Anton Reiser

Anton Reiser ist ein psychologischer Roman von Karl Philipp Moritz, dessen erste drei Teile in den Jahren 1785 bis 1786 in Berlin erschienen. Der vierte Teil erschien 1790 ebenda.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Dieser psychologische Roman ist von Moritz als Biografie eines begabten, sehr um Anerkennung bemühten Jugendlichen geschrieben, der als Lehrling eines Hutmachers die Aufmerksamkeit seiner Umgebung erregt. Nach Pyrmont als Ausgangsort rückt Hannover als Schauplatz in den Vordergrund des Geschehens. Dort ist Reiser, gegen den Willen seines Vaters, als Schüler einer Lateinschule und des Gymnasiums als Stipendiat bemüht, die kleinbürgerliche Welt seiner Eltern zu überwinden. Aber das Leben als Stipendiat wird von Reiser als ebenso erniedrigend erlebt wie zuvor das Leben im Haus seiner Eltern und während seiner Lehre. Gleichzeitig wird er jedoch durch den dringenden Wunsch nach Erfolg motiviert und sucht diesen in der Dichtung und im Leben am Theater. Von einem Mitschüler (Iffland) bestärkt, gibt er die Schule auf und sucht um ein Engagement in der Theatertruppe Eckhofs in Gotha nach. Als diese Pläne scheitern, eröffnet sich ihm die Möglichkeit eines Studiums in Erfurt, doch auch diese Chance nutzt er nicht, diesmal um sich einer Gruppe von Schauspielern in Leipzig anzuschließen. Unglücklicherweise brennt genau in dieser Situation der Direktor der Truppe mit dem Erlös aus dem Verkauf der Garderobe durch.

Einordnung

Karl Philipp Moritz inszeniert ein Spannungsfeld zwischen der beengenden Herkunft des Protagonisten und seinem Bestreben, um Erfolg und Anerkennung zu kämpfen. So will der Autor in der Tradition des Entwicklungsromans die Entwicklung eines Jugendlichen beschreiben – zwischen Ehrgeiz, sozialer Not und moralischem Verfall auf der einen Seite und sozialen Klischees und individuellen Hoffnungen auf der anderen. Probleme und Misserfolge werden hier nicht als Ergebnis der Herkunft dargestellt, sondern vielmehr als Folge der Fehlentscheidungen Anton Reisers und der Borniertheit und des Eigennutzes seiner Erzieher und Lehrherren. In diesem Sinne fungiert dieser Entwicklungsroman, der einen begabten jungen Menschen zum Protagonisten hat, erstens als Zerrbild überkommener pädagogischer Konzepte, zweitens aber auch als Beispiel überzogener Empfindsamkeit eines Zöglings, die sich vor allem in dessen Neigung zur Hypochondrie und der Überempfindlichkeit gegenüber seiner Umwelt zeigt. Das Theater wird für Reiser zur Bühne der Selbstdarstellung, aber auch zum Schauplatz einer Empfindsamkeit, die von Moritz in der Tradition von Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers beschrieben wird. Die psychologischen Anteile des Romans werden genretypisch nach dem Vorbild pietistischer Selbsterforschung gestaltet, die in einer Verdammnis der eigenen Person endet und einen Vorläufer in Edward Youngs The Complaint, or Night Thoughts von 1742–44 (dt. 1751 u. 1844) hat. Auch Jean-Jacques Rousseaus Les Confessions von 1765–1770 sind Vorbild in ihrer spezifischen Ausprägung der Empfindsamkeit, der Selbstbetrachtung und -erforschung, aber auch in der angeblich autobiographischen Inszenierung der Thematik.

Ausgaben

  • Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Mit Textvarianten, Erläuterungen und Nachwort hrsg. von Wolfgang Martens. Ditzingen: Reclam ISBN 3-15-004813-3
  • Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Frankfurt a.M: Insel, 1998 ISBN 3-458-33929-9
  • Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. Mit den Titelkupfern der Erstausgabe. München: C.H. Beck, 1997 ISBN 3-406-38513-3
    • (weitere Ausgaben siehe Dt. Nationalbibliothek, OPAC)

Literatur

  • Jutta Eckle: "Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir". Studien zu Johann Wolfgang von Goethes "Wilhelm Meisters theatralische Sendung" und Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser". Würzburg: Könighausen u. Neumann, 2003. ISBN 3-8260-2458-3
  • Hee-Ju, Kim: Ich-Theater. Zur Identitätsrecherche in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser". Heidelberg: Carl Winter, 2005. ISBN 3-8253-5026-6
  • Lothar Müller: Die kranke Seele und das Licht der Erkenntnis. K. Ph. Moritz' "Anton Reiser". München: Athenäum, 1987. ISBN 3-610-08913-X
  • Christof Wingertszahn: Anton Reiser und die »Michelein«. Neue Funde zum Quietismus im 18. Jahrhundert. Laatzen:Wehrhahn. ISBN 3-932324-59-5

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