Kybele- und Attiskult

Kybele- und Attiskult
Kybele, römisch, um 50 n. Chr., J. Paul Getty Museum, Malibu

Kybele (griech. Κυβέλη, die Große Göttermutter (Megále Meter) vom Berg Ida; lat. Mater Deum Magna Ideae, kurz Magna Mater) ist eine Göttin, die zusammen mit ihrem Geliebten Attis ursprünglich in Phrygien (Kleinasien) und später in Griechenland und Rom verehrt wurde. Der Kybele- und Attiskult war bis in die Spätantike – ähnlich wie der Mithraskult – ein im ganzen römischen Reich verbreiteter Mysterienkult.

Inhaltsverzeichnis

Der Mythos

Nach dem von Pausanias und Arnobius überlieferten Mythos schlief Zeus einmal auf dem Berg Agdos in Phrygien ein und ließ dabei seinen Samen zu Boden fallen. An dieser Stelle wuchs sofort der zwitterhafte Agdistis aus dem Felsen empor. Er hatte ein furchterregendes Wesen und wurde deshalb von den übrigen Göttern kastriert. Der so von seiner Männlichkeit befreite Agdistis wurde zur Großen Mutter Kybele, aus den abgetrennten Genitalien aber entstand Attis. Da Kybele und Attis ursprünglich eine Person waren, zogen sie sich gegenseitig an.

Eine Zeit lang streifen beide glücklich durch die phrygischen Berge, doch dann beschließt Attis, die Tochter des Königs von Pessinus zu heiraten. Die Hochzeit ist schon in vollem Gange, da erscheint die vor Eifersucht rasende Kybele am Hof und schlägt die Hochzeitsgesellschaft mit Wahnsinn. Auch Attis verliert den Verstand. Er rennt hinaus in den Wald und entmannt sich unter einer Pinie, wodurch er verblutet. Kybele bittet Zeus, den Jüngling wieder zum Leben zu erwecken. Doch der gewährt nur, dass der Leichnam des Attis nie verwesen sollte. Kybele bestattet Attis in einer Berghöhle in oder bei Pessinus, setzt eine aus Eunuchen bestehende Priesterschaft ein und stiftet einen Kult der Beweinung mit einem jährlichen großen Fest.[1]

Frühe Quellen

Die Verehrung der Magna Mater (Große Mutter) gilt mittlerweile bis ins 7. vorchristliche Jahrtausend für Kleinasien als nachgewiesen, wenn auch Einzelheiten weiterhin, vor allem im Hinblick auf etwaige Auswirkungen auf matrifokale Gesellschaftsformen, umstritten sind. Der Name der Großen Göttin wird im Anatolischen mit Kybele oder Kubaba überliefert. In Phrygien hieß sie ursprünglich Matar Kubile (Mutter Kybele). Der Ausgräber der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük in Anatolien, James Mellaart, deutete Wandmalereien sowie eine große Anzahl von weiblichen Statuetten als Anzeichen einer Verehrung der Großen Mutter Kybele[2]eine Deutung, die nicht unbestritten blieb. Kybele galt als Herrin der Tiere, wurde als Berg- und Naturgöttin, aber auch als Erdenmutter verehrt. Als Mutter vom Berg Ida (Magna Mater Idaea) wurde sie im Heiligtum von Pessinus, etwa 130 km südwestlich vom heutigen Ankara in Gestalt eines Kometen verehrt, in welcher Form sie in die römische Geschichte eintrat (vgl.unten).[3]

Kubababa

Das älteste Zeugnis der Verehrung von Kubaba stammt aus dem Karum Kanesch im 19. Jh. v. Chr. In bronze- und eisenzeitlichen Inschriften der Stadt Karkemisch am oberen Euphrat wird Kubaba als Herrin der Stadt angeführt.

Deutung

Der Mythos dreht sich offenbar um den Geschlechterdualismus. Der Mythos erklärt die Entstehung der Welt durch ein Zusammenwirken des männlichen und des weiblichen Elements des Universums: Der himmlische Attis muss die Mutter Erde Kybele mit seinem Blut befruchten, damit die Welt entstehen kann. Der Religionshistoriker Carsten Colpe bestreitet die üblicherweise angenommene Deutung von Adonis, Attis und Osiris als Fruchtbarkeitsgötter und sieht einen Zusammenhang mit den beiden Geschlechtern.[4] So kann der Mysteriengott zwar nicht als „Vegetationsgott“, aber doch als ein „Fruchtbarkeitsgott“ im fundamentalen Sinn verstanden werden.

