7000 Eichen
„Stadtverwaldung”, Kassel, erste gepflanzte Eiche vor dem Museum Fridericianum bei Nacht

7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung ist ein Landschaftskunstwerk des Künstlers Joseph Beuys, das 1982 auf der documenta 7 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Beuys pflanzte mit der Hilfe von freiwilligen Helfern im Verlauf mehrerer Jahre 7000 Bäume zusammen mit jeweils einem begleitenden Basaltstein an unterschiedlichen Standorten in Kassel.

Das Projekt war im Hinblick auf die allgemeine Verstädterung eine umfangreiche künstlerische und ökologische Intervention mit dem Ziel den urbanen Lebensraum nachhaltig zu verändern. Das anfangs umstrittene Projekt hat sich zu einem stadtbildprägenden Bestandteil des öffentlichen Raums der Stadt Kassel entwickelt.

Im Jahr 1987 konnte das umfangreiche Projekt zur documenta 8 abgeschlossen werden.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Zur documenta 7 lagen die Basaltstelen auf dem Friedrichsplatz

Im Rahmen der Free International University (FIU) richtete Beuys ein Koordinationsbüro in Kassel ein, dessen Hauptaufgabe in der Finanzierung (Ankäufe und Spenden), in der Zusammenarbeit mit der Stadt Kassel (Genehmigungsverfahren der Baumstandorte) und in der Planung und Durchführung der Pflanzungen bestand.

„Ich wollte ganz nach draußen gehen und einen symbolischen Beginn machen für ein Unternehmen, das Leben der Menschheit zu regenerieren innerhalb des Körpers der menschlichen Gesellschaft, und um eine positive Zukunft in diesem Zusammenhang vorzubereiten.“

Joseph Beuys in Fernando Groener, Rose-Maria Kandler: 7000 Eichen.[1]

Unter dem Motto „7000 Eichen – Stadt-verwaldung statt Stadt-verwaltung”, ließ Beuys zur documenta 7, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, vor dem Fridericianum in Kassel 7000 Basaltblöcke in Form eines riesigen keilförmigen Dreiecks auf dem Friedrichsplatz deponieren, mit dem Ziel, den Berg nach und nach abzutragen. „An der Spitze dieses Steinbergs pflanzte Beuys den ersten von 7000 Bäumen; direkt neben der Eiche verankerte er eine der Basaltsäulen vertikal im Boden.“[2] Jeder, der 500 DM spendete, durfte einen Basaltblock entfernen und dafür an anderer Stelle ein Eichenbäumchen einpflanzen, dem daraufhin der jeweilige Steinblock zugesellt wurde. Beuys kam es bei dieser Aktion darauf an,

„ ... dass jedes einzelne Monument aus einem lebenden Teil besteht, eben dem sich ständig in der Zeit verändernden Wesen Baum, und einem Teil, der kristallin ist und also eine Form, Masse, Größe, Gewicht beibehält“

Armin Zweite: Joseph Beuys: Natur, Materie, Form.[3]

Finanzierung

Die New Yorker Dia Art Foundation, heute Dia Center for the Arts, hatte einen Beitrag zum Anlauf des Projekts geleistet.[4][5] Der Restbetrag sollte durch Spenden von Privatleuten, Firmen und Institutionen finanziert werden. Ein Baum kostete 500 Mark (255 Euro).

Trotz der internationalen Popularität des Künstlers reichte das Spendenaufkommen nicht für die Finanzierung des ökologischen Vorhabens aus, so dass Beuys gezwungen war, einen großen Teil der Gelder selbst aufzubringen.

Durch den Verkauf eines „Friedenshasens“ an den Stuttgarter Sammler Joseph W. Froehlich erwirtschaftete Beuys 777.000 Mark (397.000 Euro). Zudem machte Beuys eine Whisky-Reklame für die Marke Nikka im japanischen Fernsehen zu Gunsten der Aktion, samt eingeblendetem Hinweis: „Joseph Beuys ist hier aufgetreten, seine ökologischen Unternehmen zu fördern.“ Der Satz: „Ich habe mich vergewissert, der Whisky war wirklich gut.“ brachte allein 400.000 DM. Beuys kommentierte diesen Einsatz mit der Bemerkung: „Ich habe mein ganzes Leben lang geworben, aber man sollte sich mal dafür interessieren, wofür ich geworben habe.“ [6] Des Weiteren vermarktete Beuys Eichen-Poster.

