Kategorien
Erste Seite der Kategorien in der Ausgabe von Immanuel Bekker (1834)

Die Kategorien (altgriechisch περὶ τῶν κατηγορίων, lateinisch Categoriae) sind eine Schrift des Philosophen Aristoteles. In ihr nimmt Aristoteles eine Einteilung mittels zehn Aussageweisen, den Kategorien, vor. Diese Einteilung orientiert sich dabei an einzelnen, unverbundenen sprachlichen Ausdrücken wie „Sokrates“, „Mensch“ oder „weiß“. Da Aristoteles in dieser Schrift sprachliche Ausdrücke und die ihnen entsprechenden Gegenstände nicht immer klar voneinander trennt, scheint er zugleich die Wirklichkeit in die entsprechenden Typen von Objekten und Eigenschaften einzuteilen. Diese Einteilung ist seiner Auffassung nach die allgemeinstmögliche und vollständig. Da letztlich nicht klar ist, ob es sich dabei für Aristoteles primär um eine Einteilung der Sprache, der Wirklichkeit oder von beidem handelt, thematisiert das Werk logische und sprachphilosophische Aspekte und Probleme der grundlegenden Einteilung von allem Existierenden.

Die Kategorien werden in der Tradition zu Aristoteles’ logischen Schriften gezählt. Sie bilden in der überlieferten – nicht von Aristoteles selbst stammenden – Reihenfolge seiner Schriften den Anfang des so genannten Organon. Wie fast alle der aristotelischen Schriften war auch der Text der Kategorien ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sondern gehört zu den so genannten Pragmatien, die vermutlich ursprünglich Vorlesungsmanuskripte und Materialsammlungen des Aristoteles darstellten.

Inhaltsverzeichnis

Der Aufbau und Titel der Schrift

Die sehr kurze Schrift Kategorien ist vermutlich nicht ganz vollständig überliefert. In der überlieferten Fassung besteht sie aus kurzen 15 Kapiteln. Diese Einteilung stammt vermutlich nicht in allen Punkten von Aristoteles selbst, sondern geht wahrscheinlich auf den späteren Herausgeber seiner Werke Andronikos von Rhodos zurück. Auch der Titel geht vermutlich nicht auf Aristoteles zurück, lag aber wahrscheinlich schon Andronikos im 1. Jahrhundert v. Chr. vor. Möglicherweise war der ursprüngliche Titel der Schrift pro tôn topôn, das der Topik Vorausgehende.[1] Sachlich lässt sich die Schrift in zwei Teile untergliedern:

  • Kapitel 1–9 erläutern explizit die Einteilung in die Kategorien,
  • Kapitel 10–15 thematisieren die Postprädikamente, einige Begriffe, die für diese Einteilung relevant sind.

Gegenstand, Fragestellung und Theorie der Kategorien

Der Gegenstand der Kategorien sind unverbundene, für sich allein stehende sprachliche Ausdrücke (wie „Mensch“; „läuft“) im Gegensatz zu zusammengesetzten (wie „Mensch läuft“). Aristoteles untersucht die verschiedenen Weisen, in denen diese unverbundenen Ausdrücke im Verhältnis zueinander stehen. Er untersucht Aussagen der Form „X ist Y“ und stellt fest, dass es verschiedene Typen dieser Aussage gibt, die voneinander zu trennen sind.[2]

Zu diesem sprachlich-logischen Aspekt tritt ein ontologischer. Denn es scheint so, dass Aristoteles die Verhältnisse, die zwischen diesen Ausdrücken bestehen, als grundlegend und bestimmend für die Verhältnisse zwischen Entitäten auffasst. Der Einteilung der sprachlichen Ausdrücke entspricht eine Einteilung dessen, was es gibt, in ontologische „Kategorien“. Dementsprechend ist eine strikte Trennung von logisch-sprachlichen und ontologischen Elementen oder Theorieanteilen nicht nur schwierig, sondern vielleicht auch gar nicht möglich oder sinnvoll.

