Athaumasie

Athaumasie (griech. Kompositum aus a-privativum und thaumazein: verwundern, staunen) bezeichnet in der praktischen Philosophie v.a. der Antike die Eigenschaft eines Menschen, über nichts zu staunen oder sich zu wundern - insb. nicht über jene „Größen, des Lebens, durch die der Alltagsmensch sich imponieren und verblüffen läßt: seien es Götter- und Hadesfabeln, die ihm bange machen, seien es Reichtum, Ehre und Macht, die seine Gier und seinen Neid erregen“.[1]

Begriffsgeschichte

Zenon[2] und Demokrit[3] verstehen dies als Eigenschaft des Weisen. Diese zu erreichen soll auch Pythagoras schon als Ziel seines Nachdenkens angegeben haben. Das Staunen beruhe nur auf Unwissenheit und der Ungelöstheit von Denkproblemen. Wer aber qua philosophischem Begriff (logos) die Gründe und Ursachen kenne, lasse dies hinter sich.[4] Auch Horaz macht sich dies zu eigen.[5] Im Hintergrund steht eine allgemeine praktische Orientierung an der Gemütsruhe als Strebensziel. Bei Cicero ist der theoretische Anspruch geringer, es ist mit „nil admirari“ nur gemeint, sich durch kein Ereignis aus der Fassung bringen zu lassen.[6]

Damit vertreten diese Theoretiker eine gegensätzliche Position insb. zu Platon. Dieser hatte das Staunen (gr. thaumazein, lat. admirari) als Anfang der Philosophie verstanden.[7] Davon spricht auch noch Aristoteles.[8] Im Epikureismus wird ein Zusammenhang von Staunen und Religion beschrieben.[9] Auch Descartes erörtert die Verwunderung länglich.[10]

Auch Madame de Staël äußert sich zur Athaumasie („tout comprendre c'est tout pardonner“, alles Verstehen heißt: alles Entschuldigen [mithin sich über nichts zu empören]).

Einzelnachweise

  1. Wilhelm Nestle: Die Vorsokratiker, Diederichs 1922 (und diverse Nachdrucke, zuletzt BiblioBazaar 2009, ISBN 1110438451), S. 64; dort mit Bezug zunächst auf Demokrit, Fr. 44-47.
  2. Diogenes Laertius, 7, § 12f.
  3. Vgl. 68 A 168.
  4. Vgl. Plutarch, De rect. rat. audiendi 13, 44b
  5. Vgl. Epist. 1, 6, 1: „Nil admirari prope res est una, Numici, solaque, quae possit facere et servare beatum.“
  6. Vgl. Tusc. Disp. 3, 14, 30
  7. Vgl. Theait. 155d.
  8. Vgl. Met. I, 2, 982b11-12.
  9. Vgl. Lukrez 5, 83
  10. Vgl. Les passions de l'âme, Art. 70

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Athaumasie — (v. gr.), Nichtbewunderung, Bewunderungslosigkeit, Gleichgültigkeit, vgl. Nil admirari …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Athaumasīe — (griech.), Nichtverwunderung oder Nichtbewunderung, als Folge höchster Weisheit, d. h. vollkommener Einsicht in das Wesen (Frau v. Stael: »tout comprendre c est tout pardonner«) und den Wert der Dinge (Horaz: »nil admirari«), und dadurch Quelle… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Athaumasie — Athaumasie, die Eigenschaft eines Menschen nichts wunderbar zu finden …   Herders Conversations-Lexikon

  • Athaumasie — Athau|ma|sie die; <zu gr. a »nicht, un « u. thaumasía »Bewunderung«> das Sich nicht Wundern, Verwunderungslosigkeit; notwendige Bedingung der Seelenruhe (↑Ataraxie) u. Glückseligkeit (↑Eudämonie; Phil.) …   Das große Fremdwörterbuch

  • Cool — (auch Coolness; von engl.: cool = kühl, kalt) ist ein ursprünglich jugendsprachlicher Begriff, der in die Umgangssprache eingegangen ist. Inhaltsverzeichnis 1 Wortbedeutung 2 Siehe auch 3 Literatur …   Deutsch Wikipedia

  • Gelassenheit — Gelassenheit, Gleichmut, innere Ruhe oder Gemütsruhe ist eine innere Einstellung, die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren. Sie ist das Gegenteil von Unruhe, Aufgeregtheit und …   Deutsch Wikipedia

  • Nil admirāri — (lat., »nichts bewundern«, griech. mēdén thaumazein), die angebliche Antwort des Pythagoras, als ihn jemand fragte, was er durch sein Nachdenken erringe. In das Nichtsbewundern (Athaumasie) setzte auch Demokritos das höchste Gut, und Horatius hat …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”