Schweinigel

Schweinigel

Schweinigel ist ein deutsches Schimpfwort und bezeichnet einen unreinlichen oder unmoralischen Menschen. Auch die Bezeichnung Schweinigelei für sexuelle Freizügigkeit oder Zotenreißerei ist verbreitet.

Herkunft

Im Wörterbuch Adelungs erscheint der Schweinigel [1] oder auch Sauigel zunächst als Bezeichnung für eine Unterart gewöhnlicher Igel (Erinaceus europaeus), die durch eine schweinsähnliche Schnauze gekennzeichnet seien, im Gegensatz zum sogenannten „Hundsigel“. Diese unterschiedlichen Populärnamen beruhen aber nur auf Zufälligkeiten des Äußeren (wobei der Schweinigel größer und heller in der Färbung sein soll) und sind nicht Teil der zoologischen Systematik.[2]

Dieser Bedeutung entspricht das Erscheinen des Schweinigels in dem bekannten Märchen „Der Hase und der Igel“, dort in der plattdeutschen Form „Swinegel“ als schlauer Kontrahent des Hasen und in sämtlichen Darstellung klar erkennbar als gewöhnlicher Igel.

Dann ist Schweinigel laut Adelung die Bezeichnung des Stachelschweins (Hystrix), und dann übertragen für einen äußerst unreinlichen Menschen, wobei die Unreinlichkeit dem Stachelschwein zugeschrieben wird. Dies kann aber als Adelungs Erfindung gelten, da es keinen Beleg dafür gibt, dass das Stachelschwein als ein spezifisch unreinliches Tier gegolten hätte.

Vielmehr kann Schweinigel als Bezeichnung für einen nichtswürdigen, verkommenen Menschen auf die im 18. Jahrhundert verstärkt einsetzende deutsche Shakespeare-Rezeption zurückgeführt werden, und das tut auch Grimm.[3] In Shakespeares Richard III. gibt es nämlich die folgende Stelle:[4]

ANNA.
Du warst gereizt von deinem blut'gen Sinn,
Der nie von anderm träumt' als Metzgerei'n.
Hast du nicht diesen König umgebracht?
GLOSTER.
Ich geb' es zu.
ANNA.
Zugibst du's, Igel? Nun, so geb' auch Gott,
Daß du verdammt seist für die böse Tat!

„Zugibst du's, Igel?“ lautet im Original: „Do'st grant me Hedge hogge?“ und hier ist (auf den Schurken Gloster gemünzt) vom „Hedgehog“ (wörtlich: „Heckenschwein“) die Rede, dem Igel. Daher „Igel“ oder eben „Schweinigel“ als Bezeichnung für „Schurke“ oder „verkommenes Subjekt“ im Deutschen.

Warum der Igel an dieser Stelle erscheint, bleibt zunächst unklar. In den alten Levitikus-Übersetzungen erscheint der Igel in der Liste der unreinen Tiere dort, wo in modernen Übersetzungen der Gecko erscheint (3 Mos 11,30 EU). So in der Lutherbibel von 1545:

Diese sollen euch auch unrein sein unter den Thieren / die auff erden kriechen / Die Wisel / die Maus / die Kröte / ein jeglichs mit seiner art. Der Jgel / der Molch / die Aydex / der Blindschleich / und der Maulworff.

Dementsprechend scheint auch für Shakespeare der Igel in den Katalog der unreinen Tiere gehört zu haben, zum Beispiel in Ein Sommernachtstraum[5]:

Bunte Schlangen, zweigezüngt!
Igel, Molche, fort von hier!
Daß ihr euren Gift nicht bringt
In der Königin Revier!

Im Original:

You spotted Snakes with double tongue,
Thorny Hedgehogges be not seene,
Newts and blinde wormes do no wrong,
Come not neere our Fairy Queene.

Dem Schweinigel und Sauigel verwandte Bildungen von Schimpfworten sind reichlich vorhanden: Dreckigel, Haarigel (nicht zu verwechseln mit den stachellosen Igelverwandten Haarigeln), Saumichel und Saunickel, wobei Saunickel sich vermutlich nicht von „Igel“, sondern von „Nickel“ (Geizhals) herleitet.[6]

Der Sauigel taucht auch als Fastnachtsfigur der alemannischen Fasnacht in Empfingen auf.

Einzelnachweise

  1. Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Bd. 3, Leipzig 1798, S. 1734
  2. Brehms Thierleben. Zweiter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Dritter Band: Hufthiere, Seesäugethiere, 2. Aufl., Leipzig 1883, 2. Bd., S. 245
  3. DWB s.v. Igel m. 3) Bd. 10, Sp. 2044
  4. Richard III. 1. Aufzug, 2. Szene. Deutsche Übersetzung: Schlegel/Tieck
  5. Ein Sommernachtstraum 2. Aufzug, 2. Szene
  6. DWB Bd. 14, Sp. 1922

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