Zentral für die Theorie der Kategorien ist der Begriff hypokeimenon, das als Subjekt, Substrat oder Zugrundeliegendes übersetzt werden kann. „Subjekt“ betont dabei einen logischen und sprachphilosophischen Hintergrund, da einem Subjekt Prädikate zukommen. „Substrat“ betont einen ontologischen Aspekt, da ein Substrat Träger von Eigenschaften ist. Dem Zugrundeliegenden kommen Prädikate bzw. Eigenschaften zu. Demjenigen Zugrundeliegenden, das keinem anderen als Prädikat zukommt, kommen dabei alle andere Prädikate bzw. Eigenschaften zu. Die Gruppen, welche diese Prädikate oder Eigenschaften bilden, sind die Kategorien.

Aristoteles vertritt in den Kategorien folgende Thesen:

  1. Letztlich wird alles von einem konkreten individuellen Gegenstand ausgesagt.
  2. Die individuellen Einzelgegenstände sind die ontologisch primären Dinge. Letztlich ist alles Allgemeine von einem Individuellen und alles Nicht-Substanzielle vom Substanziellen abhängig.
  3. Einige allgemeine Prädikate oder Gegenstände (z. B. ‚Mensch‘) stehen in einem besonders engen, nämlich einem notwendigen Verhältnis zu individuellen Prädikaten oder Gegenständen (z. B. ‚Sokrates‘) (anders als z. B. ‚weiß‘).

Die These (2) stellt sich in offensichtlichen Widerspruch zu der Ideenlehre Platons. Dieser hatte die These vertreten, dass das Einzelne vom Allgemeinen (nämlich den Ideen) abhängig sei und dass die allgemeinen ‚Gegenstände‘ (sog. Ideen) das ontologisch Primäre seien. (Vgl. Detel, S. 63–65)[2]

Vier Klassen und das ontologische Quadrat

Aristoteles' grundlegender Gedanke für die Klassifikation besteht in Folgendem: Alles, was es gibt, steht immer in zwei Relationsformen in Beziehung zu einem jeweils Zugrundeliegenden. Es gibt genau vier Möglichkeiten, wie etwas mit einem Zugrundeliegenden in Relation steht:

  • I. Etwas ist in einem Zugrundeliegenden und wird von ihm nicht ausgesagt: eine individuelle Eigenschaft, ein token (z. B. ein individuelles Vorkommnis von der Farbe „weiß“)
  • II. Etwas ist in einem Zugrundeliegenden und wird von ihm ausgesagt: eine allgemeine Eigenschaft, ein type (z. B. die Farbe „weiß“, insofern sie nicht an einem konkreten, einzelnen Gegenstand vorkommt.)
  • III. Etwas ist nicht in einem Zugrundeliegenden und wird von ihm ausgesagt: eine Art oder eine Gattung (z. B. „Mensch“ oder „Lebewesen“)
  • IV. Etwas ist nicht in einem Zugrundeliegenden und wird von ihm nicht ausgesagt: ein konkretes Einzelding (z. B. ein individueller Mensch; Sokrates).

Das folgende Schema zeigt diese vier Möglichkeiten:

ist nicht in einem Zugrundeliegenden ist in einem Zugrundeliegenden
wird nicht von einem
Zugrundeliegenden ausgesagt
IV. erste Substanz (Sokrates, der indiv. Mensch) I. individuelle Eigenschaft (Akzidenz)
(weiß; das indiv. grammatische Wissen)
wird von einem
Zugrundeliegenden ausgesagt
III. zweite Substanz (die Gattung Mensch) II. allgemeine Eigenschaft (Akzidenz)
(Das Weiße; das allg. grammatische Wissen)

Die Relationen

Die beiden Relationen, mit denen Aristoteles alles in vier Klassen unterteilt, fasst er dabei folgendermaßen (hierbei ist jeweils (ii) entscheidend): Das In-Sein, die Inhärenzrelation eines Prädikates in einem Zugrundeliegenden liegt genau dann vor, wenn das Prädikat

  • (i) nicht Teil des Zugrundeliegenden ist und
  • (ii) nicht unabhängig existieren kann von dem Zugrundeliegenden. (Vgl. Cat. 2, 1a24–25)

Beispielsweise ist das Weiß des Sokrates (seine Hautfarbe; oder das Weiß in seinem Bart) nicht Teil von ihm (in dem Sinne, wie seine Hand ein Teil ist, nämlich als wesentlicher Bestandteil, der selbst Substanz ist (vgl. Cat. 5, 3a29–31); auch kann das Weiß nicht ohne Sokrates existieren (Sokrates aber ohne dieses Weiß. So könnte sich etwa seine Haut verfärben).

