Richard Strauss

Richard Strauss

Richard Georg Strauss (* 11. Juni 1864 in München; † 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen) war ein deutscher Komponist des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, der vor allem für seine orchestrale Programmmusik (Tondichtungen), sein Liedschaffen und seine Opern bekannt wurde. Strauss war außerdem ein bedeutender Dirigent und Theaterleiter.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Die Anfänge (1864–1886)

Der jugendliche Strauss

Richard Strauss wurde am 11. Juni 1864 in München geboren. Sein Vater Franz Strauss (1822–1905) war erster Hornist am Hoforchester München und ab 1871 Akademieprofessor, seine Mutter Josephine (1838–1910) stammte aus der Bierbrauer-Dynastie Pschorr, einer der reichsten Familien Münchens. Angeregt durch sein von Musik erfülltes Elternhaus, vornehmlich durch seinen Vater, begann Richard schon mit sechs Jahren selbst zu komponieren. Später erhielt er Kompositionsunterricht durch den Münchner Kapellmeister Friedrich Wilhelm Meyer. Unter dessen Anleitung und Anregung entstanden, nach frühen Stücken für Klavier und Gesang, die ersten größeren Formen: Konzerte bzw. Konzertstücke, eine große Sonate, ein Streichquartett, zwei Symphonien sowie eine Bläserserenade. Sein offizielles Opus 1 ist ein Festmarsch für großes Orchester, den er im Alter von zwölf Jahren komponierte.

Hans von Bülow, der Mentor

1882 begann Strauss ein Studium an der Universität München (Philosophie, Kunstgeschichte), brach es aber bald wieder ab, um sich ganz einer Karriere als Musiker zu widmen. Bereits 1883 wurden erste Werke des jungen Komponisten in München aufgeführt, unter anderem durch Hofkapellmeister Hermann Levi. 1883 begab sich Strauss auf eine Künstlerreise, die ihn unter anderem nach Dresden und mehrere Monate nach Berlin führte. Während dieser Reise knüpfte er wichtige Kontakte, vor allem zum Dirigenten und Leiter der Hofkapelle in Meiningen, Hans von Bülow. Er holte 1885 den jungen Strauss als Kapellmeister an den Meininger Hof. Als Bülow bald darauf seinen Dienst quittierte, wurde Strauss für kurze Zeit sein Nachfolger.

In Meiningen lernte Strauss u. a. Johannes Brahms kennen und freundete sich mit Alexander Ritter an, erster Geiger in Meiningen, Sohn der Wagner-Förderin Julie Ritter sowie Ehemann einer Nichte (Franziska) Richard Wagners. Hatte Strauss bis dahin im Stil der Klassiker sowie von Komponisten wie Schumann oder Brahms komponiert, so änderte sich unter dem Einfluss des Wagnerianers Ritter seine musikalische Orientierung. Er wandte sich der Musik und den Kunstidealen Wagners zu und mit sinfonischer Programmmusik in Anlehnung an die Sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt übte er sich auf Ritters Betreiben im Orchesterstil Wagners, um dessen Nachfolge als Komponist von Musikdramen anzutreten.

Dirigent in München und Weimar (1886–1898)

Im April 1886 verließ Richard Strauss Meiningen; er hatte ein Angebot als Kapellmeister am Hoftheater seiner Heimatstadt München. Zuvor bereiste er Italien und komponierte die viersätzige Orchesterfantasie Aus Italien, die ein Jahr später in München uraufgeführt wurde. Am 1. Oktober 1886 stand er erstmals am Pult im Münchner Hof- und Nationaltheater und blieb dort fast drei Jahre als dritter Kapellmeister. In dieser Zeit komponierte er seine ersten einsätzig-programmatischen Orchesterwerke, die er selber Tondichtungen nannte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (von der ersten Tondichtung, Macbeth, gibt es nicht weniger als drei Fassungen) fand Strauss dann in den Tondichtungen Don Juan (1888/89) und vor allem Tod und Verklärung (1888–1890) seinen eigenen unverwechselbaren Stil, der ihn rasch bekannt machte.

