Schweizerische Studentenverbindung Helvetia

Schweizerische Studentenverbindung Helvetia


Zirkel der Helvetia

Die Studentenverbindung Helvetia (vollständiger Name: Schweizerische Studentenverbindung Helvetia, französisch Société suisse d'etudiants Helvétia) ist eine Schweizer Studentenverbindung. Heute hat sie Sektionen an den fünf Schweizer Universitäten Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich. Die Sektionen sind in einem Zentralverband zusammengeschlossen. Die Helvetia zählt derzeit rund 60 Aktive und circa 600 alte Herren. Die Mitglieder der Helvetia bezeichnen sich als "Helveter".

Der Wahlspruch der Helvetia lautet Vaterland, Freundschaft, Fortschritt, ihre Mitglieder tragen Band (karmesinrot-weiss-karmesinrot) und Mütze (karmesinrot). Die Sektionen Basel, Bern und Zürich sind Mitglied des Schweizerischen Waffenrings, schlagend und pflegen das Prinzip der unbedingten Satisfaktion. Gemäss dem Lebensbundprinzip währt eine Mitgliedschaft in der Helvetia das ganze Leben. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft bei einer anderen Hochschulverbindung ist nicht gestattet. Die Helvetia ist eine Männerverbindung. Nach Beendigung des Studiums erfolgt in der Regel der Übertritt in eine Altherrensektion.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Helvetia wurde am 11./12. Juni 1832 im Gasthof Engel in Hitzkirch im Kanton Luzern gegründet. Ihre Gründerväter waren radikale Mitglieder des Schweizerischen Zofingervereins der Sektionen Luzern, Bern und Zürich. Sie wollten sich von der ihrer Meinung nach allzu gemässigten, liberalen Haltung des Zofingervereins absetzen. Der Luzerner Franz Josef Dula äusserte bei der Gründung die für die Vereinsgeschichte wesentlichen Worte: "O Freunde! Wir haben uns schrecklich getäuscht im Zofingervereine!" Hintergrund war der politische Umbruch in der Schweiz in der Zeit zwischen 1830 und 1848. In verschiedenen Kantonen der Schweiz kam es zu „radikalen“ Umstürzen, der liberalen „Regeneration“.

In der Zeit des Sonderbundes und nach der Gründung des Schweizerischen Bundesstaats 1848 war die Helvetia das Sammelbecken des schweizerischen Radikalismus. Nach 1847 wurden die Bezeichnungen „radikal“ und „freisinnig“ bzw. „liberal“ in der Schweiz oft bedeutungsgleich verwendet. In der französischsprachigen Schweiz nennt sich die Freisinnig-Demokratische Partei noch heute Parti radical-démocratique Suisse und wird im Volksmund les radicaux („die Radikalen“) genannt. Viele Helveter waren später Mitglieder dieser Partei.

Die starke politische Ausrichtung und die Konflikte der Zeit spiegelten sich in zahlreichen Ausschlüssen, Fusionen, Neu- und Wiedergründungen wider. Mit der Gründung des Zentralverbandes durch die Sektionen Lausanne, Bern und Aarau 1858 verstetigte sich das Verbindungsleben erstmals. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten auch die Sektionen Zürich und Basel bei, diejenigen von Luzern, Aarau, Fribourg, Solothurn und Neuchâtel hingegen verschwanden. Die Sektion Genf mit ihrer wechselvollen Geschichte gehört dem Zentralverband ohne Unterbrechung seit 1972 an.

Der Zentralverband, statutarisch an radikal-demokratischen Grundsätzen orientiert, übernahm 1859 das Motto Vaterland, Freundschaft, Fortschritt. Während des ersten Weltkriegs wurde ein besonderer Akzent auf den Patriotismus gesetzt, um den wachsenden Gegensätzen zwischen der Bevölkerung der deutschsprachigen Schweiz und französischsprachigen Schweiz entgegenzuwirken. Wie andere universitäre Studentenverbindungen bildete die Helvetia politisch und assoziativ eine einflussreiche Ausbildungs- und Kooptationsstruktur. Ehemalige Aktive bekleideten wichtige Rollen in Politik und Öffentlichkeit, insbesondere in den Kantonen Bern und Waadt, wo die Verbindung einen Rekrutierungspool für die zukünftige politische Elite darstellte.

Heute

Heute ist die Helvetia politisch und konfessionell neutral und betonen die Traditionspflege und das studentische Brauchtum. Die Verbindung ist ein Unikum in der schweizerischen Studentenverbindungslandschaft. Zwar gibt es mit der Zofingia, dem Falkensteinerbund und dem Schweizerischen Studentenverein (StV) auch andere Bünde, welche die schweizinherenten Sprachgrenzen überwinden, doch ist die Helvetia aufgrund der unterschiedlichen Auslegung des Fechtprinzips einzigartig: Die Deutschschweizer Sektionen sind schlagend, die Sektionen der welschen Schweiz nicht. Deshalb unterscheidet man auch in der Helvetia zwischen einer welschen und einer deutschschweizerischen Geisteshaltung. Die Mitglieder der einzelnen Sektionen pflegen einen regen Austausch über die Sprachgrenzen und den Röstigraben hinweg.

