Wolfgang Hardtwig


Wolfgang Hardtwig

Wolfgang Martin Hardtwig (* 10. November 1944 in Reit im Winkl) ist ein deutscher Historiker.

Hardtwig studierte von 1964 bis 1969 Geschichte, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an den Universitäten in Basel und München. 1971 wurde er wissenschaftlicher Assistent an der Universität München, wo er 1972 mit einer Dissertation über den Historiker Jacob Burckhardt promovierte. 1982 habilitierte er sich mit Studien zur Begriffsgeschichte von Verein, Genossenschaft, Gesellschaft und Gewerkschaft. Seit 1982 war er Privatdozent in München, bis er 1985 auf eine Professur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg berufen wurde. 1987 war er Gastprofessor an der Emory University Atlanta. Seit 1991 war er Professor für Neuere Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Schwerpunkt 19. Jahrhundert. 1993/94 war er Fellow am Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey; 2000/01 Stipendiat am Historischen Kolleg in München. 2009 wurde er emeritiert.

Hardtwigs Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts. In diesem Bereich ist er sowohl als Autor zahlreicher Monographien und Aufsätze als auch als Herausgeber verschiedener Sammelbände hervorgetreten. In sein weites Tätigkeitsfeld fallen wichtige geschichtliche Zeiträume und Ereignisse wie der Vormärz, die Revolution von 1848/49 oder die Zwischenkriegszeit in Europa 1918–1939. Sein Interesse gilt dabei aber weniger der Ereignisgeschichte als struktur-, sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten. Seit 1993 ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft, dem wissenschaftlichen Sprachrohr der Bielefelder Schule, für das er zahlreiche Hefte zusammengestellt hat.[1] Des Weiteren beschäftigt sich Hardtwig mit der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, vor allem mit Jacob Burckhardt. In der neuesten Zeit hat er sich außerdem gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Erhard Schütz mit der populären und literarischen Rezeption der Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert befasst.

Hardtwig ist einer der Hauptvertreter der sogenannten Politischen Kulturgeschichte. Dieser recht neue Ansatz ist ein Versuch, die seit den 1980er Jahren aufgekommene Neue Kulturgeschichte konzeptionell zu erweitern. So werden etwa Anregungen aus der Alltagsgeschichte und Historischen Anthropologie aufgenommen, indem nicht mehr nur – wie in der Neuen Kulturgeschichte verbreitet – die Hochkultur, sondern auch – im Anschluss etwa an die Überlegungen von Peter L. Berger und Thomas Luckmann (siehe Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit) – der Wandel des Blicks auf „symbolische Sinnwelten“ (Berger/Luckmann) wie Raum, Zeit, Körper oder Wissen im Verlaufe historischer Zeit betrachtet wird. Dabei wird das Augenmerk auch auf den Einfluss des Politischen auf das Verständnis dieser „Fundamentalien“ gelegt.[2]

Werke

Monographien und Aufsatzsammlungen
  • Geschichtsschreibung zwischen Alteuropa und moderner Welt. Jakob Burckhardt in seiner Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1974, ISBN 3-525-35905-5 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11).
  • Geschichtskultur und Wissenschaft. dtv, München 1990, ISBN 3-423-04539-6.
  • Nationalismus und Bürgerkultur in Deutschland 1500–1914. Ausgewählte Aufsätze. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, ISBN 3-525-01355-8.
  • Vormärz: Der monarchische Staat und das Bürgertum. dtv, München 1985, 4. Auflage 1997, ISBN 3-423-04502-7 (Deutsche Geschichte der neuesten Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Band 2).
  • Genossenschaft, Sekte, Verein in Deutschland. Band 1: Vom Spätmittelalter bis zur Französischen Revolution. C. H. Beck, München 1997, ISBN 3-406-41974-7.
  • Hochkultur des bürgerlichen Zeitalters. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-35146-1 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 169).
Herausgeberschaften
  • Über das Studium der Geschichte. dtv, München 1990, ISBN 3-423-04546-9.
  • mit Klaus Tenfelde: Soziale Räume in der Urbanisierung. Studien zur Geschichte Münchens im Vergleich 1850–1933. Oldenbourg, München 1990, ISBN 3-486-55091-8.
  • mit Harm-Hinrich Brandt: Deutschlands Weg in die Moderne. Politik, Gesellschaft und Kultur im 19. Jahrhundert. Gedächtnisschrift für Thomas Nipperdey. C. H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-37132-9.
  • mit Heinrich August Winkler: Deutsche Entfremdung. Zum Befinden in Ost und West. C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-406-37422-0.
  • mit Hans-Ulrich Wehler: Kulturgeschichte Heute. Zwölf Beiträge. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, ISBN 3-525-36416-4 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 16; vgl. dazu Rezension bei H-Soz-u-Kult).
  • mit Helmut Hinze: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung. Band 7: Vom Deutschen Bund zum Kaiserreich: 1815–1871. Reclam, Stuttgart 1997, ISBN 3-150-17007-9.
  • Revolution in Deutschland und Europa 1848/49. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-01368-X.
  • Utopie und politische Herrschaft im Europa der Zwischenkriegszeit. Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56642-3 (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 56).
  • mit Erhard Schütz: Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08755-9 (Rezension bei H-Soz-u-Kult).
  • Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-36421-0 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 21).[3]
  • Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900–1933. Oldenbourg, München 2007, ISBN 3-486-58177-5 (Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Band 22; Rezension bei H-Soz-u-Kult).
  • mit Erhard Schütz: Keiner kommt davon. Zeitgeschichte in der Literatur nach 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-20861-8.
  • Die Aufklärung und ihre Weltwirkung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36423-9.
  • mit Philipp Müller: Die Vergangenheit der Weltgeschichte. Universalhistorisches Denken in Berlin 1800–1933. Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2010.

Literatur

  • Martin Baumeister, Moritz Föllmer, Philipp Müller (Hrsg.): Die Kunst der Geschichte. Historiographie, Ästhetik, Erzählung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36384-3 (Festschrift; vgl. Rezension bei H-Soz-u-Kult).

Weblinks

Anmerkungen

  1. Wege zur Kulturgeschichte, Göttingen 1997 (Geschichte und Gesellschaft 23, Heft 1); Geschichtsbilder und Geschichtspolitik, Göttingen 1998 (Geschichte und Gesellschaft 24, Heft 3); Neue Ideengeschichte, Göttingen 2001 (Geschichte und Gesellschaft 27, Heft 1); Neue Wege der Wissenschaftsgeschichte, Göttingen 2004 (Geschichte und Gesellschaft 30, Heft 2); zwei Sonderhefte (siehe Literaturliste).
  2. Vgl. etwa Wolfgang Hardtwig, Einleitung: Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939, Göttingen 2005, S. 7–22, insbesondere S. 9–19, Zitat S. 18.
  3. Vgl. dazu die kritische Rezension von Manfred Kittel (Rezension von: Wolfgang Hardtwig (Hg.): Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, in: sehepunkte 6, 2006, Nr. 12 [15. Dezember 2006]) und die eher positive von Kathrin Groh: Rezension zu: Hardtwig, Wolfgang (Hrsg.): Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918–1939. Göttingen 2005, in: H-Soz-u-Kult, 29. März 2006.

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