Reizfilterung

Reizfilterung

Das Filtern von Reizen ist für alle Tiere, in gewissem Umfang aber auch für Einzeller und Pflanzen, die zentrale Voraussetzung für das Überleben in ihrer Umwelt. Auf jedes Lebewesen strömen ständig wesentlich mehr Reize ein, als die potenziell reizempfänglichen Zellen oder Zellbestandteile und die ihnen nachgeordneten Zellen (Zellbestandteile) verarbeiten könnten.

Vor allem Tiere müssen in einer für bestimmte Situationen angemessenen Weise selektiv sein: Sie müssen auf überlebenswichtige Ereignisse in ihrer Umwelt reagieren und weniger wichtige unbeachtet lassen, also gleichsam angeborenen Prioritäten folgen. Das Phänomen Reizfilterung bedeutet demnach auch, dass unter bestimmten Umständen auf einen Reiz eine bestimmte Reaktion folgt, unter anderen Umständen aber nicht.

Durch Reizfilterung werden Sinneseindrücke demnach klassifiziert, und zwar auf den unterschiedlichsten Ebenen der Reizverarbeitung: bereits im Sinnesorgan, im Verlauf der Weiterleitung von Erregung oder aber im Zentralnervensystem (in Form der selektiven Wahrnehmung).

Typen von Reizfiltern

Es gibt zwei Typen von Reizfiltern:

  1. Starre Reizfilter, so genannte Reizschwellen, die den maximal wahrnehmbaren Bereich einschränken. Hierdurch wird der wahrnehmbare Bereich auf die Reize eingeschränkt, die für die Überlebenssituation eines Lebewesens relevant sind.
  2. Variable Reizfilter, die situationsbezogen den wahrnehmbaren Bereich an Reizen auf den für diese Situation angemessenen Bereich beschränken.

Beispiele

  • Ein starrer Reizfilter ist z.B. die Hörschwelle. Hierdurch wird vermieden, dass irrelevante und störende Geräusche zu akustischen Wahrnehmungen führen, wie z.B. das Blut-Rauschen in den Adern des Ohres oder die Geräusche des Herzschlags. Andererseits werden Bereiche, die für das Überleben irrelevant sind, ausgeblendet (offensichtlich war es für das Lebewesen "Mensch" nicht von Vorteil, die Ultraschall-Rufe der Fledermäuse hören zu können).
  • Auch das Sehsystem des Menschen verfügt über einen starren Reizfilter, so dass Ultraviolettstrahlung und Infrarotstrahlung vollständig unbeachtet bleiben.
  • Ein weiterer grundlegender Mechanismus der Reizfilterung sind Reflexe: Sie werden nur durch ganz bestimmte Reize ausgelöst.
  • Kippfiguren sind ein bekanntes Phänomen der so genannten multistabilen Wahrnehmung: Sie erzeugen eine spontan wechselnde Wahrnehmung (genauer: Interpretation) zum Beispiel einer Zeichnung. Dieser Wechsel kann bei genügend Übung zwar willkürlich herbeigeführt werden, die Wahrnehmungsvarianten können aber keinesfalls willkürlich verändert werden. Auch kann immer nur eine der Varianten "gesehen" werden, die Alternative wird durch einen Filtermechanismus unterdrückt.
  • Ein besonders markantes Beispiel sind ferner die rezeptiven Felder des Sehsystems. Sie haben im Ergebnis eine Reduzierung und Gewichtung der in der Netzhaut entstehenden Erregungen zur Folge. Bei Fröschen konnte man nachweisen, dass dank der Reizfilterung spezielle Gruppen von lichtempfindlichen Zellen die von ihnen generierte Erregung bevorzugt ans Gehirn leiten und so als Beutedetektoren eingesetzt werden können: Sie sprechen vorzugsweise auf kleine, dunkle, bewegte Objekte in ihrem Gesichtsfeld an.
  • So genannte Schlüsselreize ermöglichen angeborene Reaktionen auf lebenswichtige Reize: Zum Beispiel sperren frisch geschlüpfte Vogeljunge ihren Schnabel auf, wenn ein Elterntier sich auf dem Nest niederlässt (siehe hierzu auch: Angeborener Auslösemechanismus).

Siehe auch


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