Das Ausgesagt-Werden, die Prädikation liegt genau dann vor, wenn dasjenige, was von dem Subjekt oder dem Zugrundeliegenden prädiziert wird,

  • (i) wahrheitsgemäß prädiziert wird und
  • (ii) seine Definition (die vollständige sowie Teile von ihr) wahrheitsgemäß von dem Zugrundeliegenden prädiziert werden kann.

Beispielsweise kann das Prädikat „Mensch“ von dem Zugrundeliegenden „Sokrates“ wahrheitsgemäß ausgesagt werden; ebenso kann die Definition von „Mensch“ „zweibeiniges Lebewesen“ – sowie ihre Teile – von „Sokrates“ wahrheitsgemäß ausgesagt werden.

Mittels der Inhärenzbeziehung trennt Aristoteles das Substanzielle vom Nicht-Substanziellen, mittels der Prädikation das Allgemeine vom Individuellen. Die Inhärenzbeziehung zeigt, dass sich der logische und der ontologische Aspekt in der Theorie nicht immer trennen lassen. Denn hier verhalten sich die beiden Aspekte komplementär zueinander: Dem Subjekt „Sokrates“ kommt das Prädikat „weiß“ genau dann zu, wenn dem Gegenstand Sokrates die Eigenschaft weiß zukommt.

Die Kategorienliste

Aristoteles zählt eine Liste von zehn Kategorien auf (vgl. Cat. 4, 1b25ff.):

Bezeichnung griechisch Frage Beispiel
Substanz ousia, ti esti Was ist etwas? Mensch, Pferd
Quantität poson Wie viel/groß ist etwas? zwei Ellen lang
Qualitatives poion Wie beschaffen ist etwas? weiß, des Lesens kundig
Relation pros ti In welcher Beziehung steht etwas (zu etwas)? doppelt, halb, größer
Ort pou Wo ist etwas? im Lyzeum, auf dem Marktplatz
Zeit pote Wann ist etwas? gestern, voriges Jahr
Lage keisthai In welcher Position ist etwas? es ist aufgestellt, sitzt
Haben echein Was hat etwas? hat Schuhe an, ist bewaffnet
Tun poiein Was tut etwas? schneidet, brennt[3]
Erleiden paschein Was erleidet etwas? wird geschnitten, gebrannt

Die substanzielle Kategorie 1 dieser Liste fällt unter die Klasse III, die akzidentellen Kategorien 2 bis 10 fallen unter die Klassen I und II. In der Auswahl der Kategorien orientiert sich Aristoteles offenbar an der (griechischen) Sprache. Viele dieser Kategorien werden durch Pronomina ausgedrückt, die entweder als Indefinitpronomen (etwas, irgendwieviel, usw.) aufgefasst werden können oder als Fragepronomen. Dementsprechend gelangt Aristoteles vermutlich zu seiner Liste der Kategorien, indem er die Möglichkeiten dessen analysiert, was über einen Gegenstand gesagt oder gefragt werden kann („Was ist X?“, „Wie groß ist X?“ usw.). Dabei scheint er die Vollständigkeit dieser Liste anzunehmen, auch wenn er keine systematische Ableitung anführt.

Substanzielle Kategorien

Substanzen sind diejenigen Dinge, in denen Prädikate, Eigenschaften vorkommen, die aber selbst nicht in einem Zugrundeliegenden vorkommen. Eine Substanz ist selbst ein Zugrundeliegendes. Dem entspricht in der Struktur eines Aussagesatzes, dass ein Subjekt (hypokeimenon) nicht von einem Prädikat prädiziert wird (,Weiß ist Sokrates‘) sondern nur umgekehrt (im Griechischen würde – wie im Deutschen auch – dieser Satz als eine Aussage über Sokrates und nicht über ‚weiß‘ verstanden werden.) Aristoteles unterscheidet mittels der Relation des Ausgesagt-Werden zwei Typen Substanzen: eine erste Substanz (prôtê ousia) und eine zweite Substanz (deutera ousia).

