Canon episcopi


Canon episcopi

Der Canon episcopi war eine kirchenrechtliche Vorschrift im Frühmittelalter, die sich gegen Zauberei und Aberglaube wandte und in der die nächtlichen ekstatischen Flüge von Frauen im Gefolge der heidnischen Göttin Diana ausdrücklich als Einbildung und Wahnvorstellung verurteilt wurden. Einerseits sollten die Kleriker alle Zauberei in ihren Gemeinden bekämpfen und die überführten Frauen und Männer verstoßen. Andererseits wandte sich die Kirche gegen den offenbar weit verbreiteten Glauben an nachtfahrende Frauen.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Wegen ihrer Abweichung vom christlichen Glauben der Kirche bezeichnet der Kanon Wahrsager und Zauberer, seien es Männer oder Frauen, als Häretiker (Ketzer). Die Bischöfe und ihre Helfer, d. h. der Pfarrklerus, sollen die bekämpfen, welche den Glauben an Hexen verbreiteten und die überführten Personen verstoßen. Die vom Kanon geforderte Ausweisung der Ketzer aus dem Pfarrbezirk hat als ausgesprochen schwere Kirchenstrafe zu gelten.

Als offensichtlich besonders schwere Fälle werden in diesem Rechtstext jene "frevelhaften Frauen" bezeichnet, die sich von Gott wieder Satan zugewandt hätten und die von sich behaupten oder daran glauben würden, zusammen mit einer großen Anzahl anderer Frauen im Gefolge der heidnischen Göttin Diana auf Tieren nächtliche Flüge über große Strecken hinweg unternommen zu haben. Diese Frauen, so der Kanon, würden der Göttin Diana wie einer Herrin gehorchen und in bestimmten Nächten von ihr herbeigerufen werden. Diese Gefolgschaft der besagten Frauen gegenüber ihrer Herrin Diana und deren Verehrung als göttliches Wesen wird vom Kanon als Treulosigkeit bzw. Frevel gegen Gott, Abfall vom rechten Glauben und Rückfall ins Heidentum gedeutet.

Der Fehler dieser Frauen bestand also nicht darin, dass sie Hexen waren, sondern, dass sie behaupteten es zu sein, obwohl sie es nicht waren. Der Canon Episcopi ist eine Verurteilung des Hexenglaubens. Der Canon Episcopi legt fest, dass der Hexenwahn teuflisch sei.

Der zentrale Satz lautet in deutscher Übersetzung: Auch dies darf nicht übergangen werden, dass einige verruchte, wieder zum Satan bekehrte Frauen von den Vorspiegelungen und Hirngespinsten böser Geister verführt sind und glauben und behaupten, sie ritten zu nächtlicher Stunde mit Diana, der Göttin der Heiden, und einer unzähligen Menge von Frauen auf gewissen Tieren und legten in der Stille der tiefen Nacht weite Landstrecken zurück und gehorchten ihren (Dianas) Befehlen wie denen einer Herrin und würden in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst herbeigerufen (Hartmann 2004, S. 421)

Die Glaubensvorstellung der Frauen, gegen die auch die Priester mit allem Nachdruck predigen sollen, wird im weiteren Text als Einbildung und Wahnvorstellung bezeichnet. Satan, der sich in einen Engel des Lichts verwandelt habe, würde den Frauen solche Wahngebilde vorspiegeln, um auf diese Weise bei den Menschen den Unglauben zu verbreiten. Er könne sich in die Gestalten wie auch in die Abbilder beliebiger Personen verwandeln und die Frauen auf diese Weise in ihren Träumen täuschen. Diese Frauen würden nun glauben, diese Einbildung der Luftfahrt auch körperlich erfahren zu haben. So die Deutung der Vorstellung der Frauen aus der Perspektive des frühmittelalterlichen Kirchenrecht. Ob sich hinter den bekämpften Vorstellungen ein in verschiedensten Formen in Europa verbreiteter heidnisch-christlicher Feenglauben verbirgt, ist umstritten.

Entstehung und Rezeption

Der nach dem Textbeginn "Episcopi" (die Bischöfe) benannte Canon erschien erstmals um 906 in den in Trier verfassten "Libri duo de synodalibus causis et ecclesiasticis disciplinis", dem Sendhandbuch des Abts Regino von Prüm. Dort wurde der Text fälschlich einem Konzil von Ancyra im 4. Jahrhundert zugeschrieben. Über mögliche Vorlagen Reginos lässt sich nur spekulieren.

