anteil nimmt. Das Stück sollte nicht als Loblied auf die unerschöpfliche Vitalität des Muttertiers missverstanden werden. Nicht Mitleid sollte beim Publikum geweckt werden, sondern es ging vielmehr darum, Erkenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln - ganz nach den Absichten des epischen Theaters. Wer zu stark mit den Figuren mitlebt, sich mit ihnen identifiziert, dem bleibt diese Erkenntnis versagt. Der Zuschauer soll das Dargestellte kritisch studieren und nicht dadurch erschüttert werden: Distanz, nicht Identifikation ist gefragt.

Welchen Einfluss haben die Kriegswirren auf Yvettes Leben und Charakter?

Yvette hat drei Auftritte, zwei in der 3., einen in der 8. Szene. Jedes Mal bekommt der Zuschauer einen anderen Einblick in ihr Leben und ihren Charakter. Erst im dritten Auftritt wird der entscheidende Einfluss der Kriegsbedingungen auf Yvettes Leben sichtbar. Im Gegensatz zur Mutter Courage bewahrt sie trotz ihres ähnlich starken Überlebenswillens und ihrer Geschäftstüchtigkeit Menschlichkeit. Bei ihrem ersten Auftritt ist Yvette nur um ihre Rolle als erfolgreiche Lagerhure besorgt, die ebenso mit den Feinden wie mit den eigenen Soldaten ihr Geschäft macht: „... So kann ich doch nicht herumlaufen, wenn die Katholischen kommen... Wie schau ich aus? Ist es zuviel Puder? ... Ich muß in mein Zelt hinüber ...“. Sie erweckt in dieser kurzen Szene nur den Eindruck, als ginge sie eben ihrem gewohnten Beruf nach, eifrig darum bemüht, jede Chance zu nützen, um aus der veränderten Kriegssituation möglichst großen Nutzen zu ziehen.

Dies glückt ihr auch, kurz darauf berichtet die Courage, Yvette habe bereits einen Obristen „aufgegabelt, vielleicht kauft ihr der einen Marketenderhandel.“ Durch den Kauf des Planwagens könne Yvette, die von der Verhaftung und aussichtslos erscheinenden Lage des unglücklichen Schweizerkaas erfahren hat, das nötige Bestechungsgeld für seine Rettung verschaffen.

Der nächste Auftritt Yvettes erfolgt bereits in Begleitung ihres „uralten“ Freundes. Enttäuscht erkennt sie das Vorhaben der Courage, die ihren Wagen nun nicht verkaufen, sondern nur verpfänden will. Trotz ihrer Betroffenheit über den Gesinnungswandel reagiert Yvette geschickt. Sie weiß, dass keine Zeit zu verlieren ist, das Geld muss beschafft werden. In all den Jahren der Prostitution hat sie gelernt, Männer um den Finger zu wickeln. Deshalb gelingt es ihr rasch, die erwünschte Zusage zu bekommen, und sie eilt davon, nicht ohne neuerlich von Courage den Auftrag zum Handeln bekommen zu haben. Aus den Worten bei ihrer Rückkehr ist ihre starke Anteilnahme am Schicksal des zum Tode Verurteilten erkennbar. Ihre Erfahrung sagt ihr, dass er kaum mehr eine Chance hat. Sie rät der Courage dringend, die volle Forderung zu erfüllen und macht sich schließlich resigniert neuerlich auf den Weg, um weiterzuhandeln. Im Kampf um den unglücklichen Schweizerkaas bleibt sie als einzige aktiv, das Interesse am Wagen selbst ist sichtlich in den Hintergrund gerückt. Wieder kehrt sie zurück, diesmal, um von der Hinrichtung zu berichten. Sie erwähnt kein einziges Mal ihre Enttäuschung über die verlorene Chance, einen Marketenderhandel eröffnen zu können; trotz ihrer sichtlichen Erschütterung kümmert sie sich nun um das Wohl der Courage und ihrer Tochter.

In dieser Szene lernt der Zuschauer eine Frau kennen, die trotz aller Abgebrühtheit, die für einen solchen Beruf notwendig ist, für die bei allem geschäftlichen Interesse doch Menschlichkeit vorrangig ist.

Als Yvette zum drittenmal auftritt, tut sie das als Witwe des Obristen. Sie hat also „Karriere“ gemacht. „Wenigstens eine, wos im Krieg zu was gebracht hat“, meint die Courage angesichts der sichtlich von finanziellen Sorgen befreiten Freundin. Darauf antwortet Yvette ohne Stolz: : „Auf und ab und wieder auf ist´s halt gegangen.“ Sie fühlt sich denen weiterhin verbunden, mit denen gemeinsam sie so lange Zeit ums Überleben gekämpft hat. Doch nun kann sie mit einem abrechnen, dem Koch. Sie zögert nicht, ihn vor allen anderen zu entlarven. Erst jetzt erfährt der Zuschauer, warum Yvette zur Lagerhure wurde: Als junges Mädchen war sie wie so viele andere auch vom Koch verführt worden. Ihre Liebe war mit gemeiner Niedertracht vergolten worden. Nun warnt sie die Courage: „Das ist der schlimmste, wo an der ganzen flandrischen Küste herumgelaufen ist... hüten Sie sich vor ihm, so einer bleibt gefährlich auch im Zustand des Verfalls!“ Yvette, durch den Koch „in Schande gebracht“, hatte keine andere Möglichkeit zu überleben gefunden als die der Prostitution. Und diese konnte sich während der Kriegswirren nur bei Soldaten bezahlt machen. Nur sie konnten - vom Sold oder mit dem, was sie durch Plünderung an sich gebracht hatten - eine „Gegenleistung“ anbieten. Als Mädchen aus so einfachem Milieu konnte Yvette unter den gegebenen Umständen nur auf ein Überleben hoffen, wenn sie tat, was getan werden musste. Sie musste das Schicksal der Hure auf sich nehmen.

Doch nun steht sie - in der achten Szene - als Witwe eines Obristen vor dem, der sie in diese Bahn geworfen hat. Ihre ganze Verachtung bricht hervor, die Verachtung für den verhassten Beruf und die Verachtung für einen, der aus Gewissenlosigkeit und Skrupellosigkeit dafür verantwortlich zu machen ist. Indem sie seine heruntergekommene „Männlichkeit“ verhöhnt, straft sie ihn am besten, das ist ihr bewusst, und das genießt sie. „Steh auf, wenn eine Dame dich ins Gespräch zieht! ... Halt das Maul, traurige Ruin!...Dass mich so was wie dieser Mensch einmal vom graden Weg hat abbringen können! ... Dass ich dir jetzt das Handwerk gelegt hab, wird mir dereinst oben angerechnet, Pfeifenpieter.“

Yvette ist trotz allen Leides, trotz aller sicherlich unvorstellbaren Schwierigkeiten, die ihr Leben im Regiment mit sich bringen musste, eine stolze, charaktervolle Frau geblieben, die ihren Wert kennt. Gerade das Leid, das sie im Krieg erlitten hat, hat sie reifen lassen. Sie hat gelernt: Aus einem ahnungslosen, gutgläubigen jungen Geschöpf ist eine Frau geworden, für die die Bezeichnung, die sie sich selbst trotz ihrer unwürdigen Vergangenheit gibt, zutreffend ist: eine Dame


Verfilmung

Literatur

Textausgaben

Sekundärliteratur

  • Große, Wilhelm: Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 318). Hollfeld: Bange Verlag 2002. ISBN 978-3-8044-1729-8

Quellen


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