Erste Substanz

Erste Substanzen werden nicht von einem Zugrundeliegenden ausgesagt. Beispiele für erste Substanzen sind konkrete, individuelle Gegenstände, etwa ein individuelles Pferd. Aristoteles nennt folgende Kriterien dafür, dass eine erste Substanz vorliegt: Für eine erste Substanz gilt:

  • Sie ist ein bestimmtes Dieses (tode ti), d. h.
    • individuell und
    • der Zahl nach eins, was gleichbedeutend damit ist, unteilbar zu sein. (Vgl. Cat. 5, 3b10 ff.)
  • Einer ersten Substanz ist nichts konträr. (Vgl. Cat. 5, 3b 24 ff.)
  • Sie weist kein mehr oder weniger auf. (Vgl. Cat. 5, 3b 34 ff.)
  • Sie ist für Konträres empfänglich. (Dies ist ihr „am meisten eigentümlich (idion)“, d. h. für Konträres empfänglich kommt nur der Substanz zu). (Cat. 5, 4a 10 ff.)

Aristoteles vertritt bezüglich der ersten Substanz folgende These: „Alles andere aber wird entweder von den ersten Substanzen als dem Zugrundeliegenden ausgesagt oder ist in ihnen als dem Zugrundeliegenden.“ (Cat. 5, 2a34 ff.) Damit ist die erste Substanz ontologisch prioritär.

Zweite Substanz

Zweite Substanzen werden von einem Zugrundeliegenden ausgesagt, nämlich von ersten Substanzen. Zweite Substanzen sind Spezies und Gattungen, beispielsweise Mensch oder Lebewesen. Substanzen nennt Aristoteles diese allgemeinen Gegenstände, weil nur sie es sind, „die die erste Substanz erkennbar machen. Denn wenn man von dem individuellen Menschen angeben soll, was er ist, so wird man passenderweise die Art oder die Gattung angeben“. (Cat. 5, 2b 32 ff.) Ein weiterer Grund ist, dass alles (was nicht von den ersten ausgesagt wird) von den zweiten Substanzen ausgesagt wird. Aristoteles nennt also die Spezies und Gattungen deshalb Substanzen, weil sie einen hohen Erklärungswert auf die Frage „Was ist X?“ haben und weil sie ontologisch primär gegenüber den Prädikaten der anderen Kategorien sind.

Eigenschaften: Die übrigen, nicht-substanziellen Kategorien

Alles dasjenige, was in einem Zugrundeliegenden ist, ist für Aristoteles eine akzidentelle Eigenschaft. Diese können entweder individuell sein (d. h. in Klasse I fallen) oder allgemein (in Klasse II). Diese Eigenschaften fallen unter die Kategorien 2–9. Sie alle sind ontologisch von einer (ersten) Substanz abhängig, d. h. sie können nicht selbstständig existieren.

Der überlieferte Text ist unvollständig. Er behandelt nicht alle Kategorien. Er ist beschränkt auf die Quantität (Kap. 6), das Relative (Kap. 7), die Qualität (Kap. 8) und zwei Sätze über das Wirken und Leiden (Kap. 9). Ob in der ursprünglichen Fassung die übrigen Kategorien behandelt worden sind, ist jedoch unklar.

Die Kapitel 10–14 thematisieren die so genannten Postprädikamente, das sind Begriffe wie „Gegensatz“ und „früher“, die die Kategorien näher erläutern.