Pauline Strauss de Ahna (1894)

In München begann er – ganz im Stile Wagners – mit der Komposition seiner ersten Oper Guntram (eine mittelalterliche Rittergeschichte nach eigener Dichtung). Er lernte 1887 nicht nur Gustav Mahler kennen, sondern auch die junge Sängerin Pauline de Ahna, die seine Schülerin und später seine Frau wurde und für die er viele Lieder komponierte. In München bekam der junge Kapellmeister u. a. die Aufgabe, Die Feen, das Jugendwerk Richard Wagners, uraufzuführen. Als man ihm vor der Generalprobe die Leitung entzog, quittierte er seine Dienste und nahm ein Angebot aus Weimar an. Zuvor folgte er einer Einladung nach Bayreuth, wo er sich als musikalischer Assistent bei den Festspielen (1889) nützlich machte und die Wertschätzung Cosima Wagners gewann – die ihn sogar mit ihrer Tochter Eva verheiraten wollte.

Hoftheater in Weimar

Als er am 1. Oktober 1889 am Hoftheater Weimar seine Stellung als Großherzoglicher Kapellmeister antrat, setzte er sich vor allem für die Aufführung der Werke Wagners ein und führte Tannhäuser, Lohengrin und Tristan und Isolde auf, dirigierte die Uraufführung von Humperdincks Hänsel und Gretel (23. Dezember 1893), die Uraufführungen seiner Tondichtungen, und am 12. Mai 1894 auch die seiner ersten Oper Guntram, wobei seine Verlobte Pauline die Partie der Freihild sang. Bei den Bayreuther Festspielen leitete er 1894 erstmals fünf Tannhäuser-Aufführungen, in denen Pauline die Elisabeth sang. Anschließend vermählte er sich mit ihr und nahm erneut eine Stellung als Hofkapellmeister in München an. Parallel zu seinen Münchner Aufgaben leitete er an Stelle seines im Februar 1894 verstorbenen Mentors Hans von Bülow auch die Berliner Philharmoniker.

Während seines zweiten Münchner Engagement schrieb Richard Strauss weitere Tondichtungen: Till Eulenspiegels lustige Streiche (1895), Also sprach Zarathustra (1896) und Don Quixote (Fantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters), die mit großem Erfolg in Köln bzw. Frankfurt uraufgeführt wurden. Richard Strauss war nun als Komponist berühmt und als Dirigent in ganz Europa gefragt. Als ihm in München die Nachfolge von Hermann Levi versagt wurde, nahm er einen Ruf als Erster königlich preußischer Hofkapellmeister nach Berlin an.

Opernkomponist und Berliner Jahre (1898–1918)

Sein Berliner Debüt gab Strauss am 5. November 1898 an der Hofoper Unter den Linden mit Tristan und Isolde. In Berlin widmete er sich vor allem der Aufführung von zeitgenössischen Komponisten und gründete dafür das Berliner Tonkünstler-Orchester. Ein weiterer Schwerpunkt wurde die allgemeine Verbesserung und gesellschaftliche Anerkennung von Künstlern, für die Strauss die Genossenschaft deutscher Tonsetzer mitgründete, 1901 den Vorsitz des ADM (Allgemeiner Deutscher Musikverein) übernahm und später die GEMA zur Regelung der Urheberrechte ins Leben rief. Im Jahr 1905 ergänzte und revidierte Richard Strauss die berühmte Instrumentationslehre von Hector Berlioz. Seine Ergänzungen bezogen sich auf Erweiterungen der Instrumente wie etwa das Horn und schlossen vor allem auch die Instrumentationskunst in den Werken Richard Wagners mit ein. Strauss selbst verstand es in seinen Werken, durch geschickte Instrumentierungen neue Klangfarben zu gestalten.

Die Jahre in Berlin waren geprägt von vielen Reisen (u. a. Nord-Amerika, große Griechenland- und Italienreise) und den Kompositionen weiterer Tondichtungen (Ein Heldenleben, Sinfonia domestica, Alpensinfonie) und Opern, die ihm internationale Triumphe brachten: Feuersnot (1901), Salome (Uraufführung 1905 in Dresden) und Elektra (Uraufführung 1909 in Dresden). In Paris lernt Strauss Hugo von Hofmannsthal kennen, der ihm in enger Zusammenarbeit für mehrere Opern die Libretti schrieb, u. a. Der Rosenkavalier (Uraufführung 1911 in Dresden).

1908 bezog er sein neuerbautes Haus in Garmisch, 1910 gab es erste Strauss-Wochen in München, später auch in Dresden und Wien. 1912 folgte die Uraufführung von Ariadne auf Naxos in Stuttgart und des Balletts Josephslegende in Paris. Im Mai 1918 verließ Richard Strauss Berlin und übernahm ein Jahr später gemeinsam mit Franz Schalk die Leitung der Wiener Hofoper, in der er wenig später auch seine neue Oper Die Frau ohne Schatten aufführte.

