Pjotr Alexejewitsch Kropotkin


Pjotr Alexejewitsch Kropotkin
Kropotkin, Aufnahme Nadar

Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (russisch Пётр Алексеевич Кропоткин, wiss. Transliteration Pёtr Alekseevič Kropotkin; * 27. Novemberjul./ 9. Dezember 1842greg. in Moskau; † 8. Februar 1921 in Dmitrow) war ein russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller.

Aufgrund seiner adeligen Herkunft und seiner Bekanntheit als Anarchist des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde Kropotkin auch der anarchistische Fürst genannt. Er hinterließ viele Schriften, darunter die revolutionäre Schrift Die Eroberung des Brotes und sein wissenschaftliches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Kropotkin kämpfte für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft und gilt als einer der einflussreichsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kindheit und Jugend (1842–1862)

Peter Kropotkin, 1861 in der Uniform des Pagenkorps

Pjotr Kropotkin wurde 1842 als Sohn von Fürst Alexei Petrowitsch Kropotkin in Moskau in eine Familie des höchsten Grades der russischen Aristokratie geboren. Pjotr Kropotkin war so ein Nachkomme der berühmten Rjurikidendynastie und die Familie besaß den Titel der Prinzen von Smolensk. 1200 männliche Leibeigene arbeiteten auf den großen Ländereien der Familie, die der Vater mit strenger Hand verwaltete. In Sohn Pjotr Alexejewitsch und seinem Bruder Alexander weckte dies bereits früh ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Seine Mutter war die Tochter eines Generals in der russischen Armee und hatte für ihre Zeit bemerkenswert liberale Ansichten und ein ausgesprochenes Interesse an Literatur. Sie starb jedoch an Tuberkulose, als Kropotkin gerade vier Jahre alt war. Seine Kindheit war im weiteren geprägt durch den autoritären Vater und die Stiefmutter, die mit ihren Stiefkindern sehr streng und distanziert umging. Daneben genoss er aber auch die Erziehung durch diverse Privatlehrer, die ihm unter anderem die kritische russische Literatur Gogols und Puschkins, sowie die französische Geschichte und Literatur näher brachte. Unter diesem Einfluss unternahm Pjotr Kropotkin bereits in frühen Jahren Versuche auf literarischem Gebiet und schrieb Geschichten, journalistische Artikel und auch Gedichte, die er mit seinem Bruder Alexander zusammen in einer eigenen kleinen Zeitschrift sammelte.

Im Alter von fünfzehn Jahren endete das beschauliche Leben im vertrauten Kreis mit dem Eintritt in das St. Petersburger Pagenkorps. Die Schule galt als Ausbildungsort, an dem der russische Hochadel seine Kinder auf zukünftige Karrieren in Militär und Verwaltung vorbereitete. Kropotkin folgte jedoch größtenteils seinem eigenen breiten Interesse. Er beschäftigte sich intensiv mit den französischen Enzyklopädisten und französischer Geschichte, insbesondere mit der Französischen Revolution. Er interessierte sich für die liberalen und republikanischen Tendenzen, die vor allem in der Zeit nach dem Tod von Zar Nikolaus I. im Jahre 1855 in der russischen Oberschicht aufkamen. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft durch den Nachfolger Zar Alexander II. betätigte sich Kropotkin enthusiastisch als Lehrer in Sonntagsschulen, die für die Bildung der ehemaligen Leigeigenen und den Kampf gegen den Analphabetismus gegründet wurden. Er wurde als Jahrgangsbester des Pagenkorps zum persönlichen "page de chambres" des Zaren ernannt und lernte so das Leben im Palast und den Zaren persönlich kennen. So wich die anfängliche Begeisterung für den Befreier der Leibeigenen bei Kropotkin bald einer Ernüchterung über den Charakter des Zaren. Kropotkin erlebte, dass die Reformen den Leibeigenen zwar politische Freiheit brachten, sie jedoch wirtschaftlich in eine große finanzielle Abhängigkeit stieß, von der vor allem die Gutsherren profitierten. Im Jahre 1862 beendete Kropotkin als einer der Besten seines Jahrgangs die Ausbildung im Pagenkorps.

Aufenthalt in Sibirien (1862–1867)

Die Karte, die Kropotkin für sein Werk über die Orographie Asiens fertigte, zeigt das östliche Sibirien. Sie basiert auf Aufzeichnungen, die Kropotkin auf Expeditionen während seines fünfjährigen Aufenthalts in der Region machte.

