Schneeberger Krankheit

Schneeberger Krankheit

Die Schneeberger Krankheit oder auch Schneeberger Lungenkrankheit ist ein nach der Stadt Schneeberg im sächsischen Erzgebirge benannter strahlenbedingter Bronchial- und Lungenkrebs, verursacht durch Einatmen des radioaktiven Edelgases Radon und seiner ebenfalls radioaktiven Zerfallsprodukte. Für die Verursachung der Schneeberger Krankheit sind hauptsächlich radioaktive Stoffe aus den Uran-Zerfallsreihen verantwortlich. Der strahlenverursachte Lungenkrebs der Bergleute ist der häufigste berufsbedingte Strahlenschaden. Er übertrifft bei weitem die Gesamtheit aller sonstigen beruflichen Strahlenschäden, einschließlich der Opfer der frühen Röntgen-Ära. Seit über fünf Jahrhunderten ist die Schneeberger Krankheit bekannt, jedoch bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein ohne Kenntnis ihrer wirklichen Ursachen.

Inhaltsverzeichnis

Das Schneeberger Revier

Im Jahre 1168 stießen Fuhrleute im Raum der später gegründeten Bergstadt Freiberg zufällig auf oberflächlich liegende Silbervorkommen. In mehreren Jahrhunderten entwickelte sich daraufhin der Erzbergbau in der Region zu großer Blüte. In Schneeberg konnten nach dem Niedergang des Silberaufkommens andere wertvolle Erze gewonnen werden, zum Beispiel Bismut, Wolfram, Nickel, Arsen und Cobalt, der Ausgangsstoff für die wertvolle Farbe des Meißner Porzellans.

Forschungsgeschichte

Die „Bergsucht“

Neben Unfällen und Schäden an Knochen und Gelenken waren chronische Erkrankung der Atmungsorgane stets das größte Gesundheitsrisiko der Bergleute. Ab Anfang des 16. Jahrhunderts kam für diese Lungenkrankheiten der Knappen die Bezeichnung Bergsucht auf. Die Betroffenen wurden bergsüchtig oder bergfertig genannt. Bergsucht ist jedoch nur ein Sammelbegriff für überwiegend chronische Lungenkrankheiten, das heißt Dauerschäden nach arbeitsbedingten Entzündungen der Atemwege, wie chronische Bronchitis, Bronchiektasen, Lungenemphysem, Lungentuberkulose und, in Abhängigkeit von den jeweiligen Abbauverhältnissen, auch Staublungenerkrankungen.

Paracelsus hat in den 1530er Jahren ein umfangreiches Werk zu diesem Thema unter dem Titel: Von der Bergsucht oder Bergkranckheiten drey Bücher verfasst, das erst 1567 gedruckt wurde. Nach ihm haben sich im 17. und 18. Jahrhundert vorwiegend sächsische Ärzte Gedanken über die Bergsucht gemacht, zum Beispiel Johann Friedrich Henckel, Bergphysikus in Freiberg, der in einem Werk, verfasst um 1728, erstmals die gerade aufgekommenen pathologisch-anatomischen Untersuchungen einbezieht. Im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert fielen die Krankheitsfälle an Bergsucht im Schneeberger Revier durch besonders eigentümliche Krankheitsverläufe auf. Die betroffenen Bergleute erkrankten schon häufig im relativ jugendlichen Alter. Nach einigen Monaten bis wenigen Jahren trat der Tod ein, begleitet von Husten, Auswurf und auffälliger Atemnot. Diese Form der Bergsucht erhielt nun den Namen Schneeberger Krankheit.

Diagnose Krebs

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich zwei sächsische Ärzte mit dieser Krankheit beschäftigt. Der eine von ihnen, Friedrich H. Härting, wurde durch seine Tätigkeit als Bergarzt in Schneeberg mit Krankheitsfällen konfrontiert. Der andere, Walther Hesse, war als Bezirksarzt im nahen Schwarzenberg für die sozialmedizinischen Belange zuständig. Während ihrer über 20-jährigen Arbeit fanden sie heraus, dass drei von vier Bergleuten der Schneeberger Gruben an der Schneeberger Krankheit starben. Hesse schrieb 1878 erstmals über ihre Untersuchungen: „Es ist eine in der Gegend von Schneeberg ganz bekannte Tatsache, dass die Bergarbeiter im besten Mannesalter an der sogenannten Bergkrankheit zu Grunde gehen, und ganz gewöhnliche Leute bezeichnen diese Todesart geradezu als Lungenkrebs.“

Durch Sezieren von mehr als 20 Bergleuten und ihrer Lungen gelang es Härting und Hesse, die Volksmeinung zu bestätigen. Damit wurden sie zu den Entdeckern des ersten berufsbedingten Lungenkrebses in der Geschichte der Arbeitsmedizin. Zunächst hatte man Arsen oder Gesteinsstäube als Verursacher in Verdacht. Die Entdeckung von Radioaktivität und Radium schuf neue Erklärungsmöglichkeiten, als erste krebserzeugende Wirkungen der ionisierenden Strahlung bekannt wurden. In den Jahren 1908 bis 1912 wurde auf Veranlassung der königlich-sächsischen Regierung eine Forschungsaktion durchgeführt, bei der Professor Carl Schiffner von der Bergakademie Freiberg mit seinen Mitarbeitern die Quellen des Landes auf radioaktive Bestandteile untersuchte mit dem Ziel, diese eventuell zu therapeutischen Zwecken anwenden zu können. Durch diese Aktion wurde 1909 in Wässern und Luft der Schneeberger Gruben ein extrem hoher Gehalt an Radium nachgewiesen.