Die Helvetia besteht heute mit Sektionen in Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich, zu denen 2005 rund 100 Aktive und 1000 Altherren zählten. Im Juni 2007 feierte die Helvetia ihr 175-Jahr-Jubiläum in Solothurn.

Vereinszeitschrift

Die Helvetia gibt seit 1882 regelmässig ein Zentralblatt heraus. Die Schrift befasst sich neben verbindungsinternen Themen mit Politik und Literatur und liegt an den Schweizer Universitätsbibliotheken auf.

Prominente Mitglieder

Eine Aufzählung von Helvetern mit Wikipedia-Eintrag findet sich in der Wikipedia-Kategorie: Korporierter in der Schweizerischen Studentenverbindung Helvetia.

  • Stefano Franscini (1796–1857), Tessiner Staatsrat und Mitglied des ersten Schweizer Bundesrats
  • Daniel-Henri Druey (1799–1855), Waadtländer Staatsrat, Mitglied des ersten Schweizer Bundesrats und zweiter Schweizer Bundespräsident
  • Jakob Stämpfli (1820–1879), Berner Politiker, Bundesrat und mehrfacher Bundespräsident
  • Victor Ruffy (1823-1869), Richter und Präsident des Waadtländer Kantonsgericht, Waadtländer Abgeordneter und Präsident des Nationalrats, Abgeordneter im Waadtländer Großrat, Richter und Präsident des Bundesgerichts, außerdem Mitglied der Belles-Lettres und der Zofingia
  • Louis Ruchonnet (1834-1893), Schweizer Politiker und Rechtsanwalt
  • Jakob Dubs (1822–1879), Zürcher Politiker, Bundesrat und Bundesrichter
  • Paul André (1837-1896), Professor an der Université de Lausanne, freisinniger Abgeordneter im Großrat des Kantons Waadt, Mitglied im Gemeinderat von Lausanne und Nationalrat, außerdem Mitglied der Belles-Lettres und der Zofingia
  • Marc-Emile Ruchet (1853-1912), Schweizer Politiker (FDP)
  • Eugène Ruffy (1854-1919), Schweizer Politiker (FDP) und Rechtsanwalt
  • Ernest Chuard (1857-1942), Schweizer Politiker (FDP)
  • Camille Decoppet (1862–1925), Waadtländer Politiker, Bundesrat und Bundespräsident
  • Eugen Bircher (1882–1956), Aargauer Arzt und führender Schweizer Militär, Nationalrat
  • Roman H. Abt (1883-1942)aarg. Fürsprech und Notar, Landwirt in Bünzen AG, Mitbegründer der aarg. BGB, 1919-1942 Nationalrat (Präsident 1942), er leitete zusammen mit seinem Schwager J. Käppeli die Anbauschlacht ein
  • Walter Stampfli (1884-1965), Solothurner Politiker, Nationalrat von 1931 bis 1940; Bundesrat von 1940 bis 1947, Bundespräsident 1944, er wird als "Vater der AHV" bezeichnet.
  • Rodolphe Rubattel (1896-1961), Schweizer Politiker (FDP)
  • Paul Gigli (1909-1992), Korpskommandant, Generalstabschef von 1965 bis 1971
  • Franz Luterbacher (1918–2007), von 1970 bis 1985 Präsident des Schweizer Industriekonzerns Brown, Boveri & Cie. (BBC), welcher 1988 in der ABB aufging
  • Hans Rüegg (1918-1991), Zürcher Industrieller und Politiker, 1971 - 1983 Nationalrat, Präsident des Arbeitgeberverbandes der schweiz. Maschinenindustrie, Verwaltungsratspräsident der Von Roll AG, Vizepräsident des Verwaltungsrates der schweiz. Bankgesellschaft
  • Max Affolter (1923-1991), Fürsprecher und Notar, Solothurner Politiker. 1979 - 1991 Ständerat (Präsident 1991) des Kt. Solothurn
  • Sepp Blatter (* 1936), Präsident des Weltfussballverbands FIFA
  • Philippe Pidoux (* 1943), Präsident des Verwaltungsrats der Publigroupe, ehemaliger Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank, früherer Nationalrat und ehemaliges Mitglied der Kantonsregierung des Kantons Waadt.
  • Kurt Fluri (* 1955), Stadtpräsident von Solothurn und Solothurner Nationalrat
  • Stephan Reinhardt (* 1966), Polizeikommandant des Kantons Aargau

Literatur

  • Helvetia 1832-1982, Stämpfli (1982)

Siehe auch

Weblinks

Sektionen


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