Reife und Lebensabend (1918–1949)

Richard Strauss (Gemälde von Max Liebermann, 1918)
Strauss-Landhaus in Garmisch

1917 unterstützte Strauss (zusammen mit dem Bühnenbildner Alfred Roller und dem Dirigenten Franz Schalk) eine vom Regisseur Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal gestartete Initiative zur Gründung von Festspielen in Salzburg. Gegen alle Widerstände und ungeachtet der schlechten wirtschaftlichen Situation in Österreich nach dem verlorenen Krieg, gelang es Strauss und seinen Mitstreitern, 1920 die ersten Festspiele zu realisieren. Im ersten Jahr wurde nur das Schauspiel Jedermann aufgeführt, 1921 kamen Konzerte hinzu, und bereits 1922 dirigierte Strauss die erste Opernaufführung bei den Festspielen (Don Giovanni).

1924 beendete er seine Tätigkeit als Operndirektor in Wien und konnte sich nun ganz seinen Dirigaten im In- und Ausland sowie seinen Kompositionen widmen. Es entstanden die Opern Intermezzo, Die ägyptische Helena, Arabella, Die schweigsame Frau, Capriccio, Friedenstag, Daphne und Die Liebe der Danae.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchten diese, den international bekannten Richard Strauss für ihre Zwecke einzubinden. Im April 1933 gehörte Strauss zu den Unterzeichnern des „Protests der Richard-Wagner-Stadt München“ gegen Thomas Manns Essay Leiden und Größe Richard Wagners.[1] Am 15. November wurde Strauss zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt. In Bayreuth übernahm er die Leitung des Parsifal, nachdem Arturo Toscanini abgesagt hatte. Nach dem Tod Hindenburgs gehörte Strauss im August 1934 zu den Unterzeichnern des Aufrufs der Kulturschaffenden zur „Volksabstimmung“ über die Zusammenlegung des Reichspräsidenten- und Reichskanzleramts.[2]

Durch die Zusammenarbeit mit Stefan Zweig, der für seine Oper Die schweigsame Frau das Libretto schrieb, fiel Strauss bei den Nationalsozialisten in Ungnade. Nachdem die Gestapo einen kritischen Brief an Stefan Zweig vom 17. Juni 1935 abgefangen hatte, wurde Strauss zum Rücktritt als Reichsmusikkammer-Präsident gezwungen.[2] Anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 komponierte Strauss die Eröffnungsmusik. Zu dem Text von Robert Lubahn erklang am 1. August 1936 im Olympiastadion Berlin die Olympische Hymne Völker! Seid des Volkes Gäste.

Während des Zweiten Weltkriegs widmete er dem Generalgouverneur des besetzten Polen, Hans Frank, am 3. November 1943 ein Danklied, zu dem er auch den Text geschrieben hatte.[2] Im August 1944, in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, wurde Strauss von Hitler nicht nur auf die Gottbegnadeten-Liste, sondern auch auf die Sonderliste mit den drei wichtigsten Musikern gesetzt, was ihn von jeglicher Kriegsverpflichtung befreite.[3]

Die letzten Lebensjahre des Komponisten waren bestimmt durch Krankheiten und Kuraufenthalte. Er zog sich zurück in sein Haus in Garmisch; nach Ende des Krieges zog er vorübergehend in die Schweiz, aus der er 1949 nach Garmisch zurückkehrte. Zu seinen letzten Kompositionen gehören die Metamorphosen für 23 Solostreicher, die am 25. Januar 1946 in Zürich uraufgeführt wurden, das Konzert für Oboe und Orchester und die Vier Letzten Lieder. Anlässlich eines Films aus Anlass seines 85. Geburtstages dirigierte er zum letzten Mal im Münchener Prinzregententheater (das Finale des 2. Aktes seines Rosenkavalier) und leitete im Münchner Funkhaus im Juli 1949 letztmalig ein Orchester (Mondscheinmusik aus Capriccio). Am 8. September starb er im hohen Alter in Garmisch. Wenige Tage später gab es im Krematorium auf dem Münchener Ostfriedhof eine Trauerfeier. Die Urne wurde zunächst in seiner Villa aufbewahrt und viele Jahre später im engsten Familien- und Freundeskreis in einem Familiengrab auf dem Friedhof Garmisch in Garmisch-Partenkirchen beigesetzt, in dem auch seine Frau Pauline, sein Sohn Franz, seine Schwiegertochter Alice und sein Enkel Richard beerdigt wurden.