Nach seinem Eintritt in die russische Armee ließ sich Kropotkin in ein sibirisches Kosakenregiment in der neu eroberten Amur-Region versetzen, was für seine gesellschaftliche Klasse äußerst ungewöhnlich war. Kropotkin fällte den Entschied gegen den Willen des Vaters und erhoffte sich dadurch der reaktionären Atmosphäre St. Petersburgs zu entkommen und seinen eigenen geografischen Interessen nachzugehen. Im Dienst unter dem liberalen General Kukel hatte Kropotkin die Möglichkeit, sich mit radikaler russischer Literatur auseinanderzusetzen, da dieser u. a. über eine komplette Sammlung der Werke von Alexander Herzen verfügte.

Pjotr Kropotkin wurde von der Verwaltung in St. Petersburg beauftragt, einen Bericht über das Gefängnis- und Straflagersystem in Sibirien und einen weiteren Bericht über die kommunale Selbstverwaltung in der Provinz Transbaikalien zu verfassen, wo er umfassende Reformideen und Lösungsvorschläge erarbeitete. Die Berichte blieben jedoch in der reaktionären Atmosphäre nach der Niederschlagung des Polnischen Aufstands von 1863 weitgehend unbeachtet. Durch den Verbannten radikalen Schriftsteller Michail Larionowitsch Michailow wurde er erstmals in die Ideen des Anarchismus eingeführt und wurde durch die Werke von Pierre-Joseph Proudhon - vor allem dem System der ökonomischen Widersprüche - zum Sozialisten.

Enttäuscht durch die gescheiterten Reformvorhaben, leitete Kropotkin dann ausgedehnte Forschungsreisen in unbekannte Teile des östlichen Sibiriens. Er unternahm fünf größere Expeditionen und weitere kleinere Reisen in Transbaikalien und dem Amurgebiet bis ins benachbarte China. Seine erste wissenschaftliche Arbeit, eine Abhandlung für die Sibirische Geographische Gesellschaft, wurde später bei der Planung der Transmandschurischen Eisenbahn benutzt. Seine Expeditionen lieferten viele neue Erkenntnisse und bildeten die Basis für seine geografischen Theorien über das nordöstliche Asien. Darüber hinaus zweifelte Kropotkin immer mehr am hohen Stellenwert des Konkurrenzkampfs, den Charles Darwin in seiner Evolutionstheorie vertrat. Durch seine eigenen Erfahrungen, die er mit der Tierwelt und dem menschlichen Zusammenleben in der Region machte, gelangte Kropotkin in dieser Zeit zur Einsicht, dass die gegenseitige Hilfe einen viel wichtigeren Faktor bildet. Er schrieb in seinen Memoiren über die Erfahrungen in Sibirien:

„Die fünf Jahre, die ich in Sibirien zubrachte, waren für mich eine Erziehung in wirklichem Leben und menschlichem Charakter. […] Ich hatte reichlich Gelegenheit, die Bauern, ihre Lebensweise und Gewohnheiten, im täglichen Leben zu beobachten, und noch mehr Gelegenheiten zu erkennen, wie wenig die staatliche Verwaltung, auch wenn sie von den besten Absichten beseelt war, ihnen zu bieten vermochte.“

Peter Kropotkin: Memoiren eines Revolutionärs.[1]

Nach der brutalen Unterdrückung des Aufstands polnischer Verbannter 1866 in Sibirien, hielt er deren Gerichtsverhandlung schriftlich fest und schickte es einer St. Petersburger Zeitung zur Publikation weiter. Der Bericht gelangte auch in die europäische Presse und hatte zur Folge, dass prominente Personen in öffentlichen Schreiben gegen die Willkür der russischen Regierung protestierten.

Kropotkins geographische Forschung (1867–1872)

Eine Zeichnung Kropotkins für sein Werk über Finnland und die Eiszeit von 1876. Es zeigt Vallisaari und die Festung Suomenlinna.

1867 kehrte Kropotkin nach St. Petersburg zurück und trat desillusioniert aus dem Militär aus. Er schrieb sich an der Universität St. Petersburg ein um Mathematik und Physik zu studieren und verdiente sich seinen Unterhalt mit Übersetzungen der Werke Herbert Spencers. Gleichzeitig wurde Kropotkin Sekretär der Sektion für physische Geographie in der Russischen Geographischen Gesellschaft. In der Rolle als Sekretär hatte er immer noch genügend Zeit um eigene Forschungen voranzutreiben und er profitierte auch von der Erfahrung vieler Expeditionsberichte, die ihm von anderen Forschern für die Geographische Gesellschaft zugesandt wurden.