Der Kult

Die Überführung

In der Zeit des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.), als Hannibal sich auf dem Vormarsch in Norditalien befand, fanden die Römer in den Sibyllinischen Büchern den Schicksalsspruch: Dir fehlt die Mutter; drum such – ich befehl es dir, Römer – die Mutter[5] … Erst nach einer Auskunft durch das delphische Orakel verstanden die Römer, dass die Göttermutter auf den idäischen Höhen Phrygiens gemeint war. Im Jahr 205 v. Chr. wurde sie in Gestalt eines faustgroßen Meteoriten feierlich von Pessinus nach Rom geholt und in eine schwarzgesichtige Silberstatue eingearbeitet. Sie wurde im Victoria-Tempel auf dem Palatin aufgestellt. 203 v.Chr. zogen die Karthager aus Italien ab, und 202 v.Chr. wurden sie von den Römern besiegt. Dieser Sieg wurde dem Schutz der Großen Mutter zugerechnet, und im Jahr 191 v. Chr. erhielt sie einen eigenen Tempel auf dem Palatin errichtet.[6] Die Göttin wurde zu einem wichtigen Bestandteil des Staatskultes. Es wurden ihr jährliche Spiele, die ludi Megalenses (4.–11. April) geweiht,[7] und der Prätor brachte ihr ein jährliches Opfer von Staats wegen dar.[8]

Das Märzfest

Der Kult scheint in den nächsten 500 Jahren einen kontinuierlichen Aufschwung genommen zu haben. Bis zu Beginn der römischen Kaiserzeit stand dabei aber die Verehrung der mütterlichen Schutzfunktion der Göttin im Vordergrund, so dass die orgiastisch-ekstatischen Züge ihres phrygischen Kultes, wie die – nach römischem Recht verbotene – rituelle Selbstkastration der Priester (der Galli), in den Hintergrund traten. Dies änderte sich jedoch in der Kaiserzeit. Ab dem 1. Jahrhundert n.Chr. kehrte die phrygische Ekstatik zurück, wie auch die Beziehung Kybeles zu Attis wieder stärker in Erscheinung trat. Die Göttin avancierte zu einer der wichtigsten Gottheiten des Pantheons. Unter Kaiser Claudius (41–54 n.Chr.) wurde der Ablauf der Feierlichkeiten geändert und die von Anfang an gefeierten ludi Megalenses wurden durch das später eingeführte Märzfest in der Zeit vom 22. bis zum 27. März, zum Frühlingsanfang, ersetzt.[9] Der Christ Arnobius gibt schon einen Überblick über die Festbräuche, wenn er die Römer höhnisch fragt: Was bedeutet z.B. die Pinie, die ihr immer an vorgesehenen Tagen ins Heiligtum der Göttermutter tragt? Ist sie nicht ein Symbol des Baumes, unter dem der wahnsinnige und unglückliche Jüngling Hand an sich legte, und den die Mutter der Götter heiligte als Trost in ihrem Kummer? …Was bedeuten die Galli mit ihrem aufgelösten Haar, die sich mit den Händen an die Brust schlagen? … Warum, kurzum, wird die Pinie, die noch kurz zuvor im Wald rauschte …, gleich darauf als eine hochheilige Gottheit im Wohnsitz der Göttermutter aufgestellt?[10]

Hugo Hepding hat das Märzfest aus zahlreichen Quellen rekonstruiert. Es begann damit, dass – wie Arnobius erwähnt – am 22. März, also pünktlich zum Frühlingsanfang, eine frisch gefällte Pinie durch die Stadt in den Tempel der Großen Mutter auf dem Palatin getragen wurde. Die Pinie, unter der Attis gestorben war, galt als eine Verkörperung des Attis, das Fällen der Pinie galt daher als ein Bild des Todes des Attis und der Umzug mit der Pinie als eine – zweifellos von Klagen begleitete – Leichenfeier. Aber erst am 24. März erreichten die Klagen ihren Höhepunkt (zum Phänomen des Beweinungskultes allgemein siehe Isis- und Osiriskult). Jetzt hatten auch die von Arnobius erwähnten Galli, die Eunuchenpriester der Großen Mutter, ihren Auftritt. Hugo Hepding schreibt:

Die Gallen versetzten sich durch das Getöse der Tympana, der Zimbeln und Klappern, durch den Ton der phrygischen Hörner und die enthusiastischen Weisen der Flöten, durch ihr Klagegeheul und den mit besinnungslosem Umherschwingen ihres aufgelösten Haares verbundenen Tanz in eine heilige Raserei. Mit scharfen Astragalenpeitschen zerfleischen sie sich selbst den Körper, und mit Messern ritzen sie sich selbst Schulter und Arme, um ihr eigenes Blut als Opfer darzubringen. Hugo Hepding vermutet auch, dass es bei dieser Gelegenheit zur Aufnahme neuer Gallen ins Kultpersonal der Großen Mutter kam, indem sich gesunde junge Männer nach dem Vorbild des Attis entmannten. In orgiastischem Taumel, hingerissen vom Klang der Flöten, verstümmelten sie sich freiwillig, ohne Schmerzen zu empfinden.[11]

Von einer Auferstehung des Attis ist, wie gesagt, nicht die Rede. Aber auf den Tag des Blutes (dies sanguinis) am 24. März folgen doch die Freudentage (hilaria) vom 25. bis wahrscheinlich zum 27. März. Das große Märzfest endete mit dem Bad (lavatio) der Großen Mutter am 27. März. Am Morgen dieses Tages wurde das silberne Kultbild der Großen Mutter auf einem mit Kühen bespannten Wagen von dem palatinischen Heiligtum zu dem kleinen Bach Almo (Fluss) gefahren. Dort wusch ein alter Priester im Purpurgewand mit des Almos / Wasser die Herrin sowie all ihr sakrales Gerät. / Laut heult die Jüngerschar auf, es ertönt eine rasende Flöte ….[12] Auf dem Heimweg sitzt (die Göttin) auf dem Wagen und zieht durch die Porta Capena, /und die Rinder im Joch werden mit Blumen bestreut. Der Sinn dieser weitverbreiteten lavatio – auch in Athen wurde Athene im Meer und in Germanien die Mutter Erde Nerthus in einem See gebadet – ist rätselhaft.

Die Initiation

Alle diese – meist mit aufsehenerregenden Umzügen durch die Stadt verbundenen – Riten waren öffentlich. Es gab aber darüber hinaus zweifellos noch geheime Mysten und Initiationsriten. Auf einen Geheimkult deutet ein vom Christen Clemens von Alexandrien überliefertes Glaubensbekenntnis: Aus dem Tympanum aß ich, / aus der Zimbel trank ich, / den Kernos trug ich umher, /ich stieg ins Brautgemach (pastas) hinab.[13] Firmicius Maternus, ebenfalls ein Christ, ergänzt diese Formel noch mit dem Satz: Ich wurde ein Myste des Attis.[14]

Das Bekenntnis unterstreicht die Bedeutung, die bestimmte phrygische Musikinstrumente im Kybele- und Attiskult hatten. Bildwerke zeigen, dass die Pinie des Attis wie ein Weihnachtsbaum mit den phrygischen Musikinstrumenten geschmückt wurde. Ob wirklich aus diesen Instrumenten gegessen und getrunken wurde, ist fraglich. Vielleicht ist nur das Hören bestimmter Weisen, vielleicht sind bestimmte heilige Speisen gemeint. Der umhergetragene Kernos ist ein Behälter, der wahrscheinlich die Hoden eines geopferten Stieres enthielt – ein Beweis, dass das Prinzip des Männlichen dem Kybele- und Attiskult nicht weniger heilig war als anderen Mysterienkulten.

Unklar ist auch, was mit dem Abstieg ins Brautgemach (pastas) gemeint ist. Er könnte eine Anspielung auf eine Heilige Hochzeit sein, wie sie nachweislich zum Isis- und Osiriskult und zum Mithraskult gehörte (s. Initiation, Mysterieninitiation). Da aber pastas auch Grab bedeutet, so könnte darin auch eine Anspielung auf die Taufgrube liegen, in der die Bluttaufe durch das Taurobolium stattfand.