Werk und Würdigung

Richard Strauss hat über 250 musikalische Werke geschrieben, insgesamt 61 Orchesterwerke (einschließlich der für Soloinstrumente), 45 kammermusikalische Kompositionen, 75 Lieder, 33 Orchesterlieder, 19 Chorwerke und 21 Bühnenwerke.

Tondichtungen

Richard Strauss komponierte insgesamt 9 Tondichtungen. Vorbilder für seine Werke fand er in den Programmsymphonien und Symphonischen Dichtungen von Hector Berlioz und Franz Liszt, vor allem aber in den Symphonien und Ouvertüren Ludwig van Beethovens.[4] Seinem Freund Romain Rolland erklärte er in einem Brief seine Intention:

„Für mich ist das poetische Programm nichts weiter als der Form-bildende Anlass zum Ausdruck und zur rein musikalischen Entwicklung meiner Empfindungen – nicht, wie Sie glauben, nur eine musikalische Beschreibung gewisser Vorgänge des Lebens.

Opern

Mit seinen Opern Salome und Elektra wurde Richard Strauss in der ganzen Welt als Opernkomponist berühmt. In Anlehnung an die Wagnersche Tonsprache schuf er einen neuen dramaturgischen Ausdruck, verließ jedoch die tonale Basis nicht. Später veränderte er seine Musiksprache und bevorzugte einen glatteren musikalischen Stil, in seinen Spätwerken sogar einen eher klassizistischen Stil. Fast alle seine Bühnenwerke sind bis heute Erfolge.

Lieder und Spätwerk

Richard Strauss hat ca. 150 Lieder hinterlassen, teilweise mit Klavier- oder auch mit Orchesterbegleitung. Viele seiner Lieder schrieb er für seine Frau Pauline, mit der er auch häufig Konzerte gab. In Erscheinung trat er auch als Bearbeiter von Volksliedern für das so genannte Kaiserliederbuch, zunächst für das 1906 veröffentlichte Volksliederbuch für Männerchor. 1948 vollendete er sein letztes großes Werk, Vier letzte Lieder, für hohe Stimme und Orchester (Urauff. 1950 durch Kirsten Flagstad unter Wilhelm Furtwängler in London), die sicherlich seine bekanntesten Liedkompositionen sind. Diese Lieder waren von Strauss nicht als Zyklus geplant. Seine letzte vollendete Komposition war ein weiteres Lied, Malven, beendet am 23. November. Die Partitur wurde erst 1982 im Nachlass von Maria Jeritza entdeckt. Malven wurde erstmals 1985 von Kiri Te Kanawa gesungen und 1990 zusammen mit ihrer zweiten Einspielung von Vier letzte Lieder aufgenommen.

Die letzte Komposition, Besinnung für gemischten Chor und Orchester, nach dem gleichnamigen Gedicht von Hermann Hesse („Göttlich ist und ewig der Geist …“), blieb ein Fragment.

Der Kulturpolitiker

Richard Strauss bestimmte auch die Stellung des Musikers in der Gesellschaft neu. Obwohl durch seine Herkunft mütterlicherseits finanziell unabhängig, setzte er sich dafür ein, dass Komponisten von ihrer Arbeit leben können. Dies war in seiner Zeit keinesfalls selbstverständlich. Er forderte unter anderem, dass ein Komponist bei jeder Aufführung seiner Musik an den Einnahmen beteiligt werden müsse. Dabei ging er davon aus, dass das Komponieren ein bürgerlicher Beruf sei und dementsprechend die Höhe seiner Entlohnung mit der Arbeit eines Juristen oder Mediziners vergleichbar sein müsse. Diese Ansicht widersprach der bisherigen Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Strauss hatte sich deshalb gegen den Vorwurf zu wehren, er sei besonders geschäftstüchtig und geldgierig, eine Ansicht, die sich bis in die heutige Zeit gehalten hat.