Radon als Verursacher

Der Bergdirektor von Zwickau, H. E. Müller, schrieb 1913 über die Verursachung des Lungenkrebses durch Emanation:

„Durch die Radiumforschung ist die gefährliche Einwirkung von Radiumstrahlung und der Emanation, sofern sie eine zu lange dauernde ist, bekannt geworden. Als Folge zeigen sich an den betroffenen Stellen regelmäßig krebsartige Veränderungen, die leicht in Eiterung übergehen. Bei der Emanation wird jedenfalls der am leichtesten verletzliche Teil des von der Luft berührten Körpers zuerst angegriffen und das sind die Weichteile der Lunge. Ich betrachte daher den Schneeberger Lungenkrebs als eine besondere Berufskrankheit der Gruben, deren Gesteine Radium enthalten und deren Luft mit starker Emanation beladen ist.“

Der „Arbeitsausschuss für die Erforschung des Schneeberger Lungenkrebses in Sachsen“ hat zwischen 1922 und 1926 insgesamt fünf Reihenuntersuchungen in Schneeberg durchführen lassen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Untersuchungen 1926 waren von 154 erfassten Bergleuten in drei Jahren 21 verstorben. Davon waren 71 Prozent Opfer der Schneeberger Krankheit. Gleichzeitig mit den Reihenuntersuchungen wurden eingehende Messungen der Radonkonzentrationen in den Schneeberger Gruben veranlasst. Forschungen von Boris Rajewsky beseitigten schließlich letzte Zweifel, dass der Schneeberger Krebs durch Radoninhalation verursacht wird.

Grenzwertfestlegung

So kam es dann zu einer Grenzwertfestlegung für die Radonkonzentration in der Grubenluft, die bei Kriegsende bereits in sächsische bergbaupolizeiliche Vorschriften umgesetzt waren und durch geeignete Bewetterung eingehalten werden sollte. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die Geschichte der Schneeberger Krankheit vom Erzgebirge aus auf alle Weltregionen ausgedehnt, in denen abbauwürdige Uranerze gefunden wurden. In den USA beispielsweise orientierte man sich im Uranbergbau an den Grenzwerten der sächsischen Bergbaupolizei. Der amerikanische Forscher W. F. Bale konnte 1951 einschlägige Forschungsergebnisse aufweisen, dass nicht nur das Radon, sondern auch dessen radioaktive Folgeprodukte Lungenkrebs verursachen. Fast zeitgleich wurde am Max-Planck-Institut für Biophysik dasselbe Ergebnis festgestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Erzgebirge Uran für das sowjetische Atomprogramm durch die SAG/SDAG Wismut gefördert. Auch bei den dort arbeitenden Bergleuten stellte sich Lungenkrebs ein. Obwohl im Uranbergbau die Schutzmaßnahmen für die Bergleute im Laufe der Zeit erhöht wurden, kam die Schneeberger Krankheit zwar erst nach Jahrzehnten zum Ausbruch, konnte aber nie verhindert werden. Auch lange nach dem Ende des Abbaus nach der deutschen Wiedervereinigung sorgt die Belastung von Wohn- und Arbeitsräumen in der Region mit Radon immer wieder für Probleme.[1]

Literatur

  • W. F. Bale: Hazards associated with radon and thoron. Division of Biology and Medicine, Health Physics. 1951.
  • F. H. Härting, W. Hesse: Der Lungenkrebs, die Bergkrankheit in den Schneeberger Gruben. Vierteljahrsschrift Gerichtliche Medizin und Öffentliches Sanitätswesen, 1879
  • Johann Friedrich Henckel: Von der Bergsucht und Hüttenkatze, Dresden/Freiberg 1745 (Digitalisat)
  • P. Ludewig, E. Lorenser: Untersuchung der Grubenluft in den Schneeberger Gruben auf den Gehalt an Radiumemanation. aus: Zeitschrift für Physik A Hadrons and Nuclei, 1924 Volume 22, Number 1, S. 178–185.
  • Paracelsus: Von der Bergsucht oder Bergkranckheiten drey Bücher, inn dreyzehen Tractat verfast unnd beschriben worden. ca. 1534

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Rainer Karlsch: Uran für Moskau. - Eine populäre Geschichte. Bonn 2007

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