Gesundheittrinken


Gesundheittrinken

Gesundheittrinken, die Sitte, auf jemandes Wohl zu trinken, ein bei Griechen (schon zu Homers Zeiten), Römern, Kelten und Germanen alter und geheiligter Brauch, der sich bis in die neueste Zeit erhalten hat. Die Griechen pflegten Freunde beim Willkommen und Abschied damit zu begrüßen; bei Gastmahlen machte nach einer den Göttern und den Abgeschiedenen gespendeten Libation der Begrüßungstrunk, vom Hausherrn beginnend, unter allen Teilnehmern die Runde, indem jeder auf das Wohl seines Nachbars trank. Man nannte das Philotesie. In Großgriechenland (Sizilien) brachte ein eigner Vortrinker (Mnamon) die Gesundheiten aus. Bei den Römern brachte der Gastgeber das Wohl seiner Gäste aus. Die Höflichkeit erforderte natürlich die Erwiderung des Zutrinkens, und bei den alten Kelten und Germanen galt ein Nichterwidern (»Bescheid tun«) als schwere, nur durch Blut zu sühnende Beleidigung. Da nun aber das gegenseitige G. und Erwidern ein übermäßiges Trinken förderte, so verbot Karl d. Gr. seinen Kriegern das G. während des Heeresdienstes aufs strengste. Die nordischen Völker beobachteten ähnlich den klassischen die Sitte, auch die Minne (d. h. das Gedenken) ihrer Götter durch einen Trunk zu ehren; ja sie hatten einen besondern Trank- und Gedächtnisgott (Mimir), und die zum Christentum Neubekehrten pflanzten diese Sitte fort, indem sie nun zu Ehren Gottes, des Heilands, der Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und der Heiligen den Becher leerten. Da die Zahl der Heiligen aber sehr schnell anwuchs, so begann dieser Brauch in die größte Völlerei auszuarten, und die Bischöfe bemühten sich, die Zahl der Heiligen, deren Gedächtnis oder »Minne« getrunken werden durfte, einigermaßen zu beschränken. In Gesellschaft war ein Willkomms- und ein Valettrunk, ein Ehren-, Rund-, Kundschafts- und Freundschaftstrunk üblich, und man erfand an Stelle der alten Trinkhörner und großen Humpen allerlei Trinkgeräte für besondere Gelegenheiten, wie die Braut- und Ehrenbecher u. a. Von Deutschland ging das G. auch auf die romanischen Völker über, und die Ausdrücke der Italiener und Franzosen für G. (s. Brindisi) werden für Verstümmelungen deutscher Redensarten gehalten. Von neuem sahen sich die Obrigkeiten veranlaßt, beschränkend einzugreifen und das Ausbringen sowie namentlich die Reihenfolge der bei festlichen Gelegenheiten auszubringenden Gesundheiten und die Formen des Zutrinkens durch besondere Vorschriften zu regeln (z. B. durch die Hoftrinkordnung des sächsischen Kurfürsten Christian II.); ein Graf Schwarzenberg ließ sogar 1534 ein Buch gegen das G. erscheinen. Mit der Zeit verschwand zunächst der Brauch, den Heiligen zuzutrinken; am längsten erhielt er sich in den Niederlanden in der St. Gärteminne (Gertrudsminne), in Skandinavien in der Kanuts- und Eriksminne, anderwärts hatte man die Ulriksminne, den Martins-, Stephans- und Michaelistrunk; bis auf unsre Tage hat sich nur die Johannisminne (s. Johannisweihe) erhalten. Auch die von den fußlosen alten Trinkhörnern herstammende Sitte, beim G. das Trinkgeschirr von einem zum andern gehen zu lassen, hat fast überall aufgehört. In England besteht sie noch an den Universitäten Oxford und Cambridge (grace cup) und bei den Jahresessen der großen Verbände der City von London u. a. (loving cup), bei denen ein großer silberner Becher mit Henkeln links herumgeht mit dem Trinkspruch: »I'll pledge you« oder »Come here's to you«. Von der ehemals bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten beobachteten Regel, eine geröstete Brotschnitte (toast) in den Becher zu werfen, die derjenige, der den Becher schließlich leerte, zu verzehren hatte, ist die Bezeichnung Toast für eine ausgebrachte Gesundheit abgeleitet worden. Der deutsche Brauch, beim G. mit den Gläsern anzustoßen, ging auch nach Frankreich über, wo man dies trinquer (spr. trängkē) nannte; doch ist derselbe sowie das G. überhaupt in den höhern Kreisen der Pariser Gesellschaft stark abgekommen, und auch in England ist das gegenseitige G. kaum noch Sitte. Bei uns hat sich das G. mit begleitenden Reden in allen Kreisen erhalten und namentlich im studentischen Komment besondere Ausbildung erfahren. Einen »Saufkomment« von 1685 teilt Grässe mit in seinen »Bierstudien« (Dresd. 1872).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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