Weitere Unterstützung in Höhe von rund einer Million Mark erhielt Beuys durch den Verkauf von Kunstwerken im April 1985 in der Kunsthalle Tübingen, die 34 Künstler, darunter Sandro Chia, Walter Dahn, Jannis Kounellis und Andy Warhol gestiftet hatten.

Das Werk 7000 Eichen ist mit rund 4,3 Millionen Mark (2,2 Millionen Euro) die größte und folgenreichste Aktion seiner Karriere und insgesamt eine der teuersten Kunst-Aktionen seiner Zeit.

Umsetzung

Es sollte fünf Jahre dauern, bis die letzte Basaltstele, die mit jedem gepflanzten Baum gesetzt wurde, von dem aufgetürmten Haufen vor dem Museum Fridericianum an ihren Bestimmungsort transportiert wurde. Neben Stieleichen, amerikanischen Sumpf-Eichen und Roteichen wurden und werden 36 andere Baumarten gepflanzt, darunter drei Ginkgos, je ein Eschen-Ahorn, eine Gleditschie sowie ein Tulpenbaum.

Beuys erlebte das Ende seiner Pflanzaktion nicht mehr; er starb am 23. Januar 1986.

1987, während der documenta 8, waren unter anderen auch die Witwe Eva Beuys und der gemeinsame Sohn Wenzel Beuys anwesend, um das Werk zu vollenden. Der Sohn pflanzte am 12. Juni 1987 den letzten Baum neben die erste Eiche vor dem Fridericianum. Den ersten Baum hatte Beuys am 16. März 1982 gepflanzt.

Wahrnehmung in der Öffentlichkeit

„7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung”, Kassel, Wegmannstraße, von O (24. Dezember 2003)

Besonders zu Anfang stieß Beuys' Vorhaben vielfach auf Unverständnis, Unmut oder gar Widerstand. So wurde der Steinhaufen noch 1982 mit rosa Farbe übergossen, und anstelle einer Stadtverschönerung erwarteten viele Bürger mehr „Laub und Vogelscheiße.“ Als sich kurz danach noch ein Autofahrer an einem Basaltstein zu Tode fuhr, wurde der Protest noch größer. Mit jedem gepflanzten Baum nahm jedoch die Akzeptanz zu, und inzwischen gehören die Kombinationen aus Baum und Stein ganz selbstverständlich zum Stadtbild.

Das als „soziale Plastik“ bezeichnete Kunstwerk greift nicht nur nachhaltig in das topographische und gesellschaftliche Gefüge der Stadt ein, es verpflichtet auch zu aktiver Pflege und bleibt auf diese Weise lebendig.

Die Anzahl der über die gesamte Fläche der Stadt verteilten Bäume ist nicht konstant. Abgestorbene Bäume werden nicht immer sofort nachgepflanzt, manche müssen Baumaßnahmen weichen, und nicht immer sind Ersatzstandorte unmittelbar verfügbar. Laut Kataster wurden im Herbst 2002 genau 6959 Bäume gezählt.

Der Landschaftsarchitekt Johannes Steiner aus Stuttgart sammelte die Früchte der Eichen, steckte sie in Blumentöpfe und gibt die daraus wachsenden Pflanzen seitdem an Baumpaten weiter (Projekt Eichenfeld – Erste nachwachsende Generation).

Die Wirkung des Werkes auf die Öffentlichkeit ist nach wie vor hoch. Rhea Thönges-Stringaris (Kassel) schreibt dazu:

„Es gibt wohl kaum jemanden in Kassel, der nicht fast täglich, ob in Alleen-Reihen oder auf Plätzen, Beuys-Bäumen begegnet: Ein Baum, ein Stein. Wir haben uns an sie gewöhnt. Sie sind Teil unseres Alltags und zugleich Bestandteile einer ungewöhnlichen, weil letztlich unsichtbaren Skulptur. Niemand kann sie je als Ganzes sehen. Bekanntlich ist ‚Skulptur‘ im herkömmlichen Sinne ohne ihre Umrisse nicht denkbar. Doch Umrisse werden bei 7000 Eichen nicht mal auf dem Papier, auf dem Stadtplan, greifbar.“

Olaf-Axel Burow und die Projektgruppe Zukunftsmoderation der Universität Kassel initiierten 2002 im Rahmen der Kassler Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas ein Projekt unter dem Motto 7000 Zeichen, die in Bezug auf Beuys Soziale Plastik und der Aktion 7000 Eichen eine ästhetische Tiefenstruktur der Stadt Kassel und ihrer Bürger sichtbar machen sollte. Das kreative Potential der Bürger soll durch zeitgleich stattfindende Zukunftswerkstätten verdeutlicht werden.