Kropotkins bedeutendster Beitrag für die Wissenschaft war die Revision der damaligen Annahmen über die orografische Struktur des nordöstlichen Asiens. Kropotkins Entdeckungen bedeuteten einen revolutionären Fortschritt auf dem Gebiet der Geographie und beeinflussten die Ideen anderer Geographen zu der orografischen Struktur des gesamten Planeten. Der renommierte deutsche Geograph August Petermann erkannte als Erster den Wert dieser Erkenntnis und übernahm Kropotkins Revision auf seiner Karte Asiens in Stielers Handatlas, was dann von anderen Kartografen in der Folge übernommen wurde. Später kam er durch seine theoretische Forschung zur Vermutung, dass sich in der Nähe von Nowaja Semlja im Norden Russlands unbekanntes Land befindet und plante eine Expedition in das Gebiet. Die russische Regierung verweigerte ihm jedoch die Mittel, denn sie war viel mehr an der Erforschung des geopolitisch interessanten Südens interessiert. Zwei Jahre später folgte ein österreichisches Expeditionsteam der Route, wahrscheinlich auf der Basis von Kropotkins Arbeiten, und entdeckte dort die Inselgruppe Franz-Joseph-Land.

Pjotr Kropotkin entwickelte zwei weitere wichtigere Beiträge zur Geographieforschung: Seine neuen Gletschertheorien und eine weitere Theorie über die Austrocknung und Seenbildung. Zu den neuen Gletschertheorien verfasste Kropotkin zwei Bände, von denen der erste Band 1876 publiziert wurde und eine Debatte über die Gültigkeit der damaligen Gletschertheorien anstiess. Der zweite Band wurde von der zaristischen Geheimpolizei beschlagnahmt und erst 1895 wieder an die Russische Geographische Gesellschaft herausgegeben. Zu dieser Zeit waren die Ideen Kropotkins in der geographischen Forschung aber bereits allgemein anerkannt.

In den darauf folgenden Jahren unternahm Kropotkin Expeditionen nach Finnland, Schweden und ins Baltikum. Die Russische Geographische Gesellschaft bot ihm den Posten des Sekretärs an, wo er Zeit zur Forschung und ein gesichertes Einkommen gehabt hätte. Doch in Kropotkin war schon die Überzeugung gereift, dass es seine Pflicht wäre, sein Wissen einzusetzen, um dem leidenden Volk zu helfen. So schloss er sich revolutionären Kreisen an und gab die geographische Erforschung für den Rest seines Lebens auf.

Aktivismus in der anarchistischen Bewegung (1872–1886)

Titelblatt der russischen Übersetzung von Kropotkins Werk Worte eines Rebellen, das erstmals 1885 in Paris erschien.

1872 starb Pjotr Kropotkins Vater Alexei Petrowitsch. Durch das Erbe wurde es Pjotr Kropotkin möglich, sich den lange gehegten Traum einer Westeuropareise zu erfüllen. Er reiste daraufhin im gleichen Jahr in die Schweiz und wurde in Zürich schnell mit den russischen sozialistischen Studenten bekannt. Daraufhin reiste Kropotkin nach Genf weiter und wurde dort Mitglied der Genfer Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation. Er begann aber schnell an der Ehrlichkeit der Sektionsführer zu zweifeln und schloss sich der libertären Juraföderation in Neuchâtel an. Während des kurzen Aufenthalts im Jura machte er die Bekanntschaft vieler flüchtiger Kommunarden und freundete sich mit James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel an. Die Zeit bei den Uhrenmachern im Jura hinterließ bei Kropotkin einen bleibenden Eindruck. Er bekannte sich zum Anarchismus und beschloss, sein Leben von da an der revolutionären Sache zu widmen. Nach drei-monatigem Aufenthalt in der Schweiz und einer kurzen Reise zu den freiheitlichen Sektionen im belgischen Verviers kehrte Kropotkin - auf Anraten von James Guillaume - nach Russland zurück, um dort für den Sozialismus zu wirken.