Kaiser Julian kennt im Unterschied zu den allgemein bekannten Riten des Kultes der Großen Mutter auch Feiern gemäß dem mystischen und geheimen Gesetz.[15]

Das Taurobolium

Taurobolium oder Weihung der Priester der Cybele unter Antoninus Pius (B. Rode, um 1780)

In den Darstellungen des Kybele- und Attiskultes nimmt das Taurobolium breiten Raum ein, die Bedeutung dieses Ritus ist aber unklar. Der christliche Schriftsteller Prudentius (4. Jahrhundert) gibt eine polemische Beschreibung des Ritus: Ein Stier wird auf einer Art Gitter über einer Grube geschlachtet. Der Täufling befindet sich in der Grube unter dem Gitter und wird mit dem Blut des sterbenden Stieres berieselt.[16] Sie ist entweder frei erfunden oder bewusst verfälscht, in Wirklichkeit wurde das Taurobolium ähnlich wie ein römisches Tieropfer praktiziert. Zum Taurobolium gehörte offenbar stets die Stiftung eines Altares mit Angabe des Namens des Tauroboliatus und des Zeitpunktes des Tauroboliums. Es waren stets Priester und angesehene Personen des öffentlichen Lebens, die diese Religionshandlung pflegten. Im Rom des späten 4. Jahrhunderts vereinigten sie meistens Priesterämter der verschiedensten Mysterienkulte in einer Hand, da die heidnischen Kulte zunehmend behindert wurden. Hugo Hepding bringt unter anderem das Beispiel eines Tauroboliatus, der ein Priester nicht nur der Großen Mutter und des Attis, sondern zugleich auch Priester des unbesiegten Sonnengottes Mithras, des Liber Pater, der Hekate und der Isis ist.[17] Der früheste bekannte Taurobolium-Altar stammt aus dem Jahr 160 n. Chr. aus Lyon. Er erinnert an das Taurobolium im Vatikanischen (!) Phrygianum in Lyon, sehr wahrscheinlich zur Einführung eines Archigallus.[18] Ein römischer Altar aus dem Jahr 376 n. Chr. preist den Tauroboliatus als in aeternum renatus, also etwa als wiedergeboren in Ewigkeit. Diese Inschrift ist der einzige sichere Hinweis auf einen Wiedergeburtsritus im Kybele- und Attiskult.

Interessant ist der Zusammenhang des frühesten bekannten Taurobolium-Altares mit dem Vatikanischen Phrygianum in Lyon. In Rom entstand im Laufe der Zeit neben den Heiligtum der Kybele auf dem Palatin das sog. Phrygianum auf dem Vatikanischen Hügel. Es scheint sich direkt unter dem jetzigen Petersdom befunden zu haben, denn bei dem Umbau des Domes im Jahr 1608 oder 1609 wurden eine Reihe schön gearbeiteter und reich beschrifteter Taurobolium-Altäre ausgegraben.[19] Sie sind jetzt im Vatikanischen Museum zu besichtigen. Es hat den Anschein, dass nach dem Vorbild Roms zu jeder Gemeinde des Kybele- und Attiskultes auch außerhalb Roms ein eigener „mons Vaticanus“ gehörte, denn ein solcher ist außer in Lyon auch in Mainz nachweisbar.

Germanien

Die Zentren des Kultes im römischen Germanien waren Mainz, Trier und Köln. Getragen wurde der Kult nicht, wie im Fall des Mithraskultes, von römischen Legionären, sondern von der einheimischen Zivilbevölkerung, also von Kelten und Germanen.[20] Vermutlich war hier der angestammte Matronenkult der Ausbreitung des Kultes der Großen Mutter förderlich.

