Zeitwahrnehmung

Zeitwahrnehmung ist ein unscharfer Sammelbegriff für kognitive Phänomene wie Zeitgefühl, Gleichzeitigkeit/Nacheinander, Subjektive Zeit oder Zeitqualität. Die richtige mentale Konstruktion dieser Abläufe gehört zu den Grundvoraussetzungen einer erfolgreichen Orientierung in der Umgebung und aktiver Einwirkung auf sie.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

Systematisiert nach den abgebildeten Ursprungsgrößen kann unterschieden werden zwischen

  1. Wahrnehmung der zeitlichen Folge. Sie hat eine Auflösung bis in den Bereich der Millisekunden.
  2. Wahrnehmung von Zeitintervallen - auch Zeitstrecken genannt -, deren Struktur in Abhängigkeit von objektiven, physikalischen Parametern, von physiologischen Größen und psychologisch erfassbaren Faktoren untersucht werden. Die Auflösung dieser Wahrnehmung liegt unterhalb der Zehntelsekunde. Hierzu zählt auch die Wahrnehmung der Reaktionszeit, welche je nach Aufmerksamkeit zwischen 0,3 und 1,5 Sekunden beträgt.
  3. Wahrnehmung von Gegenwart. Der Zeitabschnitt, der jeweils als Gegenwart empfunden wird, dauert etwa 3 Sekunden.

Als Bewegungs- und Geschehenswahrnehmung wird die anschaulich kontinuierliche Seite der Folgewahrnehmung bezeichnet. Anschaulich stetige Bewegung findet unter bestimmten Bedingungen auch dann statt, wenn objektiv diskrete Veränderungen vorliegen (siehe stroboskopische Bewegung). Die wahrgenommene zeitliche Ordnung diskreter Ereignisse oder Bewegungsabschnitte umfasst die Aspekte des zeitlichen Nacheinanders und der Gleichzeitigkeit.

Es konnte gezeigt werden, dass die Folgewahrnehmung innerhalb der gleichen Modalität unter anderem von der Reizintensität (siehe Reiz) und von den Faktoren der Einstellung abhängt. Werden Ereignisse verglichen, die unterschiedliche Sinnesorgane erregen, so hat deren unterschiedliche Ansprechzeit sowie die Verschiedenheit der nervalen Übertragungszeiten bis zur gemeinsamen Widerspiegelung der Ereignisse im zentralen Nervensystem einen wesentlichen Einfluss auf die Folgewahrnehmung. Piagets Experimente widerlegen die Annahme, dass Folgewahrnehmung eine angeborene Fähigkeit sei. "Es gibt keine primitive Intuition der Gleichzeitigkeit."[1]

Im Vordergrund von Untersuchungen zur Wahrnehmung von Zeitintervallen standen Probleme der Unterscheidung von Reizintervallen, einschließlich der Bestimmung der Schwellen, sowie die Analyse des Absoluteindruckes zeitlicher Dauer und die Gesetzmäßigkeiten zeitlicher Intervallschätzung. Größenschätzungen ergaben eine als Potenzgesetz darstellbare Beziehung zwischen objektiven und subjektiven Intervallen mit einem Exponenten nahe eins. Die relative Wahrnehmung von Zeitintervallen hängt jedoch in hohem Maße von Reizbedingungen wie der Ereignisfülle und von psychischen Faktoren, sowie von Monotonieerlebnissen ab.

Ein wichtiger Aspekt von Untersuchungen zur Zeitwahrnehmung ist die Erkennung ausgezeichneter zeitlicher Ereignisanordnungen. Beispiele hierfür sind die zeitliche Wiederholung von Ereignisfolgen und zeitliche Periodizitäten.

Schwellen

Gleichzeitigkeit in der Wahrnehmung der Zeit ist ein komplexeres Phänomen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Folgende Wahrnehmungsschwellen werden unterschieden:

  • Die Schwelle, ab der zwei Ereignisse als getrennt erkannt werden (Fusionsschwelle), ist vom jeweiligen Sinnesorgan abhängig. So müssen optische Eindrücke 20 bis 30 Millisekunden auseinander liegen, um zeitlich getrennt zu werden, während für akustische Wahrnehmungen bereits drei Millisekunden ausreichen.
  • Die Schwelle, ab der die Reihenfolge zweier Reize unterschieden werden kann (Ordnungsschwelle), ist unabhängig von der Art der Wahrnehmung etwa 30 bis 40 Millisekunden, richtet sich aber stets nach der langsamsten Reizübertragung.
  • Darüber hinaus ist die Wahrnehmung der Gegenwart durch einen Drei-Sekunden-Zeitraum angegeben, dieser Zeitraum wird als Gegenwartsdauer bezeichnet.

Objektive und subjektive Zeit

In den Formulierungen der Umgangssprache drückt sich das subjektive Zeitempfinden in Bezug auf das Vergehen der objektiven Zeit aus. Gleichzeitig kommt im jeweiligen Gebrauch dieser Formulierungen eine Wertung von Ereignissen, Zuständen und der eigenen Person zum Ausdruck. Beispiele hierfür sind:

  • (keine) Zeit haben
  • Zeit vergeht (nicht)
  • sich (keine) Zeit nehmen
  • Zeit gewinnen/verlieren
  • jemandem Zeit schenken/stehlen
  • Zeit totschlagen

In der Literatur (z. B. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann) und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre wird bisweilen das Motiv der Abweichung, Umkehrung oder Überwindung des regulären Zeitflusses dargestellt. Als Stilmittel kann die rückwärtige Erzählung einer Geschichte dienen. „Pfeil der Zeit“ von Martin Amis ist hierfür ein gutes Beispiel. Im Film wurde dieses Stilmittel u. a. in „Memento“ verwendet. Weitere Stilmittel sind auch Zeitlupe oder Zeitraffer. Bedeutend ist der Unterschied von Erzählzeit zur erzählten Zeit.

Die Zeitqualität bezeichnet gewisse Kriterien des Empfindens, die mit dem Zeitgefühl verbunden sind. Im parawissenschaftlichen bis esoterischen Umfeld wird versucht, Gesetzmäßigkeiten des Zeitempfindens auch in über die persönliche Wahrnehmung hinausgehende Strukturen einzubetten.

In der Hypnoseforschung gilt Zeitverzerrung, d.h. verlangsamte oder beschleunigte Zeitwahrnehmung, als Trancephänomen.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Jean Piaget: Einführung in die genetische Erkenntnistheorie. suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Frankfurt 1973, S. 82

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