Sprichwort


Sprichwort

„[Ein Sprichwort ist ein] allgemein bekannter, fest geprägter Satz, der eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter, kurzer Form ausdrückt“

Wolfgang Mieder, Sprach- und Literaturwissenschaftler

Übung macht den Meister. an der Friedrich-List-Schule in Mannheim

Inhaltsverzeichnis

Definition

In der Sprachwissenschaft wird die Kunde von den Sprichwörtern, nach dem griechischen Wort paroimia (daher Parömie), als wissenschaftliche Disziplin Parömiologie genannt.

„Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet.“

Miguel de Cervantes

„Im Unterschied zum direkten Imperativ — »Du sollst nicht töten« oder »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut« — kleiden sich hier die Normen in die Gewänder von Erfahrungssätzen: »Ehrlich währt am längsten«. Einem Großversuch würde diese Aussage vermutlich nicht standhalten; schon gar nicht die tollkühne Behauptung »Jung gefreit hat niemand gereut« […] Hätte die Gemeinschaft ihren Bedarf an ehrlichen Bürgern, hätten Kaiser und Papst ihren Wunsch nach reichem Nachwuchs an Soldaten und Katholiken in durchschaubare Aufforderungen gepackt — »Sei ehrlich« oder »Heirate früh, damit du viele Kinder kriegst«: Die Wirkung wäre nach aller Wahrscheinlichkeit geringer gewesen als bei jener Verquickung mit vermeintlicher Lebenserfahrung, der der Einzelne nie entgegentreten konnte, weil es ihm an Weltkenntnis gebrach.“

Wolf Schneider

Die Abgrenzung vom Sprichwort zum Zitat und zum geflügelten Wort ist nicht immer eindeutig. In der Linguistik wird der Wiederholungs- und Unveränderlichkeitsaspekt manchmal, mit einem Terminus von Eugenio Coseriu, als „wiederholte Rede“ (discurso repetido) gefasst. Zitate sind zunächst einmal individuelle Erfindungen, die aber sprichwörtlich werden können. Bei immer mehr geflügelten Worten geht das Zitatbewusstsein verloren. Das gilt besonders für viele aus der Bibel stammende Wendungen. Auffällig ist, dass in protestantischen Gesellschaften mehr auf die Bibel angespielt wird als in katholischen.

Manche Buch- und Filmtitel haben mittlerweile schon sprichwörtlichen Charakter angenommen. Sogar abgekürzte Refrains aus Volksliedern oder Schlagern werden zu Sprichwörtern.

Formen

Ein Sprichwort in Form eines Zitates wird als geflügeltes Wort bezeichnet. Nach André Jolles gehört das Sprichwort zu den sogenannten einfachen Formen.

Das Sprichwort im Mittelalter

In der Kultur des Mittelalters wird das Sprichwort in allen Lebensbereichen als Ausdrucksmittel geschätzt. Seit dem 12. Jahrhundert empfehlen zahlreiche Lehrwerke der Rhetorik das Sprichwort als Stilmittel zur Unterstützung der Beweiskraft didaktischer Schriften. Mittelalterliche Predigten setzen häufig Sprichwörter neben Schriftwörter. Erkenntnistheoretisch entspricht das Sprichwort den Tendenzen des scholastischen Realismus und dessen architektonischem Idealismus. Da es das Allgemeine, Universelle als das einzig Wirkliche und Beweiskräftige ansieht (universale ante rem), erlaubte es dem mittelalterlichen Menschen, im Alltag gleich wie in seiner Theologie zu denken. Aus diesem Grund bezeichnet Johan Huizinga das Sprichwort sogar als das der mittelalterlichen Geisteskultur wesensgemäßeste sprachliche Ausdrucksmittel.[1] Nur im Spätmittelalter, etwa in den Werken Geoffrey Chaucers, wird Skepsis gegenüber abstrakten sprachlichen Formen wie dem Sprichwort deutlich.[2]

Unveränderliche Formulierung

Ein Sprichwort hat die Form einer festen und unveränderlichen Formulierung. Darin unterscheidet es sich von der Redewendung.

  • Hunger ist der beste Koch.
  • Wer lang hustet, lebt lang.
  • Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Reimform

Oft wird die Form des Sprichworts durch Stabreim, End- oder Binnenreim noch besonders gefestigt.

  • Glück und Glas – wie leicht bricht das.
  • Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
  • Trocken Brot macht Wangen rot.
  • Je oller, desto doller!
  • Geteiltes Leid ist halbes Leid.
  • Geteilte Freude ist doppelte Freude.
  • Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
  • Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.

Generalisierende Form

Mit dem imperativischen Anspruch „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür!“, „Man soll …“, „Man muss …“ oder „Man darf …“ hat das Sprichwort eine generalisierende Form angenommen. Es drückt in der Regel einen allgemein gültigen Satz aus, der entweder eine

  • Erfahrung des täglichen Lebens („Neue Besen kehren gut.“; „Undank ist der Welten Lohn.“; „Morgen, morgen, nur nicht heute sagen alle faulen Leute.“);
  • ein Urteil oder eine Meinung („Gute Ware lobt sich selbst.“; „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“);
  • eine Warnung („Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie!“; „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“; „Wer nicht hören will, muss fühlen.“);
  • eine Vorschrift oder Klugheitsregel enthält („Vorgetan und nachbedacht hat manchem schon groß Leid gebracht.“) Hier ist die Alliteration der Substantive besonders ausschlaggebend.

