Buffonistenstreit


Buffonistenstreit

Der zwischen 1752 und 1754 in Paris geführte Buffonistenstreit (frz. Querelle des Bouffons) drehte sich um Priorität der französischen oder der italienischen Oper. Als Auslöser gilt die Aufführung von Pergolesis Intermezzo La serva padrona (1733) am 1. August 1752 durch die italienische Operntruppe unter Eustachio Bambini. Der Streit bahnte sich jedoch schon einige Zeit vorher an, die Konkurrenz zwischen französischen und italienischen Truppen hatte jahrzehntelange Tradition. Im Laufe der Auseinandersetzungen wurden mehr als 60 Schriften meist führender Philosophen publiziert.

Die Hauptakteure der Kontroversen waren einerseits der konservative, die französische Oper bevorzugende Coin du Roi (Loge des Königs), und andererseits der progressive, die italienische Oper verfechtende Coin de la Reine (Loge der Königin). Zu Letzteren gehörten u. a. die Enzyklopädisten um Denis Diderot, Jean Baptiste le Rond d’Alembert, Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Melchior Grimm.

Ausschlaggebend für die Spaltung der Gemüter war Rousseaus berühmte Abhandlung Lettre sur la musique françoise (November 1753). Seitdem bezog der „Coin de la Reine“ klare Position für die italienische Musik. Rousseau spricht der französischen Musik schlicht ab, Qualität entwickeln zu können; nur die italienische Sprache sei der Musik adäquat, da sie „sanft, klangvoll, harmonisch und wohlakzentuiert“ klinge.

Im Gegensatz zur Diskussion um die Priorität der französischen und italienischen Musik zu Jahrhundertbeginn (die italienische Musik galt als gelehrt, die französische als einfach und natürlich), betont Rousseau gerade die Einfachheit der italienischen Musik gegenüber der Komplexität des durch üppige Orchestrierung, komplizierte Polyphonie und Harmonik geprägten Satzes. Für die Verkehrung der Kriterien war ausschlaggebend, dass sich nun die Rezeption der italienischen Musik weniger auf die ernste italienische Oper als auf die „natürlichere“ und „einfachere“ buffoneske Gestaltung bezog.

Der Buffonistenstreit hatte tiefgreifende Konsequenzen für die Entwicklung der französischen Oper. Erstens erfolgte ein Wandel in der kompositorischen Idiomatik, indem die französische Schreibart immer mehr verschwand und die musikalische Faktur zunehmend dem italienischen Idiom verpflichtet war, zunächst in der Opéra comique, die nach dem Buffonistenstreit von dem Italiener Egidio Duni geprägt wurde; und dann auch in der Tragédie lyrique, ohne dass sich der Aufbau der französischen Gattungen änderte. Zweitens aber führte der Streit zu tiefgreifenden Änderungen in der Opernästhetik, die später vor allem im Piccinnistenstreit zum Ausdruck kamen.

Literatur

  • Andrea Fabiano: La „querelles des buffons“ dans la vie culturelle française du XVIIIe siècle. CNRS, Paris 2005, ISBN 2-271-06328-0.
  • Eeva-Taina Forsius: Der „goût français“ in den Darstellungen des Coin du Roi. Versuch zur Rekonstruktion einer „Laienästhetik“ während des Pariser Buffonistenstreites 1752-1754; Haltungen, Widersprüche, Bezüge zur Vorgeschichte und zur ästhetischen Tradition. Verlag Schneider, Tutzing 1985, ISBN 3-7952-0453-4 (Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft; 18).

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