Aus Mainz-Kastel stammt die viel besprochene Inschrift aus dem Jahr 236 n. Chr., wonach die Hastiferi (Speerträger, eine Kultgenossenschaft) der Stadt der Mattiaker den aus Altersschwäche zusammengebrochenen mons Vaticanus zu Ehren der Göttin Bellona (wahrscheinlich identisch mit Kybele) wiederherstellten.[21] Das wirft die Frage auf, wie ein Berg oder Hügel aus Altersschwäche zusammenbrechen kann. Die einzig mögliche Antwort scheint zu sein, dass es sich bei dem mons Vaticanus um ein Grottenheiligtum gehandelt haben muss. Das kann zusammenbrechen, und das kann auch wiederhergestellt werden. Die genaue Lage dieses Heiligtums ist unbekannt. Dagegen wurde ein anderes Heiligtum in der Innenstadt von Mainz entdeckt, das der Isis Panthea Regina und der Mater Magna gemeinsam geweiht war.

Beendigung des Kultes

Der Kult überstand alle politischen Wirren der spätrömischen Zeit und konnte auch noch eine Zeit lang dem Christentum trotzen. Selbst das von Kaiser Theodosius I. 391 erlassene Verbot aller sogenannter heidnischer Kulte brachte noch nicht das Ende, vielmehr wurde die Verehrung der Magna Mater vom weströmischen Kaiser Eugenius (392–394) ausdrücklich wieder eingeführt. Ihre Verehrung verlor sich dann im fünften Jahrhundert.[6] Das hartnäckige Festhalten von Teilen der Bevölkerung des römischen Reiches an ihrer Göttin gilt als einer der Gründe, die die Mehrheitsentscheidung von 431 auf dem Konzil von Ephesos stützten, mit der Maria zur Mutter Gottes (Gottesgebärerin) erklärt wurde. Manche Autoren sehen darin eine Fortsetzung der Verehrung der Großen Gottesmutter vom Berg Idea.[22]

Beziehungen zu anderen Kulten

In römischen Inschriften wird Attis häufig als Attis Menotyrannus (einmal Minoturanos) bezeichnet. Die Bedeutung dieses Beinamens ist ungeklärt. Möglicherweise klingt hier der Name der etruskischen Göttin Turan, der Großen Mutter des altmediterranen Bereichs, [23] an. Ihr typischer Begleiter hieß Atunis (Adonis).

In seinem Drama „Die Bakchen“ betrachtet Euripides Dionysos als Begleiter der Kybele und somit Dionysos und Attis als vollkommen identisch (s. Dionysoskult). Das ist nur erklärlich, wenn man beide als so etwas wie den Ursamen der Welt versteht, der die Welt hervorgebracht hat und von innen her beseelt.

Der Kybele- und Attiskult steht dem Mithraskult schon durch die gemeinsame Tracht von Attis und Mithras nahe. Beide tragen die gleiche Phrygische Mütze und die gleichen exotischen Beinkleider. In Ostia lag ein Metroon der Großen Mutter Wand an Wand mit einem Mithräum. Da es zur Eigenart des Mithraskultes gehört, Götterbilder anderer Kulte gewissermaßen zu zitieren, so ist es nicht verwunderlich, dass der aus dem Felsen geborene Agdistis des Kybele- und Attismythos regelmäßig in den Mithrasgrotten abgebildet wird. Er gilt offensichtlich wie der orphische Phanes (s. Weltenei) als eine Erscheinungsform von Mithras. Es sind offenbar alles Bilder des Himmel und Erde umfassenden Allgottes.

Die ambivalente Kali auf dem Leichnam Shivas stehend, im Hintergrund das Weltei

Am erstaunlichsten ist jedoch die Übereinstimmung der Großen Mutter Kybele mit der großen Mutter des indischen Tantrismus, Kali/Durga/Ganga. Wie Kybele zum mythischen – mal hier und mal dort lokalisierten – Berg Ida, so gehört Kali zum mythischen Berg Meru. Beide werden vom Löwen begleitet, dem zerreißenden und verschlingenden Tier. Vor allem aber gehört zu beiden ein toter Geliebter. Wie Kybele ewig am Grab des Attis trauert, so steht Kali in allen ihren Tempeln über dem Leichnam ihres Geliebten, des Himmels- und Sonnengottes Shiva. Beide sind auch am Tod ihres Geliebten selber schuld. Denn Kybele hat zumindest Attis in den Selbstmord getrieben, und Kali hat nach einer esoterischen Lehre Shiva sogar zerrissen und verschlungen.[24] Aber auch Kybele scheint solch einen sehr dunklen und sehr esoterischen Aspekt zu haben, denn Nikandros berichtet im 4. Jahrhundert v. Chr. in seiner medizinischen Schrift „Alexipharmakon“ beiläufig, dass an einem bestimmten Tag im Jahr die Kernophoris-Priesterin der Rhea auf die Straße stürzt und den schrecklichen Schrei der Idaia ausstößt, und er fügt hinzu, dass der Schrei Schrecken verbreitet in den Herzen aller, die ihn hören.[25]