Inhalt

Viele Sprichwörter sprechen

  • eine Sozialkritik („Als Adam grub, und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“),
  • eine Religionskritik („Der beste Patron ist der Tierarzt.“) oder
  • einfache Haushaltsregeln („Ein gebranntes Kind scheut das Feuer“)
  • Vorurteile („Was der Mann mit dem Wagen einfährt, trägt die Frau mit der Schürze hinaus.“)

aus.

Oft widersprechen verschiedene Sprichwörter einander.

„Der gängigste Trost liegt darin, dass die Wörter es uns gestatten, den Lauf der Welt schwatzend zu begleiten, und auch dazu trägt die sogenannte Spruchweisheit vorzüglich bei: Kann ich heute plappern »Gleich und gleich gesellt sich gern«, so lässt mich doch morgen, in der umgekehrten Situation, die Sprache nicht im Stich: »Gegensätze ziehen sich an«“

Wolf Schneider

Herkunft

Der Ursprung vieler Sprichwörter ist in der Bibel sowie bei lateinischen Autoren zu finden, die oft durch Martin Luthers Übersetzung Eingang in die deutsche Sprache fanden.

Viele kernige Sätze aus der Literatur wurden zu Sprichwörtern, ohne dass man ihre Herkunft noch kennt:

Abwandlungen und Weiterentwicklungen

Viele Sprichwörter sind im Laufe der Zeit verändert, vermischt und oft auch inhaltlich weiterentwickelt worden. Diese Sprichwort-Fortentwicklungen sind in der Forschung noch nicht hinlänglich aufgearbeitet worden. Viele Abwandlungen sind spöttisch gemeint und wollen dadurch auch die Trivialität der Aussage des Originals hervorheben oder karikieren.

Beispiele
  • Das schlägt dem Fass den Boden aus. → Das setzt der Sache ja die Krone auf! → Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.
  • Morgenstund hat Gold im Mund. → Müßiggang ist aller Laster Anfang. → Morgenstund ist aller Laster Anfang.
  • Der Klügere gibt nach.
  • „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“, sagt das Sprichwort und meint offenbar den Typ des begriffsstutzigen Idioten, der einen Witz erst zehn Minuten später versteht. [3]
  • Weitere bildhafte Beispiele finden sich im Artikel über Katachrese (Bildbruch).

Anhang

Einzelnachweise

  1. Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters. Stuttgart, 1975. S. 300-328.
  2. Richard J. Utz, „Sic et non: Beobachtungen zu Funktion und Epistemologie des Sprichworts bei Geoffrey Chaucer.“ Das Mittelalter 2 (1997), 31-43.
  3. Ephraim Kishon, Schriftsteller, Ungarn/ Israel, 1924-2005

Literatur

Primärliteratur

Der Reformator Johannes Agricola fertigte eine illustrierte Sammlung deutscher Sprichwörter an, von der 1582 eine Ausgabe mit 750 Sprüchen bei Hans Kraffts Erben in Wittenberg erschien. Originaltitel: „Sibenhundert und funfftzig Deutscher Sprüchwörter“.

Die umfangreichste deutsche Sprichwortsammlung des 16. und 17. Jahrhunderts von Friedrich Peters vereint alphabetisch 20.000 Einträge aus mündlich überliefertem Material, älteren Sammlungen und Dichtungen.

Sekundärliteratur
  • Friedemann Spicker (Hrsg.):Aphorismen der Weltliteratur. Reclam, Stuttgart 2009. ISBN 978-3-15-010685-3
  • Donalies, Elke: Basiswissen Deutsche Phraseologie. Francke (= UTB 3193), Tübingen/ Basel 2009.
  • Peter Ďurčo: Sprichwörter in der Gegenwartssprache. Trnava: Univerzita sv. Cyrila a Metoda v Trnave, 2005. – 174 s. [ISBN 80-89220-13-4] – [1]
  • Ida von Düringsfeld: Das Sprichwort als Kosmopolit. 1866, Hrsgg. v. Wolfgang Mieder, Olms, Hildesheim 2007. [ISBN 978-3-487-12862-7]
  • Csaba Földes (Hrsg.): Res humanae proverbiorum et sententiarum. Ad honorem Wolfgangi Mieder. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2004. 405 S. (Enthält viele deutsch- und englischsprachige Beiträge zur Untersuchung von Sprichwörtern.)
  • Karl-Heinz Göttert: Eile mit Weile. Herkunft und Bedeutung der Sprichwörter. Reclam, 2005. ISBN 978-3-15-010579-5
  • Lutz Röhrich: „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten.“ Band 1-3. Herder, Freiburg im Breisgau 2003. ISBN 978-3-451-05400-6. Standardwerk
  • Karl Simrock (Hrsg.): Die deutschen Sprichwörter. Reclam, Stuttgart 2011. 630 S. Vollständige Ausgabe der bekannten Sprichwortsammlung deutscher Sprache.
  • Archer Taylor: The Proverb. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1931.
  • Yao-Weyrauch: „Frauen zählen nicht als Menschen“. Chinesische Sprichwörter über das weibliche Geschlecht. Heuchelheim 2006
Sammlungen

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Sprichwort – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Sammlungen und Trivia

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