Nach seiner Rückkehr nach Russland schloss er sich dem Tschaikowski-Kreis an, dessen Mitglieder sich vorwiegend mit Volksbildung und Propaganda beschäftigten. Der Tschaikowski-Kreis verband viele progressive Mitglieder, die sich später auch der radikaleren Narodnaja Wolja anschlossen, wie Stepniak, Sophia Perowskaja und Lew Alexandrowitsch Tichomirow. 1873 begann die zaristische Polizei mit einer Reihe von Festnahmen, die den Tschaikowski-Kreis und die gesamte Bewegung der Narodniki zunehmend schwächten. Kropotkin wurde 1874 verhaftet, nachdem er von einem der Teilnehmer seiner geheimen Diskussionskreise für Arbeiter verraten wurde. Die Festnahme Kropotkins sorgte in der Öffentlichkeit für großes Aufsehen und verunsicherte auch den Zaren und sein Gefolge, da sich mit Kropotkin erstmals auch ein ranghoher Adliger und persönlicher Bediensteter des Zaren in der anti-zaristischen Bewegung beteiligt hatte. Kropotkin wurde in der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg festgehalten und erkrankte aufgrund der schlechten Haftbedingungen an Rheuma und Skorbut. Als sich nach zwei Jahren sein Zustand lebensbedrohlich verschlechterte, wurde er zur Erholung in ein kleineres Gefängnis beim St. Petersburger Militärspital gebracht. Kropotkins Gesundheitszustand verbesserte sich dort wieder rasch. Kurze Zeit später gelang ihm - mit der Unterstützung von zwanzig Helfern - ein spektakulärer Ausbruch aus dem Gefängnis. Kropotkin flüchtete daraufhin von Vaasa in Finnland aus, mit einem Schiff nach Schweden, und von dort weiter nach Hull in Großbritannien.

Kropotkin lebte nach seiner Flucht 1876 vorerst in Edinburgh und ging dann weiter nach London um dort für die naturwissenschaftliche Zeitschrift Nature zu arbeiten. Kropotkin beschloss noch im Dezember 1876 die Weiterreise in das Schweizer Juragebiet, da er in der schwachen englischen Arbeiterbewegung kein befriedigendes Betätigungsfeld fand. Im damaligen ideologischen Zentrum des europäischen Anarchismus begann Kropotkin eine rege Aktivität und er wandelte sich in dieser Zeit zum kommunistischen Anarchisten. Er war als Co-Autor in L'Avant-Garde von Paul Brousse aktiv, die in den Jahren 1876/77 zur wichtigsten internationalen anarchistischen Zeitschrift avancierte. Gleichzeitig gründete er gemeinsam mit Brousse und den deutschen Anarchisten Otto Rinke und Emil Werner eine deutschsprachige anarchistische Gruppe, die in Bern die Arbeiterzeitung herausgab und nach Deutschland schmuggelte. Kropotkin nahm im gleichen Jahr als Delegierter am letzten Kongress der Antiautoritären Internationale im belgischen Verviers teil und kurz darauf auch am sozialistischen Weltkongress in Gent. Nachdem ihn Freunde vor einer Verhaftung durch die belgische Polizei warnten, musste Kropotkin vor dem Abschluss des Kongresses fliehen und begab sich wieder nach London. Dort begann er seine Forschung über die Französische Revolution, die er nach kurzer Zeit in Paris fortsetzte. Dort war aber nur das Abhalten von kleinen geheimen Arbeitertreffen möglich und als die Polizei 1878 versuchte, die Kreise mit Festnahmen zu zerschlagen, kehrte Kropotkin im April nach Genf zurück.

Flugblatt über einen Vortrag Kropotkins

Kropotkin verbrachte sechs Wochen in Spanien, um mehr über den Anarchismus in Spanien zu erfahren und heiratete im Oktober 1878 die Russin Sophie Ananiew. Nach dem Verbot der Zeitschrift L'Avant-Garde und dem Rückzug von Paul Brousse aus der anarchistischen Bewegung, gründete Kropoktin die Zeitung Le Révolté, die erstmals am 22. Februar 1879 mit einer Auflage von 2'000 Exemplaren in Genf erschien. 1880 verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand von Kropotkins Frau Sophia und sie beschlossen nach Clarens zu ziehen, wo Pjotr Kropotkin an Élisée Reclus' Werk Géographie universelle mitarbeitete. Von Juni bis August erschien in Le Révolté die Artikelserie Appell an die Jugend, die später 1881 als Broschüre gedruckt wurde.