Entstehung, Überlieferung und Rezeption

Vermutlich entstand die Schrift Kategorien zu der Zeit des ersten Athenaufenthaltes des Aristoteles, als er Mitglied der Platonischen Akademie war. Vermutlich geht ihr die Topik voraus, die ebenfalls eine (leicht abweichende) Aufzählung aller zehn Kategorien aufweist. Die Funktion der Kategorien in den Kategorien scheint gegenüber der in der Topik erweitert, indem nun mit dem Konzept der ersten Substanz (die in der Topik nicht vorkommt) eine ontologische These darüber aufgestellt wird, was ontologisch prioritär ist. Da Aristoteles in dieser Theorie die individuellen Einzelgegenstände als Grundlage alles Seienden erklärt, scheint er hiermit implizit ein Konkurrenzmodell zu der Theorie Platons entwickelt zu haben. Dieser argumentiert dafür, dass die allgemeinen Gegenstände (nämlich die Ideen bzw. die obersten Gattungen) ontologisch prioritär sind. Es ist dabei auffällig, dass Aristoteles Platon – anders als in vermutlich späteren Schriften – bei dieser kritischen Auseinandersetzung niemals nennt und auch keine derartige Theorie explizit kritisiert.

Zusammen mit De Interpretatione sind die Kategorien das am meisten rezipierte Werk des Aristoteles, vielleicht der Philosophie insgesamt. Diese beiden Werke waren Grundlage des Philosophieunterrichts seit der römischen Kaiserzeit. Sie wurden seit dieser Zeit ins Lateinische (4. Jh.), Armenische, Syrische (5. Jh.), später ins Arabische (9. Jh.), Althochdeutsche (11. Jh.) und danach in andere Sprachen übersetzt.

Die gesamte nachfolgende antike Philosophie rezipierte Aristoteles’ Lehre von den Kategorien. Dabei trat in der älteren Stoa der sprachlich-logische Aspekt in den Hintergrund. Für die folgende Antike blieb der ontologische Gesichtspunkt dominant. Plotin kritisiert Aristoteles’ Kategorienlehre, indem er zu den Kategorien, die sich auf sinnlich wahrnehmbare Welt beziehen, solche hinzufügt, die sich auf die denkbare Welt beziehen. Sein Schüler Porphyrios verfasste einen Kommentar sowie die im Mittelalter einflussreiche Isagoge (Einführungsschrift in die Kategorien). Weitere wichtige und erhaltene Kommentare stammen von Boethius und Simplikios. Simplikios argumentiert gegen Plotins Auffassung, Aristoteles’ Kategorien müssten um einen weiteren, sich auf die denkbare Welt beziehenden Kategorientypus ergänzt werden. In der Folge setzt sich die Auffassung durch, dass die aristotelischen Kategorien für eine Beschreibung der Welt hinreichend seien. (Vgl. Oehler 43 ff.)

In der Philosophie des Mittelalters bildeten die Kategorien und De Interpretatione bis ins 12. Jahrhundert gemeinsam mit der Isagoge des Porphyrios die – später so genannte – alte Logik, die Logica vetus. Im philosophischen Unterricht des Mittelalter waren diese von Boethius ins Lateinische übersetzten und kommentierten Schriften die Einleitung im Curriculum der Logica. ([Vgl. Oehler, 128; 44]) Thomas von Aquin versucht eine Deduktion der Kategorien, wobei er die seit der Antike vorherrschende Grundannahme, dass Denken, Sprache und Sein als parallel aufzufassen seien, nicht thematisiert. Diese Grundannahme wird erstmals von Wilhelm von Ockham kritisiert, der die Kategorien aufgrund seines Nominalismus als Verstandesdinge (entia rationis) auffasst; diese Trennung und die daraus resultierende Auffassung lässt sich als Anstoß der neuzeitlichen Erkenntnistheorie ansehen. (Vgl. Oehler 48 f.)

Immanuel Kant interessiert weniger ein ontologischer als ein transzendentallogischer Aspekt an den Kategorien als entsprechenden Grundbegriffen. Er wirft Aristoteles in der Kritik der reinen Vernunft unter anderem vor, seine Kategorien willkürlich zusammengestellt zu haben.

„Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des A r i s t o t e l e s, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein Principium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und trieb deren zuerst zehn auf, die er K a t e g o r i en (Prädikamente) nannte.“

KrV B 107 (Hervorhebung im Original)

Kategorien haben einen zentralen Platz in der kantischen Erkenntnistheorie. Als reine Verstandesbegriffe sind sie für ihn die Bedingung der Möglichkeit von objektiver Erkenntnis. Deshalb kritisiert Kant an Aristoteles, dass dieser nicht – im Gegensatz zu ihm selbst – die Vollständigkeit der Kategorien und die Möglichkeit des Bezuges von derartigen reinen Verstandesbegriffen auf Gegenstände bewiesen habe.

Schopenhauer strich von den 12 kantischen Kategorien alle bis auf die Kausalität. Hier kündigt sich schon eine gegen alle Kategorien grundsätzlich skeptische Philosophie an, wie sie dann besonders bei Nietzsche begegnet.[4] – Neu aufgegriffen haben das Kategorienproblem Eduard von Hartmann (1923) und Nicolai Hartmann (1949).[5][6] Nur in der subjektiven Form eines individuellen Bewusstseins besteht das Phänomen „einer unmittelbaren (apriorischen) Gegebenheit“ (N. Hartmann a.a.O.).

In der Philosophie der Gegenwart wurde die Kategorienlehre des Aristoteles insbesondere auch in der Ordinary Language Philosophy der Analytischen Philosophie aufgegriffen, prominenterweise von Gilbert Ryle in The Concept of Mind. Was die Kategorienlehre Kants betrifft, so kann diese Richtung als konsequente Fortsetzung der schon bei Schopenhauer und Nietzsche feststellbaren Skepsis gegen eine prinzipielle Kategorienlehre Kants aufgefasst werden. Die Beachtung von Kategorien sind hier eine Möglichkeitsbedingung sinnvoller Aussagen. Kategorien sind für Ryle dabei weder vollständig ableitbar, da ihre Anzahl unbestimmt sei, noch systematisch anzuordnen. (Vgl. Oehler 58)

Die Echtheit der Schrift (bzw. Teile der Schrift, insbesondere der Postprädikamente) ist bestritten worden. Gründe hierfür waren, dass Aristoteles sich an keiner anderen Stelle auf die Kategorien bezieht und dass die Substanzlehre der Metaphysik teilweise nicht vereinbar mit der der Kategorien ist. Vereinzelt wurde die Unechtheit schon in der Antike vertreten, vor allem aber im 19. und 20. Jahrhundert. Heute wird im Allgemeinen angenommen, dass die Schrift, von wenigen interpolierten Zeilen abgesehen, von Aristoteles stammt.

Siehe auch

Textausgaben

  • Lorenzo Minio-Paluello (Hrsg.): Aristotelis categoriae et liber de interpretatione, Oxford University Press, Oxford 1949 (maßgebliche kritische Ausgabe)
  • Bekker (veralteter Text), Online

Übersetzungen

deutsch
englisch
 Wikisource: Categories – Quellen und Volltexte (Englisch)
lateinisch (spätantik und mittelalterlich)
  • Aristoteles: Categoriae vel praedicamenta, hg. Lorenzo Minio-Paluello, Bruges - Paris 1961 (Aristoteles Latinus, Bd. I.1-5)

Literatur

Weblinks

  • Paul Studtmann: Eintrag, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)Vorlage:SEP/Wartung/Parameter 1 und Parameter 3 und nicht Parameter 2
  • Textausgaben (altgriechisch, arabische Übersetzungen), Amund Bjørsnøs u. a., Oslo Arabic Seminar

Anmerkungen

  1. Edmund Braun: Peri tôn katêgoriôn. In: Franco Volpi (Hrsg.): Großes Werklexikon der Philosophie, Kröner, Stuttgart 2004, S. 82 f.
  2. a b Wolfgang Detel: Aristoteles, Reclam, Stuttgart 2005
  3. schneiden, brennen sind zwei Techniken der zeitgenössischen Medizin
  4. Schischkoff, Georgi (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner-Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5, S. 352
  5. Eduard von Hartmann: Kategorienlehre. 2.Auflage 1923
  6. Nicolai Hartmann: Der Aufbau der realen Welt. Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre. 2. Auflage 1949
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