Türkische Literatur


Türkische Literatur

Türkische Literatur bezeichnet die türkischsprachige Literatur der frühen türkischen Stämme, des Osmanischen Reiches und der türkischen Republik und – weiter gefasst – auch die türkischsprachige Literatur, die außerhalb der Türkei entsteht.

Inhaltsverzeichnis

Vorislamische Zeit

Mit den Orchon-Runen verwandte Jenissei-Runen (ca. 730 n.Chr.)

Vor der Annahme des Islam war die schriftliche und mündliche türkische Literatur von der Nomadenkultur geprägt. Das Wissen über die mündliche türkische Literatur stammt heute aus chinesischen, arabischen und iranischen Quellen. Die ersten mündlichen Werke waren Sagen, die älteste ist die Sage von Alp Er Tunga. Die Sage handelt vom Sieg des Herrschers über eine iranische Armee.

Die Ergenekon-Legende berichtet, wie die Gök-Türken ein Tor aus Eisen geschmolzen haben um aus „Ergenekon“ herauszukommen und in der Bozkurt-Sage wird über den Mythos berichtet wonach die Gök-Türken vom Wolf abstammen. Neben den Sagen waren Klagelieder, Liebes- und Naturgedichte und Sprichwörter, die bei religiösen Zeremonien und bei Siegesfeiern vorgetragen wurden, weitere Bestandteile der frühen türkischen mündlichen Literatur.

Frühislamische Zeit

Die Türken traten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts zum Islam über, vorher war der Schamanismus das prägende Element der türkischen Gesellschaften. Mit der islamischen Religion veränderte sich auch das gesellschaftliche Leben und damit auch Sprache, Form und Inhalt der Literatur. Mit dem Islam stieg auch der Einfluss der arabischen und persischen Sprache auf die türkische Literatur. „Kutadgu Bilig“ (11. Jahrhundert), das von Religion, Staat, Politik und Erziehung handelt, war das erste Werk der türkischen Literatur nach der Annahme des Islams. Al-Kāschgharī verfasste das Wörterbuch für türkische Sprache „diwān lughāt at-turk“. Es enthält 7.500 Wörter aus verschiedenen Dialekten der türkischen Sprache. Weitere wichtige Personen für die Literatur waren Ali Şir Nevai und der Großmogul-Schah Babur: Ali Şir Nevai wegen seiner Gedichte, Wörterbücher und Werken über die Sprache, Großmogul-Schah Babur vor allem aufgrund seines autobiografischen Werks „Vekayi Babürname“.

Ab dem 11. Jahrhundert bildete sich bei den Türken, die sich in Anatolien niederließen, das Türkei-Türkische heraus. Der islamische Einfluss hielt vom 11. Jahrhundert bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts an. In dieser Zeit kann die Entwicklung der türkischen Literatur in zwei Hauptgruppen unterschieden werden. Zum einen in die Diwan-Literatur und zum anderen in die Volksliteratur. (siehe auch Meddach)

Das bekannteste Werk aus rum-seldschukischer Zeit ist das Ġarībnāme („Buch des Seltsamen“) des Sufi-Scheichs ʿĀšiq Pascha (ʿAlī bin Muḫliṣ, 1272–1332). Es besteht aus über 10.000 Doppelversen (Masnawī), die in zehn Kapitel (bāb), diese wiederum in zehn Unterkapitel eingeteilt sind. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit einem Thema, das mit seiner jeweiligen Zahl zusammenhängt. So werden im 4. Kapitel unter anderem die vier Elemente und im 5. Kapitel die fünf Sinne abgehandelt. Die Themen sind moralischer und philosophischer Natur. Das Grab (Türbe) des in der Nachfolge von Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207–1273) stehenden Dichters in Kırşehir wurde zu einem Pilgerort.[1]

Noch aus vorosmanischer Zeit stammt der Epos von Gesser Chan, der als größter zentralasiatischer Epenzyklus in tibetischer, mongolischer und türkischer Sprache bekannt ist. Das große türkische Volksepos ist „Dede Korkut“, das von dem Kampf der Turkstämme gegeneinander und gegen das christliche Oströmische Reich berichtet. Es wurde vermutlich im 15. Jahrhundert niedergeschrieben. Diesem Werk ähnelt auch der „Volksroman“ von Seyyid Battal Ghazi aus dem 13. Jahrhundert, der neben türkischen auch arabische und persische Einflüsse enthält und in märchenhafter Weise Epen aus der Frühgeschichte des osmanischen Reiches wiedergibt.

