Anonymus Guidi

Als Anonymus Guidi (auch: Guidis Chronik oder Chusistan-Chronik) wird eine anonyme ostsyrische Chronik bezeichnet, die in den zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts entstanden ist und vielleicht in Chusistan verfasst wurde. Benannt ist sie nach ihrem Entdecker und ersten Herausgeber, dem italienischen Orientalisten Ignazio Guidi.[1]

Die Schrift wurde wahrscheinlich in den 70er/80er Jahre des 7. Jahrhunderts[2] von einem nestorianischen Autor verfasst und deckt das Ende des Sassanidenreichs, von Hormizd IV. bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts ab. Behandelt werden sowohl kirchengeschichtliche als auch profangeschichtliche Angelegenheiten in chronologischer Reihenfolge; nach dem Ende des Sassanidenreichs tritt die Profangeschichte fast ganz in den Hintergrund. Es war ursprünglich Bestandteil eines umfangreicheren Werks, das aber nicht erhalten ist.

Der Autor war offenbar gut informiert und hatte vermutlich ein hohes kirchliches Amt bekleidet. Bisweilen wird als Verfasser Elias von Merw identifiziert, was aber Spekulation bleiben muss.[3] Das Werk stellt für die letzten Jahre des Sassanidenreichs, das schließlich vor dem Ansturm der Araber kollabieren sollte (siehe Islamische Expansion), eine wichtige und wohl weitgehend zuverlässige Quelle dar.

Übersetzungen

  • Theodor Nöldeke: Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik, übersetzt und commentiert. In: Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse. Band 128, 9. Wien 1893, S. 1ff.

Literatur

  • James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century. Oxford 2010, S. 128ff.
  • John W. Watt: The Portrayal of Heraclius in Syriac Historical Sources. In: Gerrit J. Reinink und Bernard H. Stolte (Hrsg.): The Reign of Heraclius: Crisis and Confrontation. Peeters, Leuven 2002, S. 63–79.

Anmerkungen

  1. Vorgestellt auf dem Stockholmer Orientalistenkongress 1889 und mit einer lateinischen Übersetzung 1903 veröffentlicht.
  2. Siehe Johannes Karayannopulos, Günter Weiss: Quellenkunde zur Geschichte von Byzanz. Wiesbaden 1982, Nr. 139 (70er oder 80er Jahre); schon Nöldeke hatte 670/680 als Abfassungszeitraum für wahrscheinlich gehalten: Nöldeke, Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik, S. 3.
  3. Vgl. etwa: Ṭabarī. The Sāsānids, the Byzantines, the Lakhmids, and Yemen. Übersetzt und kommentiert von Clifford Edmund Bosworth. Albany/NY 1999, S. 312, Anmerkung 729; Pierre Nautin: L’auteur de la ‘Chronique Anonyme de Guidi’: Élie de Merw. In: Revue de l’Histoire des Religions. Band 199, 1982, S. 303–314.

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