Entscheidend war die breite Rezeption des Textes: Über Burchard von Worms (gestorben 1025) und Ivo von Chartres (gestorben 1115/1116) fand der Canon Episcopi Aufnahme in die große Kirchenrechtssammlung des Gracian und damit in das Corpus Iuris Canonici, das bis 1918 gültig blieb.

Der Canon Episcopi konnte in sehr unterschiedlicher Weise bei der kirchlichen Bekämpfung von Zauberei und Hexerei ausgelegt werden. Ketzerverfolger machten aus dem Abfall von Gott im Traum einen ausdrücklichen Teufelspakt, Hexenverfolger weigerten sich, den von ihnen als real betrachteten Hexenflug mit dem im Canon Episcopi als teuflische Verblendung angesehenen Flug gleichzusetzen. Gegner der Hexenprozesse wie Johann Weyer und gemäßigte Theologen (etwa in Württemberg im 16. Jahrhundert) konnten sich dagegen auf den Canon Episcopi als zentrales Argument gegen den Hexenflug als wichtiges Element der frühneuzeitlichen Hexenlehre berufen.

Literatur

  • Das Sendhandbuch des Regino von Prüm. Unter Benutzung der Edition von F.W.H. Wasserschleben hrsgg. und übersetzt von Wilfried Hartmann, Darmstadt 2004 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 42) ISBN 3-534-14341-8 Text S. 420-423
  • Werner Tschacher: Der Flug durch die Luft zwischen Illusionstheorie und Realitätsbeweis. Studien zum sog. Kanon Episcopi und zum Hexenflug, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 116, Kan. Abt. 85 (1999), S. 225-276
  • Josef Steinruck: Zauberei, Hexen- und Dämonenglaube im Sendhandbuch des Regino von Prüm, in: Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, hrsg. von Gunther Franz und Franz Irsigler, Trier 1995, S. 3-18
  • Carlo Ginzburg: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte, Berlin 1993

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Canon - получить на Академике активный купон Юлмарт или выгодно canon купить по низкой цене на распродаже в Юлмарт

  • Canon Episcopi — Saltar a navegación, búsqueda Página del Decretum de Burcardo de Worms, que recoge gran parte del texto del Canon episcopi. El Canon episcopi es un documento eclesiástico medieval que contiene abundantes referencias sobre la bru …   Wikipedia Español

  • Canon Episcopi — The Canon Episcopi is an important document in the history of witchcraft.ref|Stephens It is first attested in the Libri de synodalibus cuasis et disciplinas ecclesiasticis composed by Regino of Prüm around 906, but Regino considered it an older… …   Wikipedia

  • Canon — Saltar a navegación, búsqueda Contenido 1 Arte 2 Música 3 Literatura 4 Historia …   Wikipedia Español

  • Canon law (Catholic Church) — This article is part of a series on the Law of the Catholic Church Codes of Canon Law 1983 Code of Canon Law Code of Canons of the Eastern Churches 1917 Code of Canon Law …   Wikipedia

  • Episcopi vagantes — (singular: episcopus vagans ) are persons who have been consecrated as Christian bishops outside the structures and canon law of the established churches and are in communion with no generally recognized diocese. Also included are those who have… …   Wikipedia

  • CANON — I. CANON Graece Κανὼν, regula, ad quam praeducebantur lineae. Epigrammata dedicatoria, ἀπὸ ταχυγράφων: Καὶ κανόνα γραμμῆς ἰθυπόρου ταμίην: dirigentem videl. stilum ferreum vel plumbum, ut lineae, quibus scriptura instaret, rectitudinem haberent… …   Hofmann J. Lexicon universale

  • De Iniusta Vexacione Willelmi Episcopi Primi — Of the Unjust Persecution of the Bishop William I Language …   Wikipedia

  • European witchcraft — For other uses, see Witchcraft (disambiguation). Hans Baldung Grien s Three Witches, c. 1514 European Witchcraft is witchcraft and magic that is practised primarily in the locality of Europe. Contents …   Wikipedia

  • Holda — In Germanic folklore as established by Jacob Grimm, [Grimm, Deutsche Mythologie 4th ed., Elard H. Meyer, ed. (Gütersloh) 1876 77, I:220ff.] Frau Holda or Holle is the supernatural matron of spinning, childbirth and domestic animals, and is also… …   Wikipedia

  • Malleus Maleficarum — Titelseite des „Malleus maleficarum”, Lyon 1669 Der Hexenhammer (lat. Malleus Maleficarum) ist ein Buch, das der Dominikaner Heinrich Kramer (lat. Henricus Institoris) nach heutigem Forschungsstand im Jahre 1486 in Speyer veröffentlichte und das… …   Deutsch Wikipedia