Um seine Ziele zu erreichen, trat er 1898 zusammen mit Hans Sommer und Friedrich Rösch dafür ein, eine Komponistengenossenschaft zu gründen. Dabei sollten nach einer Idee Sommers auch Werke, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind, mit Abgaben belegt und die daraus erzielten Einnahmen jungen oder Not leidenden Komponisten zufließen. U. a. aufgrund des Einsatzes von Strauss wurden 1903 als Vorläufergesellschaft der GEMA die Genossenschaft Deutscher Tonsetzer, deren Vorsitz Strauss übernahm, und daran angeschlossen als Verwertungsgesellschaft die Anstalt für Musikalisches Aufführungsrecht gegründet.

Rolle im Nationalsozialismus

Kontrovers diskutiert wird Strauss’ Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Einigen Stimmen zufolge war er völlig apolitisch, kooperierte zu keiner Zeit kritiklos mit den Machthabern. Andere heben hervor, dass er als Präsident der Reichsmusikkammer von 1933 bis 1935 ein offizieller Repräsentant Nazi-Deutschlands war und dass er sich, obwohl seine Stellung überwiegend repräsentativ war, trotzdem öffentlich gegen die Nationalsozialisten hätte stellen sollen. Klaus Mann beschreibt anschaulich in seinem Buch Der Wendepunkt ein Interview mit Richard Strauss, in dem dessen Ignoranz gegenüber dem Nationalsozialismus offensichtlich wird.

Als Bruno Walter im März 1933 sein viertes Konzert mit den Berliner Philharmonikern nicht geben konnte, weil er als Jude den neuen Machthabern nicht genehm war, trat Richard Strauss an seine Stelle und dirigierte seine Sinfonia domestica, „was ihm, wie Grete Busch in der Biografie ihres Mannes Fritz erzählt, nach seinen eigenen Worten in den Augen aller anständigen Menschen mehr Schaden zugefügt habe, als je eine deutsche Regierung an ihm hätte gutmachen können“.[5] Strauss sprang auch ein, als Arturo Toscanini seine Teilnahme an den Bayreuther Festspielen 1933 absagte.[6] Bei einer kulturpolitischen Kundgebung während der Reichsmusiktage in Düsseldorf am 28. Mai 1938 dirigierte Richard Strauss sein bereits 1913 komponiertes Festliches Präludium.[7]

Strauss’ Schwiegertochter Alice war Halbjüdin, damit galten nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten auch seine Enkelkinder als jüdische Mischlinge. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass er davon absah, offen zu opponieren – Drohungen von Seiten des Regimes soll es gegeben haben. Anlässlich der Uraufführung der Oper Die schweigsame Frau nach dem Libretto des jüdischen Schriftstellers Stefan Zweig kam es schließlich zum Eklat. Strauss zeigte Courage und bestand darauf, dass der Name Stefan Zweigs auf dem Programmzettel und den Plakaten abgedruckt wurde. Hitler blieb daraufhin aus Protest der Aufführung fern, und das Regime ließ Strauss fallen, das Stück wurde nach drei Wiederholungen abgesetzt. Allerdings zeigt der erhaltene Briefwechsel mit Zweig während der Affäre, dass Strauss in politischen Dingen nicht nur kompromissbereit, sondern naiv und instinktlos war. Strauss kämpfte wohl lediglich für den Künstler Zweig, nicht gegen das politische System. Zweig kritisierte Strauss vorsichtig, äußerte aber Verständnis dafür, dass dem über 70-jährigen Komponisten das eigene Werk und das Wohlergehen seiner Familie und Freunde wichtiger war als offener Widerstand.

Alles in allem wurde Strauss von den nationalsozialistischen Machthabern hoch geschätzt, was auch seine Aufnahme in die Sonderliste der Gottbegnadeten-Liste beweist. Wegen seiner Präsidentschaft in der Reichsmusikkammer wurde Strauss nach dem Entnazifizierungsgesetz automatisch als Hauptschuldiger eingestuft, im Jahre 1948 jedoch als „nicht belastet“ freigesprochen.

Die Affäre um Stefan Zweig ist Gegenstand des Theaterstücks Kollaboration von Ronald Harwood.

Hinweis

Richard Strauss war nicht verwandt mit der Wiener Walzer-Dynastie Strauss, auch nicht mit dem Komponisten Oscar Straus.