Nach dem Attentat auf Zar Alexander II. am 1.jul./ 13. März 1881greg. und der brutalen Exekution der Verantwortlichen - unter ihnen auch Sophia Perowskaja aus dem Tschaikowski-Kreis - organisierte Kropotkin eine Protestveranstaltung und verbreitete ein Pamphlet La vérité sur les exécutions en Russie (dt.: Die Wahrheit über die Hinrichtungen in Russland). Obwohl er sich durch die Herausgabe der eigenen Zeitschrift in einer schwierigen finanziellen Situation befand, konnte Kropotkin mit der Hilfe von Freunden am anarchistischen Kongress in London von 1881 teilnehmen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wurde Kropotkin auf Druck der russischen Regierung ausgeschafft und wohnte von da an im französischen Thonon-les-Bains am Genfersee. Die Herausgabe von Le Révolté übernahmen die langjährigen Mitarbeiter George Herzig und François Dumartheray von Kropotkin, der aber immer noch Artikel für die Zeitschrift schrieb. Nachdem Pjotr Kropotkin von Pjotr Lawrow aufgrund von Informationen eines hochrangigen Offiziers in Russland davor gewarnt wurde, dass eine konservative russische Organisation einen Mordanschlag auf ihn plante, begab sich Kropotkin im November 1881 wieder nach London. Dort schrieb er Artikel für The Nineteenth Century, The Times, Nature und das Fortnightly Review, und war Mitarbeiter der Encyclopædia Britannica.

Gegen Ende des Jahres 1882 verübten Streikende im französischen Montceau-les-Mines eine Reihe kleinerer Dynamitanschläge. Da Kropotkin im Herbst 1882 wieder nach Thonon zurückkehrte und sich dies mit den Anschlägen kreuzte, wurde er von einem Großteil der französischen Zeitungen als Mitverantwortlicher gesehen. Kropotkin, der nichts mit den Vorfällen zu tun hatte, wurde dann nach einigen Wochen mit etwa 60 anderen Anarchisten festgenommen. Die Anklage konnte vor Gericht keine Beweise vorbringen, die Angeklagten wurden aber dennoch für ihre Mitgliedschaft in der Internationale verurteilt, obwohl die Internationale seit fünf Jahren nicht mehr existierte. Kropotkin wurde mit fünf Jahren Haft und 1'000 Francs Busse am härtesten bestraft, doch die französische Öffentlichkeit und die große Mehrheit der französischen Presse verurteilten den Prozess. Während seiner Haft in Lyon und Clairvaux konnte Kropotkin seine schriftstellerische Tätigkeit fortsetzen und aus seinen gesammelten Werken aus Le Révolté stellte Élisée Reclus das Buch Paroles d'un révolté (dt.: Worte eines Rebellen) zusammen, das 1885 in Paris erschien. Kropotkin erkrankte im Gefängnis an Malaria und ein weiteres Mal an Skorbut. Währenddessen formierte sich in der Öffentlichkeit Widerstand gegen die ungerechtfertigte Haft von Kropotkin, dem sich auch viele renommierte britische und französische Gelehrte anschlossen, darunter beispielsweise Alfred Russel Wallace und Victor Hugo, die mit Petitionen an die französische Regierung die Freilassung forderten. Die Regierung gab im Januar 1886 dem öffentlichen Druck nach und ließ Kropotkin und die restlichen Verurteilten frei.

Kropotkin ging nach seiner Freilassung nach Paris und schrieb dort Artikel über seine Erfahrungen in französischen Gefängnissen. Aus diesen Artikeln und früheren Artikeln über russische Gefängnisse entstand das Buch In Russian and French Prisons (dt.: In russischen und französischen Gefängnissen), das 1887 in London veröffentlicht wurde. Das Buch erschien kurz darauf in einer zweiten Auflage, da die erste Auflage fast komplett von russischen Agenten aufgekauft und zerstört wurde. Noch 1886 entschloss sich Kropotkin nach London überzusiedeln, wo er von da an für längere Zeit blieb. Vor seiner Abreise hielt Kropotkin an seiner Abschiedsveranstaltung in Paris einen Vortrag mit dem Namen Der Anarchismus und dessen Platz in der sozialistischen Evolution, der von mehreren tausend Hörern besucht wurde.