Erweiterung des Werks

Das Dia Center for the Arts, das Beuys 1986 bei seinem Projekt finanziell unterstützt hatte, pflanzte 1988 fünf Bäume, jeweils mit einem Basaltstein, in der 548 West 22nd Straße in New York. Im Mai 1996 wurde das Werk in Zusammenarbeit mit der Parkverwaltung der Stadt New York, der New York Tree Trust, der Arthur Ross Foundation sowie lokalen Galerien und privaten Teilnehmern um 18 neue Bäume erweitert. Neben Sumpf- und Roteichen wurden u. a. auch Linden und Ginkgos gepflanzt.

Rezeption

Das Landschaftskunstwerk 7000 Eichen – Stadt-verwaldung statt Stadt-verwaltung ist eine Aktion, mit der Beuys die urbane Lebensqualität durch Aufforstung verbessern wollte. Durch die Teilnahme des Publikums an der künstlerischen Gestaltung machte er der Öffentlichkeit die Notwendigkeit der Umwelterhaltung bewusst.

Die Zeitdimension wird verdeutlicht durch das uralte Basaltgestein wie auch durch die langlebigen Eichen, die bis zu 700 Jahre alt werden können. Wie der Mensch unterliegt auch der Baum dem Wachstum. Er vollzieht eine Metamorphose von der Entwicklung der Blüten, über die Frucht- und Samenbildung, die Wurzelbildung bis hin zum ausgewachsenen Baum.

In der prozesshaften Aktion werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zum Wohl der Gemeinschaft in Einklang gebracht. Sie besteht aus der Pflanzung der Bäume, der Aufstellung der Basaltsteine und dem Wachsen und Vergehen der Bäume in der Stadt.

In dieser künstlerischen und zugleich ökologischen Aktion verbindet Beuys im Sinne des von ihm erweiterten Kunstbegriffs der Sozialen Plastik Kunst und Leben. Das Werk ist nicht nur als sinnvolle, unkonventionelle, künstlerische Beteiligung innerhalb einer 100-Tage-Kunstschau zu betrachten, sondern nachhaltiger als ein pragmatischer Schritt, von der Kunst aus in die Politik, Ökologie und Stadtplanung hineinzuwirken.

Siehe auch

Literatur

  • Joseph Beuys, Bernhard Blume, Rainer Rappmann: Gespräche über Bäume. FIU-Verlag, 2006, ISBN 978-3-928780-11-7

Weblinks

 Commons: 7000 Eichen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Fernando Groener, Rose-Maria Kandler (Hrsg.): 7000 Eichen. König, Köln 1987, ISBN 3-88375-068-9, S. 15f.
  2. Susanne Willisch/ Bruno Heimberg (Hrsg.): Joseph Beuys Das Ende des 20. Jahrhunderts, Die Umsetzung vom Haus der Kunst in der Pinakothek der Moderne München, München 2007 (Doerner Institut; Bayerische Staatsgemäldesammlungen; Schirmer/Mosel), S. 62
  3. Armin Zweite (Hrsg.): Joseph Beuys: Natur, Materie, Form. Schirmer-Mosel, München 1991, ISBN 3-88814-453-1 (Zitiert nach kunst.uni-stuttgart.de: Joseph Beuys - Energie, Zugriff am 27. Juni 2010).
  4. Joseph Beuys. 7000 Oaks. Abgerufen am 22. Februar 2007.
  5. Portrait of an art performance. Abgerufen am 22. Februar 2007.
  6. zitiert nach: Reinhard Ermen: Joseph Beuys; Reinbek bei Hamburg 2007 (Rowohlt), S. 114ff.

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