Zitate

  • Es ist schwer Schlüsse zu schreiben. Beethoven und Wagner konnten es. Es können nur die Großen. Ich kann’s auch.[8]

Auszeichnungen und Ehrungen

Richard Strauss wurde zeitlebens mit vielen Ehrungen ausgezeichnet und wurde unter anderem zum Ehrenbürger von München, Dresden und Garmisch. Außerdem bekam er die Ehrendoktorwürde der Universitäten von Heidelberg und Oxford, den Bayerischen Maximiliansorden und wurde Offizier der Französischen Ehrenlegion in Paris. 1934 erhielt er den Adlerschild des Deutschen Reiches. Am 16. Dezember 1942 nahm er den von Baldur von Schirach neu ausgelobten und mit 10.000 Reichsmark dotierten Beethoven-Preis der Stadt Wien entgegen. Er revanchierte sich mit der Komposition der Festmusik für die Stadt Wien für Blechbläser und Pauken, die er am 9. April 1943 zur Feier des fünften Jahrestages von „Großdeutschland“ mit dem Wiener Trompetenchor uraufführte.[9] In renommierten Orchestern wurde er Ehrenmitglied. In Garmisch-Partenkirchen findet jährlich im Juni ein Richard-Strauss-Festival statt. Das Richard-Strauss-Konservatorium München wurde nach ihm benannt. Außerdem ist er der Namensgeber der Richard-Strauss-Straße in München; weitere nach ihm benannte Straßen gibt es unter anderem in Wien, Bayreuth, Berlin, Emden, Erlangen und Sarstedt.

Weitere Bilder

Werkverzeichnis

Tondichtungen

Weitere Orchesterkompositionen

  • Symphonie d-Moll (1880)
  • Symphonie f-Moll op. 12 (1883)
  • Aus Italien, op. 16 (1886)
  • Burleske für Klavier und Orchester, d-Moll (1886)
  • Parergon zur Sinfonia Domestica op. 73 für Klavier und Orchester (1925)
  • Panathenäenzug op. 74 für Klavier und Orchester (1926-27)
  • Festliches Präludium op. 61 für großes Orchester und Orgel zur Eröffnung des Wiener Konzerthauses (1913)
  • Japanische Festmusik (1940)
  • Hornkonzert Nr.1 Es-dur op. 11 (1883)
  • Hornkonzert Nr.2 Es-dur (1942)
  • Violinkonzert d-moll op. 8
  • Konzert für Oboe und kleines Orchester D-Dur (1945)
  • Duett-Concertino für Klarinette, Fagott und Orchester
  • Festmusiken, Gelegenheitskompositionen, Fanfaren, Suiten
  • Orchestersuiten: instrumentale Auskopplungen aus Bühnenwerken.
  • Musik zum Stummfilm Der Rosenkavalier (Orchesterbearbeitung) (1925)

Opern

Die Musikkomödie Des Esels Schatten nach Christoph Martin Wielands Die Abderiten, komponiert 1947–49, UA 1964, wird üblicherweise nicht als Oper gezählt.

Ballettmusiken

  • Josephslegende op. 63. Handlung in einem Aufzug von Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal. UA 14. Mai 1914 Paris
  • Schlagobers op. 70. Libretto: Richard Strauss. UA 9. Mai 1924 Wien

A-cappella-Chöre

  • Zwei Gesänge op. 34 für 16-stimmigen gemischten Chor (1897):
  • Zwei Männerchöre op. 42 (1899). Texte: Johann Gottfried Herder, aus: Volkslieder (1778, später: Stimmen der Völker in Liedern)
    • Nr. 1: Liebe („Nichts Bessers ist auf dieser Erd“)
    • Nr. 2: Altdeutsches Schlachtlied („Frisch auf, ihr tapferen Soldaten“)
  • Drei Männerchöre op. 45 (1899). Texte: Johann Gottfried Herder, aus: Volkslieder (1778)
    • Nr. 1: Schlachtgesang („Kein selig'r Tod ist in der Welt“)
    • Nr. 2: Lied der Freundschaft („Der Mensch hat nichts so eigen“)
    • Nr. 3: Der Brauttanz („Tanz, der du Gesetze unsern Füßen gibst“)
  • Eine deutsche Motette („Die Schöpfung ist zur Ruh gegangen“) op. 62 für 4 Soli (SATB) und 16-stimmigen gemischten Chor (1913). Text: Friedrich Rückert
  • Cantate („Tüchtigen stellt das schnelle Glück hoch empor“) für 4-stimmigen Männerchor (1914). Text: Hugo von Hofmannsthal
  • Drei Männerchöre (1935). Texte: Friedrich Rückert
    • Nr. 1: Vor den Türen („Ich habe geklopft an des Reichtums Haus“)
    • Nr. 2: Traumlicht („Ein Licht im Traum hat mich besucht“)
    • Nr. 3: Fröhlich im Maien („Blühende Frauen, lasset euch schauen“)
  • Die Göttin im Putzzimmer („Welche chaotische Haushälterei“) für 8-stimmigen gemischten Chor (1935). Text: Friedrich Rückert
  • Durch Einsamkeiten („Durch Einsamkeiten, durch waldwild Gehege“) für 4-stimmigen Männerchor (1938). Text: Anton Wildgans
  • An den Baum Daphne („Geliebter Baum! Von ferne winkst du“). Epilog zu Daphne (1943). Text: Joseph Gregor