Schriftstellerische Tätigkeit (1886–1914)

In Paris erschien nach wie vor seine Zeitschrift La Révolte, für die er viele Beiträge schrieb, die er 1892 in dem Buch Die Eroberung des Brotes zusammenfasste. Auch sein wichtigstes theoretisches Werk Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, das eine Gegenthese zum Sozialdarwinismus seiner Zeit aufstellte, basierte auf einer Artikelserie für das Magazin Nineteenth Century. Darin versuchte er anhand zahlreicher Beispiele aus Natur und Geschichte nachzuweisen, dass die erfolgreichste Strategie in der Evolution auf gegenseitiger Hilfe und Unterstützung und eben nicht auf dem Überleben des Stärksten beruhte. Außerdem schrieb er in London u. a. Der Wohlstand für alle, Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, Die französische Revolution und Ethik. Er verfasste Artikel für The Times und Nature und fast alle Beiträge über Russland in der Encyclopædia Britannica, wie auch einen Beitrag über Anarchismus.[2] Schließlich war er auch Mitbegründer der Zeitschrift Freedom und des Freedom Press-Verlags.

Erster Weltkrieg und Rückkehr nach Russland (1914–1921)

Kropotkin auf dem Totenbett

Während des Ersten Weltkriegs war Kropotkin Mitunterzeichner des Manifests der Sechzehn, in dem einige Anarchisten zum gemeinsamen Kampf gegen das Deutsche Reich aufriefen. Dieser Schritt isolierte ihn innerhalb der anarchistischen Bewegung und führte zum Bruch mit Errico Malatesta. 1917 kehrte Kropotkin nach der Februarrevolution nach Russland zurück und sprach sich auch dort dafür aus, den russischen Einsatz im Ersten Weltkrieg weiterzuführen. Ihm wurde der Posten des Bildungsministers in der provisorischen Regierung Kerenskis angeboten, was er aber ablehnte. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki schwand sein Enthusiasmus und er wurde zu einem großen Kritiker Lenins,[3] doch aufgrund seiner Popularität in der Arbeiterbewegung konnte er ein relativ freies Leben führen.

Durch eine Lungenentzündung geschwächt, verstarb Kropotkin am 8. Februar 1921. Repräsentanten verschiedener anarchistischer Gruppen, darunter auch Alexander Berkman und Emma Goldman, bildeten ein Begräbniskomitee und konnten von den sowjetischen Autoritäten die Freilassung eingesperrter russischer Anarchisten erzwingen, unter der Bedingung, dass diese nach dem Begräbnis wieder in die Gefängnisse zurückkehren würden. Mehrere zehntausend Menschen besuchten die Beerdigung am 13. Februar 1921 und machten sie zur letzten Massenveranstaltung anarchistischer Kräfte in der Sowjetunion bis 1987.

Ehrungen

Wenige Monate nach seinem Tod wurde die Stadt Kropotkin nach ihm benannt. Seit 1957 trägt die Station Kropotkinskaja in der Moskauer Metro seinen Namen.

Werke

Literatur

  • Günter Bartsch: Wer die Freiheit nicht lebt, den tötet sie, Noûs-Verlag, Tübingen, 1995, S. 53 - 78, ISBN 3-924249-16-4
  • Alexander Bolz (Hrsg.): Pjotr Alexejewitsch Kropotkin. Ein autobiographisches Porträt 1842–1921. AL.BE.CH.-Verlag, Lüneburg 2003. ISBN 978-3-926623-42-3
  • Gudrun Goes (Hrsg.): Nicht Narren, nicht Heilige. Erinnerungen russischer Volkstümler. Reclam-Verlag, Leipzig 1984.
  • Heinz Hug: Kropotkin zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 1989. ISBN 978-3-88506-845-7
  • Heinz Hug: Peter Kropotkin (1842–1921). Bibliographie. Edition Anares im Trotzdem Verlag, Bern-Grafenau 1994. ISBN 978-3-922209-92-8
  • Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Harassowitz Verlag, Wiesbaden 2001. ISBN 3-447-04508-6

Weblinks

 Wikisource: Peter Kropotkin – Quellen und Volltexte
 Commons: Peter Kropotkin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. zitiert nach Kropotkin, Peter A.: Memoiren eines Revolutionärs. Band I. Münster, 2002, S. 192.
  2. Kropotkin: Anarchism; in: Encyclopaedia Britannica, 1910.
  3. Kropotkin – Brief an Lenin II (1920), abgerufen am 27. April 2008

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