Polemik

Polemik (von griechisch πολεμικός polemikós ‚feindselig‘ bzw. πόλεμος pólemos ‚Krieg, Streit‘)[1] bezeichnet einen meist scharfen Meinungsstreit im Rahmen politischer, literarischer oder wissenschaftlicher Diskussionen. Der Begriff hat historisch einen Wandel erfahren, die ursprüngliche Bedeutung von Polemik war Streitkunst, ein literarischer oder wissenschaftlicher Streit, eine gelehrte Fehde.

Inhaltsverzeichnis

Kennzeichen

Polemisieren heißt, gegen eine (bestimmte andere) Ansicht zu argumentieren. Der Polemiker sucht nicht zwingend den Konsens, sondern versucht im rhetorischen Wettstreit seinen Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen (vgl. auch Eristik). Als Gegensatz dazu wird auch die Apologie genannt, obgleich natürlich auch eine solche (Literatur betreffende) Rechtfertigungs- bzw. Verteidigungsrede durchaus polemisch sein kann. Das heute nur noch selten benutzte Wort Irenik ist als weiterer Kontrastbegriff zu Polemik anzusehen.

Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe und direkte Äußerungen, teilweise auch persönliche Angriffe. Gelegentliches Ziel ist das Demaskieren eines Opponenten im Glaubens- und Meinungsstreit. Gegebenenfalls bedeutet dies auch die – mehr oder weniger – subtile Beschuldigung des Opponenten, keineswegs jedoch den Verzicht auf sachliche Argumente. In der klassischen Rhetorik spricht man in einem solchen Fall von der argumentatio ad hominem (das auf die Person gerichtete Argumentieren). Dies meint das Bloßstellen, das Überführen eines Gegners, wobei man zum Beispiel seine Glaubwürdigkeit, seine Reputation und ggf. auch seine Integrität insgesamt anzweifelt, indem man evtl. Widersprüchlichkeiten seiner Ausführungen bzw. seiner Handlungen oder Unterlassungen unmittelbar zu seinen öffentlich proklamierten Einstellungen und Absichten aufzeigt.[2]

Häufig wird mit den Mitteln der Übertreibung, der Ironie und des Sarkasmus gearbeitet oder vom Strohmann-Argument Gebrauch gemacht.

Polemik als theologische Disziplin

In der deutschsprachigen systematischen Theologie wurde insb. im 18. und 19. Jahrhundert innerhalb unterschiedlicher Systematisierungen der theologischen Aufgabenbereiche des Öfteren neben der christlichen Apologetik auch von einem Tätigkeitsfeld bzw. einer Disziplin „Polemik“ gesprochen, sowohl in Lehrbüchern und sonstigen Publikationen[3] wie auch in Lehrstuhlbezeichnungen, so etwa seit 1783 in Bonn. Üblicherweise ist damit die Darstellung theologischer Lehrdifferenzen teils auch einschließlich Einwendungen gegen Alternativen gemeint und die Wortverwendung etwa der heutigen Rede von „Kontroverstheologie“ synonym, überschneidet sich aber auch mit Themenfeldern und Aufgabenbereichen, die sonst auch der Apologetik zufielen bzw. heute – dann aber üblicherweise eher integrativ als konfrontativ – der Fundamentaltheologie zufallen. Bewusst abweichend[4] ist die Wissenschaftsbestimmung, die Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher in seinem Vorschlag zur Struktur der theologischen Wissenschaft gibt: die Apologetik richte sich nach „außen“, die Polemik nach „innen“, um die eigene Lehrgestalt zu reinigen.

Bekannte Polemiker

Für ihre Polemik bekannt waren im deutschen Sprachraum unter anderem Gotthold Ephraim Lessing, Arthur Schopenhauer, Heinrich Heine, Karl Marx und Karl Kraus. Unter den zeitgenössischen deutschen Autoren traten unter anderem Eckhard Henscheid und Henryk M. Broder mit Polemiken hervor. Als bekannteste Polemiker der deutschen Nachkriegspolitik sind vor allem Herbert Wehner und Franz Josef Strauß zu nennen. Im aktuellen politischen Kabarett engagiert sich besonders Georg Schramm in einer polemischen Schärfe, die an Herbert Wehner erinnert. Der 2008 tödlich verunglückte Landeshauptmann von Kärnten, Jörg Haider, gilt als einer der markantesten Polemiker im deutschen Sprachraum der letzten 50 Jahre.

Als herausragende englischsprachige Vertreter gelten Ambrose Bierce, Jonathan Swift und Oscar Wilde. Bekannte zeitgenössische US-amerikanische Polemiker sind der Filmregisseur und Autor Michael Moore sowie die Kolumnistin Ann Coulter.

Siehe auch

Literatur

  • Wilhelm Emrich: Polemik. Streitschriften, Pressefehden und kritische Essays. Athenäum, Frankfurt am Main 1968
  • Donald Kagan, Charles D. Hamilton, Peter Krentz (Herausgeber): Polis and Polemos: Essays on Politics, War, & History in Ancient Greece. In Honor of Donald Kagan. Regina Books, 1997, ISBN 0-941690-75-X
  • Hermann Stauffer: Polemik. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 6: Must – Pop. Tübingen 2003
  • Stefan Straub: Der Polemiker Karl Kraus. Drei Fallstudien. Tectum, 2004, ISBN 3-8288-8678-7
  • Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit. – 2., korr. Aufl. – Verlag Wilhelm Fink, 1989. – ISBN 3-7705-2599-X

Quellen

  1. Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. G. Freytag Verlag/Hölder-Pichler-Tempsky, München/Wien 1965.
  2. Julius Caesar – „Die berühmte Leichenrede, ein Meisterstück demagogischer Rhetorik, ist von Shakespeare selbständig ausgearbeitet: Plutarch nimmt nur Notiz von der Tatsache und ihrer Wirkung. [..] Der Idealist Brutus glaubt, wenn er den Bürgern ganz offen und wahr, verstandesmäßig, ohne jeden rhetorischen Aufputz ihre Sache darlege, werden sie sein Tun billigen. Und dann muß er sehen, wie auf seine nüchterne Rede die des Antonius folgt, voll stärkster rhetorischer Effekte, wie die des Advokaten auf die des Gelehrten, und wie Antonius die Masse mit sich fortreißt.“
  3. Einen Überblick gibt Karl Werner: Geschichte der apologetischen und polemischen Literatur der christlichen Theologie, 5 Bände, Zeller, Osnabrück 1861–1867, Online.
  4. Schleiermacher spricht von der „weit gewöhnlicher so genannte[n] nach außen gekehrte[n] besondere[n] Polemik der Protestanten zum Beispiel gegen die Katholiken“ und der „allgemeine[n] der Christen gegen die Juden oder auch die Deisten und Atheisten“, die „mit unserer Disciplin nichts gemein hat, andererseits auch schwerlich von einer wohl bearbeiteten praktischen Theologie als heilsam dürfte anerkannt werden“. Kurze Darstellung des theologischen Studiums, 2. A. 1830, § 41.

Weblinks

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