Weitere Werke (Auswahl)

  • Klavier- und Orchesterlieder, darunter Vier letzte Lieder (1948)
  • Drei Hymnen nach Friedrich Hölderlin (1921)
  • Kammermusik
    • Cellosonate F-Dur op.6 (1880–1883)
  • Klaviermusik
    • Enoch Arden, Melodram für Sprechstimme und Klavier (1897)
  • (Erste) Sonatine F-dur. „Aus der Werkstatt eines Invaliden“ für sechzehn Blasinstrumente (1943)
  • Zweite Sonatine Es-dur. „Fröhliche Werkstatt“ für sechzehn Blasinstrumente (1944–45)
  • Metamorphosen für 23 Solostreicher (1945), im Auftrag für Paul Sacher, UA 25. Januar 1946 in Zürich[10]

Einzelnachweise

  1. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 598. ISBN 3-10-039326-0
  2. a b c Ernst Klee, Kulturlexikon, S. 599.
  3. Ernst Klee, Kulturlexikon, S. 598.
  4. Jürgen May, „[…] die direkte Linie?“ Richard Strauss als Nachfolger Beethovens’', in: Richard-Strauss-Blätter, Neue Folge, Heft 58. Wien 2007, S. 9-16.
  5. Maria Stader: Nehmt meinen Dank. Erinnerungen. Nacherzählt von Robert D. Abraham. München 1979, S. 146. ISBN 3-463-00744-4
  6. Vgl. auch seine eigenhändige Widmung eines Exemplars von Joseph Gregor: Weltgeschichte des Theaters. Phaidon, Zürich 1933: „Dem edlen Freunde und Förderer / des Theaters / Herrn Reichskanzler / Adolf Hitler / verehrungsvoll überreicht von / DRichardStrauss. // Weihnachten 1933.“ (J. A. Stargardt, Antiquariat: Katalog 695. Auktion am 19. und 20. April 2011, S. 302, Nr. 616).
  7. 'Entartete Musik. Zur Düsseldorfer Ausstellung von 1938. Eine kommentierte Rekonstruktion, hrsg. von Albrecht Dümling und Peter Girth. Düsseldorf 1988, S. 9. ISBN 3-924166-29-3
  8. Tagebucheintrag von Elisabeth Schumann vom 31. Oktober 1921
  9. Programmheft der Berliner Philharmoniker Nr. 70, Saison 2010/2011 vom 5.,6. und 7. Mai 2011.
  10. Ulrich Mosch (Hrsg.): Paul Sacher, Facetten einer Musikerpersönlichkeit. Paul Sacher Stiftung, Basel 2006, S. 264. ISBN 3-7957-0454-5

Literatur

  • Eugen Schmitz: Richard Strauss als Musikdramatiker. Lewy, München 1907.
  • Mathieu Schneider: Destins croisés. Du rapport entre musique et littérature dans les œuvres symphoniques de Gustav Mahler et Richard Strauss. Edition Gorz, Waldkirch 2005. ISBN 3-938095-02-4
  • Julia Liebscher: Richard Strauss und das Musiktheater. Henschel, Berlin 2005. ISBN 3-89487-488-0
  • Programmbuch der Sinfonie-Konzerte, Winter 1907/08. Meinhold & Söhne, Dresden 1907.
  • Günter Brosche: Richard Strauss : Werk und Leben, Wien : Edititon Steinbauer, 2008, ISBN 978-3-902494-31-3
  • Willy Brandl: "Richard Strauss. Leben und Werk", Wiesbaden: Breitkopf & Härtel GmbH, 1949

Weblinks

 Commons: Richard Strauss – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

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