Osmanische Zeit

Der Diwan-Dichter Fûzulî (um 1495–1556)

Die Literatur des osmanischen Reichs lässt sich in vier Abschnitte periodisieren. Die Altosmanische Literatur umfasst alle Werke bis ca. zur Eroberung Konstantinopels 1453. Darauf folgt die Zeit der Klassisch-osmanischen Literatur bis ca. 1600. Kennzeichnend ist, dass Istanbul das neue geistige Zentrum des Landes wird. Gleichzeitig steigt der arabisch-persische Einfluss. Mit dem Beginn des Niedergangs des Osmanischen Reiches beginnt die sogenannte "nachklassische Zeit". Mit dem Edikt von Gülhane ("Hatt-ı Şerif") beginnt die Zeit der Moderne und der Einfluss der europäischen Literatur.

Altosmanische Literatur

Einer der ersten bekannten Vertreter türkischer Literatur war der Mystiker Yunus Emre, der im 13. Jahrhundert die Derwisch-Dichtung begründete und sowohl die höfische als auch die Volkskultur inspirierte. Ihm werden eine Vielzahl von Volksliedern zugeschrieben.

Klassisch-osmanische Literatur

Die Literatur des Osmanischen Reiches war von islamischen Mystikern dominiert und orientierte sich besonders an der persischen Literatur, so zum Beispiel die Ghasel-Dichtung von Fuzūlī im 16. Jahrhundert. Die Inhalte sind vor allem Lobpreisungen weltlicher und geistlicher Autoritäten und Liebeslyrik. Dabei ist die Sprache vom Vokabular und dem Versmaß her ausgefeilt – und gleichermaßen festgefügt. Die höfische Literatursprache (siehe Osmanische Sprache) bestand bis zu ca. 80 % aus arabischen und persischen Wörtern. In dieser Form war sie nur den gebildeten Schichten des osmanischen Reiches zugänglich. Als Höhepunkt des persischen Einflusses gilt das Werk des Dichters Nergisi. Danach setzte langsam eine schrittweise Vereinfachung der Sprache ein.

Moderne

Mit der Tanzimat-Periode Mitte des 19. Jahrhunderts werden wie in der Politik auch in der Literatur westliche Einflüsse stärker. Nachdem westliche Literatur verstärkt ins Türkische übersetzt wurde, erscheinen in den 1870er Jahren die ersten türkischen Romane. Als erstes türkisches Werk dieser Literaturgattung gilt Sami Frashëris Buch Ta'aşşuk-ı Tal'at ve Fitnat („Die Liebe von Tal’at und Fitnat“) von 1872.[2] Eine besondere Rolle nimmt bei der Modernisierung die Zeitung Servet-i fünûn („Schatz des Wissens“) mit dem Dichter Tevfik Fikret und dem Romancier Halit Ziya Uşaklıgil ein. Zugleich kommt auch eine nationalistische und patriotistische Dichtung auf.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Übersetzungen moderner türkischer Literatur ins Deutsche vorgenommen. Pioniere dabei waren der Orientalist Georg Jacob, quasi der Begründer der modernen Turkologie in Deutschland, und der in Istanbul lebende Journalist und Philologe Friedrich Schrader, der auch zahlreiche Übersichtsartikel über moderne türkische Literatur in deutschen Zeitungen und Zeitschriften verfasste.


Mündliche Literatur

Daneben entwickelte sich eine Volksliteratur, die besonders aus Volksliedern und Geschichten von volkstümlichen Helden wie Keloğlan und Nasreddin Hoca besteht (entfernt vergleichbar mit Till Eulenspiegel). Eine besondere Bedeutung hatten auch die Reiseschilderungen Evliya Çelebis (1611–1682), die zu den großen Reiseberichten der Weltliteratur gehören.

Ein Großteil der Volksliteratur wurde in der Türkei mündlich überliefert. Necati Demir von der Cumhuriyet Universität in Sivas hat 20 Jahre lang Feldarbeiten durchgeführt und türkische Märchen, Sagen, Wiegenlieder, Volkslieder (Mani), Sprichwörter und Kinderspiele gesammelt. Die meisten Texte hat er primär gesammelt, d. h. sich von älteren Menschen, die diese Texte noch aus mündlicher Überlieferung kannten, erzählen lassen und dabei aufgeschrieben. Er hat eines der größten Archive der türkischen mündlichen Kultur gegründet. Die ersten Bände dieser Forschungen sind bereits veröffentlicht. Das Ziel ist es, alle diese Kulturgüter zu veröffentlichen, auch in verschiedenen Sprachen. Die Übertragungen primär gesammelter Sagen aus diesem Archiv in die deutsche Sprache werden seit Ende 2007 im Zwiebelzwerg Verlag veröffentlicht.

In Deutschland veröffentlichte Elsa Sophia von Kamphoevener türkische Volksmärchen, die sie seit 1951 in deutschen Rundfunkanstalten erzählt hatte.

Türkische Republik

Mit der Ausrufung der Republik und der atatürkschen Reformen, besonders der Einführung der lateinischen Schrift 1928 und der großen Sprachreform ab 1932 kam es zu revolutionären Veränderungen in der türkischen Literatur. Die neuen Schriftsteller wandten sich von der herkömmlichen festgefügten Stilistik und Sprache ab. Dieses wurde besonders von den Garip-Dichtern um Orhan Veli propagiert.

