Ohrschmuck

Ohrschmuck, eine der beliebtesten der mit der Verstümmelung eines Körperteiles Hand in Hand gehenden Ausschmückungen des menschlichen Körpers. Gewöhnlich ist das Ohrläppchen der Träger des Schmuckes; es wird durchbohrt und in dem am Schließen verhinderten Loch wird nach dem Verheilen der Schmuck mittels Ringes oder Stiftes befestigt. Er nimmt alle Formen vom einfachen Grashalm oder Holzstift bis zum kostbarsten Edelsteinzierat an. Weniger allgemein innerhalb der Menschheit, aber viel stärker in die Augen fallend ist die Ausweitung des durchbohrten Ohrläppchens und die Ausfüllung der oft bis auf die Schultern reichenden Öffnung mit Pflöcken und Scheiben von Holz, Mineralien, Knochen von oft riesiger Größe, mit Kettchen, Perlenschnüren, Drahtspiralen, ja selbst mit leeren Konservenbüchsen u. dgl. Gebiete und Völker solcher Verunstaltungen sind besonders die Steppen Äquatorial-Ostafrikas (Massai, Dschagga), die Kaffern, Unyamwesi, Indonesien, die Salomoninseln, Neuguinea, der Bismarck-Archipel; ja, selbst die herrschende Kulturrasse im alten Peru prangte mit solchen gewaltigen Ohrpflöcken, weshalb sie von den Spaniern den Beinamen der Orejones (Großohren) erhielt. Aus der Ohrform aller Buddhaskulpturen muß man auf ähnliche Bräuche auch im alten Indien schließen. Seltener als diese ersten beiden Kategorien ist die Verzierung des hintern und des obern Ohrrandes. Anbringung langer, weit abstehender Stäbchen ist üblich bei den Völkern in der Kilimandscharo-Region Ostafrikas (Dschagga, Wakamba, Wateita etc.), einer größern Zahl eingesteckter derber Grashalme bei den noch wenig bekannten Völkern der östlichen Urwaldregion Zentralafrikas (Wawira, Walesse, Wambuba). Charakteristisch für die dem O. beigemessene Bedeutung ist seine stark übertriebene Wiedergabe in der Kunst der Melanesier (Salomonen, Neuirländer, Neuguinea); in den phantastischen Schnitzfiguren dieser Länder erreichen die Ohren oft Meterhöhe.

Auch sonst greift der O. gern in andre Gebiete über; bei unsern Landleuten, Hirten, Fischern etc. hält er sich weniger aus ästhetischen Rücksichten, als weil man in ihm ein Mittel zur Abwehr von Krankheiten sieht. Auch die alten Inder, die Perser, Babylonier, Hebräer, Araber, die alten Gallier und Germanen, kurz der weitaus größte Teil des alten vorderasiatisch-europäischen Völkerkreises, schrieben dem O. die Kraft von Amuletten zu, geeignet, Zaubertöne vom Ohr fernzuhalten. Daher wurde er denn auch häufig mit geheimnisvollen Charakteren versehen. Bei manchen Naturvölkern (Pampaindianern in Brasilien, Macusi in Guayana, Sioux und Dakota in Nordamerika, Papuastämmen auf Neuguinea etc.) sowie in Südindien und Persien wird der Akt des Ohrlöcherstechens am Tage der Namengebung des Kindes feierlich begangen. Malaiischen und Ostindischen O. s. Tafel »Malaiische Kultur II«, Fig. 12 u. 27, und Tafel »Ostindische Kultur II«, Fig. 7. O. von Bronze findet sich in den Pfahlbauten der Schweiz sowie in alten Grabstätten in verschiedener Form (s. Tafel »Pfahlbauten II«, Fig. 26 u. 27); viele Ohrringe sind breit und gegen das Ohrläppchen hin verengert, andre sind nur einfache Bronzedrähte. Auch befinden sich unter den südgermanischen Gräberfunden der ältern Eisenzeit als O. dienende Gold- und Bronzeringe mit zierlichen Ornamenten, deren Geschmacksrichtung auf etruskische Herkunft deutet. Bei den Griechen kamen Ohrgehänge nur als Schmuck des weiblichen Geschlechts vor. Bei den Römern kannten die Matronen schon zu Coriolans Zeit die Ausschmückung der Ohren; das männliche Geschlecht verachtete sie in der frühern Zeit als weichlich. Ohrringe und Ohrgehänge von Bronze, Gold und Silber, mit edlen Steinen besetzt, sind in Griechenland, Kleinasien, in der Krim und in Italien (Pompeji, Etrurien) in großer Zahl gefunden worden. Die Griechen gaben den Ohrringen eine edle, künstlerische Form, oft solche von menschlichen und Tierfiguren (Schlangen). Am gewöhnlichsten war die noch heute übliche Form der Bommel. In der römischen Kaiserzeit hatte man bereits Ohrgehänge, die ganz aus edlen Steinen oder aus einer großen oder mehreren kleinen Perlen bestanden. Altrömische und etruskische Ohrgehänge werden jetzt nach dem Vorgang von Castellani in Rom überall nachgebildet. Die Sklaven trugen in dem durchbohrten Ohr einen Ring, entweder weil sie diese Sitte aus ihrer Heimat mitbrachten, oder als Abzeichen der Sklaverei. (Vgl. Hadaczek, Der O. der Griechen und Etrusker, Wien 1903.) Sowohl im Mittelalter als in unsrer Zeit hat die Mode das Tragen der Ohrringe unter den zivilisierten Völkern beim männlichen Geschlecht, die Italiener und Franzosen etwa ausgenommen, größtenteils verbannt; beim weiblichen dagegen wird auf die Kostbarkeit, Feinheit und Zierlichkeit dieses Schmuckes nach wie vor ein besonderer Wert gelegt, wobei sowohl Gold und Silber als edle Steine, Perlen, Korallen, geschnittene Steine, Muschelkameen etc. bevorzugt werden. Es werden so ziemlich alle Muster der Vergangenheit und des volkstümlichen Schmuckes (nordisches und italienisches Gold- und Silbersiligran, Emailschmuck der Renaissance, orientalischer Münzenschmuck etc.) nachgebildet. Seit dem Beginn der 1890er Jahre sind jedoch überall Versuche gemacht worden, die historischen Formen durch völlig von der Überlieferung unabhängige, entweder rein lineare oder von Pflanzen abgeleitete, zu ersetzen. Übrigens hat das Tragen der Ohrringe beim weiblichen Geschlecht in neuester Zeit erheblich abgenommen. Im Orient und bei den Völkern, bei denen sich noch die sogen. Nationaltracht erhalten hat (Schweden, Norwegern, Holländern, Bretonen, Russen, Schweizern, Italienern, Ungarn), wird mit Ohrringen ein großer Luxus getrieben. S. Tafel »Schmucksachen I«, Fig. 2, 7, 8, 24, 31 und 38. Über die Literatur vgl. Schmuck.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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