Ikonographie

Kybele trägt meist als Attribut eine Krone in Form einer Stadtmauer auf dem Kopf und wird besonders im 18. Jahrhundert in Schlössern, Klöstern und barocken Gartenanlagen dargestellt. In Zyklen, die die vier Elemente zeigen, verkörpert sie die Erde.

Literatur

  • Lynn E. Roller: In search of God the mother : the cult of Anatolian Cybele. Berkeley, Calif. : University of California Press, 1999. ISBN 0-520-21024-7
  • The Illustrated Bartsch. Founding ed.: Walter L. Strauss, General ed.: John T. Spike. New York, NY, Abaris Books, 1978.
  • Hugo Hepding: Attis, Seine Mythen und sein Kult. Gießen 1903.
  • Joe J. Heydecker: Die Schwestern der Venus. Die Frau in den Mythen und Religionen. München 1991.
  • Maarten J. Vermaseren: Corpus cultus Cybela Attitisque. Leiden 1987 u. 1989.
  • Maarten J. Vermaseren: Der Kult der Kybele und des Attis im römischen Germanien. Stuttgart 1979.

Weblinks

 Commons: Kybele – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Pausanias, Beschreibung von Griechenland VII/17, 9–12; Arnobius, Adversus nationes V, 5–7
  2. James Mellaart, Çatal Hüyük - Stadt aus der Steinzeit. 2. Aufl. Lübbe, Bergisch Gladbach 1973
  3. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim; Zürich; New York 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, Seite 127 ff.
  4. Carsten Colpe, Zur mythologischen Struktur der Adonis-, Attis- und Osiris-Überlieferung, Festschrift für W. v. Soden, 1968
  5. Ovid, Festkalender IV,258
  6. a b Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim; Zürich; New York 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, S. 129
  7. Jörg Rüpke: Fehler und Fehlinterpretationen in der Datierung des „dies natalis“ des stadtrömischen Mater Magna-Tempels. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Nr. 102. 1994, S. 237–240.
  8. Hans Kloft, Mysterienkulte der Antike, München 2003, S. 59
  9. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim; Zürich; New York 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, S. 129–130
  10. Arnobius, a. a. O.
  11. Hugo Hepding, Attis – Seine Mythen und sein Kult, Gießen 1903, S. 158
  12. Ovid, Festkalender IV, 338
  13. Clemens von Alexandrien, Protreptikos 15,1
  14. Firmicius Maternus, Über den Irrtum heidnischer Religion 18,1
  15. Julian, Oratio V, 169A
  16. Prudentius, Peristephanon X,1006
  17. Hugo Hepding a. a. O. S. 88
  18. Robert Turcan, The Cults of the Roman Empire, Blackwell 1996
  19. James Frazer, Adonis Attis Osiris Bd. 1, S. 275
  20. Elmar Schwertheim, Die Denkmäler orientalischer Gottheiten im römischen Deutschland 1974, S. 291 ff.
  21. Deae Virtuti Bellon(a)e montem Vaticanum vetustate conlabsum restituerant hastiferi civitatis Mattiacorum, Hugo Hepding, a. a. O., S. 169. Die Civitas Mattiacorum ist sonst als castellum Mattiacorum bekannt (s. Mainz-Kastel)
  22. M.P. Caroll: The Cult of the Virgin Nary, Psychological Origins, 1994, Princeton, New Jersey, S. 90 ff.; Harald Haarmann: Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie, Hildesheim; Zürich; New York 1996, Georg Olms Verlag, ISBN 3-487-10163-7, S. 130
  23. A. Pfiffig, Die etruskische Religion 1998, S. 263
  24. The Gospel of Sri Ramakrishna, New York 1942, S. 291
  25. Giulia Sfameni Gasparro, Soteriology and Mystic Aspects in the Cult of Cybele and Attis, Leiden 1985, S. 68

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