Mit der Form veränderten sich zunehmend auch die Inhalte der türkischen Literatur. Beispielsweise Fakir Baykurt, Sabahattin Ali und Yaşar Kemal stellten die Dorfbevölkerung in den Mittelpunkt, Sait Faik und Hasan Ali Toptaş die Stadtmenschen. Mit der Hinwendung zur Schilderung der Lebensumstände blieb soziale und politische Kritik am Staat nicht aus. Der Staat reagierte mit Zensur und politischer Gewalt. Autoren wie Nâzım Hikmet, Yaşar Kemal oder Aziz Nesin verbrachten wegen der Verfolgung ihrer Publikationen viele Jahre in türkischen Gefängnissen. Kemal bezeichnete das Gefängnis deshalb als „Schule der türkischen Literatur“.

In der türkischen Poesie der 1950er Jahre taten sich die Bewegungen Garip und Zweite Neue hervor. Einer der bedeutendsten türkischen Lyriker des 20. Jahrhunderts war Fazil Hüsnü Daglarca, von dem auch mehrere Gedichtbände in deutscher Übersetzung erschienen sind.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine sentimentalistische populär-kommerzielle Literatur. Güzide Sabri Aygün veröffentlichte als erste populäre Liebesromane (z.B. منوّر Münevver von 1901). Diese Tradition wurde in der Republikperiode der Türkei fortgesetzt von Kerime Nadir, Muazzez Tahsin Berkand, Mükerrem Kamil Su, Cahit Uçuk, Mebrure Sami Koray, Nezihe Muhittin, Peride Celal.[3][4]

Mit den Arbeitsmigranten kamen in den 1960er Jahren türkische Literatur und türkischstämmige Schriftsteller auch nach Westeuropa. Bücher wurden verstärkt übersetzt. Aras Ören, Yüksel Pazarkaya oder Emine Sevgi Özdamar befassten sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben in Deutschland. Teilweise wird dieses heute auch als deutsch-türkische Literatur bezeichnete Schrifttum auch wieder in die Türkei zurückgetragen.

Während die Zensur und die drei Militärputsche (1960, 1971 und 1980) die Entwicklung der türkischen Literatur hemmen, tragen Schriftsteller auf dem Umweg dieser migranten Literatur mit dazu bei, dass es heute eine sehr vielfältige und eigenständige türkische Literatur gibt. Ein bekannter Vertreter aktueller türkischer Literatur ist Orhan Pamuk (Das schwarze Buch 1991, Schnee 2005).

Der Schweizer Unionsverlag bringt die wichtigsten zeitgenössischen türkischen Schriftsteller mit je einem Werk in der Reihe Die türkische Bibliothek als literarische Übersetzungen ins Deutsche heraus.


Siehe auch

Literatur

  • Beatrix Caner: Türkische Literatur – Klassiker der Moderne. Olms, Hildesheim 1998, ISBN 3-487-10711-2.
  • Priska Furrer: Sehnsucht nach Sinn. Literarische Semantisierung von Geschichte im zeitgenössischen türkischen Roman. Reichert, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89500-370-0.
  • Wolfgang Günter Lerch: Zwischen Steppe und Garten. Türkische Literatur aus tausend Jahren. Allitera, München 2008, ISBN 978-3-86520-324-3.
  • Mark Kirchner (Hrsg.): Geschichte der türkischen Literatur in Dokumenten. Hintergründe und Materialien zur türkischen Bibliothek. Harrassowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05790-5.
  • Wolfgang Scharlipp: Origin and Development of Turkish Crime Fiction. Readings in Eastern Mediterranean Literatures. Ergon Verlag, Würzburg 2006, S. 189–220. ISBN 3899135075.
  • Brigitte Moser, Michael Weithmann: Landeskunde Türkei. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. Hamburg 2008. ISBN 978-3-87548-491-5, Kapitel 6: Literaturgeschichte, S. 206-268.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Franz Taeschner: Die osmanische Literatur. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung. Fünfter Band. Erster Abschnitt. Turkologie. Brill, Leiden 1982, S. 271f
  2. Allerdings wurden auch andere Werke mit diesem Titel bedacht. Vgl. hierzu z.B. Wolfgang Scharlipp: “The Problem of who wrote the first Turkish Novel”, in: Materialia Turcica, Bd. 25 (2005).
  3. Mediha Göbenli Zeitgenössische türkische Frauenliteratur - S. 48
  4. Oğuz Cebeci in Journal of Modern Turkish Studies - the literature of the sentimentalist women writers of the early to mid-Republican period, such as Muazzez Tahsin Berkand and Kerime Nadir

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